Basti (18) outet sich als schwul

und zwar vor Schulklassen. Der Student engagiert sich bei SchLAu, einem Aufklärungsprojekt zur Förderung von Akzeptanz gegenüber LGBT. Mit der BAStA sprach er über sein Coming Out, schwere und glückliche Zeiten und besondere Schulstunden. Von Jana Klein

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(Foto: jak)

Hätte man Basti vor einem Jahr gefragt, ob er seine Geschichte nicht lieber anonym erzählen will, es wäre ihm lieber gewesen. Coming Out, so sagt er, ist ein lebenslanger Prozess, immer wieder anders. Ein Prozess, der bei ihm mit 13 Jahren anfing, zuerst nur im Innern. 5 Jahre später sitzt ein zufriedener junger Mann im Café, erzählt schon beim Bestellen an der Theke von seinem Weg. Mit dem vollen Bart sieht Basti nicht wie 18 aus, ich stelle ihn mir auf einer dieser berüchtigten Schwulenpartys in Köln unter all den Männern vor. Aber zuerst reden wir über Jungs. Denn als seine Freunde damals anfangen, sich für Mädchen zu interessieren, die ersten Pärchen entstehen und regelmäßig auch auf ihn die Frage zukommt, welches Mädel er denn gut finde, muss Basti erstmal passen. „Mir ist bewusst geworden, dass das für mich kein Thema war – und dann: okay, mit mir stimmt was nicht“. Aus dem großen Interesse für gewise Jungs wird in einem schleichenden Prozess die Erkenntnis, dass es süße Jungs sind, da auch sexuelle Gedanken sind. Basti erkennt, dass er schwul ist. Über ein Jahr dauert das. Doch mit der Erkenntnis hört die Scham, dass etwas nicht stimmt, nicht auf: „Ich hab’ versucht, mich umzupolen, habe Frauen in den Ausschnitt oder auf den Po geschaut“. Basti will nicht schwul sein, spricht von großem Leid, hegt zeitweise sogar Selbsthass und schleppt sein „Geheimnis“ mit sich herum. Er habe sich in dieser Zeit scheiße gefühlt, sein ganzes Leben sei ihm träge vorgekommen, bis er mit 16 den Entschluss fasste, dass es so nicht weitergehen könne. Er tritt vor seine Eltern, ist total verunsichert und weiß nicht, was passieren wird, wie sie reagieren würden. „Das war wie in einem falschen Film, hat sich wie ein schlimmer Traum angefühlt, die Situation war nicht stimmig“. Und trotzdem: die Eltern reagieren positiv, endlich ist Basti nicht mehr völlig einsam mit seinen Gefühlen, das Geheimnis ist ein Stück weit raus. Positive Erfahrungen beim Outing machen heute immer mehr Menschen. Aber Basti kennt auch andere Geschichten: von schlimmen Auseinandersetzungen bis hin zu Freund_innen, deren Eltern von diesem Zeitpunkt an nicht mehr mit ihnen sprachen. Bei der medialen Präsenz von Lesben, Schwulen und transgeschlechtlichen Menschen könnte der Eindruck entstehen, heute sei dieses Thema längst kein Thema mehr. Doch besonders für die meisten Jugendlichen ist das Gegenteil noch immer leidvolle Realität.

