Feminismus: In der Theorie gut, in der Praxis irrelevant

Ein Feminismus- Thementag, garniert mit sexistischer Musik?

 

Am kommenden Wochenende soll in der Poppelsdorfer Allee zum wiederholten Mal das Bonn City Camp stattfinden, ein von der Bonner Jugendbewegung (BJB) organisiertes Camp, das sich mit Feminismus, Antifaschismus und Rassismus auseinandersetzen will.

Die BJB ist bereits wiederholt in die Kritik geraten und wird von vielen antirassistischen Bonner Initiativen gemieden, weil ihre Nähe zur MLPD und ihr Umgang mit politischen Gegner_innen als problematisch betrachtet wird. Als Reaktion auf ihre wiederholten verbalen Angriffe auf den AStA der Uni Bonn und ihre ideologische Problematik hat dieser bereits vor zwei Jahren entschieden, ihre Flyer nicht mehr zu verteilen. In der Vergangenheit wurde der BJB vorgeworfen, die Jugendorganisation der AKAB zu sein, einer vom Verfassungsschutz beobachteten, mutmaßlich stalinistischen und in Kaderstruktur organisierten Gruppierung. Menschen aus beiden Gruppen sollen bereits mindestens verbal antisemitisch ausfällig geworden sein, etwa auf der Demonstration gegen den Naziaufmarsch in Remagen im Jahr 2015. 

 

Diese BJB veranstaltet nun einen Feminismus-Tag und es lohnt sich, diesen unter die Lupe zu nehmen:

„Weil alle drei Tage eine Frau* an den Folgen häuslicher Gewalt stirbt. Weil Frauen* bei gleicher Arbeit immer noch weniger verdienen als ihr männlichen Kollegen. Weil typische ‚Frauenberufe‘ schlecht bezahlt sind und keine Anerkennung bekommen. Weil Familiengründung für Frauen* eine Frage ihrer Existenz ist. Weil Frauen* in vielen Aspekten grundsätzlich nicht so ernst genommen werden wie Männer und für Anerkennung viel härter arbeiten müssen. Weil immer noch Menschen aufgrund ihrer Genderidentität und ihrer Sexualität ausgegrenzt, ermordet und verfolgt werden.“

Das liest sich nach Inhalt, nach einer feministischen und antisexistischen Kritik an den bestehenden Verhältnissen. Ein ganzer Tag voll feministischer Theorie, ein gesellschaftskritisches Camp, das von Konzerten begleitet wird. Einer der Künstler: Der Rapper Zeb. Und dessen Lied „Bad Bitch“ wartet mit folgenden Zeilen auf:

 

„Dich will man nich mal für Sex, Bitch […] wurdest gelobt für deine Anständigkeit und jetzt, ja, bekannt für deine Schwanzleckerei[…] sie ist die Richtige, wenn ihr euch anstecken wollt“.

Update: Seit dem 1.8. gegen 16 Uhr ist dieses Video plötzlich nicht mehr verfügbar.

Eine noch wesentlich ausfälligere Textpassage findet sich in diesem Video: 

„Denn auch deine Schwester kennt bei mir keinen Blow-Stop bis es ihr hochkommt, dann nehm ich ihr´n Po doppelt so hart und sag das die Bestrafung von ihrem Blow kommt.
Sie denkt ihr Würgereiz würde ihre Würde sein, ich hole ein paar Typen und dann rennen wir zu dritt ihr Hintertürchen ein“

Dies zeigt gleichzeitig, dass der Rapper offenbar wiederholt frauenverachtende und gewaltverherrlichende Texte schreibt und performt und es sich bei dem oben verlinkten Lied keinesfalls um einen veralteten Einzelfall von 2015 handelt. Das zweite Video haben wir nach der plötzlichen Löschung des ersten gesichert.

Warum er zu einem solchen Camp eingeladen wird? Er veröffentlichte gemeinsam mit einem weiteren Musiker auch ein rassismuskritisches Lied gegen völkisches Denken. Dies scheint der BJB offenbar Grund genug, über seine weiteren, frauenverachtenden Texte völlig hinwegzusehen. Nun könnte man einwenden, sie sei sich dessen möglicherweise nicht bewusst gewesen. Allerdings wurden bereits kurz nach Bekanntgabe der Musiker_innen Zweifel laut und das entsprechende Musikvideo gepostet. Die BJB, die sich durch die Flyerablehnung des AStA zensiert sieht und dem AStA als Motivation mangelnden Einsatz gegen Rassismus vorwirft, verhält sich nun erschreckend ruhig.

