Editorial #19

lailakettenWir schreiben das Jahr 2016. Die ganze Welt ist via Internet vernetzt und nutzt dieses zu ihrem Vorteil für Bildungszwecke. Die ganze Welt? Nein. Ein Land widersteht der Moderne mit einem Gesetz, das älter scheint als die Bibel und weniger praktisch umsetzbar als Teleportation.
Jahrelang versuchte man auf allen Ebenen, das Urheberrecht geschickt zu umschiffen. Doch mit der Einigung zwischen der Kultusministerkonferenz und der VG Wort im Oktober diesen Jahres wird das Studieren wieder in die 1970er befördert. Überfüllte Bibliotheken, zerfledderte Hefter, kaputte Kopierer und nervlich sowie finanziell stark angeschlagene Studierende –  das könnte 2017 zur Selbstverständlichkeit werden. Die Länder lassen die Universitäten alleine und zeigen damit, wie wichtig ihnen Bildung ist: kaum.
Da der Rahmenvertrag verständlicherweise für die meisten Universitäten inakzeptabel geworden ist, besteht die Alternative darin, ab dem kommenden Jahr urheberrechtlich geschützte Werke nur noch analog weiterzugeben – wenn sie denn überhaupt weitergegeben werden und die Verantwortung für die gesamte Literaturbeschaffung nicht komplett auf die Studierenden verlagert wird.
So oder so, es ist mit einer finanziellen Mehrbelastung der finanziell ohnehin schon sehr gebeutelten Universitäten zu rechnen. Erfahrungsgemäß wird diese Mehrbelastung mindestens in Teilen auf die Studierenden umgelegt.
Erneut wird erkennbar, dass Deutschland Nachholbedarf beim Umgang mit digitalen Medien hat.
Doch was genau ist eigentlich passiert, was ist die VG Wort, was sind die relevanten Gesetze und was folgt daraus für Studierende und Lehrende? Wir hoffen, euch in dieser Ausgabe einige dieser Fragen beantworten zu können.
Etwas leichtere Kost hat der Essay, der sich mit der auch in Bonn beliebten Studi-App „Jodel“ befasst. Immer wieder führt die dortige Anonymität zu Ausgrenzung und Diskriminierung, teilweise sogar mit Namensnennungen.
Wer etwas besinnlicher in die Weihnachtsferien starten möchte, kann mit der Kolumne über den Alptraum von Familienweihnachtsfeiern beginnen, zudem haben wir für euch mit den Jungen Europäischen Föderalisten Bonn gesprochen.
Bonnboard findet ihr ausnahmsweise auf der vorletzten Seite, da die letzte Seite eine wichtige Ankündigung enthält. Also schnell durchblättern und lesen!

Wir wünschen euch viel Spaß mit der neuen Ausgabe, nicht allzu viel Unistress über die Festtage und hoffen, dass ihr auch im kommenden Jahr wieder bei uns lest, was Stadt und Uni bewegt.

Was ist die VG Wort?

… und warum das relevant ist

 von Jana Klein

Quelle: Pixabay
Quelle: Pixabay

Die VG Wort (sprich: Verwertungsgesellschaft Wort) ist eine Wirtschaftsvereinigung, die bestimmte finanzielle Interessen vieler Medienschaffender für diese verfolgt. Dabei handelt es sich insbesondere um Zweitverwertungsrechte von Medien, die im weitesten Sinne mit Sprache zu tun haben. Während die Anteile, die ein_e Autor_in etwa durch ein direkt verkauftes Buch erhält, vertraglich mit dem Verlag geregelt sind, entstehen viele weitere sehr unübersichtliche Nutzungskosten, zum Beispiel durch das Kopieren eines wissenschaftlichen Aufsatzes in einer Universitätsbibliothek. Weil es viel zu unübersichtlich wäre, hier jeweils im Einzelnen zu registrieren, welche Werke in welchem Umfang kopiert und genutzt werden, übernimmt die VG Wort für ihre Mitglieder diese Aufgabe Was ist die VG Wort? weiterlesen

