Schön (und) selten – Orchideenfächer an der Uni Bonn

1. Teil: Die Keltologiekeltenartikel

In diesem ersten Teil der Info- und Interviewreihe “Schön (und) selten” stellt Mitredakteur Mike Kerpers nicht nur sein eigenes Fach vor. Er nutzt es als Einstieg in die Thematik der Kleinen oder auch Orchideenfächer. Kleine Fächer sind Randgebiete der Forschung, die meisten davon finden sich in den Geisteswissenschaften und dort besonders unter den Philologien und Kulturwissenschaften. An der Uni Bonn wird eine noch recht breite Palette an kleinen Fächern angeboten. Diese Reihe stellt eben jene Fächer vor. Solange es sie noch gibt…

“Keltologie? Hat das was mit Klima zu tun?”

So oder so ähnlich lauten oft die Reaktionen, wenn man mit diesem Fach auf die Frage nach seiner Studienrichtung antwortet. Doch was steht wirklich hinter dem Fach, das genauso schwer fassbar ist wie seine Forschungsobjekte, die Kelten?

Die Keltologie ist ein an sich schon multidisziplinäres Fach. Zu den Kerngebieten zählen die Philologie, die Geschichte und die Archäologie. Darüber hinaus finden sich aber auch oft Forschungsschwerpunkte, die den Bereichen Religionsgeschichte, Sozialgeschichte, Rechtsgeschichte, Internationale Politik, Sprachpolitik, Soziologie oder auch der Ethnologie zugeordnet werden können. In Bonn herrscht ein Fokus auf sprach- und literaturwissenschaftliche Aspekte vor.

International ist die Keltologie – die Celtic Studies – zwar auch ein Kleines Fach, doch das nur vom Namen her. Versteht man das Fach eben als umfassende Kultur(-historische)-Wissenschaft, so müsste man einige Lehrstühle für Geschichte und Archäologie in Europa mitzählen. Führende Keltenspezialisten aus Frankreich und Großbritannien sind von Hause aus meist Historiker oder Archäologen, manchmal auch Religionswissenschaftler und Volkskundler. Keltenforschung findet also statt, wenn auch kaum noch eigenständig.

Woher kommt das Fach?

Die Keltologie gibt es an der Uni Bonn bereits seit dem 19. Jahrhundert. Viele Fachgrundlagen wurden von Bonner Wissenschaftlern erarbeitet und das Fach hat sich hier aus der Indogermanistik herausgebildet und gilt als eine der jüngsten Philologien, zumal der sprachwissenschaftliche Status der keltischen Sprachen lange Zeit ungeklärt und umstritten war. Das hier geführte Thurneysenarchiv (Rudolph Thurneysen, 1857-1940, Prof. in Bonn ab 1913, Dekan ab 1922) ist ein wichtiges Zeugnis sprachwissenschaftlicher Forschung, die eindeutigen Weltrang hat. Dementsprechend liegen die Wurzeln der Bonner Keltologie im “Seminar für Vergleichende Indogermanische Sprachwissenschaft”, das 1908 eingerichtet wurde.

Nach den Wirren der NS-Zeit, in der Fächer im Zusammenhang mit der europäischen Vorgeschichte aus höchst zweifelhaften Motiven und mit höchst zweifelhaften Ergebnissen besonders gefördert wurden, musste sich die Keltologie durch einen langwierigen Prozess der Verarbeitung und Anerkennung arbeiten. Dies begann 1946 mit der Neustrukturierung und Umbenennung in das “Sprachwissenschaftliche Institut”, nachdem während der dunklen Jahre unseres Landes der Name “Keltologisches Seminar der Universität Bonn” verwendet wurde, von dem man sich nun zu distanzieren suchte.

Die neuere Institusgeschichte beginnt mit einigem Abstand im Jahr 2005, als die Keltologie abermals umbenannt und neu zugeordnet wurde. Das Sprachwissenschaftliche Institut wurde aufgelöst und als “Abteilung für Vergleichende Indogermanische Sprachwissenschaft und Keltologie” dem ebenfalls neu zusammengesetzten “Institut für Anglistik, Amerikanistik und Keltologie” zugeordnet. Eine Entscheidung die bis heute aus fachlicher Sicht nicht nachvollzogen werden konnte.

Schon seit 1995 hatte der bislang letzte Bonner Professor für Keltologie, Stefan Zimmer (Prof. 1995-2011), das ohnehin schon gut aufgestellte Fach um die Neuere Abteilung der modernen keltischen Sprachen und neuzeitliche Themen der Keltologe erweitern können. Diese Unterabteilung konnte so einer der hiesigen Schwerpunkte des Fachs werden und wurde schließlich 2006 von der Republik Irland mit einer Drittmittelstelle für Neuirisch honoriert. Ebenfalls in die Professur von Dr. Zimmer fiel die Ausrichtung des 13. Internationalen Keltologenkongresses 2007.

