Pick-Up- Artists an deutschen Universitäten

Frankfurter Oberlandesgericht verbietet AStA Berichterstattung über Pick-Up-Artists

 von Laila N. Riedmiller

YouTube-Screenshot aus dem Kanal eines bekannten „Aufreiß-Künstlers“. In inzwischen gelöschten Videos rühmt er sich mit Vergewaltigungen und präsentiert massive sexuelle Übergriffshandlungen. Nach massivem Protest hat Julien Blanc mittlerweile Einreiseverbot in Großbritannien und Australien.
YouTube-Screenshot aus dem Kanal eines bekannten „Aufreiß-Künstlers“. In inzwischen gelöschten Videos rühmt er sich mit Vergewaltigungen und präsentiert massive sexuelle Übergriffshandlungen. Nach massivem Protest hat Julien Blanc mittlerweile Einreiseverbot in Großbritannien und Australien.

Die aktuelle Ausgabe beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit dem Thema Sexismus. Wir halten es für geboten, angesichts der aktuellen Diskussionen dieses Thema reflektiert und in all seinen Facetten zu beleuchten. Glücklicherweise haben wir die Möglichkeit, dies zu tun.
Dass das allerdings keine Selbstverständlichkeit ist, zeigt sich aktuell in Frankfurt. Die dortige AStA-Zeitung wollte über Vorfälle berichten, bei denen studentische Pick-Up-Artists Studentinnen auf dem Campus übergriffig angegangen hatten.

Das Phänomen der Pick-Up-Artists
Als Pick-Up-Artists bezeichnet sich eine Szene von Männern, die die sexuelle Belästigung zu einem Metier professionalisiert haben. Je mehr Frauen man abgeschleppt hat, desto besser. Mit bestimmten Tricks und Vorgehensweisen könne man jede bekommen.
Im Interview mit FW konkretisiert ein Student, der in der Vergangenheit Kontakt zur Pick-Up-Szene hatte (nennen wir ihn Barney): „Auch die lookistische Einteilung von Frauen in verschiedene Güteklassen ist Teil der Szene._Häufig erhalten die Frauen Nummern von 1 bis 10. Eine 1 oder 2 hat dabei keine hohe Wertigkeit, ist vielleicht zu klein und zu dick. Die „Artists“ begreifen sich als Jäger, die Frauen sind Beute. Es ist ein Trophäenkult, jeder versucht, möglichst viele hoch bewertete Frauen zu bekommen. Das eigene Profil als Jäger und das der Frauen als Beute wird dabei häufig auf evolutionsbiologische Theorien zurückgeführt und definiert den Wettstreit der einzelnen Männer untereinander als normalen Kampf. Dem ganzen liegt die Vorstellung zugrunde, dass Männern und Frauen unterschiedliche Paarungsstrategien zugrunde liegen, bei denen Männern immer ein werbender, aktiver und den Frauen ein auswählender, passiver Charakter zugeschrieben wird. Dabei wird eine willentliche Entscheidung der Frauen ausgeblendet und angenommen, dass man Frauen aufgrund ihrer spezifischen genetischen Disposition zu einem bestimmten Paarungsverhalten konditionieren könne._Die biologistischen Überlegungen enthalten zudem die Vorstellung, dass sich die Männer in einem Rangfolgewettstreit befinden, wobei sich Alphamännchen gegenüber Betamännchen durch ein besonders aggressives Auftreten und sexuellen Erfolg profilieren müssen.“

