Blut an helfenden Händen

Das Netz des Bonner Salafismus, sein Milieu  und seine internationalen Ausläufer   

Gastbeitrag von Yasemin Yaşar

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Trafen sich unter freiem Himmel: Salafisten in Wuppertal. Foto: fw

„Familientrip in den Dschihad“, „IS-Terrorkämpfer aus Bonn sprengt sich in die Luft“, „Deutscher Islamist prahlt mit Massaker in Syrien“, „Dschihadist aus Königswinter in IS-Tötungsvideo identifiziert“, „Bonner soll Militärkleidung für den Dschihad gespendet haben“ – wenn es mal wieder ein Deutscher oder eine Deutsche mit dschihadistischem Mordswerk auf die Titelzeilen hiesiger Zeitungen schafft, stehen die Chancen gut, dass der oder die Täter aus Bonn stammen. Eine Rundreise über Saudi-Arabien, Bonn, die Bürgerkriegsgebiete und zurück nach Frankfurt.

Bonn gilt nicht erst seit kurzem als Hochburg sunnitisch-islamistischer Strömungen wie dem Salafismus. Seit der Ausreise der sogenannten „Chouka-Brüder“, die sich 2007 der Islamischen Bewegung Usbekistans (IBU) im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet anschlossen und sich regelmäßig mit Terrorbotschaften in die Heimat zurückmeldeten, gelangte der Name der Stadt regelmäßig in Zusammenhang mit dem Dschihadismus. Doch schon zuvor war etwa die in Bad-Godesberg angesiedelte Fahd-Akademie ins Visier der Behörden geraten, weil dort teilweise offen zum heiligen Krieg aufgerufen wurde. Die islamische Schule ist der Strömung der Wahhabiten verpflichtet, die in Saudi-Arabien aus einem bis heute funktionierenden Deal zwischen Königsfamilie und religiöser Landesautorität hervorgegangen ist. Mit dem Geld sprudelnder Ölquellen verbreitet der ultra-autoritäre, islamistische Staat seit geraumer Zeit seine Doktrin auf der halben Welt, seit 1995 auch in Bonn – zunächst als Schule für die Angehörigen von Botschaftern.

Auch wenn man sich im Land der heiligsten Stätten des Islam offiziell gegen den Terrorismus positioniert, muss sich der staatliche Terror nach innen vor dem seiner Brüder vom IS nicht schämen: die drakonischen Strafen für Vergehen gegen die Sharia sind nahezu identisch, nur dass man in Saudi-Arabien jede Opposition und jedes nonkonformistische Verhalten bereits so sehr unterdrückt hat, dass hier nur noch alle zwei Tage einem Menschen der Kopf abgetrennt werden muss, um die gesellschaftliche Ordnung aufrecht zu halten. Der Großteil der Attentäter des 11. September stammt aus einem kleinen Ort im Land (und: einer war zuvor in Bonn), Al Qaida hat hier seine stärksten Wurzeln und trotz der offiziellen Distanzierungen vonseiten des Königshauses, das seine insbesondere wirtschaftliche Zusammenarbeit mit dem Westen nicht gefährden möchte, drängt sich immer wieder der Eindruck auf, dass sich Staatsideologie und dschihadistischer Salafismus doch nahestehen. Ähnliche Differenzierungsschwierigkeiten finden sich auch hierzulande bei Begrifflichkeiten wie Islam und Islamismus, weswegen manche Experten sogar gegen eine solche Trennung plädieren.

