Bericht aus Übersee

 Politische Eindrücke zur Vorwahlstimmung in den USA

Gastartikel von Jakob Strohmaier

ladylibertyEs ist Montag, der 26. September, 20 Uhr: Meine Gastschwester öffnet eine Flasche Sekt und schenkt ein. Wir sitzen vor dem Fernseher und schauen „The debate“. Das Highlight des Tages, die Kinder sind schon ins Bett gebracht worden, die Erwachsenen schauen sich jetzt 90 Minuten wegweisende Diskussion über die Zukunft ihres Landes an.“Wrong!“ hört man Donald Trump seiner Rivalin ins Wort fallen. Was als seriöse politische Debatte beginnt wird, driftet nach wenigen Minuten in Kindergarten-Gesprächskultur ab. Dafür hätte man die Kinder nicht ins Bett schicken müssen.

Seit ich 2010 in Houston ein Semester als Deutscher Austauschschüler verbracht habe, halte ich regen Kontakt zu meiner damaligen Gastfamilie. So bin ich auch dieses Jahr wieder für ein paar Wochen in Texas, um meiner mittlerweile 30-jährigen Gastschwester und ihrem Mann im Haushalt etwas unter die Arme zu greifen und alte Klassenkamerad_innen zu besuchen. Dieses Jahr habe ich mir angesichts der anstehenden Wahlen auch vorgenommen, Meinungen über die diesjährige – stark polarisierende – Wahl einzufangen, damit auch wir in Deutschland abseits von Fox- und CNN-Beiträgen einen kleinen Eindruck erhalten, was im Kopf der Amerikaner so vor sich geht.

Die ersten Tage verbrachte ich in Austin bei einer Klassenkameradin, die dort das College besucht. Nach zwei bis drei Tagen und etlichen Versuchen jemanden zu finden, der sich für ein paar Fragen bezüglich der anstehenden Wahl zur Verfügung stellen würde, war jedoch klar: Amerikanische Studenten interessieren sich für Politik ihres Landes vermutlich weniger, als ihre deutschen Kommilitonen es tun. Für sie würde sich mit der Wahl vermutlich nicht viel ändern – warum also Energie für ein so komplexes Thema wie Politik aufbringen, wenn man diese auch in wichtige persönliche Dinge wie Football oder Lernen stecken kann. Natürlich gibt es auch politisch sehr interessierte Studenten, jedoch sind das eher die, die später auch in Politik und Wirtschaft hohe Positionen einnehmen werden und eine der bekannten Ivy League Schools – wie beispielsweise Harvard oder Yale – besuchen.

Letzten Endes erbarmte sich jedoch Kyle, ein 26-jähriger Informatikstudent und überzeugter Nichtwähler, etwas über seine Sicht der Dinge zu erzählen.
Grundsätzlich unterstützt er eher die die Demokraten, aber Hillary Clinton habe sich mit ihren fragwürdigen Sponsoren wie Saudi-Arabien, ihrer E-Mail Affäre oder Bengasi derartig blamiert, dass sie offensichtlich nicht für die Werte stehe, die sie propagiere. Eher habe sie dadurch wieder einmal bewiesen, dass sie in einem Netzwerk von moralisch höchst fragwürdigen Sponsoren die offizielle Marionette spiele, die – um Wählerstimmen zu gewinnen – versuche, bestmöglich die Meinung der Wähler einzufangen. Dadurch könne sie dann mit der ihr zugesprochenen Macht Forderungen ihrer „Strippenzieher“ erfüllen und durchsetzen. Generell lautet der Vorwurf also: intransparente Politik, die die Bürger nicht berücksichtigt, sondern ausnutzt.
Trump sei da wenigstens ehrlich, jedoch nutze er eher die Emotionen der Bürger mit seiner Panikmache aus, um Beliebtheit zu gewinnen. Was er als Präsident letztendlich tun würde und ob er als politisch unerfahrener Selbstvermarkter die USA gut vertreten könnte, weiß Kyle nicht.  Seiner Meinung nach ist Trump ungeeignet, da er mit Hetze gegen Minderheiten und aufgeblähten Wahlversprechen kein Land regieren kann.  Seiner Ansicht nach wird die Wahl Clinton gewinnen – es könnte jedoch knapp werden.

Generell lässt sich diese Einstellung von ihm wohl am besten mit dem deutschen Begriff „Politikverdrossenheit“ beschreiben.

