Haymatloz

Deutsch-jüdische Flüchtlinge begründeten 1933 die türkische Hochschullandschaft

 von Jana Klein

Gebäude der Großen Nationalversammlung der Türkei, entworfen von Clemens Holzmeister. Quelle: Wikipedia Makrik
Gebäude der Großen Nationalversammlung der Türkei, entworfen von Clemens Holzmeister. Quelle: Wikipedia Makrik

Es ist eine weitgehend unbekannte Exil-Geschichte, die ausgerechnet jetzt, wo die Zahl der Asylanträge wegen politischer Verfolgung durch Menschen aus der Türkei wieder steigt, in Erinnerung gerufen wird. Die Kino-Dokumentation „Haymatloz“* verfolgt das Leben und Schicksal der Kinder derjenigen, die in den 30er- und 40er-Jahren, teilweise darüber hinaus, in der Türkei Universitäten aufgebaut und Fachrichtungen für die Türkei begründet haben. Wie genau kam es zu der massenhaften Ausreise in die Türkei und was haben die zumeist jüdischen Deutschen dort geleistet?

Als die Nationalsozialisten im Januar 1933 an die Macht gelangt waren, dauerte es nicht lange, bis erste Maßnahmen und Verordnungen Juden und Jüdinnen auch im akademischen Leben klarmachten, dass ihr beruflicher Lebensweg in Deutschland zu Ende war. Der Pathologe Phillip Schwartz reagierte auf diese Entwicklung, indem er von der Schweiz aus die Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler im Ausland ins Leben rief und via Zeitungsannonce im Reich bekanntmachte. Seit Längerem bereits hielt sich der Schweizer Pädagoge Albert Malche in der Türkei auf, um ein Gutachten über die dortige Bildungslandschaft zu erstellen, das Grundlage für eine Reform durch die Türkei Atatürks sein sollte. Im Juli, einige Wochen nach dem schockartigen Erlass zur türkischen Hochschulreform, konnten über die Schweizer Verbindung überraschend die ersten 30 Arbeitsverträge zustande gebracht werden, die die Emigration und die Aufnahme des Lehrbetriebs zum Wintersemester 1933 ermöglichten. Schwartz beschrieb den Stand der Entwicklung der Türkei in seinen Erinnerungen: „Im Jahre 1933 hatte das Land nicht mehr als 2500 praktizierende Ärzte, von denen die meisten in den Großstädten Istanbul, Izmir und Ankara tätig waren. Es gab fast keine Juristen und Verwaltungsbeamte mit Universitätsausbildung; keine Nationalökonomen, keine Soziologen, keine Lehrer, keine Ingenieure und keine Architekten.“

Ingesamt 82 Professoren aus Deutschland, die über den Sommer durch die Notgemeinschaft vermittelt werden konnten, eröffneten schließlich das Istanbuler Wintersemester, der Standort Ankara folgte. Während in den Geisteswissenschaften relativ bald ein geordneter Lehrbetrieb etabliert war, mangelte es in den Naturwissenschaften und der Medizin noch an allem: neben unfertig abgenommenen Räumlichkeiten, deren Substanz nicht zuletzt unter der Korruption litt, fehlte es insbesondere an Apparaturen, die schließlich aus dem angelsächsischen Raum und von der US-amerikanischen Rockefeller Foundation, teilweise wieder über die Schweiz vermittelt, ihren Weg zu den türkischen Studierenden, Lehrenden und Patient_innen fanden.

Weil sich die türkische Hochschulreform mit der Expertise aus Deutschland im Sommersemester 1934 schließlich, nach anfänglichen Schwierigkeiten, als Erfolg erwiesen hatte, nutzte die junge, dynamische atatürksche Republik die im Land befindlichen Experten, zu denen sich mit der Zeit noch weitere Akademiker samt Angehörigen dazugesellten, für weitere Programme zur nationalen Entwicklung. Aus dem Wirtschaftsministerium erging an Philipp Schwartz der Auftrag, eine Gruppe Sachverständiger aus den Vermittelten und Klienten der Notgemeinschaft zusammenzutragen, die ein staatliches Entwicklungsprogramm der türkischen Wirtschaft in Gang bringen sollte. Hier sollte etwa die Erforschung und Ausbeutung von Bodenschätzen, die Flussregulierung, die Einrichtung von Eisenwerken und die Schaffung einer türkischen Textil- und einer chemischen Industrie u.A. für Düngemittel geplant und umgesetzt werden – alles nach westlichem Vorbild. Sogar die Entstehung einer Arbeiterklasse bzw. -schicht wurde vorausgesehen, ihr sollte mit der Ausarbeitung von Schutzgesetzen vorgesorgt werden.

