Comedian Abdelkarim in Tannenbuscher Realschule

Talk zu „Integration, Miteinander, Salafismus und Diskriminierung“ verspielte Potenziale

von Jana Klein

Stelle sich den Fragen der Schüler_innen: Abdelkarim. Foto: jak
Stelle sich den Fragen der Schüler_innen: Abdelkarim. Foto: jak

Bei einer von Schüler_innen organisierten Gesprächsrunde mit dem Komiker kam letzten Dienstag am Ende wenig Erhellendes zusammen. Leider – dabei sollte es um Brisantes gehen. Der Stadtteil steht immer wieder im Fokus, weil viele deutsche Dschihadist_innen ihre Wurzeln hier haben. Wegen der billigen Mieten in aneinandergereihten Plattenbauten wohnen viele Migrant_innen hier, denen der Sprung in die Mitte der Gesellschaft verwehrt geblieben ist. Immer wieder gelangt der Stadtteil wegen Gewalt, Kriminalität und der allgemeinen Unsicherheit in die Schlagzeilen. Doch statt sich offen den Problemen zu stellen, beschwor Abdelkarim immer wieder Gruppenzugehörigkeiten – und die Schüler_innen machten gerne mit.

Ausgewählt als Beispiel gelungener Integration stellte sich der Commedian, dessen Eltern aus Marokko stammen, wie er effekthascherisch erzählte („Wie viele Marrokkanner sind heute hier?“ – großer Jubel), auf die Bühne der Aula einer ansässigen Realschule. Neben allerlei Banalitäten zu seinem Leben und Wirken, für die sich die Schüler_innen interessierten, kam er nur zwischendurch auf die eigentlichen Themen zu sprechen – und wechselte stets rechtzeitig in den Ironie-Modus, wenn klare Worte gefragt gewesen wären. Damit, dass Männer Frauen zuhause einsperren würden und das – fälschlicherweise – als besonders islamisch empfänden, stolperte er dann nach ausführlichem Rumgewitzel ins Politische. Und die Saudis, nicht bekannt für ihre Freundlichkeit gegenüber Frauen, finanzierten hiesige Strukturen von Salafist_innen, gegen die er, wie er betont, nichts hätte und die man auch nicht mit Terrorist_innen gleichsetzen dürfe. Seiner Erfahrung nach würden diese Leute nur mit auswendig gelernten Koran-Zitaten um sich werfen, die sie selber nicht verstünden. Dagegen, dass sie ihr Leben streng ausrichten, wäre nichts einzuwenden – Plädoyer für allgemeine Toleranz. Aber: einige von denen seien nun in Syrien, wie ein alter Bekannter von ihm, der in der Schule immer gehänselt wurde. Abdelkarims Prophylaxe: keine „Ausländer“ dissen und sich lieber nach einem richtigen Job umsehen. Über Diskriminierungserfahrungen als Brandbeschleuniger einer dschihadistischen Radikalisierung hätte man durchaus reden können, hätte Abdelkarim Fragen nach solchen Erlebnissen nicht rundheraus verneint. Er habe eben Glück gehabt, andere würden aber schlimme Sachen erleben. Dass Salafist_innen erwiesenermaßen nicht nur Opfer sind und ihre religiösen Texte und ihre Ideologie auch ausführlich studieren, beherrschen und anbringen können – diese Realität muss unerwähnt bleiben zugunsten einer Erzählung von „denen“, die ihre Spitzen nur bei unbestimmten Abwertungen entwickelt. Chance vertan.

