Kosten und Nutzen

Ein Erfahrungsbericht von Hendrik Schönenberg

In den Semesterferien oder zu Beginn des neuen Semesters trifft es jeden Studierenden. BASIS wird geöffnet, der Studienverlaufsplan rausgeholt, das Modulhandbuch herausgekramt. Welche Veranstaltungen muss ich im nächsten Semester belegen? Welche Voraussetzungen gibt es? Welche Prüfungsleistung? Wann liegen die Veranstaltungen? und so weiter und so fort…. Jeder kennt dieses Spiel mit dem neuen Stundenplan. Dabei sind einige Regelungen von Fach zu Fach stark verschieden. Mediziner haben sehr wenig Auswahlfreiheit während in Fächern wie Germanistik die Module in nahezu beliebiger Reihenfolge, im Winter- wie Sommersemester belegt werden können. Klar ist jedoch: Was in der Prüfungsordnung steht, das gilt. Da kann man mit den Füßen stampfen, in Tränen ausbrechen und in Rage verfallen. Letztlich muss man sich geschlagen geben.

Eine ganz ähnliche Reaktion war an meiner eigenen Person zu beobachten, als in meinem eigenen Modulplan „Modul: Wirtschaft“ zu lesen war. Wirtschaft – nicht unbedingt mein liebstes Thema, aber es könnte doch ganz interessant werden und mir sicher weiterhelfen, so dachte ich bei mir. Tja. So kann man sich irren.

Wie vorgeschrieben gab ich in der ersten Woche meinen Antrag auf dieses Exportmodul ab und fand mich prompt am Juridicum wieder. Modul: Grundzüge der Volkswirtschaftslehre. Ein sehr beliebtes Exportmodul. Von Politologen bis Mathematikern und Juristen fanden sich neben der überwiegenden Mehrheit aus VWL-Studierenden im ersten Semester auch viele Nebenfächler in Hörsaal C ein. So auch ich: Lehramt Sozialwissenschaften. Der einzige Unterschied: Für uns ist VWL nicht frei wählbar. Zwei VWL Module sind Pflicht für alle (Grundzüge der VWL und Makroökonomik B).

„Grundsätzliches Verständnis der mikro- und makroökomischen Prinzipien“, so lautet das erste Lernziel für Grundzüge der VWL im Modulhandbuch. Weder an dieses noch an eines der anderen Lernziele kann ich nach dem Semester einen Haken setzen. Trotz hunderter Stunden am Juridicum und der Arbeit mit den eCampus-Materialien bleibt das Gefühl, nichts gelernt und nichts verstanden zu haben.

Natürlich kann der engagierte Volkswirt hier entgegenhalten, das läge eben an meinem mangelhaften mathematischen und logischen Verständnis und meiner Weigerung, mich wirklich auf das Thema einzulassen. Schlicht an meiner grundsätzlichen Abneigung. Sicherlich Einwände, die ihre Berechtigung haben. Aber nehmen wir doch mal ein paar allgemeine Struktureffekte in den Blick, institutionelle Effekte, die nicht nur mich als Person beeinflussen. Schwächen des Systems.

Es beginnt bereits mit dem System der Tutorien. Mikro- und Makroökonomik wechseln sich dabei nämlich wöchentlich ab, was zur Folge hat dass der Studierende nie auf dem gleichen Stand mit dem Tutorium ist. Oder umgekehrt: die Tutorien machen immer zwei Wochen lang das gleiche. Für sich kein Problem, kann ich doch so ein weiteres besuchen, wenn ich es nicht beim ersten Mal gecheckt habe. Richtig. Allerdings ist der Stoff des Tutoriums nie synchron mit dem der Vorlesung. Die Hälfte der Aufgaben gehören erst in zum Vorlesungsstoff der kommenden Woche. Wie soll ich so die Aufgaben vorher bearbeiten? Erst recht, wenn sie nur zwei oder drei Stunden vor dem Tutorium hochgeladen werden?

Der normale VWLer hört neben dem Grundzüge Modul auch noch BWL-Module und Mathematik Kurse. Alles Wissen, was auch bei Grundzüge mitreinspielt und nicht zuletzt sind Mathematikkenntnisse auch in Grundzüge von großer Bedeutung. Wird für die Nebenfächler dieser ganz natürliche Wissensmangel in irgendeiner Form kompensiert? Mit einem extra Tutorium als freiwilligem Angebot vielleicht? Fehlanzeige. Jeder muss schauen, wo er bleibt…im Zweifelsfall auf der Strecke.

