Die zwei Seiten von fridays for future: Ein Kommentar

Der Blick auf den Hofgarten festgehalten von Julian Klingenheben

Die week for climate hat gezeigt: Auch in Bonn ist fridays for future nach wie vor eine große Bewegung. Vom 20. bis zum 27. September campte die Klimabewegung im Hofgarten und protestierte für mehr Klimaschutz. Den Auftakt bildete dabei der weltweite Klimastreik am 20. An der Demonstration in Bonn nahmen laut den Veranstalter*innen 15.000 Menschen teil. Viele der Teilnehmenden dürften aus der integrierten Gesamtschule Bonn-Beuel gekommen sein, deren SV die gesamte Schule für die Demo mobilisiert hatte, jedoch auch viele Studierende waren auf der Demonstration vertreten. Allerdings nicht nur in Bonn, sondern weltweit ist fridays for future so erfolgreich wie nur wenige Bewegungen vor ihr. Normalerweise sind Bewegungen oft sehr kurzlebige und fragile Gebilde. Sie entstehen, wachsen und feiern große Anfangserfolge, irgendwann stoppt dann das Wachstum, die Bewegung stagniert, die Erfolge bleiben aus und die Bewegung beginnt zu schrumpfen, wird unbedeutend oder löst sich ganz auf. So erging es der Occupy Bewegung und auch der Partei, die eigentlich eine Datenschutzbewegung sein wollte, den Piraten. Bei fridays for future sind solche Tendenzen noch nicht zu entdecken, entweder macht die Klimabewegung also etwas richtig, was die anderen falsch gemacht haben oder der Punkt der Stagnation ist einfach noch nicht erreicht. So oder so am Thema Klimaschutz kommt in der BRD keine politische Partei mehr vorbei, selbst dann nicht, wenn sie trotz aller wissenschaftlichen Beweise nicht an den Klimawandel glaubt. Auch die Bundesregierung musste einsehen, dass sie sich an dem Thema Klimawandel zu bewähren hat und beschloss ein dem Klimaschutz gewidmetes Gesetzespaket, dessen Nutzen jedoch heftig umstritten ist. Auch weltweit ist die politische Wirkung von fridays for future nicht geringer, die Bewegung ist bereits in den meisten Ländern vertreten und besteht längst nicht mehr nur aus Schüler*innen und Student*innen. Andere gesellschaftliche Gruppen, Eltern, die sich um die Zukunft ihrer Kinder sorgen und auch viele Wissenschaftler*innen haben sich angeschlossen und verstärken die Bewegung. Und fridays for future wird inzwischen gehört, selbst auf höchster internationaler Ebene. Die Initiatorin und Symbolfigur der Bewegung, Greta Thunberg, sprach vor kurzem vor der UNO und redete den Spitzenpolitiker*innen der Welt ins Gewissen. Die Politiker*innen hofften vermutlich ihrerseits, dass alleine das Einladen der inzwischen sehr bekannten Aktivistin die Stimmung beruhigen und signalisieren würde, dass sie sich dem Problem des Klimawandels schon bewusst sind und daran arbeiten würden, selbst dann, wenn das was sie tun nur Symbolik ist. In jedem Fall ist aber unbestreitbar, dass die Bewegung weltweit politischen Druck ausübt und schon das ist eine nahezu beispiellose Erfolgsgeschichte, wenn man bedenkt, dass vor etwas mehr als einem Jahr die Aktivistin Thunberg noch alleine mit einem Schild aus Pappe vor dem schwedischen Parlament gesessen hat. Bei allen Erfolgen gibt es jedoch in der Klimabewegung einen zentralen Widerspruch, der stärker zutage tritt je größer die Reichweite und der Einfluss der Bewegung werden. Einerseits nämlich ist fridays for future eine Bewegung, die in einem politischem Raum mit dem politischen Mittel der öffentlichen Demonstration agiert und die ihre Botschaften und Forderungen an die offizielle Politik, also die Regierungen, richtet. Das sind dann etwa Forderungen nach einzelnen politisch durchzusetzenden Maßnahmen, wie etwa der schnelle Ausstieg aus der Kohleverstromung oder die weniger konkrete Forderung, dass die Politik alles tun soll, um den Klimawandel aufzuhalten. Zu diesem Zweck soll sie sich auf die Erkenntnisse der Wissenschaft stützen und dann dementsprechend handeln. Die andere Variante, die dieser politischen Herangehensweise an die Klimakrise gegenübersteht, ist eine viel individualistischere. Dieser Standpunkt fordert die Menschen auf, umzudenken und ihr Verhalten zu ändern, also weniger oder gar kein Fleisch zu essen, weniger Auto zu fahren und stattdessen öffentliche Transportmittel zu nutzen. Es geht bei diesem Standpunkt