Der Dezember ist der Monat aus der Hölle

… zumindest, wenn man aus einer postchristlichen Familie stammt

von Jana Klein

Angekündigt wurde es bereits Ende November: Herausragend schlechte Memes im WhatsApp-Chat der Familie, versendet von Müttern 50+, verkündeten: Advent, es ist Advent. In diesem Falle der erste. Schritt für Schritt dann wurden die Daumenschrauben dieser Jahreszeit des sozialen Zwangs fester gezogen – Doodle-Links des Grauens, mit denen man auszuklamüsern hat, wann jeweils eine der gefühlt zehn Weihnachtsfeiern des Betriebs, des Vereins oder des Instituts stattfinden könnte. Je stärker die Liebe in den Herzen, desto dicker der Adresskalender, desto stärker der Termindruck. Einkaufen mit Mama im Shoppingcenter, 5 Stunden Beengung in der Menschenmasse und dann so tun, als hätte man schon wieder vergessen, was gekauft wurde – die Überraschung beim Auspacken der Geschenke unterm Weihnachtsbaum wird auch dieses Jahr wieder gigantisch sein. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg, auf dem noch viele Hürden zu nehmen sind. Wer es in den letzten 4 Wochen noch geschafft hatte, der (post)christlichen Sippe aus dem Weg zu gehen, die einen zur Welt gebracht, großgezogen und in Erwartung bahnbrechender ökonomischer Erfolge auf die Universität geschickt hatte, wird nun unausweichlich darauf gestoßen: diese Amerikaner, mein Gott, Donald Trump… aber Hillary würd den Job auch nicht besser machen, seien wir mal ehrlich! Bla, bla, bla; Leute, die unumwunden zugestehen würden, dass ihre Flachbildfernseher gefälligst von Elektrotechniker_innen gebaut werden sollten, damit sie eben funktionieren und dieses unglaublich gestochen scharfe Bild liefern (hey, was läuft eigentlich über die Feiertage?), konkurrieren mit ihren RTL-News-gestützten Meinungen um die treffendste Analyse dieser am Ende dann doch ewig unverständlichen Amis. Allgemeines Kopfschütteln. Überlebenstipp Nummer eins: einfach so weit es geht die Fresse halten und gar nicht erst versuchen, diese Unterhaltung mit Einwänden darüber, was wir als Westeuropäer vielleicht alles gar nicht wissen oder einschätzen können, geschweige denn umgekehrt sie z.B. mit Analysen, Einschätzungen und Datenmaterial von der Klasse einer New York Times, die man ja gelesen hatte, bescheiden anzureichern. Einfach die Fresse halten, das Gespräch wird schon zeitnah von Donald Trump wieder, wie aus den letzten Jahren gewohnt, auf Schwule oder sowas kommen. Hihihi. Diese Schwulen. Ihr wisst schon. Aber gut, dass die jetzt auch alle so Rechte haben und heiraten dürfen. Aber hihihi. Hier ist dann die Chance gekommen, in den Verlauf des besinnlichen Abends eine große Kerbe zu schlagen und etwas mehr Selbstbestimmung zu erkämpfen, so wie damals in der Pubertät: noch ein, zwei oder fünf große Pils bei der Oma bestellt, die die ganze Zeit nervös wie eine Hummel zwischen den Familienmitgliedern umher schwirrt und mit ihrer affektierten Gastfreundschaft allen Beteiligten gehörig auf den Sack geht, und nach und nach setzt Entspannung ein. Alkohol ist bekanntermaßen das soziale Schmierfett der postchristlichen Welt und seine exzessive Nutzung insbesondere an Weihnachten vermeidet so manchen Konflikt. Doch wenn die mütterlichen Erwartungen an die weihnachtlichen Szenen unterm Tannebaum, den Frieden und die Besinnlichkeit zu groß, die niemals ordentlich ausgesprochenen und geführten Spannungen und Konflikte in der Familie jedoch ebenso groß sind, kehrt sich der Schmiereffekt von Hopfenbräu und vergammelter Traube in sein Gegenteil um: kathartisch darf jetzt geschimpft, geschrien und geheult werden; überzogene Regelstudienzeit versus dummes Gesülze über die US-Wahlen, Unverständnis über die Lebensführung da draußen in der Welt versus Unverständnis über die Lebensführung im alten Habitat der Familie – die Liste der Vorwürfe ist lang, die sich nun gegenseitig gemacht werden können und den Höhepunkt eines jeden gelungenen Weihnachtsdezembers abgeben. Noch eine Woche bis Silvester. Seine Familie kann man sich nicht aussuchen, leider.

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