„Wichtig war von Anfang an, dass das Angebot auf Augenhöhe stattfindet“

Interview mit Mara und Helena von der Initiative für Flüchtlinge (IfF)

von Julia Pelger

fw: Ihr seid eine studentische Initiative, die sich Flüchtlingshilfe zur Aufgabe gemacht hat. Wie kam die Initiative zustande?

Mara: Vor drei Jahren hatten drei Studierende der Bonner Uni die Idee: Uns fiel auf, dass für Geflüchtete, die in eine Familie kommen, schon ganz viel gemacht wird. Auch was die Unterstützung von Kindern betrifft. Aber um die in unserem Alter, die eventuell alleinstehend sind, um die hat sich kaum jemand gekümmert. Obwohl in ihnen eigentlich ganz viel Potenzial steckt, die noch in ihrer Ausbildung sind. Da es sich dabei um Menschen in unserem Alter handelt, kam uns die Idee: Studierende und Geflüchtete zusammenzubringen, um zusammen Freizeit zu verbringen. Wir bezeichnen uns in dem Sinne auch gar nicht als Flüchtlingshilfe. Viel mehr geht es darum, Freundschaften aufzubauen. Und darauf aufbauend auch mit Papieren und Bürokratie zu helfen.

Helena: Genau. Die Idee war, dass man erst einmal einen Rahmen stellt für Leute, die sich einfach so treffen können. Daraus könnten sich  dann Freundschaften und Netzwerke entwickeln. Flüchtlinge, die etwa gerne Deutsch lernen möchten, können sich so einen Tandempartner suchen; diejenigen, die nach Freizeitunternehmungen suchen, können einfach gemeinsam mit anderen Sport machen und Freizeit gestalten. Ich selbst war nicht seit der Gründung mit dabei, sondern bin einige Wochen später eingestiegen. Im letzten halben Jahr hat sich sehr viel getan und sich alles sehr gut entwickelt!

Mara: Es gibt natürlich sehr viele Angebote. Zum Beispiel kann man sich von der Caritas beraten lassen. Aber gerade an einem Freizeitangebot und was darüber hinausgeht, hat es bisher gemangelt. Eine Sache, die nicht zwingend notwendig ist, aber einfach Spaß macht!

Helena: Das ist von unserer Seite nicht anders. Es ist nicht so, als würden wir in erster Linie wie eine Hilfsorganisation arbeiten. Wir ziehen daraus ebenso einen Nutzen, denn uns macht es auch Spaß!

Mara: Wichtig war von Anfang an, dass das Angebot auf Augenhöhe stattfindet.

fw: Blickt man auf die auf eurer Facebook-Seite angekündigten Veranstaltungen, so zeigt sich ein vielseitiges und tagesaktuelles Programm, das über gelegentliches ehrenamtliches Engagement hinausgeht. Wie organisiert ihr euch neben dem Studium?

Helena: Wir haben einmal wöchentlich Dienstags hier in der ESG Sitzung und sind mittlerweile wirklich stark gewachsen. Letzte Woche konnten wir etwa 30 Leute auf der Sitzung zählen, im Vergleich zu anfänglichen drei oder fünf Leuten. Inzwischen verteilt sich alles schon auf mehrere Schultern.
Letzte Woche haben wir auch ein Organisationsprogramm erstellt. Mit der Aufteilung der Leute in Referate erhielten wir eine gute Verteilung der Aufgaben. Aber wir bauen darauf, dass es immer wieder Leute gibt, die sich für so etwas einsetzen wollen.
Meistens teilen wir uns in Grüppchen auf, damit nicht immer einer alles alleine macht, und das klappt meistens auch.

Mara: Seit ein paar Monaten unterstützt uns auch ein Freund aus Syrien, welcher uns über die Initiative gefunden hat. Er leistet sehr wertvolle Übersetzungsarbeit und ist auch sonst ziemlich engagiert. Durchaus geht es viel über privates Engagement und nicht nur über die Initiative. Es gibt eben viele Leute, die sich sowieso schon engagieren, in den Heimen unterwegs sind und sich so dafür stark machen.

fw: Wie entsteht der Kontakt zu Flüchtlingen?

Helena: Das hat sich auch ein bisschen aufgebaut. Am Anfang waren das so drei, vier, fünf, die immer da waren. Diese luden ihre Freunde ein, erzählten es weiter und dann kamen nach und nach immer mehr Leute zu unseren Veranstaltungen. Wir bauen ja auch Kontakte und Freundschaften auf und so entwickelt es sich.

Mara: Wir verteilen auch Aushänge und Flyer in den Unterkünften. Unser Stammtisch, der Dienstags im Café Blau stattfindet, hat sich sehr herumgesprochen. Für gewöhnlich kommen mindestens 40 Leute, teilweise waren wir sogar 70!

Helena: Es sind wirklich sehr viele Leute, die da kommen. Vorallem von neuen Unterkünften haben wir echt guten Zulauf.

Mara: Häufig kommen auch Studierende, die dann bereits informiert. Sie wissen: ‚Okay, im November ist dieses und jenes Event‘ und  bereits einige Gesichter kennen und sich darunter etwas vorstellen können. Wenn man nur die Flyer von der IfF sieht, weiß man vielleicht nicht unbedingt, wer oder was das ist, aber durch persönliche Information kommen dann immer neue Leute hinzu.

fw: Ihr seid ehrenamtliche MitarbeiterInnen. Trotzdem ist zu vermuten, dass etwa bei der Organisation einiger Veranstaltungen Kosten auftreten. Wie begleicht ihr diese? Habt ihr irgendeine Form von institutioneller Unterstützung?

