Tradition um der Tradition willen ist ein überholtes Konzept

Ein kritischer Blick auf das Verbindungswesen

Kommentar von Laila N. Riedmiller

Karikatur: Jan Bachmann

Karikatur: Jan Bachmann

Zu Beginn soll klargestellt werden, dass dieser Artikel nicht den Anspruch erhebt, sich in aller Vollständigkeit mit allen Phänomenen von Verbindungen, Corps und Burschenschaften auseinanderzusetzen. Hierfür wären wesentlich mehr als 4000 Zeichen erforderlich.
Allerdings sollen einige der Argumente zusammengefasst und beleuchtet werden, die im Allgemeinen als Kritikpunkte an Verbindungen und Burschenschaften herangetragen werden. Wenn ich im Folgenden von „Verbindungen etc.“ spreche, soll dies auch Burschenschaften der Einfachheit halber mit einschließen, natürlich jedoch in dem Bewusstsein, dass eine Pauschalisierung gleich welcher Art Teil des Problems bei der Debatte über studentische Verbindungen ist und kein Teil der Lösung.

Das Sexismus-Problem und die Vorstellung von Männlichkeit
Häufig wird betont, dass die Struktur von zumeist ausschließlich aus männlichen Mitgliedern bestehenden Verbindungen u.a. dazu beitrage, sexistische Rollenbilder in der Gesellschaft fortzuführen. So wird schnell deutlich, dass die Vorteile, von denen Burschenschafts- und Verbindungsmitglieder profitieren, zumeist nicht für Frauen gelten, beispielsweise berufliche Vorteile, die sich über Bekanntschaften entwickeln. Auch das Verhalten Frauen gegenüber ist häufig von sexistischen Vorurteilen und Überfürsorge gekennzeichnet. Sollen es auch gute Absichten sein, so ist ritterlicher Sexismus wie das Türaufhalten, schwere Dinge tragen, nach Hause begleiten oder im Restaurant bezahlen nur aufgrund des Geschlechts, mehr schädlich denn nützlich. (Hierbei sei klargestellt, dass nicht jede Form bspw. des Türaufhaltens, Bezahlens etc. diskutabel sei. Die Frage nach den Absichten dahinter ist entscheidend. Halte ich die Tür allen Menschen auf, weil ich freundlich sein möchte, so ist dies nicht sexistisch. Wenn ich es jedoch nur Menschen gegenüber tue, die weiblich sind, weil mir beigebracht wurde, dass dies so richtig sei, dann handelt sich um eine sexistische Vorstellung, der ich anhänge.)
Selbstverständlich darf in der Debatte nicht vergessen werden, dass bereits viele Verbindungen etc. reagiert haben, sich auch für Frauen öffneten oder sich gar Damenverbindungen gründeten. Allerdings ist auch damit weiterhin ein gewisses Rollenverständnis nicht automatisch aus der Welt geschafft.

Zudem wird ein recht eindeutiges Bild von Männlichkeit deutlich, das häufig innerhalb der Gruppen angestrebt wird und meist mit Attributen wie Härte, psychischer wie körperlicher Stärke und Heterosexualität verknüpft ist. Daraus ergibt sich nicht nur, dass dementsprechende Verbindungen u.a. exklusivistisch sind, weil sie Männer, die diesen Rollenklischees nicht entsprechen, ausschließen. Ein sehr hoher Erwartungsdruck, mit dem Männer so konfrontiert werden, führt dazu, dass eine Befreiung von diesen Rollenbildern wesentlich schwerer fällt, da mit ihr soziale Konsequenzen (etwa der informelle Ausschluss aus den entsprechenden Gruppierungen) einhergehen.

Traditionen als Wert und deren Auswirkungen
Auch die Argumentation, dass Traditionen generell etwas Positives seien, ist mitunter höchst problematisch. Nicht nur, dass damit eine reaktionäre Weltanschauung einhergehen kann, die positive Veränderungen erschwert, es besteht auch die häufig real werdende Gefahr, dass Verbindungen etc. es versäumen, sich an veränderte, „modernere“ Gegebenheiten anzupassen und einer gesellschaftlichen Liberalisierung zu folgen.