Zwei Urteile, ein Gesamtvertrag

Gastbeitrag von Clemens Uhing

book-1293414Wir alle wissen: Es kommt eine harte Zeit auf die Studierenden und die Angestellten der Universitäten zu. Dem neuen Rahmenvertrag zwischen der Kultusministerkonferenz und der Verwertungsgesellschaft Wort ist die Universität Bonn nicht beigetreten, was bedeutet, dass bald wieder „wie im Mittelalter“ studiert werden muss. Was genau das für uns bedeutet, ist ebenfalls in dieser Ausgabe zu lesen.
Einige Verwirrung gibt es jedoch offenkundig über die Zusammenhänge, die diese vertrackte Situation erst bedingt haben. Wie ist die Vorgeschichte und was sind Fehler, die während dieser passiert sind? Zwei Urteile, ein Gesamtvertrag weiterlesen

Copy & Waste

Warum der Beschluss der Kultusministerkonferenz mit der VG Wort das Ende des digitalen Lernens bedeuten könnte

 von Laila N. Riedmiller

Ökologische Gründe sind ein weiteres Thema im Streit um das e-Learning
Ökologische Gründe sind ein weiteres Thema im Streit um das e-Learning

Paragraph 52a des Urheberrechtsgesetzes regelt den Einsatz  urheberrechtlich geschützter Werke in Unterricht und Lehre.
Im Oktober diesen Jahres entschied die VG Wort gemeinsam mit der Kultusministerkonferenz, die Bestimmungen zum Umgang mit digitalisierten Medien zu verschärfen.
Bisher zahlten die Universitäten für den Upload von geschützten Dateien einen Pauschalbetrag an die VG Wort, der dann aufgeschlüsselt und an die Autor_innen durch die VG Wort weitergegeben wurde. Copy & Waste weiterlesen

Die Folgen für die Lehrkräfte

Das Urheberrecht in Zeiten der digitalen Reproduzierbarkeit

 von Laila N. Riedmiller

Karikatur: Jan Bachmann
Karikatur: Jan Bachmann

Nicht nur die Studierenden haben unter der neuen Regelung und den Folgen eines Nichtbeitritts zum Rahmenvertrag zu leiden. Auch die Lehrpersonen sind ab dem 1.1.2017 mit Veränderungen konfrontiert, deren Auswirkungen noch nicht absehbar sind.
Insbesondere die Geisteswissenschaften sind von der Änderung betroffen, nicht zuletzt leiden auch die Sprachkurse sehr unter den Änderungen. Im Gespräch mit einigen Lehrpersonen der Universität werden immer wieder die gleichen Aspekte genannt. Die Folgen für die Lehrkräfte weiterlesen

Jodelaaaaahuiii!

Unser Redakteur hat die Campus-App Jodel getestet. Mit gemischten Gefühlen

 von Samuel F. Johanns

Jodel heißt das relativ neue Campus-App-Phänomen, welches sich auch in Bonn unter Studierenden steigender Beliebtheit erfreut.
Auf Jodel können die Nutzer_innen („Jodler“) völlig anonym Posts („Jodels“) verfassen, welche Privates oder Campuspezifisches frei von der Leber der Community zur Verfügung stellen. Diese kann dann per UpVote (like) oder DownVote (dislike) über die Güte dieser Beiträge hohes Geschworenen-Gericht halten. Das Ganze erinnert dabei etwas an Gladiatorenkämpfe der römischen Antike. Fällt nämlich die Beliebtheits-Bilanz eines Jodels auf -5, wird dieser ins Daten-Nirwana geschickt.
Außerdem besteht die Möglichkeit, Hauptjodels mit kleineren Jodels zu kommentieren. Für die Redekultur interessant ist es dabei, dass auch diese Kommentarjodels durch Down-Votes „vernichtet“ werden können. Jodelaaaaahuiii! weiterlesen

„Wir wollen für die Europäische Idee begeistern“

Im Gespräch mit den Jungen Europäischen Föderalisten Bonn

Interview von Laila N. Riedmiller

v.R.n.L: Niklas, Jan, Biljana. Foto: Samuel F. Johanns
v.R.n.L: Niklas, Jan, Biljana. Foto: Samuel F. Johanns

Biljana Vrhovac, Jan Küthe und Niklas Höhle sind drei Gesichter der JEF-Hochschulgruppe Bonn. Sie alle sind begeistert von der Europäischen Idee und haben es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen für Europa zu gewinnen.
Biljana studiert Jura und ist bereits seit 2012 bei den Jungen Europäischen Föderalisten aktiv. Über die Bekanntschaft mit ihr kamen auch Jan und Niklas zur Organisation. Jan studiert Mathematik im Master und wurde durch einen europakritischen Zeitungsartikel motiviert, sich in der von Biljana beworbenen Organisation zu engagieren. Niklas studiert Law and Economics im Bachelor. Nach dem Brexit kam für ihn die Erkenntnis, dass ein Engagement für die EU wichtig sei und dass er selbst Teil einer proeuropäischen Initiative werden müsse. „Wir wollen für die Europäische Idee begeistern“ weiterlesen