Die Unmöglichkeit, Zugehörigkeiten klar auseinanderzuhalten, zeigen sich auch schnell beim Blick auf weitere Institutionen im Bonner Raum. So musste der neugewählte Sprecher des Bonner Rats der Muslime, Karim Lakhal, Anfang 2014 nach Kritik an seiner Person wieder zurücktreten. Für den Neusser Verein „Helfen in Not“, dessen für Syrien aufgekaufte Krankenwägen schonmal im Arsenal lokaler Dschihadisten auftauchen, war Lakhal als Organisator von „Spendengalas“ aufgetreten. Der Verfassungsschutz nimmt an, dass neben den Auftritten bekannter salafistischer Prediger auf diesen Veranstaltungen auch Rekruten für den Dschihad geworben worden sind. Die Menge an Gütern und Finanzmitteln, die dabei tatsächlich an Notleidende fließt, ist andersherum aber nicht wegzudiskutieren. Lakhal hatte nicht nur mit fragwürdigen „Hilfsorganisationen“ zu tun: bis vor Kurzem betrieb er mutmaßlich mit der Facebook-Seite „Al-Islamic Events“ eine der zentralen Propaganda-Stellen für den Bonner Raum, über 3000 User sahen teilweise im Stundentakt islamistische Inhalte. Beworben wurden dort auch die Aktivitäten weiterer regionaler Gruppen, mit denen Lakhal u.A. Sammelaktionen organisiert hat, etwa die der „Akhauat fi Deen“ („Schwestern im Glauben“) sowie die des in Sankt Augustin residierenden Vereins „Medizin mit Herz e.V.“, bei dem ebenfalls von Verwicklungen mit dem Dschihadismus in Syrien ausgegangen werden muss. Auch hier beobachtet der Verfassungsschutz. Im Herbst 2014 sammelten die „Schwestern“ etwa Ganzkörperschleier und Material für „Koranschulen“ zum Transfer nach Syrien. Auf YouTube werden regelmäßig Videos von Verteilaktionen u.A. in den Kriegsgebieten veröffentlicht, die auf den ersten Blick harmlos erscheinen. Unterlegt sind die Clips von Medizin mit Herz aber z.B. mit melodischen Koran-Rezitationen des aus Kuwait stammenden Predigers Nabil Al Awadi. 2013 gab der u.A. in Qatar tätige Mann bekannt, 8700 Gotteskrieger in Syrien mit Geldern für eine militärische Ausbildung unterstützt zu haben. Das in New York ansässige Gatestone Institute nennt ihn einen „key financier“ des IS. Anfang 2014 veröffentlichte Medizin mit Herz ein Video aus dem Krankenhaus der nördlich von Idlib gelegenen Kleinstadt Darkoush, wo der Verein die OP eines kriegsversehrten Mädchens finanziert haben will. Da wurde der Ort jedoch gerade von Kämpfern des IS eingenommen. Am selben Tag veranstalteten die Islamisten die öffentliche Exekution von fünf ihrer Rivalen unweit des Krankenhauses. Internationale Hilfsorganisationen können für gewöhnlich in Territorien des IS wegen der Gefahr für ihre Mitarbeiter nicht arbeiten, sie verteilen Güter nur unter großen Sicherheitsvorkehrungen über einheimische Mittelsleute weiter. Wieso konnte Medizin mit Herz unbehelligt im Gebiet des IS arbeiten? Auch die Flüchtlingslager, die von Gütern des Vereins profitierten, lagen in Reichweite islamistischer Milizen. Wird der Islamische Sozialstaat u.A. aus Bonn heraus mitorganisiert?