Häufig wird vonseiten kritisierter Verbindungen etc. argumentiert, dass der Beitritt ein freiwilliger sei und es sich bei den Gruppen um abgeschlossene gesellschaftliche Räume handle. Hierbei ist anzumerken, dass isolierte Räume in einer pluralisierten und zunehmend geöffneten Gesellschaft immer seltener existieren und deren Phänomene auch auf andere Teile der Gesellschaft ausstrahlen. Dies wird beispielsweise deutlich, wenn man sich vor Augen führt, dass ein Vorstandsvorsitzender, der möglicherweise in einer sehr konservativen Verbindung heimisch ist, natürlich seine mitunter exkluvistischen Ansichten in den eigenen Betrieb mit einbringt und so das dortige Klima beeinflusst.
Auch stellt sich die Frage, inwiefern ein Beitritt freiwillig ist, wenn er häufig vor allem aufgrund einer katastrophalen Wohnungsmarktsituation geschieht, als Verbindungen etc. konkurrenzlos günstige Zimmer anbieten und Studierende gezwungen sind, möglichst zeitnah die Wohnung oder das Zimmer zu nehmen, welches sie bekommen können. Hierbei wird bei Inseraten häufig sogar verschleiert, dass es sich bei dem angebotenen Zimmer um das innerhalb einer Verbindung oder Burschenschaft handelt und nur indirekt darauf hingewiesen.

Hierarchien und Unterordnung
Wenngleich das Conventsprinzip teilweise basisdemokratische Züge annimmt und so gemeinschaftlich über die Führungspositionen innerhalb der Gruppe entschieden wird, so bleibt doch die Frage, wie eine solche Hierarchisierung von Positionen und der Zugewinn von Privilegien durch eine lange Mitgliedschaft der Unterordnung zu rechtfertigen ist. Insbesondere in einer Zeit des Umbruchs, in der junge Studierende das Elternhaus verlassen und in eine neue Stadt ziehen, ist eine Selbstreflexion und Loslösung von gesellschaftlichen Zwängen möglich. Diese, so wird häufig argumentiert, würde durch den Eintritt in eine derartig hierarchische Struktur unterbunden und unterstütze stattdessen Autoritätshörigkeit und die Bereitschaft, sich unkritisch unterzuordnen. Eine Gemeinschaft sei jedoch nur dann von Wert, wenn sie aus einander gleichgestellten Menschen besteht.
Ein weiteres Problem der Hierarchisierung wird häufig in dem damit einhergehenden Gruppenzwang gesehen. So kommt man kaum umhin, als korporierter Student regelmäßig Stafetten zu trinken, bis einem schlecht wird –  und darüber hinaus. Dieser Zwang zum Alkoholkonsum ist nicht nur aufgrund der möglichen körperlichen Folgen gefährlich, wer nicht mitmacht, läuft Gefahr, geächtet zu werden.

Exklusiv ist besser?
Der bereits angesprochene Exklusivismus, der nicht nur geschlechtlicher Natur sein kann, spielt auch in anderen Lebensbereichen eine Rolle. Viele Verbindungen verstehen sich bspw. Als christlich und nehmen dementsprechend bevorzugt Christ_innen auf, manche nationalistisch-völkische Verbindungen wie bspw. die Bonner Raczeks (von denen sich inzwischen die meisten deutschen Burschenschaften und Verbindungen deutlich losgesagt haben) gehen gar nach Ethnie vor und nehmen ausschließlich autochthone Deutsche auf.
Dies zusammen mit durchaus weiterhin existierenden Seilschaften, die Mitgliedern von Verbindungen und Burschenschaften im Vergleich zu Nichtmitgliedern ohnehin berufliche Vorteile (bspw. Studentische Praktika, „Vitamin B“, finanzielle Unterstützung) garantieren, kann in vielen Berufen zu Problemen führen, da es die nicht korporierten Student_innen mit weniger Kontakten in entsprechende Berufsfelder wesentlich schwerer haben, bspw. Praktikumsplätze zu erhalten.
Die Benachteiligung auf dem Wohnungsmarkt, die allein aufgrund der Nichtzugehörigkeit zu einem bestimmten Geschlecht, Religion o.ä. entsteht, erschwert jenen Studierenden den Studienanfang erheblich.