„Bis vor einem Jahr hatte ich, wenn das Fenster offen war, wenn nur so Wörter wie lesbisch, schwul und so fielen, Schiss. Paranoid“. Basti wartet, bis er das Abi hinter sich hat, erzählt niemandem etwas davon, auch trotz des guten Outings vor seinen Eltern. Nicht ein mal sein Bruder soll es erfahren. Die Angst ist zu groß. Auf dem Pausenhof ist „ey du Schwuchtel“ eine alltägliche Beleidigung und auf Familienfeiern bieten Schwule oft unfreiwillig Anlass für einen großen Lacher. Ein hässliches Gefühl, erinnert sich Basti, und meint, dass das seinen Prozess noch gehemmt hat. Doch dann kommt Basti an die Uni, schreibt sich in Physik ein und hört vom LBST-Referat („LesBiSchwulTrans*) im AStA. In der Kaffeestunde im gemütlichen Raum der Enagierten trifft er auf Andere mit ähnlichen Erfahrungen, tauscht sich aus und ist endlich nicht mehr selbst sein alleiniger Gesprächspartner. Das habe ihm echt gutgetan, erinnert er sich, er kommt auch zum ersten Mal mit lesbischem Begehren, Bisexuellen und dem Thema Trans* in Kontakt. Erste Freund_innenschaften entstehen und schließlich steht für Basti das Outing vor seinem großen Bruder an. Seine neuen Freund_innen unterstützen ihn dabei und auf dem Weg zu einem gemeinsamen Ausflug fallen im letzten Jahr die Worte, vor denen er sich lange gedrückt hat. Einfach so heraus: „Ich bin schwul“. Erst hält der Bruder es für einen Scherz, vielleicht auch aus Unsicherheit. Doch dann versichert der ihm: „Ich bin für immer und ewig dein Bruder und stehe immer hinter dir“. Basti strahlt richtig, als er von dieser Szene erzählt, man nimmt ihm ab, wie wichtig diese Erfahrung für ihn war. Im Gespräch kommen wir immer wieder auf einzelne Aspekte dieser Zeit zurück. Coming Out ist für Basti kein abgeschlossenes Kapitel, man spürt die damaligen Gefühle und Konflikte noch gut nach, wenn er spricht.

Über die geknüpften Kontakte hört er auch von SchLAu, eine Freundin outet sich regelmäßig vor Schüler_innen und arbeitet mit ihnen zum Thema. Basti lässt sich schließlich am CSD-Fest auf dem Bonner Münsterplatz als neuen Mitstreiter anwerben, kommt zu den Treffen, lässt sich die Methoden des Projekts beibringen. Im Winter ist es schließlich so weit. „Es war der erste Tag, an dem es geschneit hat“, ein bisschen aufgeregt ist er schon. Heute hospitiert er nur, er schaut den Anderen zu, tastet sich an die Situation und an die Schüler_innen heran. Schon beim nächsten Mal, als Basti selber auch aktiv den Vormittag mit den Schüler_innen gestaltet, überwiegt schon die Freude. Die Scham, die Selbstzweifel sind in so kurzer Zeit umgeschlagen und man kann sich vorstellen, wie ein junger Mensch plötzlich aufblüht, wenn er lernt, mit seiner Identität und seinem Begehren zu leben und Respekt erfährt. Besonders, wenn man Basti reden hört und sieht. Drei Zeitstunden verbringen die Teams von SchlAu mit Schüler_innen ab der 7. Klasse. Nach einer Vorstellungsrunde klären die jungen Leute mit der Gruppe in kreativen Methoden Grundbegriffe wie „lesbisch“ oder „transsexuell“. Die Schüler_innen machen hier meist gut mit, sind interessiert und beteiligen sich am Gespräch und an Diskussionen. SchLAu bemüht sich, nicht mit Schubladen zu arbeiten, um Leute einzusortieren, sondern mit Begegnungen und Erfahrungen konkreter Menschen. Auch der Unterschied zwischen Toleranz und Akzeptanz wird diskutiert. Anknüpfungspunkte an Erfahrungen mit Rassismus oder Ableismus, also der Ausgrenzung aufgrund von Behinderungen oder (vermeintlicher) Unfähigkeit, ergeben sich von selbst, weil die Schüler_innen aktiv die Zeit mitgestalten. SchLAu will die Erfahrungen sichtbar machen, die Menschen machen, und zeigen, mit welcher Ausgrenzung, Diskriminierung oder gar Gewalt diese Menschen dann konfrontiert sein können. Gegen Ende der gemeinsamen Zeit wird zur Biographierunde übergeleitet, die Aktiven outen sich vor den Jugendlichen und gewähren einen Einblick in ihre ganz persönliche Geschichte, ihren gegenwärtigen Stand. Dort kann es schonmal heißen „Ich bin in einer Beziehung mit einer Frau“, statt dass sich die Aktiven unter ein Wort wie „Lesbe“ subsummieren. Auch von queerem Empfinden wird den Schüler_innen erzählt, davon, nicht so leicht in gegebene Begriffe zu passen oder das auch gar nicht zu wollen – wenn eine queere Person im Team ist. Basti sagt: „Ich definiere mich als schwul“. Danach können die Schüler_innen anonym, per Zettel und Stift, Rückfragen stellen, die beantwortet werden.