Helena: Noch nicht. Wir sind eine Hochschulgruppe, deswegen können wir einiges an Büromaterial oder Kopierkosten beim AStA absetzen, manches aber auch nicht. Im Moment arbeiten wir vor allem über private Spenden oder auf eigene Rechnung. Aber wir sind gerade dabei, das weiter auszubauen. Der gewonnene Integrationspreis, hat natürlich auch gut Geld eingebracht, davon haben wir viel finanzieren können.
Mara: Bei anderen Sachen jedoch, wie bei dem Sommerfeste das wir veranstalteten haben, verlangte die Stadt eine Versicherung, die ordentlich ins Geld ging. Das ist natürlich nicht besonders förderlich, einer so jungen Initiative so hohe Kosten zuzumuten anstatt ein Auge zuzudrücken bzw. die Versicherungskosten von der Stadt selbst übernehmen zu lassen. Wir müssten dafür wirklich sehr viel Geld aufwenden.

Helena: Ansonsten versuchen wir allerdings, Events auszuwählen, die man nicht viel Geld benötigt. In vielen Fällen kommen uns die Leute auch mit den Preisen sehr entgegen, das muss man schon sagen. Sehr erfreulich ist aber auch, dass wir im Kölner Zoo oder auf dem Drachenfels  wirklich viel Rabatt bekommen haben.
Der Integrationspreis der Stadt Bonn ging u.a. dieses Jahr an euch. Integration ist nun ein Wort, welches gerne von allen debattiert, aber nur von wenigen verstanden wird, nämlich von denjenigen, die sich selbst einmal in einem fremden Kulturkreis einleben mussten. Welche Schwierigkeiten beobachtet ihr bei Flüchtlingen? Gibt es Aspekte, in denen kulturelle Unterschiede spürbar werden?

Mara: Also, zunächst einmal ist kaum eine Integration möglich, wenn man Leute in Heimen zusammendrängt. Sie dürfen sich dort zum Glück frei bewegen, so ist aber einfach keine Integration möglich.

Helena: Das sind Inseln, diese Unterkünfte. Manchmal sind sie in der Stadt, aber meistens sind sie  in abgeschiedenen Ecken. So kann einfach kein Kontakt entstehen. Deswegen gibt es auch unsere Initiative: Von Studierendenseite sind oft viele Berührungsängste da. Man kann sich  nicht vorstellen, wie es da aussieht und ob einen da überhaupt jemand sehen will und ob man dahin gehen soll. Und von der anderen Seite sitzen die Geflüchteten in ihren Unterkünften, und haben zunächst keine Ahnung: sie wissen nicht an wen sie sich wenden können.
Zusätzlich gibt es natürlich Sprachbarrieren, sodass nicht einmal der erste Kontakt entsteht. Integration wäre da der nächste Schritt, aber das ist ja kaum möglich, wenn der erste Schritt fehlt! Da hapert es also schon.

Mara: Bei unserem Stammtisch und unseren Events ist es schön zu sehen, was für Kontakte da entstehen. Auf der anderen Seite sind es natürlich Menschen wie du und auch ich, eigentlich sehe ich da wenige Probleme. Denn es sind hauptsächlich strukturelle Dinge, die Steine in den Weg legen.

Helena: Ich denke, das muss man realistisch sehen. Es bringt weder etwas zu sagen, es gäbe doch gar keine kulturellen Unterschiede, noch zu behaupten, kulturelle Unterschiede seien von von Beginn an das Problem. Es gibt mit Sicherheit Probleme, welche man auch wahr nimmt, aber das ist auch ganz klar. Die nächste Überlegung ist, wie man damit umgeht. In der Initiative haben wir bisher kennen gelernt, dass man die Sache auf den Tisch bringt und drüber redet: das ist der wichtigste Punkt!

fw: Was auch daran erkennbar ist, dass ihr versucht, Sprachtandems zu vermitteln…

Helena: Genau das versuchen wir weiter zu vermitteln!
Mara: Generell suchen fast alle Geflüchteten jemanden, der mit ihnen die grundlegenden Sachen übt. Die Grammatik und Schriftlichkeit sind nahezu perfekt, aber es fehlt ihnen einfach an Sprechpraxis.

fw: Welche Möglichkeiten seht ihr für Studierende, die sich gerne für Flüchtlinge einsetzen wollen?

Helena: Tausende! Du kannst fast alles machen! Das ist prinzipiell ein Aufruf an alle: Kommt zu unseren Events, habt Spaß dabei. Es kommen von beiden Seiten Leute, es ist immer eine sehr schöne Atmosphäre, wir lernen dazu. Ich habe bisher alle Veranstaltungen und Treffen sehr genossen. Wir freuen uns, wenn die Veranstaltungen besucht werden. Man muss nicht sehr viel Zeit investieren, es ist ganz einfach. Denn es reicht, wenn man zwei bis vier Stunden in der Woche hat, man kann einfach mitkommen und Spaß haben.

Mara: Wer ein bisschen mehr Zeit hat, der kann immer ein Sprachtandem finden, die immer gesucht werden. Da braucht man auch keine besonderen Voraussetzungen, man muss keine sechs Sprachen fließend sprechen. Englisch und Deutsch reichen, auch muss man keine Erfahrungen mit Unterricht haben. Es gibt einen Erfahrungsschatz von unseren Freundinnen und Freunden vom Netzwerk, wo wir auch Materialien haben. Es findet sich im Internet ganz viel. Man kann ansonsten auch einfach ein bisschen mit den Geflüchteten Deutsch sprechen.

Helena: Es gibt wirklich sehr viele Möglichkeiten!

fw: Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg weiterhin mit eurer Arbeit!

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