Die Gretchenfrage: Wie hält man es mit „den Anderen“?
Ein weiteres großes Thema, das hier zumindest kurz beleuchtet werden soll, ist der Vorwurf rechtsradikaler, völkisch-nationaler Tendenzen in Verbindungen und Burschenschaften. Insbesondere hier gilt selbstverständlich, dass eine Verallgemeinerung mehr schadet als nutzt. Nachdem es 2011 beim von der Deutschen Burschenschaft ausgerichteten Deutschen Burschentag in Eisenach zu einem Eklat kam, da die Raczeks einen Antrag auf Ausschluss einer Burschenschaft mit der Begründung erwogen, diese hätten ein „nicht zum deutschen Stamme“ gehöriges Mitglied aufgenommen, ergab sich die implizite Forderung nach einem „Ariernachweis“ für Neumitglieder. Äußerungen wie diese zeigen, wie stark der Dachverband der Deutschen Burschenschaft nach rechts gerückt ist, seitdem es 1996 zu einer Austrittswelle liberaler Burschenschaften gekommen war, die sich u.a. mit dem Verhältnis der DB zur Nichtaufnahme von Kriegsdienstverweigerern oder dem sehr völkisch-nationalen Vaterlandsbegriff nicht länger identifizieren wollten. Dies gipfelte in der Gründung der Neuen Deutschen Burschenschaft 1996. Jedoch sind noch immer ca 70 Verbindungen deutschlandweit Mitglied in der Deutschen Burschenschaft, die sich zwar auf dem Papier von Rassismus distanziert, dies in der Praxis allerdings häufig nicht umsetzt. Extremismusforscher_innen gehen davon aus, dass der Einfluss rechtsnationalistischer Burschenschaften im Dachverband der Deutschen Burschenschaft sehr hoch ausfällt.
Generell scheint es mitunter ein Problem für manche Verbindungen und Burschenschaften zu sein, Theorie und Praxis miteinander zu vereinen. So wird schon in vielen Leitsprüchen von Burschenschaften, aber teilweise auch von Verbindungen, deutlich, dass Begriffen wie „Ruhm“, „Ehre“ und „Vaterland“ häufig eine sehr hohe Bedeutung zukommt. Insbesondere jedoch in Verbindung mit patriotischen bis völkisch-nationalistischen Einstellungen sind Begriffe wie „Ehre“ und „Ruhm“ mindestens kritisch zu reflektieren. Auch wurden und werden wiederholt AfD-Redner_innen eingeladen. Letzteres betrifft in Bonn besonders die oft erwähnten Raczeks, allerdings findet sich beim Stöbern auf den Web- und Facebookseiten auch anderer Burschenschaften teilweise ein Nationalismus, der sich bspw. Im Verweis auf die berühmte erste Strophe des Deutschlandlieds oder das Festhalten an bereits als diskriminierend entlarvten Traditionen manifestiert, in anderen Burschenschaften liegen Exemplare der Jungen Freiheit aus. Auch einige Publikationen, allen voran die sogenannten „Burschenschaftlichen Blätter“ der Deutschen Burschenschaft lassen oftmals eine rechte Gesinnung durchscheinen. Die Tendenz, sich mit der schriftlichen Distanzierung von rechtem Gedankengut loszusagen, scheint mitunter dazu zu führen, dass einige Verbindungen und Burschenschaften dies gleichzeitig als Beweis dafür sehen, rassistische Äußerungen und Einstellungen seien auch in der Praxis dort nicht akzeptiert. Diese Einschätzung jedoch führt dazu, dass bestehende, insbesondere strukturelle Formen von Rassismus, weiterhin übergangen und tradiert werden können. Dieses Problem scheint Burschenschaften wesentlich stärker immanent zu sein als Verbindungen.

Quo Vaditis?
Zusammengefasst lässt sich festhalten: Die Debatte über die inhaltliche Ausrichtung von Verbindungen und Burschenschaften ist noch längst nicht zu Ende. Häufig erschweren Vorurteile und Verallgemeinerungen beider Seiten die Auseinandersetzung, wobei Fakten oft zu kurz kommen. Es bleibt festzustellen, dass die bisherigen Debatten bereits teilweise zu Veränderungen und Modernisierungsbewegungen geführt haben, dass auch intern lautstark gestritten wird und es sich bei Verbindungen etc. nicht um einen einheitlichen, monolithischen Block handelt. Allerdings reichen die Veränderungen bisher nicht aus, vor allem sind diese längst nicht bei allen Verbindungen und Burschenschaften spürbar. Daher sollte sich jede_r die bzw. der mit dem Gedanken spielt, einer Verbindung, Burschen-, Damen-, oder Landsmannschaft beizutreten, auch ausführlich mit den Kritikpunkten auseinandersetzen und speziell die Gruppe, die sie_er ins Auge gefasst hat, auf diese hin durchleuchten. Ein Beispiel dafür, dass auch in Bonn Selbstreflexion und Modernisierung in Verbindungen möglich ist, ist die VDSt zu Bonn, die regelmäßig zu Vorträgen einlädt und dabei auch Politiker wie den L;inkspartei- MdB Gregor Gysi oder die Grüne MdB Katja Dörner als Referent_innen lädt – und so ein vielschichtiges Meinungsspektrum präsentieren kann.

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