„Developing open source software is a political act.“

Wir haben uns den freien Markdown-Editor Zettlr und seinen Entwickler Hendrik Erz mal angeschaut. Ein kurzer Überblick über ein Programm (nicht nur) für GeisteswissenschaftlerInnen.

Gute Software fürs Studium kann oft teuer sein oder sein Zielpublikum verfehlen. Wir sprechen heute mit einem jungen Bonner Entwickler, der ein quelloffenes Programm zur Hilfe bei wissenschaftlichen Arbeiten geschrieben hat. Bei einem Bier im Café Blau erzählt er uns von seinem Programm Zettlr.


FW: Hallo Hendrik, stell dich unseren LeserInnen doch einfach einfach mal kurz vor und erzähle was du studierst oder studiert hast und gerade so treibst?

Hendrik: Ab dem Wintersemester 2011/12 habe ich hier den Bachelor Geschichte im Hauptfach mit Politik und Gesellschaft im Nebenfach studiert und das Ganze relativ regulär durchgezogen. Danach habe ich den Master für Gesellschaften, Globalisierung und Entwicklung dran gehangen, der seit diesem Semester durch den Soziologie-Master ersetzt wurde. Den Master habe ich Ende 2017 abgeschlossen. Anschließend war ich ein Jahr lang wissenschaftlicher Mitarbeiter hier am Institut und arbeite zur Zeit als wissenschaftliche Hilfskraft am Dekanat der Uni Bonn. Gegenwärtig schaue ich mich nach Dissertationsstellen um.

FW: Du hast mit Zettlr ein Programm geschrieben, welches Leuten unter anderem beim beim Verfassen akademischer Schriften helfen soll. Was hat es damit genau auf sich?

Hendrik: Kurz gesagt ist Zettlr ein Markdown Editor. Davon gibt es mittlerweile sehr viele weil Markdown einfach praktisch ist, um Texte zu schreiben ohne viel Formatierung, Schriftgröße, Schriftart und so weiter.
Markdown an sich ist ein ziemlich einfaches Format, wo man beispielsweise fette Schrift mit Sternchen markiert kursiv mit Unterstrichen. Viele kennen das von WhatsApp. WhatsApp hat vor ein paar Jahren angefangen Markdown zu unterstützen. Zudem findet man das Prinzip auf den meisten Foren im Internet, und auf Seiten wie Reddit ist so etwas Standard. Zettlr mach das Ganze nun eben in Form einer Desktop-App und versucht, Markdown nicht nur für kurze Textschnipsel, sondern auch für ganze wissenschaftliche Arbeiten nutzbar zu machen (?). Der Vorteil liegt einfach darin, dass man sich bei einem Markdown Editor voll auf den Text konzentrieren kann, ohne Gefahr zu laufen, mit der Formatierung des Textes beim Schreiben zu prokrastinieren.

FW: Was hebt das Programm da jetzt von anderen Programmen aus diesem Bereich aus?

Hendrik: Man kann die Softwarewelt ganz gut in zwei Gruppen einteilen. Das eine sind Programme die sehr techniklastig sind. Da ist dann quasi alles mit Konsoleneingaben und Code sozusagen „matrixlike“ und die Programme richten sich nicht an gewöhnliche Benutzer sondern eben vor allem an Entwickler. Auf der anderen Seite stehen benutzerfreundliche Programme, bei denen man Dinge nur zusammenklicken muss. Alles möglichst intuitiv, visuell viel drag&drop und man sieht die Ergebnisse sofort (What You See Is What You Get. Abgekürzt: WYSIWYG). Das Ding ist jetzt, dass beide Gruppen von Software große Probleme haben. Wenn man ein solches Programm zu technisch hält, schließt man aber Leute wie Geisteswissenschaftler aus. Wenn man ein Programm wiederum „zu benutzerfreundlich“ macht, schränkt man die Leute darin ein, was sie potentiell alles mit dem Programm machen können. Es gibt ja auch immer einen Fall wo ein Entwickler eines Programms etwas spezifisches nicht bedacht hat.
Die benutzerfreundlichen Programme sind oft proprietär und die technischen Programme oft open source. Es ging mir massiv auf die Nerven, dass es kaum Programme da zwischen gibt und darum setzt sich Zettlr genau in die Mitte. Man muss sich nur ein paar der Markdown-Zeichen merken und kann sofort mit Zettlr arbeiten. Wenn man sich dann aber sagt, dass man mehr machen möchte und das alles noch ein bisschen tweaken möchte, dann kann man das eben bei Zettlr auch einstellen.

