Jodelaaaaahuiii!

Unser Redakteur hat die Campus-App Jodel getestet. Mit gemischten Gefühlen

 von Samuel F. Johanns

Jodel heißt das relativ neue Campus-App-Phänomen, welches sich auch in Bonn unter Studierenden steigender Beliebtheit erfreut.
Auf Jodel können die Nutzer_innen („Jodler“) völlig anonym Posts („Jodels“) verfassen, welche Privates oder Campuspezifisches frei von der Leber der Community zur Verfügung stellen. Diese kann dann per UpVote (like) oder DownVote (dislike) über die Güte dieser Beiträge hohes Geschworenen-Gericht halten. Das Ganze erinnert dabei etwas an Gladiatorenkämpfe der römischen Antike. Fällt nämlich die Beliebtheits-Bilanz eines Jodels auf -5, wird dieser ins Daten-Nirwana geschickt.
Außerdem besteht die Möglichkeit, Hauptjodels mit kleineren Jodels zu kommentieren. Für die Redekultur interessant ist es dabei, dass auch diese Kommentarjodels durch Down-Votes „vernichtet“ werden können.

Böses Karma, gutes Karma
Um den Spieltrieb der App-Nutzer_innen zu stimulieren, haben sich die Schöpfenden von Jodel ein Karma-Prinzip überlegt. Positiv bewertete Jodels erhöhen den Karma-Score, durch negatives Feedback oder gar mit -5 gevotete Jodels sinkt das Karma-Level wiederum.
Noch kann man sich von dem Jodel-Karma nichts kaufen und es scheint schlicht einen intrinsischen Wert für die Nutzer_innen zu haben, das Karma zu sammeln.
Wenn man andere Jodler näher kennenlernen möchte, erfolgt die Kontaktaufnahme per privatem, aber immer noch anonymem Messenger. Beim Bonner Jodel hat sich dafür die Anwendung „kik“ weitgehend etabliert.

Jodel ist anonym… bekommt man dann nicht drölfzig-myriaden Dick-Pix?
Die Anonymität von Jodel lässt vermuten, dass die App wie vergleichbare Anwendungen wie Chat-Roulette oder Omegle zu einer Flut von Penis-Fotos führt. Tatsächlich fanden wir bei unserer Nutzung der App bisher nicht eine einzige dieser Belästigungsformen. Ebenso wenig Nazi-Propaganda oder explizite Gewaltdarstellungen. Ob ein im Hintergrund werkelndes Zensur-System oder aber der Down-Vote Jodel-Kill alleine dafür verantwortlich ist, konnten wir noch nicht ermitteln.
Löblicherweise sieht man bei Jodel Bilder aber auch erst dann unverpixelt, wenn man diese zuvor lange gedrückt hält, was wohl Triggern und sexueller Belästigung vorbeugen soll.

Den Lörres in die Mörres hämmern
In der Jodel-Welt gibt es reichlich Synonymbegriffe, die sich sozusagen als Running-Gags etabliert haben. So wird ein Penis für gewöhnlich als „Lörres“ bezeichnet. Später folgte dem (wie sollte es auch anders sein) das Pendant „Mörres“. Eine universelle Antwort auf die Frage nach problematisch-praktische Imperativen des Alltags stellt dann der Satz „Den Lörres reinhämmern“ dar. Das Jodel-Wort für Busfahrer, um ein weiteres Beispiel zu nennen, lautet „Manni“.

Der praktische Nutzen
Über den reinen Spaßfaktor hinaus erweist sich das Kollektivgehirn von Jodel auch im Alltag als relativ nützlich, etwa wenn ein Mitglied des Jodel-Kollektivs beispielsweise mal schnell die Zugangsdaten zur McDonalds- oder Starbucks-Toilette braucht. Auch eine im Bus vergessene Jacke wurde schnell mal in der Community geteilt und konnte so ihren Weg zurück zum Eigentümer finden. Daneben nutzen einige meist männliche Jodler (mit „M“ bezeichnet) Jodel für das „Blind Daten“ von meist weiblichen Nutzerinnen (als „W“ bezeichnet). Ob es sich dabei tatsächlich um eine Person des ausgewiesenen Geschlechts handelt und ob jemand zum Date erscheint, oder man nur reingelegt und dann versetzt wurde, bleibt dabei bis zuletzt ungewiss.
Neben aller Nützlichkeit und Witz gibt es auch Kritik an der Jodel-App, die sich teilweise auch auf deren Funk­tionsprinzip bezieht.

