Hochschulfinanzierung

Zwischen Exzellenz und Sparuni

Ständig muss die Uni sparen – ganze Fachbereiche werden auf das Abstell gleis gestellt und laufen aus. Zurzeitsollen 17 Professuren gestrichen bzw. nicht mehr neu besetzt werden. Damit soll dem strukturellen Defizit der Uni beigekommen werden. 2013 betrug das Defizit 10 Millionen Euro. Da dafür die wegfallenden Professuren offensichtlich nicht ausreichen werden, ist schon jetzt absehbar, dass weiter gekürzt wird.

Gleichzeitig hat die Uni ihre Einnahmen in den letzten 10 Jahren um 60% gesteigert und eilt von einem Drittmittelrekord zum nächsten. Seit 2004 haben sich die Drittmitteleinnahmen verdreifacht. Geld sollte also eigentlich genug da sein, doch warum ist unsere Universität trotzdem dauerpleite?

Entwicklung der Gesamtausgaben der Universität Bonn

Entwicklung der Gesamtausgaben der Universität Bonn

Kleines Einmaleins der Hochschulfinanzierung

Bildungspolitik ist weitgehend Ländersache. Das im Grundgesetz festgeschriebene Kooperationsverbot verbietet es dem Bund Hochschulen zu finanzieren und sichert somit die Autonomie der Länder in diesem Bereich. Die Länder sorgen für die Ausfinanzierung der Hochschulen und stellen Ihnen entsprechende Mittel zur Verfügung. Diese finanziellen Mittel – im Folgenden auch Grundmittel genannt – können von den Hochschulen größten teils nach Belieben eingesetzt werden. Sie sichern die Unabhängigkeit von Lehre und Forschung.

Gelder, die nicht vom Land kommen, werden als Drittmittel bezeichnet. Sie stammen größtenteils von Stiftungen wie der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Diese „Dritten“ finanzieren je nach eigener Agenda gezielt einzelne Forschungsprojekte. Bewilligungen aus der Exzellenzinitiative und Gelder aus dem Forschungsfonds der EU zählen übrigens auch als Drittmittel und sind ebenso meistens zweckgebunden.

Warum wir pleite sind

In den letzten Jahren haben wir einen Drittmittelboom erlebt. Dieser erlaubte es der Uni spezielle Forschungsbereiche massiv auszubauen. Von den 6000 Beschäftigten unserer Universität wird inzwischen jeder Dritte aus Drittmitteln finanziert. Von daher ist diese Geldflut ein Segen für unsere Uni und ist auch ein wichtiger Indikator für die Qualität der Forschung, die hier betrieben wird.

Drittmittel: Geldflut sorgt für Geldnot

Tatsächlich sind wir so erfolgreich, dass uns die Grundmittel ausgehen. Diese sind nicht so stark gestiegen wie die Drittmittel. Denn jede aus Mitteln Dritter finanzierte Forschungsgruppe braucht Räumlichkeiten, Verwaltungsaufwendung oder Eigenbeteiligung der Universität, was alles aus den Grundmitteln finanziert werden muss.

Drittmittel „hebeln“ also die Grundmittel. Anstatt ein Forschungsprojekt komplett aus Grundmitteln zu finanzieren können 2 oder 3 Forschungsprojekte mit den gleichen Grundmitteln finanziert werden, wenn die Forscher Drittmittel eingeworben haben.

Dies führt dazu, dass Fachbereiche, die kaum Drittmittel einwerben oder nicht Exzellent sind, chronisch unterfinanziert dastehen. Auch für die Verwaltungsbereiche, Hochschulrechenzentrum oder Gebäudeinstandhaltung gibt es zu wenig Geld.

Um es kurz zu fassen: Wir sind überall dort pleite, wo keine Drittmittel hinfließen.

Volluniversität oder Schwerpunktbildung?

Traditionell sind die Drittmittel leider ungleich verteilt. So geht es beispielsweise der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät sehr gut. Ihr Dekan bezeichnet sie gern als „Flaggschiff“ der Universität (einem gelernten Physiker sei diese offensichtliche Anspielung auf „Star Trek“ erlaubt).