Wieder zurück in Houston schilderte mir Robbie, der Mann meiner Gastschwester, seine Sicht der Dinge. Er kommt ursprünglich aus dem Norden der USA, ist erst später als Teenager nach Texas gezogen und Eigentümer einer Firma für Medienproduktion. Trotzdem sieht auch er die Kandidatin der demokratischen Partei als gescheitert an. Ihre Art zu sprechen entspreche nicht dem Wunsch von vielen Amerikanern. Zudem lüge sie über viele Sachverhalte, laut ihm würden bedeutend mehr Amerikaner gegen sie Stimmen, wenn sie wüssten, wie die Clinton-Familie die letzten Jahre Geld verdient habe. Ihr gehe es um den Profit, den sie aus der Politik schlagen könne und nicht um das Wohlergehen Einzelner. Ein klassisches Beispiel für ihre Art sei ihre wechselnde Einstellung zur gleichgeschlechtlichen Ehe. Diese unterstütze sie nur, weil es im Zeitgeist der Demokraten liegt und diese sie nun akzeptieren, allerding hatte sie vor mehreren Jahren das genaue Gegenteil behauptet und würde dies nun nicht einmal mehr einräumen. „Crooked Hillary“, wie sie Trump passend nennen würde.
Clinton steht ziemlich schlecht da, obwohl sie die vollste Unterstützung der Medien in den USA hat. Dies sei ein weiterer Punkt, der zeige, wie inkompetent sie sei. Trump wird von den Medien regelrecht zerrissen und steht trotzdem fast auf Augenhöhe mit ihr. Und das trotz rassistischer Tweets und fehlender Rückendeckung durch die Medien.
Trump würde seiner Meinung nach auch niemals eine Mauer bauen, es gehe eher um die Verbildlichung seiner Migrationspläne. Rein linguistisch betrachtet setzt er damit ein viel direkteres Bild in die Köpfe seiner Wähler, das mache ihn eben beliebt. Um Politik in Amerika zu betreiben, brauche man keine ausgearbeiteten eloquenten Ansprachen, man brauche etwas, das das Volk sich leicht merken und verinnerlichen kann. Robbie persönlich denkt, dass Trump gewinnt, denn Hillary sei krank und treibe mit ihrer Verlogenheit die Leute eher weg von ihr.
Knapp wird es dennoch und seine Stimme gebe er nur ungern Trump – aber immer noch lieber als Hillary.

Als letztes sprach meine Gastschwester Caroline mit mir über die anstehende Wahl. Sie arbeitet im Marketingbereich und managt sowohl Job als auch ihre junge Familie mit viel Engagement. Ihre Abwägung zwischen beiden Kandidaten misst sich daran, welcher Kandidat weniger furchtbar ist.  Auch sie ist der Meinung, dass Clinton einfach nicht die Transparenz bietet, die man als „ordentlicher“ Politiker seinen Wählern bieten sollte. Clinton wirke einfach zu aufpoliert und nicht authentisch, Trump allerdings sei zwanghaft „real“ so dass auch er merkwürdig gestelzt wirke.
Ihre ganz persönliche Meinung ist, dass Trump von Anfang an eigentlich nur mehr Popularität aufbauen wollte und dann zur Selbstvermarktung seines Labels vielleicht ein Buch über den Wahlkampf als neuer „Insider“ schreibt. Sein eigentliches Ziel sei es also gar nicht, zu gewinnen, sondern nur mehr in die Medien zu kommen (was er offensichtlich momentan mehr als genug täte).
Sie wäre als eigenständige hart arbeitende Frau mit Familie eigentlich sehr gerne hinter der vielleicht ersten Präsidentin der vereinigten Staaten, aber sie vertraut ihr zu wenig. Es seien einfach zu viele Lügen und zu viele Fehler, auf denen Hillary steht.
Zudem sei es ganz gut für die USA, dass Trump die „Freedom of Speech“ zu einem neuen Level hebe, immerhin befinde man sich immer mehr auf einem Pfad, der einen zwinge, auf Eierschalen zu laufen, wenn man über politische Themen spreche. Auch wenn er ein radikaler, intoleranter, kaltblütiger Geschäftsmann sei, seine Äußerungen sollten vielleicht eher als symbolischer Akt gesehen werden.
Auf der anderen Seite wäre Hillary Clinton als erfahrene Politikerin mehr für Auslandsgespräche geeignet als Donald Trump, der niemals ein Blatt vor den Mund nehmen würde.
Insgesamt sei sie immer noch unentschieden zwischen den beiden Kandidaten, generell denkt sie aber, dass Hillary Clinton wohl eher gewinnen wird.

Alles in allem sind die meisten Leute (auch wenn man sich nicht lange mit ihnen über Politik unterhält) sehr überzeugt davon, dass die anstehende Wahl eine Entscheidung zwischen Pest und Cholera ist. Immerhin eine Erkenntnis ihrer eigenen Situation trotz des faden Beigeschmackes von Resignation an der bestehenden Lage. Ironischerweise fängt die aktuelle Staffel der Serie „South Park“ diese Stimmung sehr gut auf. Und analysiert diese Sendung auch besser als die meisten Pressemedien, da diese leider sehr voreingenommen sind und man oft nicht alles zu hören bekommt, was für eine fundierte Entscheidung notwendig wäre.

Vielleicht lehrt Amerika uns mit dieser Wahl ja auch, dass man nicht mehr in einem Spektrum zwischen links und rechts denken sollte, sondern zwischen richtig und falsch, oder wie es wahrscheinlich in diesem Fall eher ist, falsch und falsch.

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