Genau hier zeigt sich aber, wie wenig tiefgründig der Thementag Feminismus ist, wenn das Camp selbst bereits daran scheitert, frauenverachtende Musik vom Feminismusthementag fernzuhalten und sich die Veranstalter_innen nicht dazu äußern. Feministische Theorie schön und gut, aber nur, solange sie den Kampf gegen Rassismus nicht einschränkt und Sexismus im rechten und mittleren Spektrum der Gesellschaft verortet. Wenn es aber um eine feministische Selbstkritik und Selbstreflexion sexistischer Gedanken in den eigenen Reihen geht, scheitern die Veranstalter_innen offenbar.Dies sollte insbesondere für die anderen eingeladenen Musiker_innen und Referent_innen, aber auch für alle am Camp Interessierten ein deutliches Alarmsignal sein. Gleichberechtigung funktioniert nicht, wenn sie am Ende weniger wert ist als Antirassismus. Verschiedene Ungleichheiten und Diskriminierungen innerhalb der Gesellschaft können nicht bekämpft und überwunden werden, wenn man sie gegeneinander ausspielt und ohne eine Reflexion der eigenen Vorurteile und Verhaltensmuster lässt sich nichts davon in die Praxis umsetzen. Die BJB, die sich schon in der Vergangenheit als unfähig erwiesen hat, sich mit inhaltlicher Kritik an ihrem politischen Aktivismus auseinanderzusetzen, scheint diese Unfähigkeit bisher nicht abgelegt zu haben. Aus diesem Grund positionieren wir uns deutlich gegen das stattfindende Camp und rufen alle Interessierten, Referierenden und eingeladenen Musiker_innen dazu auf, ihre Teilnahme am Camp zurückzuziehen.

 

In diesem Kontext haben wir bereits einige Referent_innen und Musiker_innen kontaktiert und warten auf ihre Antworten.

Gemeinsames Statement der AStA Zeitung „Des Friedrichs Wilhelm“, des Referats für Frauen und Geschlechtergerechtigkeit des AStA Bonn und der interfraktionellen Frauen*gruppe im Bonner Studierendenparlament „Matri-x furialis“.

 

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Update 2.8.:

Gemeinsam mit dem Lied Bad Bitch, das von Youtube verschwand, veröffentlichte der Rapper ein Statement auf Facebook, in dem er sich dazu äußerte, dass dieses Lied aus einer negativeen Emotion heraus gegen eine Einzeplerson geschrieben worden sei, was er heute so nicht mehr tun würde. Auch, wenn wir es für sehr begrüßenswert halten dass das Video mittlerweile nicht mehr aufrufbar ist, halten wir unsere Forderung weiterhin aufrecht. Erstens hat sich die BJB weiterhin noch mit keiner Silbe zu dem Vorfall geäußert, andererseits stellte sich in der Diskussion heraus, dass der Battleraptrack für Zeb offenbar kein Problem darstellt, da man im Battlerap nun einmal denunziert. Für uns bleibt weiterhin klar, dass die Art der Denunziation in diesem Lied die Grenze dessen überschreitet, was als kreativer Diss im Battlerap betrachtet werden kann und ein Frauenbild produziert, dass die Würde dieser Frau auf ihre Sexualität reduziert. Hierbei ist völlig egal, ob es sich um einen fiktiven oder realen Charakter handelt. Wir finden es schade, dass die bisher einzige Reaktion in der Debatte darin besteht, dass Menschen, die sich selbst nicht zur BJB zählen, wohl aber zu ihrem ideellen Umfeld, die inhaltliche Kritik bisher gänzlich ablehnen und unser Vorgehen als das „getriggerter“ „Femimiministinnen“ wahrnehmen. Auch hierin wird einmal mehr deutlich: Sexismus und mangelndes Bewusstsein dafür existiert auch in antirassistischen Gruppen. Ohne diesen zu reflektieren, wird geschlechterbedingte Ungleichheit nicht überwunden werden.

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