Das Phänomen MenschMaschine

Science Fiction oder schon Realität?

Interview mit Prof.‘in Lucke von Frederik Fingerhut

Prof.‘in Lucke forscht zum Thema „Auswirkungen der Technik auf den Menschen“ und bietet interdisziplinäres Seminar an. Foto: Sam. F. J.
Prof.‘in Lucke forscht zum Thema „Auswirkungen der Technik auf den Menschen“ und bietet interdisziplinäres Seminar an. Foto: Sam. F. J.

In unserer Gegenwartgesellschaft spielt Technologie eine immer größere Rolle. Zunehmende Digitalisierung und globale Vernetzung bestimmen unseren Alltag und werden als die Zukunft der Postmoderne verstanden. In welchem Verhältnis steht der Mensch zur Maschine zukünftig und welche Entwicklung lässt sich schon heute feststellen? Hierzu wurde die Diplom-Soziologin Prof. Dr. Doris Mathilde Lucke vom Bonner Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie nach ihrem Vortrag: „Perfekte Menschen – Defekte Maschinen. Grundlagen und Perspektiven der Sozionik“ interviewt.

FW: Sie sprachen in Ihrem Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung: „Die Maschine: Freund oder Feind?“, die im WS 2015/16 an der Universität Bonn stattfand, u.a. von einer zunehmenden Relevanz der Verbindung von Mensch und Maschine bzw. vom Mensch-Maschinen-Hybrid. Ist der Mensch ohne Technologie, auch historisch, überhaupt vorstellbar? Gibt es ein Leben ohne diese Form von Hybridität?

Lucke: Es kommt darauf an, was man unter Technologie oder Technik versteht – Begriffe, die häufig synonym gebraucht werden. Ein Stock als Gehhilfe kann schon als eine ganz frühe Form von Technik angesehen werden. Soweit ich das überblicke, hat es aber noch nie eine Gesellschaftsform gegeben, in der die Hybridisierung so weit fortgeschritten war, so dass man mit Donna Haraway sagen kann: „Wir sind alle schon Cyborgs“. Ich nannte im Vortrag einige Beispiele wie Hybrid-Autos oder Hybrid-Fahrräder. Aber auch in unserer Sprache kann man feststellen, dass immer mehr Bezeichnungen, die ursprünglich nichts miteinander zu tun haben, kombiniert werden. Education und Entertainment werden zu „Edutainment“, Information zu „Infotainment“. Insofern würde ich sagen, dass Hybridisierung ein Stichwort zur Zeitdiagnose unserer Gegenwartsgesellschaft geworden ist.

FW: Die Technologie ist also dem Menschen eigen? Auch in seiner historischen Entwicklung?

Lucke: Ohne zeitlich allzu weit zurückzugehen, wollte ich im Vortrag hervorheben, dass sich die Technik immer mehr unserer Körper bemächtigt. Die Technik durchdringt uns immer mehr und dringt in uns ein. Sie ist nicht mehr etwas Äußerliches. Eine Brille kann man abnehmen, ablegen und verlegen, während Kontaktlinsen im Körper getragen werden. Der Gehstock ist noch sichtbar, die künstliche Hüfte ist dies nicht mehr. Meine These ist, dass sich Technik, z.B. in Form von Implantaten, immer mehr in uns hinein verlagert.

FW: Sie sprachen in diesem Zusammenhang auch von der Pränatalen Diagnostik, welche Aufschlüsse darüber geben kann, welche „Defizite“ ein Fötus aufweist. Streben wir zum „perfekten Menschen“?

