Rassismus ist die Maske der eigenen Fehler

Gastbeitrag von Oliver Geffers

Protestaktion gegen salafistische Koranverteilung. Foto: Laila Riedmiller
Protestaktion gegen salafistische Koranverteilung. Foto: Laila Riedmiller

„As Salamu-Aleikum!“ ertönt es, als ich den Raum betrete. Musaf Diallo* sitzt am Tisch und beugt sich über seine neusten Deutschhausaufgaben. „Wa Aleikum As-Salam“ antworte ich freundlich und hänge meine Jacke neben die Tür. Schnell schauen, ob meine Kippa noch sitzt und dann dazusetzen.

Musaf Diallo ist 21 Jahre alt und einer von vielen Flüchtlingen denen ich immer wieder freiwillig unter die Arme greife. Bei Amtsgängen, Arztbesuchen oder dem Kontakt zum Anwalt: ich bin da und helfe so gut ich kann.
Ich engagiere mich schon länger für Flüchtlinge. Angefangen habe ich damit im Januar 2012. Ich empfand es schon immer als wichtig, mich für diejenigen einzusetzen die es schlechter haben als ich. Durch meine Französischkenntnisse betreue ich als ehrenamtlicher Flüchtlingshelfer vor allem Flüchtlinge aus frankophonen Ländern. Ein paar Brocken Arabisch kommen dazu, so dass ich auch einmal mit anderen unterwegs bin.
Musaf kommt aus Conakry, der Hauptstadt Guineas, wie viele Flüchtlinge hier aus dem Rhein-Sieg-Kreis. In der ehemaligen Französischen Kolonie in Westafrika ist der Islam die vorherrschende Religion. Jüdinnen und Juden hat er in Guinea nie gesehen, geschweige denn von ihnen gehört.
Als er mich das erste Mal fragte, was denn diese Mütze auf meinem Kopf sei, antwortete ich scherzhaft: „Ich hab da so ein riesen Loch im Kopf, mit der Mütze fällt das zum Glück niemandem auf!“ Er blickte mich jedoch etwas irritiert an, sodass ich ihn schnell aufklärte.
„Darf ich die denn auch mal anziehen?“ fragte er mich, als ich mit dem Erklären fertig war. Ich setzte sie ihm auf und er strahlte. „Gibt es viele Deutsche die Juden mögen?“ Ich lachte… und sagte, dass ich mir da eher nicht so sicher sei.
Sein Handy vibrierte und ein lautes: „Allah u Akbar“ war zu hören. Gebetszeit also. Er stand auf, gab mir die Hand und machte sich auf in Richtung nahegelegener Moschee.
Wenn ich in einer der Flüchtlingsheime bin, empfangen mich die Geflüchteten immer sehr herzlich. Ob ich mal kurz für einen Kaffee reinschauen möchte, etwas Baklava oder einen Tee? Zumindest ein kurzes Gespräch ist Pflicht! Wie es mir geht, was es neues gibt?
Da gibt es dann doch noch den ein oder anderen Brief den sie nicht verstehen! Die Tage ist ein Termin beim Arbeitsamt, der Deutschkurs hat angefangen und sie haben da Fragen!
Oft kommt es mir vor, als müsste ich an zehn verschiedenen Orten gleichzeitig sein.
Sehr viel Stress, viel zu tun.

Und was ich dafür bekomme? Dankbarkeit.

Jeder von uns kann eine Geschichte erzählen bei der er glücklich war nicht auf sich allein gestellt gewesen zu sein. Aus eigener Erfahrung kann jeder von Situationen berichten in denen er hilflos war, irgendwie abgestoßen, nicht zugehörig.
Das sind immer die mühsamen Erzählungen im Leben, wo man im Nachhinein vielleicht auch gar nicht mehr weiß wie man das überhaupt alleine geschafft hat.
Und doch gab es dann die eine oder andere Person die für einen da war und mit deren Hilfe das Leben wieder lebenswerter wurde.

Aber das alles mit Kippa? Ob das immer so einfach ist? Nein, ganz und gar nicht!
Vor einem halben Jahr noch war ich auf Öffentliche Verkehrsmittel angewiesen… und…
Moment mal, was haben Sie denn gedacht?

Ich möchte, dass Sie sich vorstellen, wie ich gerade mit meinem gezückten Zeigefinger vor Ihnen stehe und Sie mit meinem bösen Blick anschaue!

Aber ja, natürlich es gibt sie. Flüchtlinge aus dem Nahen-Osten die meine Hilfe nicht gerne in Anspruch nehmen, den Raum verlassen wenn ich ihn betrete, die mehr als „nicht gut“ auf Jüdinnen und Juden zu sprechen sind und Israel über alles in der Welt verachten.
Doch muss man gerade in Tagen rassistischer Hetze vormals genauer hinschauen und einer gegenwärtigen Gleichsetzung von Flüchtlingen und Islamisten entgegenstehen.
Als ich dazu, kurz nach den Anschlägen von Paris, durch die Bonner Innenstadt wanderte traf ich auf eine Kundgebung die um die Toten von Paris trauerte und sich gleichermaßen gegen Rassismus stellte. Diese möchte ich dazu gerne zitieren:
„Wir erleben gegenwärtig eine erfolgreiche diskursive Gleichsetzung von Geflüchteten und IslamistInnen als politische Strategie. Die RassistInnen freuen sich heimlich über die neuen Pariser Anschläge – und die IslamistInnen freuen sich heimlich über jede rassistische Mobilmachung. Deswegen soll unsere Kundgebung nicht nur unsere Trauer über die Opfer von Paris ausdrücken, sondern zugleich auch unsere tiefe Ablehnung des Islamismus und unsere entschlossene Solidarität mit den Geflüchteten, die nach Europa kommen auf der Suche nach einem sicheren, guten Leben.“

Die Rassisten und Islamisten echauffieren sich gegenseitig und dieses wird schlussendlich auf dem Rücken der Geflüchteten ausgetragen.
Bei beiden handelt es sich um eine postmoderne Krisenideologie und dieses kann nur als Ideologische Verwahrlosung gekennzeichnet werden.
Denn sie stehen gegen alles, wofür die Menschheit jemals eingetreten ist. Sie verfolgen freies Denken mit gnadenloser Unterdrückung und Folter, sie stellen „anders sein als die anderen“ unter Missgunst und sudeln sich in ihrer scheinbaren Opferrolle.

Menschen die vor dem islamistischen Terror fliehen und nun hier von Wutdeutschen an Bahnhöfen mit Steinen beworfen werden, dienen einzig als Sündenböcke um nicht dem vorgeblichen Gefühl der Hilfslosigkeit ausgesetzt zu sein.

Wir werden nicht weiterkommen, wenn wir neue Zäune um uns bauen.
Ja wir müssen gemeinsam gegen jeden antisemitischen Mob aufstehen und Farbe bekennen. Ob islamistisch oder rassistisch konnotiert. Das erreichen wir aber nicht durch Abgrenzung, sondern nur mit offener Hand.

(*Name aus Sicherheitsgründen geändert)

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