FW: Für wen und was genau wurde dein Pogramm konzipiert? Hattest du da schon von vorne herein eine bestimmte Gruppe im Blick?

H: Konzipiert wurde das Programm ursprünglich von mir für mich, weil ich seit 2014 immer mal wieder versucht, habe meinen eigenen Schreibstil zu verbessern. Man kennt es, dass die Länge und Menge der zu schreibenden Artikel im Laufe des Studiums immer länger werden. Wenn man aber jetzt immer mit Word-Prozessoren (Programme wie Microsoft Word, Libre Office) arbeitet, dann startet sich für jeden Text das Programm gegebenenfalls neu. Man öffnet eine Datei, darf suchen, findet die Stelle nicht, schließt das Programm wieder und so geht es dann immer weiter.  Weil mich das genervt hat, bin ich auf der Suche nach Alternativen auf Markdown gestoßen. Ich habe dann angefangen, alle möglichen Markdown Apps zu testen. Zwischenzeitlich hatte ich um die 20-25 dieser Programme gleichzeitig installiert, was ziemlich chaotisch ausgesehen hat.  Abgeholt hat mich davon aber keine so wirklich. Die Markdown Editoren für längere Texte waren fast alle entweder nur für technische Studiengänge konzipiert oder für reine Vielschreiber, wie SchriftstellerInnen. Da war dann wiederum der wissenschaftliche Anspruch eher zurückgestellt. Was fehlte, war ein Markdown Editor für die Geisteswissenschaften. Ich habe dann das Programm geschrieben und mir gedacht, dass das auch für andere Leute nützlich sein könnte und Quellcode und Programm freigegeben.


FW: Wie genau bekommt man seinen Text aus dem Markdown Editor aber jetzt in Form eines PDF Datenformats?

H: Was Zettlr ausgibt ist ja erstmal bewusst kein formatierter Text. Das Formatieren ist der letzte Arbeitsschritt im ganzen Schreibprozess. Um das entsprechend zu exportieren setzt Zettlr seinerseits auf Initiativen anderer Wissenschaftler wie zum Beispiel dem Programm Pandoc des amerikanischen Philosophieprofessors John MacFarlane womit man verschiedene Textdateien in andere konvertieren kann. Für den PDF-Export setzt Zettlr dann zusätzlich auf LaTeX. Das sind alles Open Source-Programme und man muss sie selber für die Benutzung von Zettlr auch nicht beherrschen da sie nur im Hintergrund werkeln.

FW: Was sind denn die absoluten Highlights unter den Features des Programms. Gibt es etwas was sonst noch keiner hat?

H: Das sind vor allem drei Dinge. Erstens bietet meine App einen Support für Zitation. Man wird sich im Studium ja irgendwann ein Literaturverwaltungsprogramm anschauen einfach um sich diesen Arbeitsschritt zu erleichtern. Bislang gab es eben noch keine Markdown App die gleichzeitig über eine Literaturverwaltungsfunktion verfügt hat. Die Kombination mit Markdown bietet sich hier eben auch deswegen an, weil man sich nicht von vorne herein auf die Zitationsweise festlegen muss und kein Problem hat, wenn der Dozent in der Mitte der Arbeit auf die Idee kommt diese ändern zu wollen.

Das zweite ist die Unterstützung für die sogenannte Zettelkastenmethodik. Also ein System was bekannt geworden ist durch Niklas Luhmann, aber nicht von diesem erfunden wurde. Also, dass man Zitate und Gedanken erst einmal aufschreibt und für das Texteschreiben einsortiert und aufbewahrt. Das kann Zettlr nativ, während es das bei den meisten anderen Programmen so nicht ohne spezielle Anpassungen oder eben nur in proprietärer Form gibt. In Zettlr gibt es dann ein paar spezielle Funktionen um beispielsweise das Zitat direkt mit dem Text zu verlinken.

Und der dritte Punkt ist, dass Zettlr versucht eine Art „Whitebox“ für alle möglichen Arten zu Schreiben zu sein. Mir ist sowohl als Lehrendem als auch selber als Lernendem an der Universität aufgefallen, dass jeder seine ganz eigene Art zu schreiben hat. Da ist Zettlr eben gut, weil man es völlig frei anpassen kann und die App einem viele Möglichkeiten lässt.

FW: Was brauchen die NutzerInnen um das Programm verwenden zu können? Für welche Geräte und Plattformen/Betriebssysteme ist Zettlr genau verfügbar?