Lucke: In jedem Fall! Ein Kredo unserer Zeit lautet: „Keine Defekte, keine Infekte“, d.h. die Menschen sollen alle gesund sein und keinerlei Mängel oder Makel aufweisen. Das ist tatsächlich der Weg zur Maschinenähnlichkeit. Mir kommt es vor, dass es eine zunehmende Angleichung von Mensch und Maschine gibt. Dazu vertrete ich eine Konvergenzthese: Menschen sollen immer maschinenähnlicher werden und Maschinen bekommen so etwas wie einen „human touch“. Maschinen wird gewissermaßen das eingehaucht, was Menschen vorher ausgetrieben wurde: Subjektivität, Sensibilität, Spiritualität, Selbstbewusstsein, Individualität. Innerhalb dieser Entwicklung kann man drei Stufen feststellen: Erstens die Autonomie von Maschinen: sie agieren nicht mehr rein reaktiv in Befehl-Gehorsams-Strukturen, sondern selbstständig. Die nächste Stufe ist die Emergenz: Maschinen können etwas Neues hervorbringen und dazu lernen. Die letzte Stufe ist die Singularität, also die Superintelligenz, wie es Ray Kurzweil in seinem 2014 auf Deutsch erschienenen Buch „Menschheit 2.0“ nannte.

FW: Die Stufenabfolge Werkzeug, Denkzeug und Kunstwerk erwähnten Sie in Ihrer Vorlesung. Ist dies dementsprechend?

Lucke: Ja, das passt recht gut. Das Werkzeug war die erste Stufe: Die Maschinen haben gemacht, was der Mensch wollte. Bei der zweiten Stufe, dem Denkzeug, fangen Maschinen an, zu machen, was sie wollen. Wenn man z.B. ein Computerprogramm benutzt und „1.“ setzt, „denkt“ der Computer mit und fährt mit „2., 3., 4.“ fort. Als ich vor mehreren Jahren in einer Suchmaschine den Begriff: „Generalbundesanwältin“ eingab, fragte der Computer zurück: „Meinten Sie Generalbundesanwalt?“, obwohl gerade die erste Frau in dieses Amt gekommen war. Man wird also schon im Denken bevormundet. Das Kunstwerk ist noch nicht erreicht. Damit ist ein Mischwesen aus Biofakten, Soziofakten und Artefakten, also der gemachte, der nachgebaute Mensch, gemeint. Hierbei ist die Unterscheidung zwischen Menschen und Maschinen (fast) nicht mehr möglich, die zunehmende Ähnlichkeit führt bis zur Ununterscheidbarkeit. Spannend wird es dann beim sogenannten „Turing Test“. Dieser gilt dann als bestanden, wenn eine Versuchsperson ihr Gegenüber nicht mehr als Maschine erkennt, sondern sie als Menschen verkennt. Für mich ist das sehr interessant, da ich mich auch mit Gender Studies beschäftige und es ja auch Tests auf Geschlechtszugehörigkeit gibt. Meine These ist, dass die Unterscheidung: Mensch / Maschine die Unterscheidung: Mann / Frau in dem Maße ablösen wird, in dem letztere immer unwichtiger wird. In der Frauenforschung gibt es den Spruch: „Who is driving the bus?“. Doch wenn die Busse selbstfahrende Fahrzeuge sind, ist es egal, ob ein Mann oder eine Frau am Steuer sitzt. Ein weiteres wichtiges Thema ist die Reproduktion, welche immer mehr in den Bereich des Künstlichen verlagert wird, so dass Geschlechterdifferenzen auch hier irgendwann keine Rolle mehr spielen werden. Wenn die Reproduktion aus dem Geschlechtskörper ausgelagert wird, ist das Geschlecht keine relevante Kategorie mehr.

FW: Sie stellten auch eine zunehmende Bedeutung von maschineller Automatisierung in Alltag und Arbeitsleben fest. Dabei nannten Sie als Beispiel die Berichterstattung im Journalismus. Wie weit könnte diese Automatisierung gehen? Werden Sie in absehbarer Zeit von einer Maschine interviewt?

Lucke: Das könnte ich mir durchaus vorstellen. Aber ich könnte leichter mit jemandem reden, dem oder der ich ins Gesicht blicken kann. Wir gucken uns ja auch gerade an und interagieren miteinander. Irgendwie käme es mir komisch vor, wenn da statt Ihnen nur ein Ding stünde, welches mein_e Interviewpartner_in wäre.

FW: Es bestünde dann keine authentische Beziehung zwischen Ihnen und dem / der Interviewpartner_in. Das würde stören?

