„Ein falsches Bild von der Realität“

Zur Werbeveranstaltung der Landwirtschaftsverbände gab es auch Kritik und Widerstand

 von Sam F. Johanns

Redakteur des Artikels im Interview mit Aktivist_innen Foto: Ronny Bittner
Redakteur des Artikels im Interview mit Aktivist_innen Foto: Ronny Bittner

Ein breites Bündnis von Landwirtschaftsverbänden der Region richteten vom 6-8. Oktober eine Großveranstaltung auf dem Bonner Münsterplatz aus. Die Aktion stand ganz im Zeichen „Erlebnis Bauernhof“, zu dem man den Platz sprichwörtlich für drei Tage verwandeln wollte. Die positiven Aspekte, die man mit der Aktion unterstreichen wollte, konnen aber nicht alle Bonner_innen teilen. Wir trafen auf Angelika und Alex. Die Aktivist_innen der Albert Schweizer Stiftung, die beide auch an ihrer Uni als „Vegane Hochschulgruppe“ aktiv sind, haben mit ihrem Infostand am Rand der Veranstaltung Stellung bezogen. Ihre Plakate und Flyer kritisieren Massentierhaltung und werben für eine tierproduktfreie Ernährungsweise.
Das Bild, das hier von Tierhaltung vermittelt würde, entspräche überhaupt nicht der Realität, so Angelika. Besonders kritisch sieht sie es, dass auch Tiere zu Vorführungszwecken auf den Marktplatz geschafft wurden. Auch Alex findet es besonders perfide, dass mit niedlichen Tieren gezielt Empathie und positive Emotionen geweckt und mit der Nutztierhaltung assoziiert werden sollen obgleich diese letztlich auf Ausbeutung und Schlachtung der Tiere abzielt. „Es soll so ein künstliches Bild aufrechterhalten werden […] wir stehen daher heute hier um die andere Seite zu vertreten.“ Die Aktivist_innen vermuten außerdem, dass diese Veranstaltung von den Verbänden jetzt ausgerichtet würde, weil es in letzter Zeit sehr viele negative Schlagzeilen und Skandale über die industrielle Nutztierhaltung gab. Das Konzept von artgerechter Tierhaltung sehen die Aktivist_Innen ebenfalls kritisch. Grundsätzlich gilt für sie „artgerecht ist nur die Freiheit“ dennoch müsse man, so Angelika bei Forderungen auch zu Kompromissen bereit sein. So setze sich die Gruppe beispielsweise dafür ein, dass in der Mensa Eier aus Boden- oder Freilandhaltung verwendet werden anstatt auf billige Käfighaltung zurück zu greifen die mit weitaus mehr Tierleid verbunden sei. Kleine Schritte in die richtige Richtung seien bereits Erfolge. Im Zentrum ihrer Kritik steht daher auch die Massentierhaltung. Für die Entscheidung der beiden Aktivist_innen zuerst vegetarisch und dann sogar vegan zu leben, die Angelika seit einem Jahr und Alex bereits vor einigen Jahren für sich gefällt haben, standen damals tierethische Erwägungen. Es gäbe aber, so Alex, auch andere ganz pragmatische Gründe sich so zu ernähren. So spielen auch menschenrechtliche, soziale und ökologische Dimensionen in die Thematik mit ein, wenn es beispielsweise darum geht wie Rohstoffe global verteilt werden und wenn für die Produktion von Tierfuttermitteln Nährstoffe verschwendet würden, die anderweitig zur Verfügung stehen würden.
Viele Studierende verfügen nicht über sonderlich große finanzielle Mittel für ihre Ernährung, vegane Kost gilt als kostenintensiver als omnivore. Angelika findet nicht, dass dies zwingend zutrifft, sie rät, dass man, wenn man vegan leben möchte, hauptsächlich auf Grundnahrungsmittel wie Bohnen, Reis, Linsen und Nudeln setzt, was an der veganen Ernährung teurer sein kann sind meist die Ersatzmittel wie veganer Käse, Seitan und dergleichen. Was den Vergleich von Sojamilch zu Kuhmilch betrifft sei es auch kritisch zu sehen, warum denn Tierprodukte wie Milch oft so günstig angeboten werden können und mit welchen Mitteln dies ermöglicht wird.
Der eigenen Gesundheit unserer Aktivist_Innen habe der Veganismus laut ärztlicher Untersuchung keineswegs geschadet. Alex rät zumindest Vitamin B12 zu supplementieren, mit dessen Mangel aber auch viele omnivore Menschen zu kämpfen hätten. Eher die Auswirkungen auf den Blutdruck von Angelikas Oma haben der anfangs Anlass zu Bedenken gegeben. Aber das soziale Umfeld akklimatisiere sich nach einiger Zeit an den Veganismus einer Person, auch wenn die Fragen in Familie und Freundeskreis anfangs sehr vehement seien wie das Gespräch deutlich macht.

Richtigstellung

Im Gespräch mit Sam F. Johanns für dessen Artikel “Ein falsches Bild von der Realität” aus Ausgabe #15 ist uns von Vegactive – vegane Hochschulgruppe Bonn leider ein Fehler unterlaufen. Im Artikel wird angedeutet, die Mensa greife bei den Eiern “auf billige Käfighaltung” zurück.
In Wahrheit nutzt die Bonner Mensa schon seit Jahren keine Käfigeier mehr; ganz im Gegenteil gehörte das Studierendenwerk Bonn zu den deutschlandweit ersten, die sich gegen Käfigeier entschieden haben, und ist dafür 2010 als eines von acht Studierendenwerken von der Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt mit dem Goldenen Ei ausgezeichnet worden.
Vegactive setzt sich aktuell unter anderem dafür ein, dass die etablierten Bodeneier durch Eier aus Freilandhaltung ersetzt werden.
Zweitens möchten wir richtig stellen, dass die interviewten Aktivist_innen Angelika und Alex nicht der Albert Schweitzer Stiftung angehören, wenngleich sie von der Stiftung viel Unterstützung bei der Aktion erhalten haben.

Annalena Tetzner (Vegane HSG)

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