und dieser Herangehensweise also nicht darum, die Politik anzusprechen, sondern explizit jedes Individuum. In letzter Konsequenz stoßen hier zwei völlig unterschiedliche Weltbilder aufeinander: ein rein individualistisches und eines, das die ganze Gesellschaft sowohl als Subjekt als auch als Objekt einer zu erreichenden Veränderung in den Blick nimmt. Der individualistische Blickwinkel folgt dabei recht logisch aus aus der Art und weise, wie die  Mehrheit von uns in einer nach wie vor überwiegend nach den Maßstäben des Neoliberalismus funktionierenden Gesellschaft erzogen und sozialisiert wurden. Vielen wird in dieser Gesellschaft als Grundlage der Erziehung eingetrichtert, dass es eben nicht die Gesellschaft ist, die einem Individuum Erfolg ermöglicht oder nicht, sondern dass es alleine in der Hand des Individuums liegt, dass es seine Erfolge ganz alleine erreicht, aber eben auch für alle Misserfolge ganz alleine verantwortlich ist. Diese Sicht auf sich selbst stößt nun auf eine kollektive Bedrohung wie den Klimawandel und das Ergebnis ist dann eben ein moralischer Appell, anders zu denken und in der Folge auch anders zu handeln, der sich an jedes Individuum richtet. Natürlich wird so viel übersehen. Es wird von einer Freiheit des Individuums ausgegangen, die real einfach nicht gegeben ist. Nicht alle können so einfach auf ihr Auto verzichten oder sich ein neues und teures Elektroauto kaufen, nicht überall ist der öffentliche Verkehr ausreichend ausgebaut oder billig genug. Nicht vergessen werden darf auch, das der Löwenanteil der klimaschädlichen Emissionen von den großen Unternehmen verursacht werden, die aufgrund ihrer Struktur und ihrer gegenseitigen Konkurrenz prinzipiell nicht durch moralische Appelle erreicht werden können. Insofern ist es eben doch keine individuelle Angelegenheit, ob der Klimaschutz gelingt, sondern die Frage der politischen Organisation. Nur durch ein politisches Handeln können die einzelnen Individuen überhaupt in die Lage versetzt werden, zu handeln und nur durch politisches Handeln kann den Unternehmen aufoktroyiert werden, das Klima nicht zu schädigen. Ein solche individualistische Weltanschauung ist nicht nur bei Teilen der fridays for future Bewegung verbreitet, sondern auch bei ihren Gegner*innen. Immer wieder versuchen diese Gegner*innen des Klimaschutzes Aktivist*innen zu kritisieren, indem sie ihnen selbst klimaschädliches Verhalten vorrechnen. Als beispielsweise Greta Thunberg mit einem Segelboot den Atlantik überquerte, um ein Zeichen gegen das Fliegen zu setzen, wurde ihr von Kritiker*innen vorgerechnet, dass  die Rückreise der Bootscrew doch viel klimaschädlicher sei, als wenn sie in die USA geflogen wäre. Natürlich hätte sie sich, wenn sie denn geflogen wäre im selben Moment dem Vorwurf ausgesetzt gesehen, wie sie es wagen könne zu fliegen, wo sie doch für den Klimaschutz aktiv sei. Im Weltbild dieses neoliberalen Individualismus wird jedes einzelne Individuum für völlig autonom gehalten. Solche Kleinigkeiten wie gesellschaftliche Umstände oder die pure Notwendigkeit kommen darin gar nicht erst vor. Als glaubwürdig wird nur erachtet, wer in jedem Punkt seines Lebens völlig authentisch und fehlerfrei ist. Das heißt zugespitzt gesagt, dass Klimaaktivist*innen eigentlich aufhören müssten, beim Atmen Sauerstoff zu verbrauchen, um für Leute dieser Ansicht moralisch glaubwürdig zu sein. Die Frage ist offen, ob es der Klimabewegung fridays for future langfristig gelingen kann, sowohl einen gesamtgesellschaftlichen als auch einen individualistischen Ansatz in sich zu vereinen oder ob sich die Bewegung langfristig spaltet oder einer der beiden Ansätze sich durchsetzten lässt. Sollte sich aber ein Standpunkt durchsetzen, der erkennt, dass eine politische, ökonomische und gesellschaftliche Veränderung nötig ist, dann  können möglicherweise auch all diejenigen in die Klimabewegung eingebunden werden, die jetzt aufgrund ihrer Situation dieser Bewegung eher misstrauisch gegenüber stehen. Und wenn das passiert, dann kann vielleicht nicht nur das Klima gerettet werden, sondern auch eine Gesellschaft entstehen, die deutlich demokratischer und sozialer ist als die gegenwärtige.

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