Uni(s) ohne Geld

Demo KielVeraltete Laborgeräte, „Seminare“ mit 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, weniger Bibliotheksspinde als Silberfische in der heimischen WG-Küche – dass hier sowohl von Bonn als auch von vielen anderen Universitäten die Rede sein könnte, spricht wohl Bände. Tatsächlich haben besagte Umstände Ende des letzten Jahres in Kiel dafür gesorgt, dass Tausende Studierende Plakate malten und zum Landtag zogen, um rechtzeitig zur Haushaltsabstimmung den Abgeordneten die Dringlichkeit der Situation nahezulegen.
Bereits im Vorfeld hatte der AStA der Christian-Albrechts-Universität Kiel die Situation sehr konstruktiv begleitet und unter anderem die Berichte von Studierenden gesammelt; diese wurden den Abgeordneten unter dem Titel „Geschichten aus 1000 und einem Tag ohne Geld“ überreicht.
In dieser Sammlung sind Ungeheuerlichkeiten zu finden, aber auch Dinge, die uns auch in Bonn mittlerweile selbstverständlich vorkommen dürften. Beispielsweise berichtet die Soziologiestudentin Franziska, dass sie in ihrem Französischkurs „ziemlich sicher“ „überhaupt nichts von der Sprache lerne“ – kein Wunder, bei 80 weiteren Teilnehmern. Auch über das insgesamt geringe Angebot an Seminaren, welches zu sehr hohen Teilnehmerzahlen führt, wird berichtet; in diesem Fall musste eine Studentin ihr Studium deswegen um 2 Semester verlängern und diese durch einen Studienkredit finanzieren. K.K. stellt fest, dass das WLAN in Mensa I mittags abgeschaltet wird, um Lernende – die keinen Platz mehr in den überlasteten Bibliotheken gefunden haben – zugunsten der Nahrungsaufnahmewilligen zu vertreiben. Berichte über durch Menschenmassen blockierte Notausgänge und daher abgebrochene Vorlesungen, minimalistische Bibliotheksbestände und ungeheizte Räume setzen diesen Gang durch die unrühmliche Geschichte der universitären Finanzierung fort. Vielen Kommilitoninnen und Kommilitonen dürften diese Einblicke aus Kiel ein mitleidiges Lächeln ins Gesicht zaubern – hier ist es doch genauso, manchmal noch viel schlimmer, und nach dem kurzen Bachelor kann man ja eh schnell wieder weg. Doch gibt es ein großes Aber: diese Zustände sind nicht selbstverständlich! Das Recht auf Bildung und die Erfüllung der Zugangsvoraussetzungen für die Hochschulbildung muss beinhalten, dass die Zustände in den Institutionen zumutbar sind, um das persönliche und gesellschaftliche Ziel eines Hochschulabschlusses zu erreichen.
Der AStA der CAU Kiel will dies den Studierenden und der Öffentlichkeit wieder ins Gedächtnis rufen. Unter dem treffenden Motto „Uni ohne Geld“ stehen in diesem Jahr weitere Aktionen an. Jedoch drehen diese sich um die insgesamt schlechte Situation an der Universität und den Zusammenhang mit der fehlenden Grundfinanzierung durch das Land Schleswig-Holstein; in Bonn steht derweil die nächste große Sparrunde an. 17 Professuren sollen perspektivisch nicht neu besetzt werden oder komplett wegfallen, das bereits in den letzten Jahren eingeschränkte Angebot an diversen Fächern schwindet nun weiter. Während die Rheinische Landesgeschichte in einen anderen Lehrstuhl integriert werden und somit immerhin zu einem Profil im Geschichtsstudium verkommen kann (s. S. 11 dieser Ausgabe), bangen andere „Orchideenfächer“ wie die Keltologie um ihre gesamte Existenz (s. Seite 2). Während in den letzten Jahren meistens hauptsächlich die Philosophische Fakultät von Einsparungen betroffen war, sind es diesmal alle Fakultäten. Grund dafür: das „strukturelle Defizit“ von ca. 10 Millionen Euro, also feste Ausgaben, die nicht gegenfinanziert werden können. Dieses besteht seit mehreren Jahren, konnte aber bisher immer durch Rücklagen von Fakultäten, Instituten und Lehrstühlen ausgeglichen werden. Dass das nicht Sinn der Sache ist, ist deutlich: mittlerweile wird bereits jede dritte Beschäftigung an der Uni durch Drittmittel finanziert.
In Bonn besteht also, neben vielen anderen Baustellen, das gleiche Problem wie in Kiel: die Grundfinanzierung der Universitäten ist zu niedrig angesetzt. Die Uni kann zwar besser wirtschaften und auf langfristige Verbindlichkeiten wie die Exzellenzinitiative verzichten, diesen Grundmangel ausgleichen kann sie jedoch nicht. Drittmittel und auch die immer wieder ins Gespräch gebrachten Studiengebühren helfen hier nicht weiter; eine Diskussion um den Wert von Bildung für die Gesellschaft und die entsprechende Bereitschaft zu Investitionen des zuständigen Landes muss her. Die bald greifende Schuldenbremse macht diesen Gedanken jedoch wohl erst mal einen Strich durch die Rechnung. Bleibt noch der Bund – der wegen des Kooperationsverbotes jedoch nicht in die Grundfinanzierung der Universitäten einsteigen darf, eine entsprechende Änderung des Grundgesetzes ist derweil nicht in Sicht. Die freiwerdenden Bafög-Millionen könnten eine Chance für die Länder sein, mehr in die Hochschulen zu investieren, werden jedoch vermutlich nur zur Konsolidierung der Haushalte und zur Finanzierung anderer Baustellen wie dem KiTa-Ausbau genutzt.
Von allein ändern sich also die desaströsen Zustände nicht. Die Aktion „Uni ohne Geld“ in Kiel hat immerhin die schleswig-holsteinschen Abgeordneten, Presse und Öffentlichkeit aufgeschreckt. Es wird also Zeit, sich auch in anderen Städten der seltsamen Selbstverständlichkeit zu entledigen, Bildung könne nur am Rande der Zumutbarkeit erworben werden, in starker Konkurrenz mit den Kommilitoninnen und Kommilitonen, die genauso um die Ressourcen kämpfen müssen. Wie eine Studentin der Kieler Geowissenschaften bemerkt: „Zur Zeit habe ich das Gefühl, als müsste ich um jedes Stück Bildung kämpfen, lospreschen und die Erste sein, um mir meinen Anteil am Wissen zu ergattern. Was für Menschen soll denn dieses erzwungene Ellenbogenverhalten hervorbringen?“
Mittlerweile wird auch im Bonner AStA und in der Fachschaftenkonferenz über mögliche Maßnahmen für unsere Universität diskutiert. Im Laufe des Jahres wird es also wohl auch hier Aktionen zum Motto „Uni ohne Geld geben“ – wir freuen uns, wenn ihr dabei seid und euch dafür einsetzt, endlich annehmbare Bedingungen für euer Studium und das nachfolgender Semester zu erreichen. Die konkrete Situation an der Universität Bonn und den Verlauf der Stellenstreichungen verfolgen wir als Basta natürlich intensiv.

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