Intersektionalität

Eine neue Perspektive auf Diskriminierungsstrukturen      

von Frederik Fingerhut

Am 5.11. hielt Friederike Reher für die Studierenden der Universität Bonn einen Vortrag zur Intersektionalität. Dieser wurde vom Frauenreferat ausgerichtet. Friederike beschäftigt sich mit intersektionaler Bildungs- und Beratungsarbeit und erstellt wissenschaftliche Expertisen zu Intersektionalität und zur Reflexion von Privilegien.

Zur Veranschaulichung ein historischer Fall: Dem Automobilkonzern General Motors wurde beispielsweise im Jahr 1976 in einer Klage unter anderem vorgeworfen, dass in den Entlassungswellen der 70er Jahre in erster Linie „schwarze“ Frauen entlassen wurden. GM begründete diese Entlassung damit, dass die entsprechenden Frauen diejenigen Mitarbeiter_innen darstellten, die am kürzesten im Betrieb gearbeitet hatten. Da es ihnen aufgrund der vorherrschenden Diskriminierung in der Gesellschaft jedoch gar nicht möglich gewesen war, früher zu arbeiten, spielten dort letztendlich auch diese strukturellen Diskriminierungen eine große Rolle. Das Gericht ließ den in der Klage formulierten Vorwurf der Diskriminierung nicht gelten. Von Rassismus bzw. Sexismus könne nicht ausgegangen werden, da „schwarze“ (Männer) und („weiße“) Frauen nicht betroffen waren. VertreterInnen der Intersektionalitätstheorie unterstreichen hierbei ausdrücklich, dass es zu keiner Doppeldiskriminierung, Dreifachdiskriminierung oder Ähnlichem kommt, sondern dass eine multidimensionale Betrachtung von Nöten sei. Das Beispiel der Klage gegen GM scheint recht einleuchtend zu sein: es liegt eine Überkreuzung von Sexismus und Rassismus vor. Doch sei es zu bezweifeln, ob sich die Ursache von diskriminierendem Verhalten gegenüber „schwarzen“ Frauen, überhaupt eindeutig in Rassismus oder Sexismus teilen lässt, kritisiert Prof. Dr. phil. Lann Hornscheidt von der Humboldt-Universität zu Berlin. Ferner weist Prof. Hornscheidt darauf hin, dass dem „neuen“ Intersektionalitätsgedanken eine isolierte Betrachtung von sozialen Kategorien vorausgeht. Werden Diskriminierungsstrukturen untersucht, ist es für Hornscheidt klar, dass sich dieses Gefüge nur schwer in abgetrennte Kategorien gliedern lässt. Wird  Diskriminierung intersektional untersucht, erscheint dies im Vergleich zur Einzelbetrachtung von Transphobie, Rassismus oder Antisemitismus zwar möglicherweise als Komplexitätssteigerung. Werden Diskriminierungsstrukturen jedoch von vornherein als vielschichtiges und schwer trennbares Gefüge verstanden, erscheint die Annahme von Intersektionalität letztendlich komplexitätsmindernd.
Um diese Verknüpfung zu verdeutlichen, nutzt Friederike Reher die Besonderheiten einer Hypertextstruktur. Diese ist ein dreidimensionales Netzwerk, welches im Gegensatz zu linearen Texten vielseitige Verbindungen (etwa von Diskriminierung) darstellen kann. Auf der Homepage des „Portals Intersektionalität“ findet man eine Übersetzung des Textes „Weiße Identität und Geschlecht“ in ein solches 3D Netz.
Ferner überwindet diese Struktur die hierarchische Auflistung, der man sich in linearen Texten nicht entziehen kann. Ableismus, Genderismus, Homophobie, Rassismus, Klassismus und Sexismus wurden weiter oben alphabetisch  aufgezählt. Jede Form der Diskriminierung wird jedoch trotz scheinbarer Klassifizierbarkeit von Diskriminierungskategorien individuell unterschiedlich wahrgenommen. Eine subjektive Rangfolge der „Schwere“ verschiedener Diskriminierungen ist also nicht aussagekräftig genug. Sie impliziert, dass manche Diskriminierungen weniger „schlimm“ sind als andere. Doch erscheint uns Rassismus nicht wesentlich bedeutender als Ableismus? Und warum genügt es nicht, alles was von der Triade „race“ – class – gender abweicht mittels et cetera auszuklammern?
Es wird also deutlich, dass das Thema Intersektionalität noch viel Diskussion erfordert. Ferner ist es notwendig, dass Menschen, die von verschiedenen Diskriminierungen betroffen sind, zusammenarbeiten und diese strukturellen Diskriminierungslinien offenlegen. Die Angst vor einer zunehmenden Komplexität des Themas kann jedenfalls kein Argument sein, um die intersektionelle Diskriminierung in ihrer Vielschichtigkeit nicht ausführlich zu thematisieren und zu dekonstruieren. Auch das Universitätsleben ist Teil des Alltagslebens, strukturelle Diskriminierung kann dort wie überall sonst in der Gesellschaft auch vorkommen. Daher ist es notwendig, die eigene Wahrnehmung für diese intersektionellen Diskriminierungen zu sensibilisieren und dagegen vorzugehen, wenn man diese bei sich selbst oder bei anderen bemerkt.

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