Körperliche Übergriffe als Flirtstrategie
Die entsprechenden Tipps für Pick-Up-Artists zielen größtenteils auf körperliche Übergriffe ab. So wird beispielsweise geraten, Frauen auch gegen ihren Willen anzufassen und zu unterwerfen, denn das sei, worauf sie eigentlich stünden. Griffe in den Schritt seien nötig, um die männliche Dominanz zu beweisen und auch die Nötigung zum Kuss könne Herrschaftsverhältnisse von vornherein klarstellen. Ein „Nein“ im klassischen Sinne gäbe es nicht, da auch die Weigerung der Frau Teil der Eroberung und als Herausforderung zu begreifen sei.
Szenebekannte Größen reisen durch die ganze Welt und geben Seminare (die einiges an Eintritt kosten), auf denen sie anderen Männern beibringen, wie man zum „Pick-Up-Artist“ werden könne. Nicht nur sind diese Szenegrößen oftmals bekennende Vergewaltiger,sie geben zudem explizit Tipps, wie man Frauen auch mit Mitteln der Nötigung zum sexuellen Kontakt zwingen kann.
Unser Interviewpartner führt weiter aus:„ Es ist auch eine Form von Kommerzialisierung. Es geht den sogenannten Artists darum, sich daran zu bereichern, eine gewisse Klientel von Männern zu radikalisieren und finanziell auszubeuten. Sie füllen Hallen mit Männern, die bisher oftmals sexuell wenig erfolgreich waren. Die patriarchale Gesellschaft hat diesen Männern ein Bild von Sexualität vermittelt, bei der die absolute Verfügbarkeit und Verwertbarkeit von weiblichen Körpern einen unbedingten Wert besitzt und auch das eigene Ansehen alleine durch diese Quantität definiert wird. Es geht nur um ein kurzfristiges sexuelles Erfolgserlebnis zur Profilierung vor einer Gruppe anderer Männer. “
Aufgrund des aktuellen Sexualstrafrechts in Deutschland sind viele der Vorgehensweisen jedoch nicht strafbar, die Täter können daher oft ungestraft sexuelle Übergriffe begehen.
Im November 2014 gerieten Pick-Up-Artists das erste Mal öffentlich in die Kritik. Der amerikanische Pick-Up-Artist Julien Blanc,der aufgrund seiner Seminare in Australien bereits auf der Liste unerwünschter Personen steht, wollte in Großbritannien einige seiner berühmten Seminare veranstalten. Nach großem Protest wurde ihm die Einreise untersagt. Auch in Deutschland formierte sich lauter feministischer Protest, als er in Köln auftreten wollte.

Pick-Up-Artists in Bonn
Abgesehen davon allerdings wird wenig über die deutsche Pick-Up-Szene berichtet.
Barney ergänzt: „Auch in Bonn gibt es Studenten, die sich dieser Strategien bedienen. Als Jagdgründe nutzen sie oft Partys,die hauptsächlich von Studierenden selbst organisiert sind und auf denen auch harter Alkohol in Massen billig verfügbar ist. Billig, das heißt Bacardi-Cola für unter einem Euro. Bei diesen Partys gibt es nahezu kein Bewusstsein für sexuelle Übergriffe, geschweige denn ein Awarenesskonzept. Auch die kulturellen Unterschiede der einzelnen Studierenden können zu Missverständnissen in der sexuellen Kommunikation führen.Die Männer, die dieser Szene angehören, sind aber vor allem Deutsche, entgegen der Aussagen in den aktuellen Debatten. Es wird systematisch und bewusst in Gruppen vorgegangen und ist ein eindeutiger Beleg dafür, dass institutionalisierte und organisierte sexuelle Übergriffe kein primäres Phänomen von Männern sind, die einen orientalischen Migrationshintergrund aufweisen. “

Urteil: Kein ausreichender Hochschulbezug
Mit der Begründung, es lasse sich kein ausreichender Hochschulbezug feststellen,untersagte das Oberlandesgericht dem Frankfurter AStA nun die Thematisierung der Vorfälle mit einer einstweiligen Verfügung. Die Autorin der untersagten Artikel stellt dazu in einer Pressemeldung des Frankfurter AStA fest, dass allein die Tatsache, wie eine Berichterstattung zum Thema Sexismus untersagt wird, die Notwendigkeit einer Thematisierung aufzeige. Auch die Frankfurter AStA-Referentin Karla Onodi kritisiert das Vorgehen. In ihren Augen kann sich die deutsche Pick-Up-Szene von der amerikanischen distanzieren und so rehabilitieren, indem eine kritische Berichterstattung unterbunden wird.
Der AstA-Referent für Hochschulpolitik der Universität Frankfurt Daniel Katzenmaier kommentiert die Vorgänge:„Es gab bereits einige Zeitungsartikel über den Gegenkläger und sogar einen Beitrag der ARD, wo er seine Pick-Up-Taktiken vorführt. Dass er ausgerechnet bei einem kritischen studentischen Artikel sofort Rechtsmittel einlegt, ist fragwürdig. Auch in der Friedrich-Ebert-Stiftung hat der Antragsteller eine Sexismus-Debatte ausgelöst. Es besteht also durchaus Interesse zur Berichterstattung. Insbesondere besteht Interesse für die Studierendenschaft, wenn dies auf den Campus geschieht.“
Der AStA Frankfurt wird nun im Hauptverfahren versuchen, sein Recht auf Berichterstattung durchzusetzen, das bereits das Landesgericht ursprünglich bestätigt hatte.
Angesichts der Vorgänge in Frankfurt kommt Barney zu dem Schluss: „Offensichtlich interessant ist, dass organisierte sexualisierte Gewalt ausgehend von weißen Deutschen und Angehörigen der westlichen Industrienationen hier in Deutschland häufig totgeschwiegen wird. Diese Tendenz wurde nun durch das OLG Frankfurt bestätigt.“

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