Die Math-Nat belegt national Platz 1 aller DFG-Bewilligungen. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft ist der größte und wichtigste Drittmittelgeber im Forschungsbereich.Dazu der ehemalige Rektor Fohrmann in seiner Abschiedsrede bei der Amtsübergabe Ende April:

„Diese großen Forschungserfolge haben uns an eine organisatorische und infrastrukturelle Kapazitätsgrenze geführt; wir können kaum weiter wachsen, weil wir die Allgemeinkosten und Raumressourcen, die damit verbunden wären, nicht mehr ‚stemmen‘ können. Und es steht auch noch aus, die Folgekosten der Bewilligungen aus der Exzellenzinitiative und anderer Programme, die ja fast immer mit dem Versprechen eines zukünftig eigenen Ressourceneinsatzes verbunden waren, zu schultern. Die Konsequenz, die sog. Volluniversität aufzugeben und sich nach den Schwerpunktbildungen weiter auszurichten, hat sich für dieses Rektorat nicht als sinnvolle und auch nicht als begrüßenswerte Alternative dargestellt. Ein solcher Schritt wäre auch, dies ist meine feste Überzeugung, wissenschaftspolitisch und wissenschaftlich ein Fehler.“

Wie die eine mögliche Schwerpunktbildung aussehen könnte, hat vor kurzem die Universität von Amsterdam gezeigt. Sie hat alle geisteswissenschaftlichen Studiengänge der Philosophischen Fakultät zu einem „Bachelor der freien Künste“ zusammengelegt und finanziert jährlich nur noch drei Doktoranden für diese Fakultät (BAstA berichtete).

Forschung ist keine Lehre

Neben den Unterschieden zwischen den Fakultäten gibt es auch erhebliche Differenzen zwischen Forschung und Lehre. Die Lehre aller Fakultäten muss fast ausschließlich aus Grundmitteln finanziert werden. Grundmittel sind bekanntlich knapp und von den Drittmitteln einer Fakultät profitieren die Studenten erst im Doktorandenstadium ihrer akademischen Karriere.

So kommt es auch zu einer Schieflage zwischen Professuren einer Fakultät und ihrer Produktivität hinsichtlich des Absolventen-Outputs. So waren 2013 an der Philosophischen Fakultät 98 Professoren beschäftigt, die 15 Fächer betreut haben. Die PhilFak hatte in diesem Jahr 1548 Absolventen. Die Mathematische-Naturwissenschaft liche Fakultät verfügt hingegen über 194 Professuren, die nur 11 Fächergruppen betreuen und lediglich 1234 Absolventen produziert haben. Die Math-Nat hat also doppelt so viele Professuren, obwohl sie hinsichtlich

der Lehre quantitativ viel weniger leistet. Drittmittel sind eben nicht für die Lehre bestimmt…

Demo KielAm Scheideweg

In Zukunft werden weiter Belastungen auf uns zukommen. So steht die Verstetigung der Exzellenzcluster und der durch die Exzellenzinitiative geschaffenen Graduiertenkollegs an. Dies wird dazu führen, dass das strukturelle Defizit wieder um 5 Millionen Euro ansteigt.

Wie dieses Geld an anderen Stellen wieder eingespart wird ist noch offen. Fraglich ist wie unser neuer Rektor – der aus der Math-Nat kommt – sich entscheiden wird. Er selbst hat mithilfe von Drittmitteln das LIMES-Institut aufgebaut, welches sogar seit 2012 auch am Exzellenzcluster „ImmunoSensation: the immune sensory system“ beteiligt ist.

Sicher ist aber, dass sich in seiner Amtszeit entscheiden wird, ob wir weiterhin eine Volluniversität bleiben oder unsere Profilbildung zugunsten von mehr internationaler Sichtbar-und Wettbewerbsfähigkeit fortsetzen werden.

Julian Görlitz

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