Die Salafist_innen rekrutierten, so Abdelkarim, mit dem Zeigefinger nach Palästina. Was dort geschehe sei schlimm und man müsse sich dagegen engagieren, aber: Judenhass sei nicht okay und habe mit dem Islam gar nichts zu tun. Dass man gegen Israel ist – braucht man nicht diskutieren, als  sei es in die Wiege gelegt. Thema gegessen. Probleme definiert Abelkarim einfach weg, statt etwa zu begründen, warum Judenhass nicht okay sei, geschweige denn, dass er das Bild der Jüd_innen, die über Palästina herfallen, in seiner Einseitigkeit und Verkürzung problematisiert. Stattdessen nur ein allgemeiner Aufruf zur irgendwie gearteten Mäßigung und zu Coolness von einem, der nicht nur beruflich längst seinen Frieden gemacht hat mit einer Gesellschaft, in der die Schüler_innen noch um ihren Platz zu ringen haben werden. Zu viel Aufregung über Mohammeadkarikaturen oder „Beleidigungen“ sei nicht gut – auch hier: ohne es inhatlich begründen zu können. Denn ein Lob von Errungenschaften wie der Meinungs- und Pressefreiheit kommt ihm nicht über die Lippen, im Gegenteil: Medien seien auch „gefährlich“, die Karikaturen von Charlie Hebdo „unter der Gürtellinie gegen Religionen“ und „schlecht“, theoretisch dürfe Satire aber „alles“. Stärkung demokratischer Selbstverständlichkeiten in einer salafistischen Hochburg sieht anders aus. Eine Frage, ob er Barça oder Real mehr möge, könne er nicht beantworten. Als ein Mädchen ihn drängt, einen der beiden Vereine müsse er ja mehr mögen, macht er sich darüber lustig, dass diese Frage ausgerechnet ein Mädchen stellt – und beantwortet sie wieder nicht. Den Protest eines anderen Mädchens über dieses Verhalten wehrt er unsouverän ab, statt sein formal aufgestelltes Credo, auch mal vor der eigenen Haustüre zu kehren, ein mal selbst umzusetzen.

Überhaupt: immer wieder geht es um Gruppenzugehörigkeiten, kollektive Identitäten werden gegen alle Gefahren beschworen. Statt aber positive Bilder über ausgegrenzte Gruppen als Gegenrede zum diskriminierenden, rassistischen Alltag zur Verfügung zu stellen, affirmiert Abdelkarim beständig diese Gruppenzugehörigkeiten. Er sei „ein normaler Moslem, wie ihr auch“ – nicht nur Atheist_innen werden gleich mit eingemeindet. Nicht mal ein abfälliges „Kartoffeln“ kommt ihm über die Lippen, stattdessen spricht er mehrfach von „richtigen“ Deutschen und „Urdeutschen“ und bauchpinselt die Anwesenden, als er ihnen erzählt, dass er nicht den Eindruck gehabt hätte, in Tannenbusch erstochen zu werden. Er fühle sich sehr sicher – zwischen Leuten, die er vornehmlich über ihre ethnische, vermeintliche Zugehörigkeit anspricht. Ob ein muskulöser, großgewachsener Mann, der mit dem Taxi vor eine Realschule vorgefahren kommt, in Tannenbusch keine Angst haben braucht oder doch – mit der Lebensrealität Tannenbuscher Mädchen, schmächtiger Jungs, Homosexueller oder von Jungmännern, die sich in ihren Cliquen und gegen andere beweisen müssen, dürfte das reichlich wenig zu tun haben. Statt sich für die Schwachen in der Sache einzusetzen, belässt es Abdelkarim bei Floskeln von Toleranz und Zusammenhalt, die er dann in seinen Witzeleien über arrangierte Ehen oder über eine Fernsehrserie aus seiner Kindheit mit einer weiblichen Hauptperson („peinlich!“) gleich wieder abräumt. Auch vor Nazis habe er auf Nachfrage keine Angst, die solle man meiden und ignorieren(!). Und wieder: Chance vertan, lieber feiert Abdelkarim die Coolness von Abdelkarim. Auf Kosten von Jugendlichen, die ein Recht darauf hätten, dass man sie als demokratische Gesprächspartner_innen ernstnimmt. Denn, so Abdelkarim: auch gegen Salafismus könnten die Schüler_innen eh nichts unternehmen, außer auf die Leute im Freund_innenkreis irgendwie zu achten und notfalls deren Eltern zu verständigen.

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