Eine Anklage, ein Video, ein Freispruch

Wenn ein mögliches Opfer zur Täterin gemacht wird

 von Laila N. Riedmiller

Die Kölner Silvesternacht hat zu einem Umdenken geführt. Vergewaltigungen werden endlich bestraft, Opfer sexueller Übergriffe von der Gesellschaft gestützt und vor den Täter_innen geschützt. Die Gerichte gehen selbstkritisch und vorsichtig mit dem Thema um. Niemand nutzt Vergewaltigungen aus, um sich auf Kosten der Opfer zu amüsieren.

Es wäre schön, wenn all dies zuträfe. Wenn all jene, die in der ersten Januarwoche empört auf Geflüchtete zeigten, sich nun ganz selbstverständlich hinter Gina-Lisa Lohfink stellen würden.
In nahezu allen größeren Medien wurde und wird ihr Fall aktuell behandelt, die Frau, die eine Vergewaltigung anzeigt und Videomaterial mit Beweisen dazu vorlegt, die aber in der Folge wegen Falschaussage angeklagt wird.
Nicht nur, dass ein „Nein“ offenbar nicht sehr viel wert ist, wenn es von einer Frau ausgesprochen wird, deren Sexualität als von der Masse konsumierbar wahrgenommen wird. Nicht nur, dass das Video, das ihre Vergewaltigung zeigt, in der Folge in der medialen Auseinandersetzung verharmlosend als „Sextape“ oder „Sex-Video“ (Bild) bezeichnet wird. Und nicht nur, dass viele Zeitungsberichte ihre Erlebnisse in einen größeren Kontext einbetten, in dem die Rede ist von ihrem Wunsch nach Skandalen, von ihrer Freizügigkeit, in der gar die Frage gestellt wird, ob man einer Frau mit Silikonimplantaten denn glauben könne (Welt).
Es hilft auch nur wenig, dass langsam, nachdem die erste Welle der Berichterstattung bereits vorübergeschwappt ist, auch von größeren Zeitungen Kritik an der Anzeige geübt oder Solidarität mit Gina-Lisa gefordert wird. Der Schaden ist schon angerichtet. Das Zeichen, das so deutlich bei all jenen Frauen ankam, die ein ähnliches Schicksal erleiden mussten, ist mehr als deutlich: Wir glauben dir erst mal nicht. Du hast es doch provoziert. Ein „Nein“ reicht nicht. Lass es, geh nicht zur Polizei. Es könnte sonst passieren, dass du selbst angezeigt wirst.
Der Fall verrät viel über diese Gesellschaft. Und über das deutsche Rechtssystem. Er ist ein weiteres Lehrstück in einer Reihe von Vorfällen, die immer wieder zeigen, wie schwerfällig, reaktionär und frauenverachtend auch westliche Gesellschaften noch immer sind.

Noch steht nicht fest, ob Gina- Lisa zu der Geldstrafe verurteilt wird. Bisher konnte auch nicht bewiesen werden, ob es tatsächlich vor vier Jahren zu einer Vergewaltigung kam oder nicht. Dass aber das gesellschaftliche Denken zuallererst davon ausgeht, ein mögliches Opfer wolle die möglichen Täter verleumden und mache eine Falschaussage, dass die Rechtsprechung eine alkoholisierte Frau offenbar nicht für unzurechnungsfähig hält (eine unter andere Drogen gesetzte aber vielleicht schon), dass die beiden beteiligten Männer nur wegen Verbreitung des Videos verurteilt wurden und dass der Inhalt des Videos zu einem Freispruch (und nicht einem Freispruch mangels ausreichender Beweise) führte, ist höchst problematisch. Genauso problematisch ist, dass viele Menschen, die es eigentlich gut meinen und sich mit Gina-Lisa Lohfink solidarisieren möchten, das entsprechende Video im Netz suchen und anschauen. Das vermeintliche Ziel, sich dadurch darüber zu informieren, ob tatsächlich eine Vergewaltigung stattgefunden hat oder nicht, mag als ein hehres erscheinen. Doch sollte nicht vergessen werden, dass die betroffene Person selbst dafür gekämpft hat, dass das Video aus dem Netz verschwindet, weil es die unfassbare Grenzüberschreitung, die sie erlebt hat, wieder und wieder zeigt. Es wurde bereits von genug Menschen betrachtet, der Inhalt oft genug zusammengefasst. Bevor man selbst auf das Video klickt, sollte man sich überlegen, ob ein Blick darauf wirklich notwendig ist oder nicht.

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