Multiplikator der Mehrheitsmeinung
Weil Minderheitenmeinungen durch Down-Votes schnell von der Bildfläche verschwinden, gleicht die Diskussionskultur von Jodel der totalitärer Gesellschaften, in denen Widerrede schnell und begründungslos nicht nur missbilligt sondern direkt beseitigt wird.
Dies kann in der Praxis zur Manifestation von Vorurteilen und Ressentiments führen, für die es in der Community einen Konsens gibt. Jodel wird so zur Filterbubble der Mehrheitsmeinungen, indem kritische Stimmen nicht nur im Abseits stehen, sondern völlig zum Verstummen gebracht werden.
Besonders für die Bereiche Sexismus und positiver Rassismus gibt es kaum bis keine Sensibilität in der Jodel-Welt.
Asiaten-Witze, #Lisa als institutionalisiertesSlut-Shaming und die Heteronomativität
„Witze“ über asiatische Studierende und ihr stereotypisches Image als Streber_innen und Überflieger_innen sind bei Jodel beliebt und stehen auf der Tagesordnung. Dass es sich bei diesem positiven Rassismus immer noch um rassistische Vorurteile handelt, die besonders die asiatisch-stämmigen Studierenden, die eben diesen gesamtgesellschaftlichen Erwartungen nicht entsprechen können oder wollen, verletzen und unter Druck setzen, wird nicht wahrgenommen. Kritik daran wird in der Regel sofort „downgevotet“
Ein anderes allgegenwärtiges Phänomen ist die Misogynie der Community. Diese latenten Ressentiments brechen sich regelmäßig in perpetuierten Kommentaren Bahn. So wird unter dem #Lisa, welcher die imaginäre Figur einer naiven und sexuell freilebigen Grundschullehramts-Studentin darstellt, regelmäßig Slut-Shaming betrieben. Die als natürlich wahrgenommenen Wertigkeitsunterschiede  von Promiskuität bei Frauen und Promiskuität bei Männern hat in Jodel regelrecht Hochkonjunktur.
Als männlich deklarierten Jodlern wird allgemein ein größeres Maß an Respekt entgegen gebracht. Sei es bei Fragen zu intimen Themen wie sexuellen Präferenzen oder Beziehungsfragen oder Themen wie männlicher Homosexualität, sie erfreut sich größerer Toleranz als unsere Redakteur_innen zuerst vermutet hatten. Lesben müssen sich hingegen sehr gerne schon mal eine „Date-Anfrage“ von Männern gefallen lassen. Dann auch gerne in verletzender Form mit Fragen wie: „Darf ich M. DazuSTOSSEN“ bzw. „Schick mal Foto, damit ich weiß, dass du keine Kampflesbe bist“
Generell stellen Hetero- sowie Mononormativität die Regel in Jodel dar. Wer zum Beispiel nach einem Date mit einem Mann fragt, die_der wird erstmal reflexartig als Frau (W) wahrgenommen. Bei der Bewertung von Lebensentwürfen abseits der monogamen Paarbeziehung als Ehe-Propädeutikum werden Jodler gerne zu Experten, die alles besser wissen und Frauen erklären, dass sie eben doch nur #Lisa sind, wenn sie mehr als einen Partner haben.

Jodel, ein Becken der sexuell frustrierten Männer?
Ein anderes Phänomen, was sicherlich seinen Anteil am Frauenhass der Community hat, ist die erkennbare sexuelle Frustration der zumeist wohl männlichen Jodel-Nutzer. In einem nicht abreißenden Stakkato an Selbstbemitleidungskommentaren findet man eine aggressive Grundstimmung vor, in welcher sexuell erfolgreichere Männer, die Fragen zur Beziehung haben, gerne grundlos „downgevotet“ und Frauen schnell zum Bösen an sich definiert werden. Wikimannia lässt grüßen.
In Anbetracht der Tatsache, dass Jodel sich an angehende Akademiker_innen richtet und das die Elite der Zukunft sein soll, hofft man am Ende, dass die Jodel-Welt eine Blase für sich darstellt und nicht die Mainstream-Realität, der man sich ausgesetzt sieht, sobald man die eigene #Gutmensch-Blase verlassen hat.

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