Von Lümmeln…

und Dödeln

 von Jan Bachmann

CDU_Wahlkampfplakat_-mRechtsextreme treiben ihr (Un-)Wesen in Deutschland – das ist schlimm, aber nicht überraschend, denn Rechtsextreme gibt es schon durch  die ganze deutsche Geschichte hindurch, also seit 1871. Auch davor gab es schon welche, auch wenn sie damals noch nicht so hießen: Es gibt Rassisten und Antisemiten, die heute glühend verehrt werden, wie etwa Ernst Moritz Arndt. Andere Deutsche mit menschenverachtender Auffassung, wie etwa Bismarck oder Kaiser Wilhelm (wahlweise I. oder II.) sieht man heute etwas kritischer, wenngleich auch noch genug Straßen ihren Namen tragen müssen. Manche Rassisten und Nationalisten, etwa Friedrich Ebert oder Otto Wels werden gar als Antifaschisten gefeiert, einige Deutschen waren sogar Demokraten und wurden lediglich zum Büttel der Rechtsextremen, wie etwa Konrad Adenauer.
Und mit Adenauer beginnt diese kleine Geschichtsstunde. Es war der Heiligabend des Jahres 1959, als plötzlich antisemitische Schmierereien an der Kölner Synagoge auftauchten – wer die deutsche Geschichte kennt, weiß, dass Antisemitismus in Deutschland in der Regel unvorhersehbar und über Nacht völlig überraschend auftritt, ohne, dass es im Vorfeld irgendein erkennbares Anzeichen dafür gibt. In der Folge kam es zu hunderten weiteren Schmierereien. Als Reaktion demonstrierten im Ausland Zehntausende gegen diese Zurschaustellung des deutschen Antisemitismus.
Im Rundfunk sprach Adenauer dann davon, dass man, wenn man denn diese „Lümmel“ ertappen würde, man die Bestrafung direkt an Ort und Stelle vollziehen sollte. Es erscheint zunächst ungewöhnlich, dass der westdeutsche Kanzler dazu aufruft, die Urheber*innen der Schmierereien zu verprügeln. Vergessen sollte man nicht, dass diese Aufforderung in eine Zeit fällt, in der es einige Ministerien gibt, in denen mehr (natürlich: ehemalige) NSDAP-Mitglieder angestellt sind als zur Zeit des Nationalsozialismus.
Adenauers Aussage ist also eine Relativierung: Die Gesellschaft ist durchsetzt von den schlimmsten Antisemiten und Rassisten, die die Welt je gesehen hat, wenn sich aber dieser Hass nun Ausdruck verleiht, so ist dies nicht das Resultat einer gesellschaftlichen Stimmung, sondern – laut Adenauer – die Tat einiger Lümmel – Lausbuben, die mal eine Abreibung bekommen sollten. Das strukturelle Problem wird dabei völlig ignoriert.
Herr Bundespräsident Gauck sprach jüngst von Mitgliedern der AfD als „Dödeln.“ Natürlich bestätigt jede Internetrecherche, dass es sehr viele sehr dumme Anhänger*innen  der AfD gibt – bei einem Blick in die Kommentarspalten auf den Seiten dieser Partei kann man sich, sofern das dort Geschriebene denn für das Abendland stehen soll, nur inständig wünschen, dass dieses Abendland sofort untergeht doch darf man es sich hier nicht zu einfach machen: Es sind nicht nur Idiot*innen in der AfD. Die akademischen Titel zahlreicher Mitglieder vermögen diese Behauptung nur unzulänglich zu bestätigen, wissen viele Leser*innen doch aus der Erfahrung, dass ein solcher Titel mitnichten ein Garant dafür ist, nicht dumm zu sein.
Dies zu sagen bedeutet nicht, die Partei aufzuwerten, denn besser kommt sie in dieser Sichtweise nicht weg: Nazis sind nicht immer dumm, aber immer sind sie Menschenfeinde. Ihre Ansichten als die von Idioten, Lümmeln oder Dödeln zu bezeichnen verharmlost das Problem, dass ein nicht umbeachtlicher Teil der Menschen hierzulande solche menschenfeindlichen Ansichten vertritt. Wenngleich man sich allerlei Maskerade bedient, um das in der AfD zumindest notdürftig zu kaschieren.
Lassen wir also den „Lümmel“ und den „Dödel“ hinter uns und sprechen wir das aus, was diejenigen sind, die Synagogen beschmieren, die gegen Geflüchtete hetzen, die Asylunterkünfte anzünden oder die AfD wählen: Menschenfeinde.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


6 − vier =

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.