Lucke: Mich als „analogen Altmenschen“ würde das noch stören, aber ich beobachte auch schleichende Gewöhnungseffekte. In München gibt es legendäre Faschingskonzerte, die das Studierendenwerk der dortigen Musikhochschule organisiert. In diesem Jahr wurde das Konzert erstmals von zwei verkleideten Robotern moderiert, während es letztes Jahr noch klassischerweise ein Mann und eine Frau waren. Als ich einem Bekannten erzählte: „Das Konzert wurde von einem Roboter und einem Menschen moderiert“, fiel mir auf, dass eigentlich beide Roboter darstellen sollten. Jedoch war der eine in Gold gehüllt und hat die deutsche Sprache gebraucht, während der andere ein blinkender Kasten war, der nur Piepstöne von sich gab. Für mich war es faszinierend, hierbei graduelle Abstufungen dieser Mischwesen festzustellen. Den goldenen habe ich noch auf die Menschenseite herüber definiert, während der Kasten für mich ganz klar der Roboter war. Ich glaube, solche Prozesse werden wir als „stille Revolution“, die ja jetzt schon stattfindet, in Zukunft verstärkt erleben.

FW: Sie haben die Maschine, die menschlicher aussah, eher als Mensch (an-)erkannt. Also spielt bei der Anerkennung von künstlicher Intelligenz das Auftreten und das Erscheinungsbild eine Rolle?

Lucke: Genau, das ist eine Frage der wahrgenommenen Selbst-Ähnlichkeit. Die Maschine wird dann leichter als dem Menschen ebenbildlich angesehen.

FW: Ist es in Ihren Augen dann auch möglich, dass Maschinen mit künstlicher Intelligenz in einer auf Menschen fixierten Gesellschaft eine gleichberechtigte Rolle spielen und Menschen mit Maschinen eine emotionale Beziehung aufbauen könnten?

Lucke: Nach allem, was ich bisher erlebt habe und vor nicht allzu langer Zeit noch für unmöglich gehalten hätte, glaube ich jetzt tatsächlich, dass das möglich sein wird. Es gibt schon jetzt nicht mehr voneinander getrennte Mensch-Maschinen-Welten. Wie gesagt, sie kongruieren. Ähnlich wie bei Virtualität und Realität, die sind ja auch keine unvereinbaren Gegensätze, sondern beeinflussen einander. Die Virtualität ist real, das Reale (auch) virtuell.

FW: Würde das nicht an den Fähigkeiten der Maschine scheitern?

Lucke: Auch da vollzieht sich ein Wandel. In Zusammenhang mit dem Zugunglück in Bad Aibling im Februar dieses Jahres ist mir aufgefallen, dass auch in der Medienberichterstattung schon die andere Perspektive eingenommen wurde. Es hieß, der Mensch sei (derzeit noch!) das einzig verbleibende Risiko für die technischen Systeme. Das ist im Grunde eine völlig verkehrte Welt! Dennoch ist „Fiction“ der „Science“ voraus. Wir wären, wie das auch der Kollege aus der Informatik und Robotik in der Vorlesungsreihe gesagt hat, wahrscheinlich alle enttäuscht, wenn wir sehen würden, wie ungelenk Roboter heute sind. Wenn es hoch kommt, können sie Treppen steigen. Doch ich denke, die Entwicklung ist so explosionsartig, dass wir tatsächlich auf dem Weg in eine Hybridgesellschaft sind. Auch die Sozialisation geht dahin, Hybridwesen für eine Hybridwelt bzw. technikkompatible User_­innen für eine „Netzwelt“ zu erzeugen. In Finnland wird gerade das Schreiben mit der Hand als Schulfach abgeschafft. Kinder sollen stattdessen früh an den Umgang mit Tastaturen gewöhnt werden. Hier wird uns Menschen im wörtlichen Sinne immer mehr aus der Hand genommen. Wir werden – so hat es den Anschein – immer mehr den Maschinen angepasst, als dass die Maschinen uns angepasst würden.

FW: Wenn die Dichotomie von Mensch und Maschine immer schwächer wird, in welcher Qualität lassen sich dann noch feste Unterschiede bestimmen?