Zuletzt waren die SchLAu-Gruppen in einer Kampagne konservativer Zeitungen attackiert worden, ziemlich undifferenziert war u.A. von „Porno-Unterricht“ die Rede, „Unter dem Deckmantel der Vielfalt“ werde dort an den Kindern ausagiert, was Kinderschützer_innen „Alarm“ schlagen ließe. Auch wenn die Behauptungen völlig aus dem Zusammenhang gerissen und falsch waren und die besagte Mitarbeiterin des Kinderschutzvereins Wildwasser klarmachte, dass ihr Zitat verzerrt worden sei, haben die Artikel doch einen Eindruck bei den Aktiven hinterlassen. „Ein bisschen machtlos ist man schon“, meint Basti, der die Aufregung im Bonner SchLAu-Team mitbekommen hat. Statt auf die Vorwürfe im Einzelnen einzugehen, reagierte der NRW-Verband mit der Veröffentlichung eines statements in dem er u.A. erklärte, dass es nicht die Agenda von SchLAu sei, die Geschlechter aufzulösen, sondern dass man sichtbar mache, was Menschen erfahren und was immer wieder unsichtbar gemacht wird – z.B. die Realität, dass das Zwei-Geschlechter-System oder die alltägliche Homophobie für einige Menschen zu handfesten Problemen in ihrem Leben führt. Dass man Präventionsarbeit gegen Diskriminierung leiste.

Männer kennenzulernen, sagt Basti, sei mitunter schwer. Jemanden in der Öffentlichkeit anzusprechen keine Option. Auf den kleineren Events der Bonner Szene ist Basti gerne unterwegs, hier ist es leichter. Aber der Partylöwe, der in Kölns großem schwulen Nachtleben abtaucht, ist er auch überhaupt nicht. Auf einer Party außerhalb der LGBT-Szene von einem Mädchen angesprochen zu werden, fühlt sich für Basti zwar wie ein schönes Kompliment an, dennoch ist ihm dabei manchmal noch unwohl – als ob er sich rechtfertigen müsse. Er sagt, dass es sich Schwule schon ganz genau überlegen müssen, wie nah sie einander in der Öffentlichkeit sein wollen, komische Blicke hagele es schon bei kleinsten Abweichungen davon, wie sich heterosexuelle Männer zueinander zu verhalten haben. Frauen treffe es aber nochmal anders: „Geil, kann ich einen Dreier?“ gehört schon zu den Sprüchen, mit denen sie rechnen müssen. Die kommen zu der sexuellen Belästigung, die so manche Frau sowieso schon auf der Straße oder in Discos ertragen muss, hinzu. Hier machen unterschiedliche Menschen sehr unterschiedliche Erfahrungen. Dass LGBT übel verprügelt werden, auch im angeblich so toleranten Köln, gehört zum Lebensgefühl der Menschen dazu. Damit sich das irgendwann ändert, outet sich Basti nun regelmäßig. Damit sich einige Jugendliche nicht mehr so allein fühlen, so viel Leid durchmachen müssen wie er damals.

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