Wohin geht es?

Einen eigenständigen Lehrstuhl für Keltologie gibt es seit den 1990ern nicht mehr. Die Professur ist seit 2011 unbesetzt und wurde für eine mögliche Neubesetzung zur Juniorprofessur herab gestuft. Seit 2007 kann man Keltologie nur noch als Begleitfach/Minor im Bachelor in Bonn studieren. Kernfachstatus und einen Masterstudiengang darf man in Zukunft wohl kaum noch erwarten.

Kein Wunder und zugleich eine Schande also, dass ein Gutteil der Lehrtätigkeit unentgeltlich verrichtet werden muss und die Forschung nur noch Freizeitbeschäftigung der Mitarbeiter sein kann. Dies wird aber von den aktiven Keltologen in Bonn weiterhin mit Stolz und Würde getan.

Dennoch bleiben die Studierendenzahlen stabil, wenn auch klein. Die Zahl derer, die das Fach lieber als Kernfach gewählt hätten, bleibt ebenso stabil. Erasmusaustausch besteht zwischen Bonn und Cork, Galway und Maynooth in Irland, einzelne Gaststudierende finden sich regelmäßig auch aus Aberdeen, Aberysthwyth und Utrecht ein. Die Vernetzung sowohl der Studierenden als auch der Lehrenden mit Fachkollegen im deutschsprachigen Raum, also in Marburg, Wien und Zürich, ist geradezu vorbildlich.

Ebenso stark sind die Vernetzungen mit anderen Abteilungen der Universität Bonn. Studierende der Keltologie sind durch die Minor-Einordnung in andere Fächer eingebunden und zeigen meist eine Tendenz zur thematischen Verknüpfung. Viele Seminararbeiten und Abschlussarbeiten in Fächern wie der Skandinavistik, der älteren Germanistik und Mediävistik, der Vor- und Frühgeschichte und der Alten Geschichte zeigten in den letzten Jahren Verknüpfungen zur Keltologie und konnten vielfach als Arbeiten auf beiden Gebieten gelesen werden.

Ein Fach wie sein Forschungsobjekt

Außerhalb der Universität gilt Bonn ohnehin als einer der letzten Außenposten der umfassenden Keltenforschung. Unterstützt wird die Abteilung von Studienhaus für Keltische Sprachen und Kulturen (SKSK, gegründet 1999) in Königswinter mit den Schwerpunkten Irland und Wales und dem Deutschen Institut für Gälische Sprache und Kultur  (gegründet 2002, seit 2013 direkt am Hofgarten präsent) mit dem Schwerpunkt Schottland. Die Dauerausstellung des Rheinischen Landesmuseums des LVR ist ein weiterer (und im Stadtbild dank großzügiger Werbemaßnahmen sehr offensichtlicher) Exponent der Keltenforschung in Bonn und ein Zentrum der Präsenz keltologischer Themen und Kulturangebote. Bonn gilt außerdem als ein beliebter Gastort für Folkmusiker und Künstler aus den keltischen Gebieten der britischen Inseln und der Bretagne.

Unbeugsam und hoch motiviert sind also die Keltologen, wie die Bewohner eines bekannten gallischen Dorfes. Sollte also, möge Toutatis uns das ersparen, der Keltologie der Himmel auf den Kopf fallen und das Fach gänzlich eingespart werden, so kann man davon ausgehen, dass das Fach dennoch weiter bestehen wird, solange es engagierte und interessierte Menschen gibt, die sich nicht von der Ökonomisierung der Lehre einschüchtern lassen, sondern weiter das Fach am Leben halten.

Und wer weiß – vielleicht ist es einer der engagierten Wissenschaftler einer jüngeren Generation, der den Zaubertrank findet, der dem Fach die Kraft verleiht, sich gegen Einsparungen und Kürzungen zu behaupten?

ein Text von Mike Kerpers

Links:

Abteilung für Vergleichende Indogermanische Sprachwissenschaft und Keltologie www.keltologie.uni-bonn.de

Studienhaus für Keltische Sprachen und Kulturen www.sksk.de

Deutsches Institut für Gälische Sprache und Kultur www.schottisch-gaelisch.de

Bildarrangement: Mike Kerpers

Bild: v.l.o. im Uhrzeigersinn: Die Themen der Keltologie sind vielfältig: Wahlplakat der Yes-Kampagne zum Referendum in Schottland 2014; Stücke aus der Keltenausstellung des LVR Landesmuseum Bonn, Torques und ein Kannenhenkel, Fundort: Waldalgesheim RLP; Asterix und Obelix, die wohl bekanntesten Kelten heutzutage; eine Seite aus dem Book of Kells, iroschottische Handschrift mit Buchmalereien, um 800 A.D.

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