Das Fastenbrechen in der DITIB-Moschee

In der letzten Woche des Ramadan besuchte ich m it Freunden ein Fastenbrechen in der Bonner DITIB-Moschee

Ein persönlicher Erlebnisbericht von Samuel F. Johanns.

moscheeEs ist der Dienstagabend des 28.06. Mit einem Bekannten sind wir zur DITIB-Moschee eingeladen worden. Unser Weg führt uns an der Bahnstrecke entlang zum Hochstadenring 43, wo die Türkisch-Islamische Gemeinde zu Bonn e.V seit 2010 an der Errichtung der Moschee arbeitet. Vor dem Eingang treffen wir unseren Kollegen Onur Özgen aus dem Sozialreferat des AStA, der uns eingeladen hat. Uns begrüßt ein kleines Minarett mit neongrünen Leuchten an der Spitze, welche für mitteleuropäische Augen oft als nahezu kitschige Farbgestaltung beschrieben wird. Der Andrang zur Essensausgabe ist ausgesprochen groß. Onur schätzt die Zahl der Teilnehmer dieses Abends auf ca. 600 Personen. Viele Geflüchtete seien unter den Leuten in der Schlange, man habe hier Leute aus insgesamt über 30 verschiedenen Nationen. Der Hunger ist vielen Menschen anzusehen und es ist mir unangenehm, da ich kein Muslim bin und daher auch nicht faste, vor jemand Hungrigem in der Schlange zu stehen. Dennoch finden wir irgendwie mit Bekannten von Bekannten einen beschleunigten Weg zur Esssensausgabe in der Garage der Moschee. Es gibt Reisgerichte mit etwas Fleisch auf Einwegtellern und Sprudelwasser. Die gesamte Tiefgarage der noch im Bau befindlichen Moschee wurde mit Brauereigarnituren ausgestattet. Ich sitze einem anderen Studenten gegenüber, der Wirtschaftswissenschaften studiert und angibt, bereits öfter hier gewesen zu sein. Unsere Gespräche drehen sich ganz normal um Wohnheime und Studienbedingungen in Bonn. Plötzlich erhebt sich ein älterer Mann und stimmt singend ein arabisches Tischgebet an. Irritiert frage ich Onur, ob es normal sei zu beten, obgleich das Essen bereits begonnen hat, da ich dies so aus meiner katholischen Familie nicht kenne. Onur erklärt mir, dass dies normal sei und der vorbetende Mann auch nicht der Imam, sondern ein einfaches Gemeindemitglied sei.
Frauen und Mädchen sind keine zugegen, da in der Gemeinde beim Gebet und offenbar auch beim Essen nach Geschlechtern getrennt wird. Nach dem Essen wird uns angeboten, das Moscheegebäude selbst zu besichtigen. Wir betreten den großen Gebetsraum, wo bereits die ersten Malereien und imposanten Kalligraphiearbeiten an Wand und Decke getätigt und das Mobiliar, wie die Minbar (Gebetskanzel), eingerichtet wurde. Da noch kein Teppichboden ausgelegt wurde ist es auch nicht notwendig die Schuhe auszuziehen. Skulpturen, Bilder oder Sitzbänke sind wie erwartet kein Teil der Ausstattung der Moschee und der Hall im Gebäude dementsprechend gewaltig. Ein Umstand der, wie Onur meint, später vom großen Teppichboden minimiert werden soll. Für die weiblichen Mitglieder der Gemeinde wurde im Bau eine Empore vorgesehen. Ein Konzept, das im 12. Jahrhundert von Synagogen übernommen wurde und eine Geschlechtertrennung beim Beten ohne vollständige räumliche Trennung gewährleisten soll.
Vor dem eigentlichen Moscheegebäude befinden sich die Wasch- und die provisorischen Gebetsräume, die nun von einigen Leuten genutzt werden. Uns wird ein Tee angeboten und wir ziehen uns in einen einladenden Aufenthaltsraum mit Sitzgelegenheiten und Fernseher zurück, in dem türkisches Fernsehen läuft. Der Tee ist koffeinhaltig und stark genug gezuckert, um damit einen halbtoten Elefanten ins Leben zurück zu rufen. Eine kulinarische Eigenschaft orientalischer Getränke, an die ich mich wohl nie gewöhnen werde.
Die Nachricht über den Terroranschlag in Istanbul ereilt uns unmittelbar über den Fernseher. Hier im türkischen Kulturzentrum hat die Nachricht eine andere Wirkung, als wenn sie einen zu Hause oder auf der Arbeit ereilt. Man sieht Leute zu ihren Handys greifen, einige haben vielleicht Angehörige in der Stadt. Man hört Spekulationen über die Hintergründe und Urheber der Aktion, noch ist wenig bekannt. Hat der IS wieder zugeschlagen oder die PKK? Dennoch ist das Thema nicht omnipräsent. Kaum Gesichter sind auf die Berichterstattung fixiert und wenige Leute stehen vor dem Fernseher. Es ist ein anderer Umgang mit dem Ereignis als nach der Meldung über den Anschlag in Paris. Ich frage mich, ob es an der „Alltäglichkeit“ der Gefahr liegt oder daran, dass der religiöse Ritus des Ramadan die Atmosphäre dominiert und die Menschen hier zwischen Beten und Essen nicht die Zeit für die Nachrichten haben. Einige Frauen kommen am Eingangstor entlang und tauschen ein paar Worte mit den Männern aus. Aufgrund der räumlichen Trennung war ihre Präsenz auf dem Gelände tatsächlich bislang nicht merklich gewesen.
Ein freundlicher Imam kommt auf uns zu, begrüßt uns alle mit Handschlag, fragt trotz fehlender Deutschkenntnisse per Dolmetscher nach Studienfächern und nationaler Herkunft. Witzelt herum und wirft, als er hört, dass ich Philosophie studiere, die Namen von Philosophen in den Raum, Kant, Hegel, Aristoteles. Ich nicke und lache, sage, „Avicenna“, der Name wirkt wie interkultureller Kitt. Die Hände des Imams gehen zur Brust, das Gesicht bekommt etwas schwärmerisches. Er habe mich nicht für einen Deutschen gehalten, mein Aussehen sei eher balkantypisch. Die für uns überschwänglich wirkende Art des Imams kenne ich von älteren italienischen Männern, vielleicht machen wir in Deutschland einen fast pathologisch distanzierten Eindruck auf Menschen anderer Herkunft.
Schließlich fragt uns der Imam, ob wir ledig seien. Wir bejahen mit einer Mischung aus Belustigung und Irritation, wir sind nicht verheiratet, wenn er das meint. Der Mann zeigt auf eine Schautafel, die Bilder von Gemeindemitgliedern bei Kulturangeboten in der Moschee zeigt. „Schaut euch die Frauen mal an“, sagt der Imam und lacht. Ich frage mich, ob dies hundertprozentig als Scherz gemeint war.

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