Antisemitismus heute

von Frederik Fingerhut

Grafik: Amadeu-Antonio-Stiftung. 2015

Grafik: Amadeu-Antonio-Stiftung. 2015

Trotz Entnazifizierung und Demokratisierung der Deutschen nach 1945_ist Antisemitismus weiterhin verbreitet und äußert sich vielseitig. Er wird nicht nur seitens rechtsradikaler Antisemiten betrieben, sondern auch von Menschen, die sich selbst nicht als Antisemiten sehen oder Antisemitismus sogar verurteilen und sich als demokratisch, liberal und tolerant verstehen. Jede*r vierte Bundesbürger*in hegt Antipathien gegen Jüdinnen und Juden. Zu diesem Thema zeigte die Liste Undogmatischer Studierender (LUST) am 17. Dezember die Dokumentation „Antisemitismus heute“. Demnach ist Antisemitismus seitens Rechter, Antisemitismus in der „Mitte der Gesellschaft“ und innerhalb der muslimischen Community festzustellen.
Im Antisemitismus werden Attribute wie Neid, Gier, Hinterhältigkeit, das Streben nach Macht oder die Affinität zu Geld Jüdinnen und Juden zugeschrieben. Dabei wird das Judentum als Kollektiv verstanden, dass von seiner „Natur“ aus schlecht und unverbesserlich ist. Durch die Projektion des „Schlechten an sich“ wird demnach ein nicht menschliches Wesen bzw. ein „Anti-Mensch“ konstruiert. Auch die Vorstellung einer „jüdischen Weltverschwörung“ ist in der antisemitischen Agitation weit verbreitet. Im Unterschied zu Rassismus und Xenophobie strebt der Antisemitismus die Vernichtung einer Gruppe an, da diese für alles Schlechte in der Vergangenheit, Gegenwart und, diesem Gedanken zu Folge, auch in der Zukunft verantwortlich gemacht wird.
Einer Studie des Innenministerium zufolge hegt jede*r vierte Bundesbürger*in Antipathien gegenüber Jüdinnen und Juden. Doch Frage ob man etwas gegen Jüdinnen und Juden habe, würde nur eine Minderheit wahrheitsgemäß beantworten, da Antisemitismus sozial geächtet wird. Deshalb sollen die Befragten z.B. Aussagen wie: „Die Juden haben einfach etwas Besonderes und Eigentümliches an sich und passen nicht so recht zu uns“ oder „auch heute noch ist der Einfluss der Juden zu groß“ zustimmen oder ablehnen.
Nicht-rechtsradikale Menschen meiden es aufgrund sozialer Kontrolle, ihren Antisemitismus offen auszuleben. Mehr noch, sie distanzieren sich teilweise von ihm und glauben, sich so den Mantel der Toleranz überzuwerfen. In ihren Augen äußern sie lediglich Kritik, wenn sie etwa sagen: „Was Hitler tat, war natürlich schlimm, aber …(beliebiges Statement über Jüdinnen und Juden)…“
Die Antisemitismus-Forscherin Prof. Monika Schwarz-Friesel von der TU-Berlin stellt fest, dass „gebildete Antisemiten“ oft als vermeintliche Moralprediger auftreten, Beleidigungen eher vermeiden und meist keine Gewalttaten androhen. So schrieb ein Jura-Professor in einer E-Mail an eine jüdische Institution: “Wir Deutsche haben bittere Erfahrung mit Auserwählten, Sie müssen das wohl noch lernen.“ Eine weitere Person schrieb: „Ich kenne immer mehr Menschen die mit Hitlers kranker Idee, euch auszurotten, sympathisieren. Ist das nicht beängstigend? Diese Leute behaupten sogar, ihr seid die neuen Nazis. Kann man dies nicht sogar verstehen?“ Oder „Warum werden die Juden immer wieder verfolgt! Das müssen Sie sich schon selber fragen. Beim nächsten Holocaust beginnt das Gejammer wieder von vorn. Ich habe die Schnauze voll.“
Viele Menschen haben „die Schnauze voll“ immer wieder mit dem Holocaust konfrontiert zu werden und die deutsche Geschichte aufarbeiten zu müssen. Dies wird als Last empfunden und steht im Widerspruch zu den eigenen patriotischen Gefühlen. Um dem zu entkommen, werden etwa die zivilen Opfer der Deutschen mit den Ermordeten der Schoah aufgewogen oder Jüdinnen und Juden wird eine Mitschuld angedichtet. Jüdinnen und Juden werden von diesen Menschen als anklagende „Störenfriede“ empfunden. Dieser Aspekt des Antisemitismus wird auch sekundärer Antisemitismus genannt.
Eine weitere Strategie ist der Vergleich Israels mit dem dritten Reich. 40,5% der Deutschen finden, dass Israel die Palästinenser im Prinzip wie die Nationalsozialisten die Juden behandelt. Und 38,4% äußern angesichts der Politik, die Israel macht, Verständnis dafür, dass man etwas gegen Juden hat. So werden die Opfer von damals zu den Täter*innen von heute gemacht. In jüngster Zeit wurde mehrfach zum Boykott von israelischen Produkten aufgerufen. Hierbei bedient man sich allerdings selbst einer Methode der Nazis. Damals war es das Ziel, Jüdinnen und Juden zu diskriminieren. Heute soll dadurch die vermeintliche Macht Israels gebrochen werden.Bemerkenswert dagegen, dass die in Israel-Boykott-Bewegungen Engagierten nicht im Entferntesten daran denken, Produkte aus Tibet mit eben genau dieser Argumentation ebenfalls boykottieren. In diesem Zusammenhang ist es mehr als bedenklich, dass zudem 13% der Deutschen das Existenzrecht Israels infrage stellen. Kritik an Israel ist oft einseitig und wird so umfangreich an keinem anderen Staat geübt. Gilt bei der Kritik an der israelischen Politik ein anderer Maßstab, ist dies auch als antisemitisch zu werten.

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