Effektiver Altruismus

oder: Gut gemeint ist nicht gut gemacht

Ein Gastartikel von Annalena Tetzner
Hochschul- & Lokalgruppe Effektiver Altruismus Bonn

stopwatch-1749080Stell dir vor, du bist Leiter*in einer Charity-Organisation, die es sich zum Ziel gesetzt hat, sehr armen Kindern eine bessere Schulbildung zu ermöglichen.
Deine Mitarbeiter*innen machen verschiedene Vorschläge: An vielen Schulen muss sich die ganze Klasse ein einziges Lehrbuch teilen. Also zusätzliche Lehrbücher stiften? Aber brauchen die Kinder nicht vielmehr bessere Betreuung? An den meisten Schulen, zu denen die Organisation Kontakt hat, gibt es nur einen einzigen Lehrer. Die Schüler*innen fehlen außerdem oft, wegen leicht zu behandelnder Krankheiten wie Darmparasiten. Ist vielleicht eine Wurmkur die beste Hilfe für sie?

Auf welche Strategie setzt du? Und wie kannst du sichergehen, dass deine Organisation den Kindern wirklich hilft?

Michael Kremer, Professor für Entwicklungsökonomie in Harvard, hat genau diese Optionen erforscht, und zwar mithilfe einer randomisierten kontrollierten Studie. Jedes Medikament, das heute auf den Markt gelangt, muss solche Studien durchlaufen, um sicherzustellen, dass es wirkt. Die Wirksamkeit vieler gemeinnütziger Projekte ist hingegen gar nicht bekannt: Eine systematische Evaluation findet nicht statt. Das führt immer wieder dazu, dass über Jahre Gelder an Projekte fließen, die fast nichts bewirken oder deren Einfluss der guten Sache sogar schadet.
Kremer fand heraus, dass die meisten der Maßnahmen sich kaum auswirkten, weder auf die Schulbildung noch auf die Anwesenheit. Aber die Entwurmung hatte einen starken Effekt: Sie verringerte die Abwesenheitsrate in der Schule um ein Viertel. Kinder, die entwurmt worden waren, gingen im Schnitt zwei Wochen länger zur Schule. Die Entwurmungsmedikamente waren so billig, dass für hundert gespendete Dollar insgesamt zehn Jahre mehr Schulzeit heraussprangen. Für nur fünf Cent konnte man einem Schulkind einen zusätzlichen Schultag ermöglichen!
Heute ist die Deworm the World Initiative, die genau diesen Ansatz verfolgt, eine der vier effektivsten Organisationen in der Armutsbekämpfung laut GiveWell, einer Charity-Ratingplattform, die nach Kriterien des Effektiven Altruismus (EA) arbeitet.

Kriterien des Effektiven Altruismus

Effektive Altruisten vergleichen „gute Zwecke“ und gemeinnützige Projekte hauptsächlich anhand von drei Kriterien:

1. Ausmaß – wie viele empfindungsfähige Wesen sind betroffen, und wie stark?

2. Lösbarkeit – wie leicht lässt sich das Problem
beheben oder lindern?

3. Vernachlässigung – wie viele Ressourcen werden schon für die Lösung des Problems aufgewendet? Wird das Problem auch ohne meinen Einsatz gelöst?

Der Klimawandel hat beispielsweise ein großes Aumaß, ist mittelschwer zu verhindern und nicht gerade vernachlässigt. Massentierhaltung hat mit 60 Mrd. betroffenen Landtieren pro Jahr ein sehr großes Ausmaß, ist recht gut lösbar und sehr vernachlässigt. Extreme Armut ist ebenfalls gut lösbar, hat ein großes Ausmaß  (laut Weltbank lebten 2013 767 Mio. Menschen mit weniger als $1,90 am Tag, KKP) und ist mittelmäßig vernachlässigt.

Du bist reich! (Jedenfalls in der Zukunft)
Wenn du aus Deutschland oder einem ähnlich wohlhabenden Land kommst und einen akademischen Abschluss hast, wirst du wahrscheinlich einmal zu den vermögendsten ein bis fünf Prozent der Weltbevölkerung gehören: Die reichsten fünf Prozent verdienen mindestens €27.000 im Jahr, das oberste Prozent knapp €50.000. Dieses Privileg ermöglicht es dir, die Lebensqualität von Menschen, die z.B. unter €800 im Jahr verdienen, mit geringen Beträgen stark zu verbessern.

Bewusstsein schaffen
Nicht nur mit Spenden kann man außerordentlich viel Gutes tun. Da es bislang kaum ein Bewusstsein für die enormen Qualitätsunterschiede zwischen verschiedenen Charities gibt und selbst professionelle Vergleichsportale fast nie nach der Wirksamkeit der Arbeit bewerten, sondern nach wenig relevanten Kriterien wie Fundraising-Geschick oder Verwaltungskosten der Organisation, ist Kommunikation eine der wichtigsten Aufgaben im Effektiven Altruismus.

Karriere machen
80,000 Hours ist eine Non-Profit-Organisation, die Berufs- und Studienberatung für junge Menschen anbietet, die die Welt ein Stück besser machen wollen. Berufswege, die das ermöglichen, sind vielfältig: Man kann direkt in einer (effektiven) NGO arbeiten, seinen Einfluss als Journalist, Lehrer, Professorin, Politiker oder Künstlerin nutzen, als Wissenschaftlerin an den brennendsten Problemen forschen oder sich gezielt einen gutbezahlten Job suchen, der einem hohe Spenden ermöglicht. Ein Arzt in einem reichen Land kann durch geschickt platzierte Spenden zehn- bis hundertmal mehr Menschenleben retten als durch seine direkte Arbeit.
Organisationen wie 80,000 Hours erforschen Karrierethemen wissenschaftlich und evaluieren z.B. auch, welche Skills besonders wertvoll sind, wie man in bestimmte Berufszweige einsteigen kann, wie man im Beruf glücklich wird und wie man sich effektiv bewirbt.

Vortrag und persönliche Beratung: Effektiver Altruismus und Berufswahl
8.12. 20:00 Uhr, Hörsaal VIII, Uni-Hauptgebäude
Am 8. Dezember werden Lucius Caviola und Johannes Treutlein von der Stiftung für Effektiven Altruismus in Bonn zu Gast sein. Tagsüber bieten sie Beratung zu EA-Themen und Karriere an, abends um 20:00 Uhr halten sie ihren Vortrag „How to Save Thousands of Lives with Your Career – Strategies of Effective Altruism“. Der Vortrag findet in englischer Sprache statt, die Beratung wahlweise auf Deutsch oder Englisch.
Anmeldung zur Beratung: http://tiny.cc/eaadvicebonn
Facebook-Veranstaltung: http://tiny.cc/pq53gy

Weiterlesen: EA-Organisationen
– Stiftung für Effektiven Altruismus (ea-stiftung.org)
– Centre for Effective Altruism (centreforeffectivealtruism.org, effectivealtruism.org)
– 80,000 Hours (80000hours.org)
– GiveWell (givewell.org)
– Animal Charity Evaluators (animalcharityevaluators.org)
– Open Philanthropy Project (openphilanthropy.org)

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