Selbstverteidigungssystem Krav Maga

Ich habe mich würgen und boxen lassen, um für den Ernstfall zu proben

von Jana Klein

kravmagawebKrav Maga ist der neue Hype. Überall sprießen kleine Schulen aus dem Boden. Man kann im TV einem Sanitäter dabei zusehen, wie er in voller Arbeitsmontur in einer gestellten Szene in eine Kneipe gerufen und dort von einem Aggressor attackiert wird – und wie er sich erfolgreich in dieser Umgebung dagegen wehrt. Carolin Kebekus tänzelt und schreit auf dem Bildschirm vor sich hin – und tritt dem Angreifer in die durch eine Pratze geschützten Eier. Grund genug für den friedrichs wilhelm, den neuen Trendsport einmal auszuprobieren.

Vorweg: Krav Maga ist gar kein Sport. Krav Maga, das auf hebräisch so viel wie „Kontaktkampf“ heißt, wurde zur Zeit der faschistischen Schwemme in Europa erfunden, damit Juden und Jüdinnen sich effektiv gegen Übergriffe zur Wehr setzen konnten. Imi Lichtenfeld soll, der Legende nach, bei einem Angriff von Antisemiten eine Verteidigungstechnik angewandt haben, die er niemals zuvor in Sportarten wie dem Boxen gelernt hatte. Als jemand ihn von der Seite schlagen wollte, blockte er den Arm intuitiv mit einer 90°-Beuge im Ellebogen ab – so intuitiv, dass er sich überlegte, ein neues Selbstverteidigungssystem auf der Basis eben dieser intuitiven, grobmotorischen Bewegungen aufzubauen.

So ehrenhaft wie die Geschichte des Krav Maga ist sicher auch das Anliegen, Frauen in gesonderten Kursen auf frauenspezifische Gefahrensituationen im Alltag vorzubereiten und ihnen die Möglichkeit zu geben, erste innere Schwellen zum Kämpfen zu überwinden. Ich lasse mich auf ein Probetraining in einer lokalen Krav-Maga-Schule ein. Boxhandschuhe brauche ich nicht, auf der Straße wird im Zweifelsfall auch bare knuckle zugeschlagen. Wir tragen Schuhe – wie auf der Straße. Nach einem hitzigen Aufwärmtraining werden Techniken vorgestellt, wir Mädels probieren sie dann aneinander im Wechsel aus. Kathrin* stellt sich hinter mich, umgreift meinen Hals mit ihren Armen und drückt feste zu, so dass mir ein bisschen die Luft weg bleibt – aber es ist ja nur zur Übung. Ich greife ihr mit den Fingern zwischen mein Kinn und ihr Handgelenk, hebele den Griff auf, deute einen Schlag mit meinem Hinterkopf gegen ihren an (andere Variante: Stomp auf ihre Füße), wende mich im Oberkörper und schlüpfe, zunächst noch etwas ungehobelt, unter ihrem rechten Arm nach hinten hindurch und stehe hinter ihr. Ziemlich ungünstig für sie: ich halte ihren Arm schon fast im Hebel, kann ihr mit Schlagtechniken etwa gegen den Kopf zusetzen. Schauspielerisch krümmt sie sich unter den Schlägen, ein Tritt hinterher, und dann, ganz wichtig: Umgebung scannen, WEGRENNEN – eine oft unterschätzte Selbstverteidigungstechnik.

Die Technikübungen werden jeweils unterbrochen von ziemlich harten Fitnessrunden, wir machen Sit Ups, Liegestützen oder powern uns minutenlang an einer Schlagpratze aus, die auf dem Boden liegt und der wir unser Knie auf den imaginären Oberkörper drücken. Muskelkater garantiert. Der Sinn dahinter: das Training soll auch die physische Fähigkeit trainieren, sich im Zweifelsfall wirklich wehren zu können. Aber noch wichtiger ist, dass das Auspowern und die schnellen Abfolgen der Übungen und Fittnessstationen einen Stress in uns freisetzen, der den Stress simuliert, den wir in einer echten Selbstverteidigungssituation haben. Damit dann nicht das Hirn blockiert und wir uns, wie so viele Menschen, starr vor Schreck nicht mehr bewegen können, wird das schon im Training vorbereitet. Weiterer Effekt: der mentale Faktor. Im Krav Maga geht es nicht nur darum, Bewegungstechniken und -abläufe zu lernen und diese möglichst sauber auszuführen, sondern wir lernen, das Biest in uns rauszuholen und mit aller zur Verfügung stehenden Aggressivität, mit allen zur Verfügung stehenden Körperteilen draufzuhauen, um uns (oder andere) zu beschützen. Klappt auf jeden Fall gut!