Unter Anderem im Verbund mit den „Akhauat fi Deen“, deren Mitglieder in ganz NRW und darüber hinaus in Gruppen organisiert sind, und dem Kölner Sabri Ben Abda gründete Karim Lakhal Anfang 2015 das Netzwerk „United Network Cells“. Diese Vereinigung vermittelt unentgeltlich Hilfsgüter, Dienstleistungen oder bloß Muskelkraft wie Umzugshilfen an Muslime in Westdeutschland. Es liegt der Verdacht nahe, dass auch hier über das Mittel des sozialen Zusammenhalts unter Muslimen die salafistische Ideologie verbreitet werden soll. Aus der UNC-Connection heraus finden außerdem mutmaßlich Schulungsveranstaltungen zur „Roqya“, zum islamischen Exorzismus, in NRW statt. Dabei geht es darum, psychologische Leiden der Menschen als Besessenheit von Djinns oder Verzauberungen zu deklarieren, die nur durch gewisse rituelle Koranrezitationen oder weitergehende gewaltvolle Praktiken „professioneller“ Exorzisten bereinigt werden könnten. Bei einer dieser Austreibungen stürzte sich im Juni 2014 ein offenkundig schizophrener Familienvater in Bonn aus dem 6. Stock in den Tod. Auf der Propaganda-Seite Karim Lakhals waren unter dem Aufruf zum Totengebet für den Mann Antworten gepostet worden, die zur Ablehnung westlicher Medizin und zur weiteren strikten Befolgung islamischer Heilung mit dem Koran aufriefen. Laut report München und FAZ liegt der Verdacht nahe, dass das wie in Psychosekten organisierte Umfeld von „Roqya“-Heilern, wie etwa beim Dinslakener Mustafa Topal, eine wichtige Rolle bei der Dschihad-Rekrutierung spielen könnte – auch bei UNC? Sabri Ben Abda, UNC-Standbein in Köln, ist für den Aufruf an „echte Männer“ bekannt, nach Syrien zu kommen und zu kämpfen, ermittelt wird gegen ihn u.A wegen einer bewaffneten Entführung eines deutschen Entwicklungshelfers in Syrien und der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Straftat im Zusammenhang mit der Überführung von Gütern dorthin. Journalisten bedrängte er bei der Arbeit und beschimpfte sie im Netz. Gegen eine Kölner Gruppe, mutmaßlich aus seinem Umfeld, die u.A. in Kirchen und Schulen Diebstähle begangen hatte, um aus den Erlösen Gelder für den Dschihad in Syrien zu sammeln, begann vor Kurzem der Prozess. In einem abgehörten Telefonat hatte es u.A. geheißen, dass den „Kuffar“ („Ungläubigen“) die Kehlen durchgeschnitten gehörten – alles getarnt als Wohltätigkeitsverein für die Notleidenden in Syrien.

Zusammen mit den jungen Männern der „Lies!“-Verteilaktion, die regelmäßig in der Innenstadt übersetzte Ausgaben des Koran verteilen, sowie neuerdings mit den Verteilern von „Siegel der Propheten“, bilden diese Gruppen das Spektrum der beobachtbaren, öffentlichen islamistischen Institutionen im Bonner Raum. Viel wichtiger – und viel schwieriger einzusehen – sind jedoch die klandestinen, meist über persönliche Bekanntschaften funktionierenden Zusammenhänge, die u.A. über die öffentlichen Gruppen entstehen. Die Dutzenden Männer (und einige Frauen), die aus Bonn in Bürgerkriegsgebiete nach Pakistan, Afghanistan, Somalia, Syrien oder in den Irak gereist sind, haben ihre politische Basis eher hier. Sie nutzen zwar auch Treffpunkte wie Moscheen, ihren dschihadistischen Aktivitäten gehen sie aber abseits der öffentlichen Vereinigungen nach.

2011 tötete ein Islamist in Frankfurt zwei US-Soldaten. Der 21jährige Arid Uka hatte sich binnen weniger Wochen radikalisiert und mordete schließlich, um seine Glaubensbrüder in Afghanistan zu unterstützen. Am Abend vor der Tat sah Uka ein abschnittsweise deutschsprachiges Propagandavideo aus dem afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet. Teil des Videos war eine Sequenz der Vergewaltigung und Tötung eines 14jährigen Mädchens durch US-Soldaten im Irak 2006. Uka gab bei seiner Vernehmung an, dass diese Bilder der Zeitpunkt gewesen seien, an dem er sich letztlich zum Anschlag entschlossen habe. Was er nicht wusste: das Video stammte aus einem Spielfilm über eben dieses Verbrechen, war also gar nicht echt. Auf dem Weg zum Anschlagsort hörte der Attentäter mehrfach eine deutschsprachige Dschihad-Hymne, ein „Nasheed“, mit dem Titel „Mutter, bleibe standhaft, dein Sohn ist im Dschihad“. Im genannten Propagandavideo spricht der Bonner Yassin Chouka, das Nasheed stammt von seinem Bruder Monir.

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