So kam es, dass z.B. der ehemalige Berliner Bürgermeister Ernst Reuter ab 1935 in der Türkei eine Anstellung als Berater für Verkehrsfragen fand. 1938 wechselte er an die Hochschule für Politik und betätigte sich an der beginnenden wissenschaftlichen Ausbildung des neuen türkischen Verwaltungspersonals. Aus seinen Vorlesungen über Kommunalpolitik entstand ein lange verwendetes Lehrbuch. Andere Deutsche beteiligten sich an der Ausarbeitung der ebenfalls an Europa orientierten Gesetzesbücher der Türkei oder begründeten hier Fächer wie die Nationalökonomie oder die Rechtssoziologie. Edith Weigert war Psychoanalytikerin, als Ehefrau des Juristen Oscar Weigert mit in die Türkei gekommen und hat vermutlich den Impuls gesetzt, die Psychoanalyse in die Türkei zu transferieren, indem einer ihrer Analysanden nach der Therapie begann, Freuds Werke ins Türkische zu übersetzen.

Doch die Emigration in die Türkei war auch immer wieder von antisemitischen Wellen in der jungen Republik überschattet, so dass sich die Lage nach und nach immer weiter zuspitzte. In Kombination mit den Entzügen der Reisepässe und Staatsbürgerschaften durch die deutschen Behörden, die überdies innerhalb der Türkei „ihre“ Emigrant_innen überwachen konnten, verloren nach dem ersten 5-Jahres-Vertrag die ersten ihre Stellen und Aufenthaltsrechte. Flankiert von einer außenpolitischen Annäherung an das Dritte Reich nahm die insgesamt minderheitenfeindliche Stimmung in der Türkei zu, so dass sich bis Kriegsende und darüber hinaus immer mehr deutsche Flüchtlinge auf die Straße gesetzt sahen. Manchen von ihnen gelang danach die Einwanderung z.B. ins Mandatsgebiet Palästina, andere nahmen sich aus Verzweiflung das Leben. Schließlich übernahmen die türkischen Einreisebestimmungen sogar das antisemitische NS-Rassekriterium aus Deutschland, sahen aber andererseits auch die Möglichkeit vor, bei der Regierung um Ausnahme zu ersuchen. Diese wurde, stand sie im nationalen Interesse, in einigen Fällen durchaus erteilt, so dass nicht nur ausländische Juden und Jüdinnen in der Türkei unter einer ambivalenten antisemitischen Politik zu leiden hatten. Wer staatenlos geworden war, bekam manchmal das deutsche Lehnwort „haymatloz“ in den Pass gestempelt, das zum Symbolwort für die Geflüchteten wurde.

Als in den 40er- und 50er-Jahren schließlich die von den Deutschen ausgebildeten Studenten selber in der Lage waren, die Stellen im akademischen Betrieb zu besetzen, endete für die meisten schließlich ihre Tätigkeit in einer Türkei, die den Emigrant_innen – und dem geschichtlichen Zufall – nichts minder als das Gelingen einer Reform zu verdanken hatte, die aus dem Nichts ein Universitätssystem nach westlichem Vorbild stampfen sollte. Ein Nachleben hat die Geschichte der  „haymatlozen“ in der kürzlich gegründeten Phillip-Schwartz-Initiative der Alexander-von-Humboldt-Stiftung, die Stipendien an gefährdete Akademiker_innen vergibt. So konnte etwa im Mai 2016 der syrische Festkörperphysiker Hassan Kamleh an der Bonner Universität eine Anstellung finden.

*Haymatloz, Deutschland 2016, Eren Onsöz, OmU, ab 27.10.2016

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