Wirtschaftsflüchtling

Ein Wort wird zu einer Aussage – oft auch ganz unbewusst

von Jan Bachmann

Es ist wichtig, Dinge klar beim Namen zu nennen. Nur wenn wir die Wirklichkeit so wie sie ist erfassen, können wir Lösungen für die Probleme finden, die es gibt.

Öfters werden in Diskussionen und Debatten aber Schlagwörter in den Raum geworfen, die – schon für sich genommen – unsere Denkweise beeinflussen. Dass solche Wörter oft – und sei nur aus Unwissenheit – weiter verbreitet werden, kann das Denken der Menschen beeinflussen. Erschreckend ist dabei nicht nur die Beeinflussung unserer Ansichten, sondern eben auch das Ausmaß der Verbreitung des Wortes. Ein Beispiel hierfür wäre etwa das „Konjunkturpaket“, das auch in den Medien stets als solches bezeichnet wurde. Es aber nicht „Konjunkturprogramm“ genannt wurde, weil man zuvor versprochen hatte, dass es keine Konjunkturprogramme geben würde.
In der aktuellen Debatte gibt es wieder so ein Wort: Wirtschaftsflüchtling. Der Begriff tauchte erstmals in den 1960er Jahren auf, setzte sich aber zu dieser Zeit noch nicht durch. Gemeint waren damit Flüchtlinge aus dem sogenannten Ostblock, die aus wirtschaftlichen Erwägungen in den Westen flohen. Während der großen Asyldebatten wurde das Wort immer wieder verwendet und wanderte vom Vokabular der einschlägigen PolitikerInnen auch in den Wortschatz der Partei die Linken.

Gemeint ist mit dem Begriff „Wirtschaftsflüchtling“ ein Mensch, der flieht, weil er hofft dadurch seinen persönlichen Wohlstand erhöhen zu können. Gerade in Anbetracht der wirtschaftlichen Situation vieler Menschen auf der Welt ist diese Hoffnung ist zunächst einmal sehr berechtigt. Jedoch soll der Begriff Menschen, die unter ihn gefasst werden, zu Flüchtlingen zweiter Klasse gegenüber den politisch Verfolgten Flüchtlingen herab werten.

Auf der einen Seite stehen die ehrlichen, armen politisch Verfolgten. Auf der anderen Seite Flüchtlinge denen es nur ums Geld geht und die im Zweifel auch noch den eigenen Wohlstand bedrohen. Diese Kategorisierung beeinflusst das Denken der Menschen, wird jedoch der Wirklichkeit nicht gerecht.
Zu flüchten, weil einem der Hungertod droht und, weil man wirklich keine Perspektive hat, dass sich diese Situation jemals verbessern wird, ist nachvollziehbar und berechtigt. Denn auch, wenn man bedenkt, dass es einen Zusammenhang zwischen eigener Armut und dem Wohlstand, in dem wir leben, gibt. Dies soll aber nicht das Thema sein.

Vielmehr ist der Begriff auch schon deshalb problematisch, weil der Übergang von einem politisch verfolgten Flüchtling zu einem „Wirtschaftsflüchtling“ ein fließender ist. Denkt man nur einmal an die Flüchtlinge aus der ehemaligen DDR: Natürlich wollten die Menschen frei leben und ihre Meinung sagen können. Jedoch ging es vielen wohl auch darum, das eigene Leben wirtschaftlich zu verbessern. Und dadurch einen schnellen Wagen fahren zu können, einen Farbfernseher zu besitzen oder Südfrüchte zu essen.

Heute ist das oft nicht anders. Wer etwa, weil er aus politischen Gründen verfolgt wird nicht studieren darf, keine Anstellung bekommt oder enteignet wird, bessert natürlich auch seine wirtschaftliche Situation durch eine Flucht. Auch die Flucht aus einem zerbombten Kriegsgebiet geht zweifellos mit einer Verbesserung der wirtschaftlichen Lage Hand in Hand. Das ist auch richtig so.

Die Wirklichkeit ist zu vielschichtig, als dass der Begriff „Wirtschaftsflüchtling“ eine sinnvolle Einteilung gewährleisten könnte. Wer etwa einmal die Lebenssituation von Sinti und Roma in den Staaten des Balkans gesehen hat, wird ohne Zweifel die Berechtigung zur Flucht aus diesen Verhältnissen anerkennen. Doch werden in Folge der Debatte und der Verwendung des Begriffs für Menschen, die aus einem „sicheren Drittstaat“ fliehen, diese Menschen, als „Wirtschaftsflüchtlinge“, als Menschen, die fliehen und dadurch unseren Wohlstand gefährden, angesehen. Diese Denkweise wurde so verinnerlicht – nicht nur, aber auch wegen der Verwendung des Begriffs „Wirtschaftsflüchtling – dass sie fast im ganzen politischen Spektrum vertreten ist und gebetsmühlenartig wiederholt wird.

Die „Flüchtlingskrise“ (auch so ein Wort) ist eine Herausforderung, aber eine Herausforderung, die gestemmt werden kann, wenn der Wille dazu besteht. Dazu gehört aber auch, die Situation der Geflüchteten zu erfassen und entsprechend zu handeln. Man kann und sollte sich hierzu eine klare Meinung bilden. Das heißt nicht, sich in verkürzte Strukturen zu flüchten, die der Wirklichkeit nicht gerecht werden. Natürlich bedeutet eine solch gegliederte Sichtweise auch nicht, sich in eine schwammige Beliebigkeit zu begeben. Auf die Probleme unserer Zeit gibt es komplizierte Antworten. Sicherlich gibt es auch Antworten, die einfach sind, jedoch kompliziert in der Umsetzung und dennoch gut und richtig. In der Regel aber besteht die Wirklichkeit aus mehr als einem Wort.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


× 4 = zwanzig vier

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.