16. Joseph-Höffner-Vorlesung: Das Stigma seelischer Leiden als gesellschaftliche Herausforderung

 

Gastbeitrag und Foto von Lars Schäfers

 

Mehr als jeder sechste Studierende (etwa 17 Prozent) ist in Deutschland von einer psychischen Erkrankung betroffen. Das entspricht rund 470.000 Personen. Diese Zahlen aus dem Arztreport 2018 der Barmer Krankenkasse sind besorgniserregend. Für Betroffene ist dies nicht nur während des Studiums, sondern auch bei Eintritt ins Arbeitsleben eine besondere Herausforderung, etwa für Lehramtsstudierende, die eine Verbeamtung anstreben.

Die Stigmatisierung von Menschen mit psychischen Erkrankungen ist ein Forschungsfeld von Prof. Dr. Dr. Jochen Sautermeister, der Moraltheologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Bonner Universität lehrt. „Wenn seelische Krankheit zum Makel wird“ – unter diesem Titel hielt er am 12. Juli die diesjährige Höffner-Vorlesung, die alljährlich von der Joseph-Höffner-Gesellschaft im Universitätsclub Bonn im Rahmen des Studium Universale veranstaltet wird. Das Format dient dazu, „das wissenschaftliche und pastorale Lebenswerk Joseph Höffners lebendig zu halten und im Blick auf aktuelle Fragen weiterzuführen“, so Prof. em. Dr. Dr. h.c. Lothar Roos, langjähriger Gründungs- und nun Ehrenvorsitzender der Gesellschaft in seiner Einführung.

 

Die gesellschaftliche Relevanz des Themas verdeutlichte Sautermeister zu Beginn anhand gesundheitsstatistischer Befunde: Psychische Erkrankungen können nicht einheitlich definiert werden. Sie zählen aber zu denjenigen Krankheitsgruppen, die die höchsten volkswirtschaftlichen Kosten – 2015 13,1 Prozent der gesamten Krankheitskosten – verursachen. Die Zahlen zur Diagnosehäufigkeit sowie zu Arbeitsunfähigkeit und Frühverrentung aufgrund psychischer Erkrankungen steigen seit Jahren. Hinter diesen Daten steht das Leid der Betroffenen und ihrer Angehörigen.

 

Verstärkt wird es durch die Erfahrung von Stigmatisierung als einer „zweiten Krankheit“, so Sautermeister. Krankheiten wie Schizophrenie, Zwänge oder Alkoholsucht erwecken Vorurteile und Diskriminierungen. Betroffene werden zu „Stigma-Opfern“, auch indem sie die Vorurteile auf sich selbst beziehen. Die Chancen zur Heilung der eigentlichen Krankheit werden durch das Stigma beeinträchtigt. Und als wäre das nicht schon genug, kann zudem eine „moralische Stigmatisierung“ hinzutreten. Eine solche geschieht, wenn etwa Menschen mit einer bestimmten Persönlichkeitsstörung als unberechenbar oder boshaft abgestempelt werden, oder wenn depressive Menschen unter Generalverdacht gestellt werden wie nach der Germanwings-Katastrophe, erläutert Sautermeister.

Studierende mit psychischen Erkrankungen brauchen Annahme und Hilfe statt Druck und Stigma.

Was also kann man tun? Zunächst einmal ist die krankheitsbedingte vielschichtige Verletzbarkeit und Zerbrechlichkeit der Betroffenen wahrzunehmen, jedoch ohne diese auf ihre einschränkenden Merkmale zu reduzieren. Letztlich geht es um die Frage: „Was ist normal“? Normal ist es, verletzlich und verwundbar zu sein, betonte Sautermeister. Wer auch um seine eigene Verletzlichkeit weiß, muss sich von seelisch Erkrankten nicht ab- und diese nicht ausgrenzen. Toleranz und Empathie sind gefragt. Als Theologe verwies Sautermeister zudem auf die Krankenheilungen und Dämonenaustreibungen Jesu und seinen Auftrag dazu an seine Jünger. Jesus weist die stigmatisierende Vorstellung von Krankheit als Sündenstrafe entschieden zurück. Es ist festzustellen: „Der Wunsch nach Heilung, der Wunsch nach Anerkennung und der Wusch nach Selbstannahme haben eine innere Korrespondenz zur christlichen Botschaft.“

 

Und Höffner? In seinem Lehrbuch „Christliche Gesellschaftslehre“ hat dieser bereits auf die Bedeutung von medizinischer Prävention und Rehabilitation im Sinne von „Hilfe zur Selbsthilfe“ hingewiesen, stellte Sautermeister den Bezug zum Werk des ehemaligen Kölner Erzbischofs her. Es geht um „subsidiäre Solidarität“ im Hinblick auf das Menschenrecht auf bestmögliche medizinische Versorgung, führt Sautermeister Höffners Ansatz fort.

 

Dass ein solch tabuisiertes Thema wie psychische Erkrankungen und der Umgang mit ihnen zu denken geben, bezeugte nicht zuletzt die anschließende, von dem evangelischen Theologen Prof. Dr. Eberhard Hauschildt moderierte Publikumsdiskussion. Hierbei wurden unter anderem die frühere Dämonisierung seelischer Leiden im kirchlichen Kontext ebenso angesprochen wie das umstrittene Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz der bayerischen Landesregierung. Es zeigte sich: Das Thema muss verstärkt auf die gesellschaftliche und wissenschaftliche Agenda, denn trotz diverser Anti-Stigma-Programme konnte eine nachhaltig wirksame Strategie zur Prävention bisher noch nicht gefunden werden. Auch an der Universität muss in dieser Hinsicht noch mehr getan werden. Studierende mit psychischen Erkrankungen brauchen Annahme und Hilfe statt Druck und Stigma.

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