Lucke: Genau das eben denke ich nicht. Es entspricht vielmehr dem allgemeinen Trend der Auflösung von fast allen ehemaligen Dichotomien, wie etwa dem Geschlecht. In der Medizin z.B. gibt es auch einen Paradigmenwechsel: Ein Mensch ist nicht mehr entweder krank oder völlig gesund, sondern jemand ist etwas kränker als jemand anderes oder in bestimmter Hinsicht relativ gesund. Wir können fast überall eine Abkehr von zwei, im mathematischen Sinne diskreten Polen hin zu fließenden Übergängen und Spektren beobachten. Genau das läuft derzeit im Verhältnis von Mensch und Maschine ab.

FW: Wenn uns Maschinen durch Automatisierung immer mehr Arbeit abnehmen, haben wir dann mehr Zeit für typisch Menschliches?

Lucke: Wir fragen uns ja jetzt schon, warum wir als Folge von Arbeitszeitverkürzungen nicht viel mehr Freizeit haben. Das ist der typische „Rebound-Effekt“, den man vom Stromverbrauch kennt: Es gibt jetzt LED-Lampen, die einen geringeren Stromverbrauch haben. Trotzdem sparen wir keinen Strom, weil wir die Lampen länger anlassen, es kostet ja (angeblich fast) nichts. Klar können uns Maschinen Arbeit abnehmen und uns damit Zeit sparen, sie kosten uns aber auch Zeit. Wären Sie noch darauf angewiesen, mit der Hand Briefe zu schreiben, würden Sie sich ganz genau überlegen, wem Sie was schreiben. Wenn Sie aber per Smartphone z.B. kurze Nachrichten verschicken können, wird dauernd kommuniziert. Die Kommunikation über Kommunikation ist ein gutes Beispiel für diese penetrante Kommunikation in Permanenz: „Warst du das, der vorhin versucht hat mich anzurufen?“ – „Kannst du mir noch eine Mail schicken?“ – „Nein, ich schicke dir besser doch eine SMS.“ Oder: „Hallo Prof. Lucke, wann haben Sie Ihre Sprechstunde?“ – „Das steht im Netz.“ – „Sorry, ich hab’s jetzt erst gesehen.“ Wenig später: „Sind Sie dann auch wirklich da?“ – „Ja, ich bin dann auch da – leibhaftig sogar.“ usw. usf. Durch das ganze Hin und Her zwischen „virtual“ und „real reality“ entsteht ein regelrechter Mail-Ping-Pong, mehr (freie) Zeit gewonnen wird dadurch nicht.

FW: Also kommt durch die stärkere Vernetzung eine Komplexität zu Stande, die uns Zeit raubt?

Lucke: Ja, das ist eine Art Nullsummenspiel. Zudem übernehmen wir mit Hilfe von Maschinen immer mehr Aufgaben, die früher andere Menschen berufsmäßig für uns erledigt haben. Denken Sie an den früheren Bankangestellten, der Überweisungsträger ausgefüllt hat. Jetzt gibt es Dialog-Geräte, mit denen wir das alles selber machen müssen. Es wird weitgehend unbemerkt immer mehr auf uns als Kund_innen, Klient_innen, etc. übertragen und zugleich erwartet, dass wir uns immer mehr technisches Gerät anschaffen. Die Sparkasse KölnBonn wirbt z.B. mit Online-Banking, wofür aber ein Smartphone und weitere Utensilien benötigt werden. Immer mehr Geräte und Maschinen sind Voraussetzung, um überhaupt irgendwo mitmachen, d.h. gesellschaftlich und politisch partizipieren, zu können. Ich werde immer mehr in meinen Handlungsmöglichkeiten eingeschränkt, solange ich mich weigere, der fortschreitenden Übertechnologisierung zu folgen. Ich denke doch, dass eine gewisse Widerständigkeit gegenüber Technik und technologischem Fortschritt manchmal nicht ganz so verkehrt und stattdessen eine soziologisch informierte Resilienz am Platze ist.

FW: Frau Prof.‘in Lucke, wir danken Ihnen für das Gespräch!

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