Der Dezember ist der Monat aus der Hölle

… zumindest, wenn man aus einer postchristlichen Familie stammt

von Jana Klein

Angekündigt wurde es bereits Ende November: Herausragend schlechte Memes im WhatsApp-Chat der Familie, versendet von Müttern 50+, verkündeten: Advent, es ist Advent. In diesem Falle der erste. Schritt für Schritt dann wurden die Daumenschrauben dieser Jahreszeit des sozialen Zwangs fester gezogen – Doodle-Links des Grauens, mit denen man auszuklamüsern hat, wann jeweils eine der gefühlt zehn Weihnachtsfeiern des Betriebs, des Vereins oder des Instituts stattfinden könnte. Je stärker die Liebe in den Herzen, desto dicker der Adresskalender, desto stärker der Termindruck. Der Dezember ist der Monat aus der Hölle weiterlesen

Editorial #18

lailakettenDie Tage werden kürzer, die Nächte länger  und die Bewegung kommt dabei oft etwas zu kurz. Gut, wenn es ein Unisportangebot gibt. Weniger gut, wenn dessen Nutzung mitunter nicht ganz unproblematisch ist. Wie sich der AStA zurzeit mit dem Sportangebot befasst und warum die Anlage am Venusberg nicht in jeder Hinsicht unproblematisch ist, das lest ihr in dieser Ausgabe.
Nicht jede_r fährt den Venusberg hinauf, um Sport zu machen. Einige Universitätsanlagen und Fakultäten haben dort ihren Sitz, weshalb viele Studierende tagtäglich den Weg nach oben antreten, um ihre Veranstaltungen zu besuchen. Die Stadt debattiert aktuell über das ÖPNV-Angebot dort. In diesem Zuge gibt es Vorschläge, eine Seilbahn einzurichten, insbesondere, nachdem eine der Buslinien nun wegfallen soll (wir berichteten). Hierzu haben wir einen Gastartikel.
Auch der „Effektive Altruismus“ ist Thema eines Gastbeitrags, der zudem auch auf Englisch auf unserer Webseite zu finden sein wird. Ein weiterer Gastbeitrag, der diese Ausgabe mitgestaltet, befasst sich mit der problematischen Boykottkampagne BDS und deren Aktivitäten in Bonn.
Zudem lest ihr, wie das türkische Bildungssystem ab 1933 von deutsch-jüdischen Flüchtlingen mitgestaltet wurde und habt die Möglichkeit, euch in einem Interview über die aktuelle Arbeit des AStA-Vorstandes zu informieren.
Wer Interesse an Kultur hat, sollte schnell weiterblättern, denn in dieser Ausgabe erfahrt ihr, welches Stück das Bonner Universitätstheater Shakespeare Company in dieser Saison aufführt.

Wir wünschen euch wie immer viel Spaß mit der vorliegenden Ausgabe!

Haymatloz

Deutsch-jüdische Flüchtlinge begründeten 1933 die türkische Hochschullandschaft

 von Jana Klein

Gebäude der Großen Nationalversammlung der Türkei, entworfen von Clemens Holzmeister. Quelle: Wikipedia Makrik
Gebäude der Großen Nationalversammlung der Türkei, entworfen von Clemens Holzmeister. Quelle: Wikipedia Makrik

Es ist eine weitgehend unbekannte Exil-Geschichte, die ausgerechnet jetzt, wo die Zahl der Asylanträge wegen politischer Verfolgung durch Menschen aus der Türkei wieder steigt, in Erinnerung gerufen wird. Die Kino-Dokumentation „Haymatloz“* verfolgt das Leben und Schicksal der Kinder derjenigen, die in den 30er- und 40er-Jahren, teilweise darüber hinaus, in der Türkei Universitäten aufgebaut und Fachrichtungen für die Türkei begründet haben. Wie genau kam es zu der massenhaften Ausreise in die Türkei und was haben die zumeist jüdischen Deutschen dort geleistet? Haymatloz weiterlesen