Und was steht am Ende des Semesters? Business as usual: eine Klausur. Eine scheinbare unüberwindbare. „Aber machen sie sich keine Sorgen“, sagten die Professoren im Oktober, „sie müssen in der Klausur absolut nichts rechnen“. Ein Satz, der wirklich Hoffnung machte. Im Zuge der Veranstaltungen, besonders der Tutorien, bezweifelten wir jedoch, dass es so einfach sein würde – sah es doch am Ende jeder Sitzung so aus, als hätte ein formelwütiger Mathematiknobelpreisträger sich an der Tafel vergangen. Aber der Prof. hatte es gesagt…oder nicht?…also musste es ja stimmen.

Kurz vor der Klausur dann erreichte uns eine verwirrende Nachricht: Bitte bringen sie einen Taschenrechner zur Klausur mit. Sie werden verstehen, denke ich, dass ich skeptisch wurde. Und nach der Durchsicht einiger Altklausuren dann die erneute Ernüchterung: Rechnen mussten wir nicht, wir mussten keinen Rechenweg durchführen, keine Formeln oder Zwischenschritte notieren. Die ganze Klausur bestand aus Multiple Choice. Allerdings vergaßen unsere Lehrenden zu erwähnen, dass auch durchaus eine mathematische Aufgabe auftauchen kann und vier Brüche oder Kommazahlen die Antworten sind. Die Prüflinge müssen also nicht rechnen, nein, aber sie müssen aus einer Rechenaufgabe eine richtige Rechenantwort ableiten. Manche würden sagen, das ist rechnen. Für die Dozierenden der Volkswirtschaftslehre offensichtlich nicht.

In der Klausur ein weiterer Schockmoment: die Altklausuren waren wesentlich einfacher. Das ist also gute Klausurvorbereitung an der Staatswissenschaftlichen Fakultät. Eine Klausur, die übrigens die absolut gleichen Anforderungen für alle hat. Keine Verkürzung oder Erleichterung für Studierende anderer Fächer.

Wie kommt das Drama also zu seinem Ende? Die Klausur ist bestanden. Das Wissen fehlt. Bulimie-Lernen wie es im Buche steht. Aber an einer echten, kritischen Auseinandersetzung mit dem Stoff ist niemand interessiert.

Im nächsten Semester muss ich ein weiteres VWL-Modul belegen, Makroökonomik B. Ein Modul was der „normale VWL Student“ im 4. Semester hat, nachdem er unter anderem Makroökonomik A bestanden hat. Lehramtsstudenten, deren zweites Fach vielleicht nicht auch nur im Ansatz mathematisch oder naturwissenschaftlich ist, kann Makro B aber bestimmt trotzdem bestehen. Nach einem einzigen Modul. Dem allerersten in VWL. Und ohne Makro A. Jedem objektiven Beobachter dürfte klar sein: „Ja, da stehen die Chancen doch sicher extrem gut“.

Wie ich eingangs erwähnte, wählen viele Studierende anderer Fächer VWL als Exportmodul. Warum reite ich dann so auf den Lehramtsstudierenden rum? Die Antwort ist einfach. Wir sollen im Rahmen der Sozialwissenschaftlern Kindern wirtschaftliche Prozesse wenigstens in ihren Grundzügen erklären. Wir sollen die zukünftigen Generationen von Schülern mit der Wirtschaft und ihren Mechanismen in Kontakt bringen. Oft wird davon berichtet, dass Schülerinnen und Schüler keine Ahnung von Wirtschaft hätten. Wirtschaft und Ökonomie sollte ein eigenes Fach werden, argumentieren einige Ökonomen. Selbst die aktuelle schwarz-gelbe Landesregierung hat das eigene Fach Wirtschaft auf ihrem Programm. Es soll in NRW in den kommenden Jahren eingeführt werden.

Dabei zeigt meine Erfahrung mit der VWL in Bonn doch vor allem eines, nämlich dass die Probleme nicht erst in der Schule anfangen. Nach dem vergangenen Semester in den Katakomben des Juridicums fühle ich mich nicht darauf vorbereitet, Kindern dieses Fach näher zu bringen. Und das wird sich mit einem weiteren Modul, das in noch undurchsichtigere wissenschaftliche Untiefen abdriftet, sicher nicht ändern. Wie soll ich etwas unterrichten, was mir selbst nicht gut beigebracht wurde?

Naheliegend wäre deshalb, meiner persönlichen Meinung nach, nicht nur ein Überdenken des Studienverlaufsplans und ein wirkliches Angebot an Veranstaltungen auch für Studierende andere Fächer, sondern eine Änderung der gesamten Grundhaltung gegenüber den Studierenden anderer Fächer. Ein bloßes „Friss oder stirb!“ reicht definitiv nicht. Offensichtlich liegen für die Volkswirte die Kosten dafür jedoch eindeutig über dem Nutzen.  

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


5 − zwei =

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.