Der moralische Preußenkönig?

Das (deutsche?) Phänomen der Arbeitsmoral

von Julia Pelger

Historische Karikatur: Free Willy in Bonn
Historische Karikatur: Free Willy in Bonn

Man sollte fast meinen, dass der Begriff Arbeitsmoral in einer thematisch auf eine auf Moral ausgerichtete Ausgabe nicht besonders viel zu suchen hat. Interessant ist er trotzdem: Moral ist schließlich ein Themenbereich der Philosophie, welche in der öffentlichen Wahrnehmung oft weder als Arbeitsplatzgarant betrachtet wird, noch gelten im Umkehrschluss erfolgreiche Manager_innen oder CEOs als große Moralisten. Wer arbeitet, ist selten moralisch, wer philosophiert, gilt gerne als müßig.
Nun aber hat der Begriff Arbeitsmoral, man glaubt es kaum, gar nicht besonders viel mit Moral als solcher zu tun: Als „Einstellung zum Arbeitsverhalten“ wird der Begriff im Duden definiert; Arbeitsmoral kann sinken, steigen, gefördert werden. Online-Karrierebibeln kennen unzählige Ratschläge (von denen einige von gesundem Menschenverstand ebenfalls eruiert werden könnten) zur Verbesserung der Arbeitsmoral durch richtige Mitarbeiterführung und gelegentlichen Grund zum Ansporn. Dass dieses Modell weniger personen- denn projektdienlich ist, versteht sich ebenfalls von selbst. Aber wie bringt man nun Arbeit und Moral unter einen Hut, oder viel eher in einen Begriff?
Der Begriff der Arbeitsmoral ist älter, als er auf den ersten Blick erscheinen mag: Da es sich um ein Kompositum handelt, kann zwar nicht leicht festgestellt werden, wann er aufkam, aber bereits im 18. Jahrhundert war die Vorstellung einer ‚richtigen‘ Arbeitshaltung etabliert, und zwar in Verbindung mit gewissen Nationalstereotypen. Die Akribie und die Arbeitswut, die den Preußen zugeschrieben wurde, gelten bis heute als vermeintlich „deutsche“ Attribute – denen mit entsprechender Abneigung seitens anderer sich entwickelnder Nationalvorstellungen begegnet wurde. So kommt es auch, dass es keine äquivalente Übersetzung des Begriffes ‚Arbeitsmoral‘ gibt. In Frankeich etwa hat sich der Ausdruck „travailler pour le roi de Prusse“ etabliert, welcher die Arbeit um der Arbeit willen und nicht als Selbstzweck beschrieben wird: Diese Bezeichnung, die insbesondere in den Beneluxländern ganz beeindruckend vulgäre Übersetzungen kennt, beschreibt das Arbeiten ohne jeglichen eigenen Profit ebenso wie Arbeit um der Arbeit willen. In diesem Sinne also versteht sich der Begriff auch noch heute und passt sogar zu den eher arbeitslosen Studiendisziplinen, die der Eine oder Andere als Selbstzweck studiert. Eine weitere historische Relevanz erlangte die Arbeitsmoral in den Zeiten des Wirtschaftswunders durch Heinrich Bölls Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral, in welcher der Schriftsteller satirisch auf die überhebliche Selbstaufwertung durch die auf der althergebrachten Wertvorstellung aufbauende Identität Nachkriegsdeutschlands verweist. Auch hier werden Stereotypen und Vorurteile versammelt: Der arbeitende Deutsche hat wenig bis kein Verständnis für die unmittelbare Lebensart des „Südländers“.
Warum nun die Thematisierung der Arbeitsmoral, die doch eigentlich gar keine Moral im engeren Sinne ist, in einer Zeitschrift mit hauptsächlich studentischer Leserschaft? Zunächst einmal sind Fragen nach Arbeitsmoral und ihrem Geschwisterbegriff des Arbeitsethos ganz selbstverständlich Fragen, die Studierende beschäftigen könnten oder vielleicht sollten: Wie eine Grafik des Statistischen Bundesamtes für das Wintersemester 2014/25 zeigt, sind summa summarum knapp drei Viertel aller Studierenden in entweder unmittelbar berufsbezogene Studiengänge wie Staats-und Rechtswissenschaften, medizinische und ingenieurwissenschaftliche Studiengänge eingeschrieben oder aber zählen zu der Gruppe heiß begehrter mathematischer und naturwissenschaftlich-technischer Studierender. Hohe berufliche Positionen und verantwortungsvolle Tätigkeiten sind auch ein bekannter Anreiz nicht nur für junge Menschen, ein Studium zu beginnen. Dass dieser Anreiz jedoch meist größer als die Bereitschaft, eigentlich Leistung zu erbringen. Das ist weder ungewöhnlich noch anomal, führt aber gerne, wie neulich auch an unserer Alma Mater, zu Plagiatsfällen. Ein Symptom schlechter Arbeitsmoral? Gewiss. Aber nicht minder symptomatisch für eine titelhörige Gesellschaft mit Regelstudienzeit und Ökonomisierung von Studiengänge, für lebenslauforientierte Lebensläufe und der beruhigende Gedanke, dass die Vorlesungssäle im sechsten Semester nicht mehr halb so voll sind wie im ersten.
Die potenzielle, recht trockene und etwas altbackene Moral von der Geschicht‘ klingt zunächst noch banaler, als es die lose Verwendung des allgemeinsprachlichen Moralbegriffes ist: Wie bereit ist man als Studierender, potenziellen Arbeitgeber_innen zu dienen ohne diese zu kennen? Wie hoch ist die Bereitschaft, unter dem Druck der Regelstudienzeit nicht nur akademische Leistungen, sondern auch etwa das Interesse an akademischen Veranstaltungen außerhalb des eigenen Studiengangplanes beizuwohnen? Und weiß man, welchem preußischen Kaiser man sich eigentlich verschrieben hat?

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