H: Im Prinzip funktioniert die App auf allem außer Smartphones. Aber wenn wir mal ehrlich sind schreibt wohl kaum jemand an einem solchen Gerät längere Texte. Ich liefere selber Installer von Zettlr für Windows, MacOS und für Linux für debianbasierte Betriebssysteme wie Ubuntu sowie für fedorabasierte Systeme wie Fedora, CentOS und Redhat. Eine tolle Sache von open source ist, dass seit neustem eine, mir selbst unbekannte Person, immer wenn ich eine neue Version herausgebe diese auch für User von Arch-Linux kompiliert und bereitgestellt.

FW: Woher genau hast du eigentlich die Skills die dann zur Umsetzung des Projektes geführt haben? War das sozusagen eine Art autodidaktisches Nebenstudium oder kommst du beruflich aus dieser Richtung?

H: Ich habe nach dem Abi tatsächlich überlegt ob ich Informatik studieren soll. Das wäre mir aber alles ein bisschen zu nerdig gewesen, weswegen ich mich dann doch für die Geisteswissenschaften entschieden habe (grinst). Ich programmiere aber im Prinzip schon seit ich 14 bin habe damals mit HTML, CSS, Javascript und Co. angefangen bis ich dann die ersten C++-Programme geschrieben habe die auch schon in die Richtung von Word gingen. Das Ganze wurde dann vom Studium unterbrochen und seit 2017 bin ich wieder am Programmieren um diese App zu verwirklichen. Alles was ich in dem Bereich erlernt habe war aber autodidaktisch. Eine formelle Bildung dazu habe ich nie bekommen.

FW: Zettlr ist frei und open-source verfügbar. Da kann man nur sagen, verdammt cool und vielen Dank dafür. Du wirkst auch nicht gerade wie der Yuppie mit dem Startup-Unternehmen in der Garage!

Aber einige fragt sich natürlich; Warum genau? Mit der Idee ließe sich doch gewiss auch ganz prima Geld verdienen. Also soll das alles so frei und offen? Oder dürfen die NutzerInnen sich jetzt schonmal angefixt fühlen und schließlich eine kostenpflichtige Pro-Version erwarten?

H: Wie heißt es so schön. Beziehungsstatus: It’s complicated. Es sagen mir ständig Leute „Alter! Mach das zu Geld!“. Ich würde jetzt lügen, wenn ich das nicht schon überlegt hätte. Aber! Ich habe jetzt vor ein paar Wochen auf dem Twitter Account von Zettlr den Tweet rausgehauen: „Developing open source software is a political act.“. Ich denke das vor allem Software an sich sollte frei verfügbar sein. Wenn wir uns im Bereich Digitalisierung bewegen kann man Dateien beliebig oft ohne Produktionskosten vervielfältigen. Ich halte es nicht für sinnvoll, dass Softwareentwickler Geld für ihre Software verlangen. Zum einen hat man durch opensource die Möglichkeit, dass Außenstehende mitmachen und man nicht alles alleine stemmen muss. Ansonsten ist das wie mit Lehrmitteln deren Bereitstellung auch vom Staat gefördert wird. So wie es gerade oft bei Software läuft ist so als würde der Steuerzahler einmal den Wissenschaftler bezahlen um einen Text zu schreiben und dann aber nochmal um den Text in einem Journal lesen zu dürfen. Das ist ein sinnloses System. Wofür man Geld verlangen können sollte ist alles was mit Support zu tun hat. Aber Software an sich sollte eben frei sein, denn diese zu duplizieren lässt sich quasi ohne Kosten durchführen.

Zum Glück ist das auch die Tendenz zur Zeit wenn man sich die großen Firmen anschaut die viele Programme kostenfrei zur Verfügung stellen. Die Lizenz von Zettlr wurde auch von mir von der sehr liberalen MIT-Lizenz auf die GNU GPL v3 Lizenz umgestellt die es bei einer Weiterentwicklung verbietet dieses Programm dann zu kommerzialisieren.
Wenn ich als Geisteswissenschaftler es kenne nicht über das große Geld zu verfügen und es hasse für teure Software zahlen zu müssen, warum sollte ich das dann anderen aufbürden.
Nichts desto Trotz gibt es auch einen Spenden-Knopf auf der Seite von Zettlr und man kann mir Geld schicken, wenn man die Software nicht nur gut findet sondern mich auch unterstützen möchte.
 
FW: Hörst du denn oft den Begriff Startup im Bezug auf dein Projekt wenn du davon erzählst?

Ja. Andauernd.

