Wir, Pardon – Wer?

 

Ganz klar ist es jedenfalls nicht: Unsere Universität feiert zweihundertjähriges Jubiläum, und da man ja schon das Hauptgebäude nur halb sehen kann, wählt man wenigstens so ein inklusiv wirkendes Logo. Wer ist dieses ‚man‘? Vermutlich Teil von diesem ominösen ‚Wir‘.

 

Wir Studenten, das sei vorangestellt, sind damit garantiert nicht gemeint. Es handelt sich nun einmal nicht um eine AStA- oder – horribile dictu – Graswurzelkampagne, sondern eine von der Universität straff durchorganisierte Veranstaltungsreihe. Was sonst – wir alle, die wir mit der Universität irgendwie verbunden sind? Professoren, Studenten, Verwaltung, alle gemeinsam? Dann verwundert es immer noch, wie über Angelegenheiten wie die Hofgartenwiesenwiesensperrung oder eben dieses Logo entschieden wird. Mich hat man jedenfalls nicht gefragt, und Dich, lieben Leser, vermutlich auch nicht – ‚Wir‘ aber müssen uns mit der Frage beschäftigt haben.

 

Der ehrenwerte Fritz Willi Drei, der ehedem die Universität gründete und prompt nach sich selbst benannte, kann im pluralis majestatis auch nicht gemeint sein, er ist ja schließlich schon ein paar Jahre tot. Trotzdem wählt man das von ihm Geschriebene, direkt aus der Gründungsurkunde entnommen, als Logo. Vollständig heißt es da übrigens: „Wir, Friedrich Wilhelm von Gottes Gnaden, König von Preußen,“ etzettera pe pe, siehe auch die Illustration oben. Mehr als das ‚Wir‘ haben Wir uns aber anscheinend nicht getraut. Noch so ein Zeichen, dass zumindest aus unserer Redaktion niemand beteiligt war.

Wir schlagen also einen Bogen von den Anfangstagen der Universität bis ins Heute, von damaligen Gepflogenheiten bis zu unseren jetzigen, anscheinend ohne Uns zu fragen, ob das wirklich das Signal ist, das Wir senden wollen. Arndt muss man da nicht einmal bemühen, die Kontinuität mit dem preußischen Obrigkeitsstaat, der sich damals gerade frisch als Besatzer im Rheinland eingenistet hatte, sollte schlimm genug sein. Uns egal. Wieso?

 

Man verzeihe mir, und hoffentlich verzeihen auch Wir, mein küchenpsychologisches Spekulieren: Wir – also wir, die wir darüber nachdenken, nicht nur Wir – haben es mit einem Minderwertigkeitskomplex  zu tun. Die Leitung unserer Universität fühlt sich metaphorisch kastriert, fremdgesteuert, durch Sachzwänge ihrer Autonomie beraubt. Die kognitive Dissonanz, sowohl der eigenen Aufgabe gewachsen zu sein als auch für solche kolossalen Fehlentscheidungen wie die Renovierung der Universität während des großen Jubiläums zu verantworten, ließe sich anders auch nur schwer aushalten. So versucht man – pardon: versuchen Wir, einen Abglanz des alten Gottesgnadentums auf uns herabzubeschwören, um zumindest dem Anschein nach unbeschränkte Macht zu erlangen.

 

Dass dieser Versuch Unseren Komplex nur noch befeuern wird, liegt in der Natur der Sache. Des  fw empfiehlt: Anderthalb Milligram Clonazepam nach Bedarf und etwa vier Wochen Urlaub. Wenn Wir einmal ordentlich die Seele baumeln lassen, gibt sich das schon. In zwei Jahren kann man ja auch wieder zwischendurch auf der Wiese entspannen.

 

Des fw hat übrigens auch beim Rektorat angefragt, ob man für ein Interview zur Verfügung stehe. Bis jetzt haben wir keine Antwort erhalten (Anmerkung: Nach Veröffentlichung wurden wir darum gebeten, uns in derlei Fragen doch an die Presseabteilung der Uni zu wenden. Unsere Anfrage hat man wohl übersehen).

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