Aufstand auf der Pimmelparty 

Warum bei Frauen das Postfach (oft vor Mist) überquillt

von Laila N. Riedmiller

Ich bin Feministin und ich liebe Sex. Das eine ist ein Grund für, das andere ein Grund gegen die Anmeldung in Online-Datingapps.
Wenn man sich wie ich nur in unregelmäßigen Abständen dort einloggt und ansonsten Nachrichten eher erstmal ignoriert, wird man, wenn man es dann tut, von einer Lawine mehr oder minder kreativer, in fast jedem Fall aber sehr schmieriger Anfragen überrollt. Der Nutzung von Datingapps, in denen man Bilder und Videos verschicken kann, habe ich daher bereits nach wenigen Stunden der Nutzung endgültig abgeschworen. Doch es ist unfassbar, welche geistigen Bilder sexbedürftige Menschen heraufbeschwören können, die sich für immer in dein Bewusstsein brennen.
Da ist der Ü50-Jährige, der dir trotz des Hinweises „Kein Interesse an Vaterfiguren“ erklärt, du seist die bildliche Erfüllung seiner Wünsche und solltest doch bitte zum Vögeln vorbeikommen. Oder der unbekannte notgeile Mann, der sich dir gegenüber als bisexuelle Frau ausgibt, allerdings so furchtbar schlecht schreibt, dass diese Masche schnell auffällt.
Warum das Postfach überquillt ist leicht zu verstehen, Datingportale sind meistens ziemliche Pimmelparties und ein großer Teil der weiblichen User sind in Wirklichkeit Bots, die dich zuverlässig in regelmäßigen Abständen mit russischen Links zuspammen. Dementsprechend macht sich ein großer Teil der User nicht mehr wirklich Gedanken darum, eine zumindest dem Anschein nach individuelle Eröffnungsmail zu schreiben. Dementsprechend hoch ist die Quote der respektlosen „du bist geil, lass mal ficken“-Anfragen, die ungelesen im Müllkorb landen.
Um die größten Idiot_innen im Vorfeld auszusortieren habe ich sehr klar definiert, wo ich politisch stehe. Sex macht mir irgendwie nicht so wirklich Spaß, wenn ich das Gefühl haben muss, mein_e Gegenüber fände es eigentlich sehr geil, wenn ich nach dem Sex noch alleine koche und den Abwasch mache, weil sich das als Frau so gehört oder man könnte ja mal einen Dreier mit geiler Lesben-Einlage allein zur Bespaßung des männlichen Parts veranstalten.
Der Verweis auf meinen Fetisch für reflektierte und profeministische Menschen hat allerdings mehr als genug Nebenwirkungen.
Da gibt es einerseits diejenigen, die mir erklären, warum Männerhass scheiße ist – völlig ungeachtet der Tatsache, dass ich Menschen nicht aufgrund ihres Geschlechts hasse oder liebe, sondern wenn aufgrund ihres Verhaltens. Dann natürlich die obligatorischen Vermutungen, ich sei nur so eine Emanze, weil man mich noch nie richtig durchgefickt hätte – zumeist geäußert von Männern*, die sich im wahren Leben vor mir wegducken würden, wenn ich die Stimme erhöbe.
Dass mein Profil inmitten all der Bots doch sehr glaubhaft real wirkt ist zudem ein gefundenes Fressen für gelangweilte Suchende, die ihrem Frust Luft machen wollen. Das passiert, indem mein feministisches Engagement infrage gestellt wird und Mensch eine überflüssige Grundsatzdiskussion beginnt, in der sich nebst sämtlichen Klischees von Feminaziweltherrschaft bis Penisneid glühender Hass auf alles Weibliche durchschlägt.
Hin und wieder findet sich dann doch mal ein Mensch, mit dem man vernünftig reden und sich auf einen Kaffee und mehr treffen kann. Das sind dann meistens diejenigen, die mich anschreiben und sich darüber aufregen, wie scheiße heteronormativ und sexistisch diese Gesellschaft ist und die dies nicht tun, um bei mir zu punkten, sondern die wirklich etwas begriffen haben.

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