Kein guter Diskurs

Warum die Podiumsdiskussion wenig konstruktiv war.

Kommentar zur Podiumsdiskussion der LINKEN von Sam F. Johanns

Was tun, wenn schon das Reden über einen Sachverhalt in der Wortwahl die Konstruktivität eines Diskurses verunmöglicht? So geschehen bei der Podiumsdiskussion der LINKEN über käuflichen Sex. Wenn von Sexarbeit gesprochen wird, stören sich die radikalen Gegner_innen an einer befürchteten Gleichsetzung der Tätigkeit mit einer Arbeit wie jeder anderen. Aber kann der Begriff Prostitution auch auf abstraktere Formen entfremdender Arbeit gefahrlos übertragen werden, ohne dabei die besonderen ethischen Dimensionen zu ignorieren, die sich mit dem Verkauf des eigenen Körpers verbinden? Kann man Taxifahren und Putzen als Form der Prostitution sehen, wie aus dem Plenum zur Diskussion dargebracht (!)? Traumata durch Prostitution eine Entfremdung durch Arbeit, vergleichbar mit der anderer Tätigkeitsfelder?
Ist es andererseits legitim, bei Prostitution pauschal immer von sexuellem Missbrauch und patriarchaler Ausbeutung des weiblichen Körpers zu sprechen? Marginalisiert oder eliminiert dieses Reden nicht auch jede andere Form von freiwilliger selbstbestimmter Sexarbeit und den Anteil männlicher Sexdienstleistenden, seien diese Gruppen auch noch so gering?
Sich als links definierende Personen haben an anderer Stelle keine Hemmungen, nach sprachlicher Inklusion auch noch so numerisch marginaler Menschengruppen zu streben. Der Anteil von trans*-identitären Personen in der Gesellschaft ist nicht erheblich und dennoch statten viele Linke (wir auch) ihre Schriften mit „*“ und „_“ aus, um alle anzusprechen, die sich nicht im binären Geschlechtersystem wiederfinden können und wollen. In der Rede um Prostitution haben jedoch viele keine Hemmungen, exklusiv zu sprechen, ausschließlich von den Tätern zu reden oder Missbrauch, Vergewaltigung und Prostitution semantisch gleichzusetzen. Das ist ebenso sexistisch wie antiliberal, spricht es doch der freiwilligen Sexarbeiter_innenschaft ab, bei klarem Bewusstsein zu sein. Dass die alltägliche Gewalt, der Sexarbeiter_innen ausgeliefert sind, patriarchale Machtverhältnisse aufs brutalste konkretisiert, das verschleiert sich bei einer reflektierten Zuhörer_innenschaft wohl kaum, wenn auf die Bedingungen inklusiver Rede geachtet wird.
Was aber passiert wiederum mit einem Rederaum ,wenn die Rede einer Referentin immer wieder durch einen männlichen Zwischenruf gestört wird, der brutal ein „AUCH MÄNNER!“ oder ein „AUCH FREIERINNEN!“ wohlgemerkt kein „Auch Männer und Transpersonen.“ einfordert? So passiert bei diesem Diskussionsabend der LINKEN. Dies ist geeignet, einen Rederaum maskulin zu dominieren. Übrigens unabhängig von der Gewichtung der Geschlechter im Saal. Es bewirkt das vielleicht Deplatzierteste, was in einer Diskussion um Prostitution passieren sollte und steht auch ein wenig als pars pro toto für den ganzen Abend, für eine unreflektierte Diskursform.

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