(falls ja) Schmeichelt dir das und klingt das nach Ambition oder gibt das eher zentralen Kopfschmerz?

Wieder schwierig. Auf der einen Seite hätte man dann schon gegebenenfalls Geld für die Dissertation, auf der anderen Seite wäre dann das Programm auch nicht mehr quelloffen und es gäbe irgendwas mit Premium-Angebot oder dergleichen.

Wenn man sich die Startup-Kultur gerade aber auch anschaut ist es ja so. Jemand hat eine Billo-Idee, sammelt dann ordentlich Venture-Kapital ein und im Endeffekt stellen sich dann 90% dieser Ideen als Flop heraus. Das Problem hier ist, dass so unwahrscheinlich viel Müll erzeugt wird. Wenn ich mit so etwas wie Zettlr mal Geld verdienen sollte würde ich es wohl irgendwie anders aufbauen. Und sei es basierend auf Forschungsgeldern.

FW: Nutzt du auch selbst überwiegend freie Software in deinem Arbeitsalltag?

H: Ausschließlich. Von meinem Betriebssystem MacOS, und Avid Protools abgesehen nutze ich nur Opensource-Programme zur Zeit.

FW: Arbeitest du momentan alleine an dem Projekt, oder sind da noch mehr Leute in der Entwicklung involviert?

H: Im Moment arbeite ich alleine an der weiteren Programmierung des Projektes. Wobei da ja die meiste Arbeit gemacht ist und es nun eher um so kleine Schönheits-Operationen für die Effizienz des Projektes geht. Das ist ein Stück weit vielleicht auch eine gewisse Neurose das alles alleine machen zu wollen (lacht). Wo ich aber auf jeden Fall in Zukunft Hilfe brauchen werde ist für die Übersetzung des Projektes in verschiedene Sprachen, damit das Programm auch international bekannter wird. Momentan ist das Programm auf Deutsch, Englisch und Französisch verfügbar. Was mir ein Anliegen wäre ist das Programm eventuell mit ein paar Leuten auf Kurdisch übersetzen zu können und damit das erste Programm auf dieser Sprache zur Verfügung zu stellen.

FW: Das ginge auch wieder ein Stück weit in die politische Richtung.

H: Defintiv. Ich verstehe open source aber eben auch so, dass es darum geht alle irgendwo erreichen und mitnehmen zu können. Das Open steht für mich dabei sowohl für „quelloffen“, also, dass jeder sieht was das Programm macht, als auch dafür, dass das Programm zugänglich und benutzerfreundlich ist. Deswegen ist mir eine Übersetzung in mehr Sprachen auch so wichtig.

FW: Mit Latein könnte man dir wahrscheinlich nicht wirklich helfen?

H: (lacht) Es wäre irgendwie verdammt funny. Gibt es ja auf der Wikipedia und Facebook ja auch.

FW: Ist die Programmentwicklung für die Zukunft für dich eine konkrete Beruftsperspektive oder siehst du dies eher als Nebenbeschäftigung zu dem was du in deinem Studium gemacht hast?

H: Mein Plan ist zur Zeit defintiv erstmal an der Dissertation festzuhalten und dann wirklich auch als Wissenschaftler zu arbeiten. Sofwareentwicklung ist ganz gut um sich so eine Dissertation zu finanzieren, aber längerfristig möchte ich da nicht voll einsteigen. Da bin ich dann doch zu sehr der Opensource-Entwickler.
Wie geht es weiter mit Zettlr? Das Programm wird ja immernoch von dir weiterentwickelt. Hast du neue Features oder Arbeitsstellen am Programm welche dir da konkret vorschweben?
Also gerade ist die Version 1.2 in der Mache. Die Veränderungen dazu werden eher weniger an den Features selber sein sondern sich sehr viel darauf beziehen die Programmstabilität zu optimieren. Daneben sollen aber hoffentlich mit 1.3 dann auch alle Bibliotheksformate verfügbar sein. Wer einen Überblick über die geplante Entwicklung von Zettlr haben möchte oder diese selber mit anstoßen möchte kann auf GitHub nachschauen und dort oder auf Reddit ein Thema eröffnen.

FW: Wir danken dir für dieses Gespräch und wünschen viel Erfolg bei der weiteren Arbeit.

Hinweis. Für dieses Interview wurden Kürzungen und sprachliche Anpassungen durchgeführt.

Vorstellung und Download des Programmes:
https://www.zettlr.com/

Zettlr auf GitHub
https://github.com/Zettlr/Zettlr


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