Weiter geht’s, wir lernen in der Fallschule, uns beim Hinfallen möglichst wenig wehzutun, uns abzurollen und alsbald wieder auf den Beinen zu stehen, um dem Aggressor die Fresse zu polieren (oder: uns, wenn möglich, sofort zu verpissen!). Tritte und Schläge kommen tendenziell aus dem Thaiboxen, draufgedroschen wird mit allem, was da ist: Fäuste, Handballen (damit bricht man sich nicht so schnell die Flossen), Schienbein, Knie, Ellbogen und mehr. Denn neben den vielen Griffen, die es zu lernen und auf unterschiedlichste Situationen zu übertragen gilt, wird es in den meisten Auseinandersetzungen wohl auch immer darum gehen, ordentlich zulangen zu können. Keine möglichen Techniken, keine möglichen Situationen werden ausgelassen. Wir lernen die 360°-Defence, eine Technik, mit der man zumindest jeden Kirmesschwinger, aber auch gezieltere Schläge, gekonnt abblockt. Wie in der Legende um Imi Lichtenfels erwähnt, nehmen wir unsere Arme im 90°-Winkel zwischen Ober- und Unterarm und schnellen mit letzterem in etwa gegen das Handgelenk des Gegners, der uns schlagen will. Wichtig ist, vorher schon abzuchecken, wann uns der Gegner schlagen, einen körperlichen Kampf anfangen will. Diese Technik ist eine der Grundtechniken des Krav Maga, sie wird zu vielen Abwehrhandlungen ausgebaut. Beim Burst etwa kombinieren wir die Abwehr mit einem gleichzeitigen Schlag der anderen Hand Richtung Brust oder Gesicht des Angreifers. Die Energie kommt aus der Hüfte, wir springen oder „bursten“ geradezu in unseren Angreifer hinein, statt uns zu verkrümmen, die Hände vors Gesicht zu halten und uns verhauen zu lassen. Ähnlich, wenn wir mit einem Gegenstand angegriffen werden: wir verkürzen schlagartig die Distanz und nehmen dem Gegner den Vorteil seines Schlagwerkzeugs, bringen unseren Unterarm an sein Handgelenk und unseren Kopf zwischen ihn und seinen Knüppel – er verfehlt uns, schlägt ins Leere oder streift uns bloß. Und jetzt: Nahkampf…

Daniela* ist die Trainerin der Mädelsgruppe, zu der ich dazugestoßen bin. Wir trainieren eine Situation, in der wir am Boden liegen und ein Angreifer von vorne kommt, um uns zu würgen. Unangenehm: Daniela ist zu cool, um die Situation wirklich ernstzunehmen und bringt am laufenden Bande Vergewaltigungswitzeleien, rassistische obendrein: „Stellt euch vor, ihr wärt am Strand von Phuket, ihr liegt hier so, und dann kommt da so ein kleiner Thailänder…“. Ich muss an ekelhafte weißdeutsche Typen denken, die am Strand von Phuket nach Kindern Ausschau halten, verziehe mein Gesicht – aber die anderen Mädels kichern blöd rum. Vielleicht bin ich noch nicht hart genug. Oder einfach nur ausreichend sensibel – heute wird sich das nicht mehr klären lassen. Die Krav-Maga-Schulen haben den schlechten Ruf einer Mackerhorde und ich kriege ungefähr ein Gespür dafür, wie es vielleicht für Daniela ist, sich in der Männerdomäne durchzusetzen: einfach selber total brutalisiert sein. Deniz* und ich probieren die Technik ein paar Mal aus, mit angedeutetem Würgen. Beim etwa zehnten Mal taucht Daniela in meinem Gesichtsfeld auf, als ich gerade am Boden liege und Deniz auf mich draufsteigen soll. Sie wirft sich auf mich, packt meinen Hals und drückt feste zu. Ich bin geschockt. Die Technik, die mir bis vorhin noch so locker von der Hand ging, ist plötzlich ganz, ganz tief in meinem Gehirn verbuddelt und meine Synapsen müssen erstmal eine Sekunde lang graben, bis sie sie wiederentdeckt haben. Ich bohr ihr die Finger meiner rechten Hand unter den Kehlkopf, blockiere mit der linken Hand ihre, die mich würgt, erzeuge so Distanz, bringe mein rechtes Knie zwischen uns auf ihre Brust, drücke sie zur Seite, trete mit dem freien Fuß gegen ihre Schläfe – und sie knallt zu Boden. Ich rolle automatisch mit auf sie, schlage gen den Kopf, befreie mich von ihr, trete ihr in die Flanke – und verdünnisier mich schleunigst. Puh.

Angeblich sollen sich seit Köln die Schulen mit Frauen gefüllt haben, die nun alle Selbstverteidigung machen wollen. Und im Krav Maga werden tatsächlich Situationen simuliert, in denen ich mich aus einem Pulk von z.B. 8 Leuten befreien muss, die mit Pratzen in der Hand auf mich eindreschen und -drücken. Ziel auch hier: Schnell weg. Aber: ob es so rational ist, ausgerechnet wegen der Silvesternacht nun Selbstverteidigung zu machen, wage ich zu bezweifeln. Die allermeisten Angriffe, die Frauen etwa nachts auf dem Heimweg erleben, laufen dann doch ganz anders ab. Am Ende scheint‘s eher der durch Köln geschaffene Mythos vom arabischen Mann in der Horde zu sein, keine rationale Analyse der Lebensrealität von Frauen, die dafür sorgt, dass Frauen sich nun selbst verteidigen wollen oder Parlamente endlich sinnvolle Gesetze im Sexualstrafrecht verabschieden. Und: die allermeiste Gewalt, die Frauen überhaupt erleben, findet in der eigenen Wohnung statt. Womit klar wäre, dass die allerbeste Selbstverteidigungsstrategie immer noch diejenige ist, sehr sehr aufmerksam zu sein für das, was sich im eigenen Lebensumfeld abspielt. Im Zweifelsfall zuboxen zu können – ist aber auch nicht verkehrt.

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