Deutsche Rheinfahrt

Eine kritische Radtour

 von Jan Bachmann

Die Germania. Foto: Jan Bachmann
Die Germania. Foto: Jan Bachmann

Es ist ein etwas abgedroschenes Klischee, dass manche Menschen dazu neigen, charakterliche oder körperliche Defizite durch teure Konsumgüter auszugleichen zu versuchen. Bei Nationen ist das ganz ähnlich. Die Deutschen etwa konnten nach der Gründung des Reiches im Jahre 1871 – anders als heute – noch nicht auf eine glorreiche gemeinsame Geschichte zurückblicken. Nationaler Mythos und Ethos mussten erst entwickelt werden, also setzte man monumentale Denkmäler in die Landschaft, um all den Hermanns und Wilhelms und natürlich der Germania zu gedenken. Gerade der Rhein, der deutsche Strom, anders als es auf dem Toilettenpapier des Herrn Dr. Heßling stand, nunmal auch teilweise deutsche Grenze, blieb natürlich von derartigen Baubestrebungen nicht verschont.
Unübertroffen thront über dem Niederwald bei Rüdesheim die Germania. Die sollte man sich einmal ansehen und da das Mittelrheintal einen gewissen landschaftlichen Reiz hat, ist die Reise auch ganz nett, also fahren wir einmal den Rhein entlang, natürlich gegen den Strom.
Los geht´s in Bonn, mit Wogenprall und Sturmgebraus und einem alten Damenrad. Während man so am Rhein fährt, während man am Ufer sitzt und den Ausflugsdampfern zuprostet, fallen einem all die Lieder, all die Gedichte ein, mit denen der Rhein gelobt und geschunden wurde. „Du wunderschöner deutscher Rhein“, „Fest steht und treu die Wacht, die Wacht am Rhein“ und die 12000 Trinklieder, mit denen Willy Schneider den Rheinwein besang.

In Koblenz, wo die Mosel in den Rhein mündet, sitzt am deutschen Eck der erste Wilhelm aus seinem Pferd, gegenüber liegt ein Zeltplatz. Das Denkmal wurde im Krieg zerstört, danach wurde daraus ein Denkmal, die verlorenen Gebiete dies- und jenseits der Oder-Neiße-Linie und das Saarland zu betrauern. Nach der Einverleibung des Saarlandes im Jahre 1957 und der DDR in die Bundesrepublik setzte man den Wilhelm wieder drauf, mit seinem Pferd. Ansonsten zeichnet sich Koblenz dadurch aus, dass es sehr guten Wein in den Kneipen gibt, man sich jedoch mit dem Heimweg etwas beeilen sollte, bevor die Trottoirs heraufgeklappt werden.

Foto: Jan Bachmann
Foto: Jan Bachmann

Anschließend fährt man durch das obere Mittelrheintal, das sich hauptsächlich dadurch auszeichnet, dass man nirgendwohin spucken kann ohne eine Burg oder Burgruine zu treffen. Die alten Gemäuer sind Zeugen der Tradition der Anwohner, sich gegenseitig zu bekriegen und anzugreifen. Dabei wurden dann auch die meisten Burgen zerstört. Einige Zeit später baute man die Ruinen wieder auf und setzte viele kleine Türmchen auf die Burgen, um sich vor romantischer Kulisse der Geschichte zu erinnern.
Vorbei kommt man an vielen kleinen Dörfern, die im Wesentlichen aus Tanzkaffees aus der Nachkriegszeit und Rentnern bestehen, die wohl bei einer Reise im Jahre 1966 ihr Rückfahrtbillet verloren haben. Man sieht die Loreley und viele weitere kleine Städtchen, etwa Bacharach, eine finstere und uralte Stadt, wie eine Sage aus grauer Vorzeit (Heine). In Bacharach steht noch eine halbe Kapelle, die man baute, um an den heiligen Werner zu denken. An Werners ungeklärtem Tod im Jahre 1287 waren natürlich die Juden schuld, weshalb anschließend eine blutige Judenverfolgung abgehalten wurde. Diverse Jahrhunderte später hat man dann eine Gedenktafel an der Ruine angebracht.
Und endlich nach langer Fahrt ist man in Rüdesheim und hier geht man natürlich in die Drosselgasse, eine Art Ballermann für Senioren und ausländische Touristen. In großen Weinstuben sitzt man bei deftiger Küche und Wein und lauscht der lieblichen Musik, die ein trauriger Alleinunterhalter auf einem Akkordeon spielt. Einige ältere Besucherinnen und Besucher tanzen. Cha-Cha-Cha oder Discofox. Gesungen wird vom Rhein, vom Wein und vom Rheinwein. Rund um das schmale Gässchen finden sich Souvenirläden, in denen alles gekauft werden kann, was irgendwie deutsch ist. Die Auswahl reicht von Geschmacklosigkeiten hin zu großen Geschmacklosigkeiten. Dolche, schwarz-rot-goldene Kuckucksuhren oder diverse Plüschvariationen in patriotischen Farben.
Jetzt kommt der Höhepunkt der Reise. Die Germania. Man kann entweder zu Fuß heraufsteigen, für Patrioten, die schlecht gehen können hat man jedoch auch eine Seilbahn gebaut. Ströme von Menschen umringen das Denkmal, Reliefs von Kriegsszenen, die Wacht am Rhein, alles ist da. Ein Bier auf einer Bank vor dem Denkmal hilft nur notdürftig die Szene zu ertragen. Man hört die Stimmen der Touristen, Anweisungen zum Fotografieren „Lach mal“, „Wink mal“ oder „Mach doch mal den Hitlergruß“, leider handelte es sich hierbei nicht um einen schlechten Scherz.
Aber was solls, vielleicht ist ja doch was dran an der Liebe zum Vaterland, die Statue, die Begeisterung, das Rheintal vor unseren Augen. Dann wären da ja noch der köstliche Wein und ich höre sie auch schon in meinem Kopf, unsere Hymne. Aber eigentlich brauche ich die gar nicht weiter zu hören, ich weiß nämlich schon, wie das endet.

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