Editorial

Hallo liebe Leser:innen, 

wie immer tummeln sich viele unterschiedliche Themen in unserer neuen Ausgabe. Um direkt mal auf das Titelbild einzugehen: Wer sich über das Cannabis-Blatt in Herbstfarben gefreut hat, freut sich vielleicht auch über Jans Leitartikel, in dem er sich mit dem historischen Hintergrund der Legalisierung der Droge auseinandersetzt, welche ja eventuell bald auf uns zukommen könnte. Marihuana-Konsum tritt allerdings leider nicht nur in diesem informierenden Essay auf, sondern auch in einem Bericht über ein Wohnheim der Uni Bonn in Tannenbusch. Dort wird schon länger neben Drogenkonsum auch über Vandalismus und ein fehlendes Sicherheitsgefühl unter den dort wohnenden Studierenden berichtet. Lest selber, welche Initiativen unternommen werden, sodass sich die Lage vor Ort verbessert. Neben dem finalen Teil von Jans Reportage über die Reparationszahlungen nach dem 2. WK findet ihr außerdem noch Lilys Essay über die dark academia aesthetic und eine Filmrezension von Simeon. Helenes Kolumne darf natürlich auch nicht fehlen. Wer sich übrigens noch fragt, was die Karte unter diesem Text zu suchen hat, kann sich auf die Suche nach der Antwort in diesem Heft machen. 

Schreibt uns gerne, was ihr von der Ausgabe haltet unter fw@asta.uni-bonn.de

Wir wünschen euch viel Spaß beim Lesen!

 

Melina Duncklenberg, Chefredakteurin

Inhalts-verzeichnis

Über Verbot und Legalisierung von Cannabis

– düster, ästhetisch, problematisch

So kommt ihr an die praktischen, neuen 2G-Karten für Studis

Wie Borga für mehr Repräsentation ghanaisher Lebensrealitäten sorgen möchte

Über die Lebenssituation vieler Studis in Tannenbusch

Deutschlands Schulden (Teil 4)

Von der Suche nach sich selbst und dem Finden von anderen

Gesellschaft

Der Wirklichkeit Rechnung tragen

Über Verbot und Legalisierung von Cannabis

Ein Bericht von Jan Bachmann

16.11..2021 - Ausgabe 78

16.11..2021 - Ausgabe 78

Das Schweigen gegenüber dem Publikum wurde ja jüngst in Berliner Sondierungskreisen zur Tugend oder gar zum Fetisch erklärt und obschon man den Sondierer:innen eine gewisse Vertraulichkeit als vertrauensbildende Maßnahme durchaus zugesteht, erscheint das Zelebrieren der Selben schon unangemessen.

So wartet man diesseits des Rhein gespannt auf das, was so alles vereinbart wurde in der verschwiegenen Runde, und tatsächlich drangen auch einige Beschlüsse an die braven Bürger:innen, von denen einige auch viele Studierende — mehr oder weniger — betreffen: Es gibt zwar mehr Klimaschutz, aber auch nicht so wirklich und vielleicht löst sich das Problem ja einfach von selbst, dann wird der Mindestlohn erhöht — und Cannabis soll legalisiert werden.

Sicherung der Heroin-Produktion

Über den Sinn und Unsinn des Verbotes ist schon vieles gesagt und geschrieben worden. Sinn des Verbotes sei, die Bürger:innen vor den — ja teilweise durchaus  gravierenden — Folgen des Konsums und vor allem der Abhängigkeit zu schützen. Tatsächlich jedoch war der Zweck des Verbotes ursprünglich ein anderer, nämlich — und das ist nun ein rechtsgeschichtlicher Treppenwitz — die Sicherung der Produktion von Kokain und Heroin. Auf der zweiten Opiumkonferenz (so nannte man seinerzeit die Konferenzen, auf denen ein internationales Vorgehen gegen Rauschmittel ausgehandelt wurden) im Jahre 1925 forderte Ägypten ein internationales Verbot des Handels mit Cannabis. Das Deutsche Reich sah hierzu jedoch keinen Anlass: Gekifft wurde in den wilden Zwanzigerjahren kaum, es gab jedoch allerlei Tinkturen aus Alkohol und Cannabis. Dabei handelte es sich meist um „Medikamente“, die man auf Jahrmärkten kaufen konnte und die gegen alle Krankheiten und weibliche Hysterie wirken sollten. Um nun das Deutsche Reich doch zu einem Cannabisverbot zu bewegen, drohte Ägypten damit, künftig keine Rohstoffe mehr zu liefern, die zur Produktion von Kokain und Heroin benötigt wurden. Kokain wurde damals von Merck, Heroin von Bayer hergestellt. Darauf intervenierte die Geschäftsführung der Bayerwerke bei der Reichsregierung, Cannabis wurde verboten, die Heroinproduktion war gesichert.

Kokain und Heroin waren übrigens nicht die einzigen Drogen, die als Medikamente produziert wurden: Methamphetamin wurde als Aufputschmittel unter dem Markennamen Pervitin vertrieben und Amphetamin war als Benzedrin ein sehr wirkungsvolles Mittel gegen Schnupfen. 

Verbreitung von Cannabis

Größere Verbreitung fand der Konsum von Cannabis aber erst nach dem Krieg, in den Fünfzigerjahren etwa in der Beatnik-Kultur und natürlich in den Sechzigern bei den langhaarigen, verlausten Gammler:innen und Studierenden, die sich mal lieber eine richtige Arbeit hätten suchen sollen. Verbreitet war damals natürlich auch das LSD, dessen Besitz im Jahre 1967 strafbar wurde.

Die Hippies von damals sind inzwischen biedere Rentner:innen, die ihre revolutionären Ideen gegen schicke Eigentumswohnungen in der Bonner Südstadt getauscht haben. Gekifft wird noch immer und noch immer ist es verboten. Der THC-Gehalt des Cannabis, das heute konsumiert wird ist jedoch deutlich gestiegen, das Kiffen ist also weit weniger harmlos als früher. Dies soll hier jedoch nicht als Argument gegen die Legalisierung herangezogen werden, vielmehr ist es nötig, die Frage zu klären, ob die derzeitige Rechtslage — also das Verbot — wirklich der beste Weg ist, um einen verantwortungsvollen Umgang mit der Droge zu gewährleisten.

Gegen den Trend

Bereits seit einigen Jahren ist auf dem Gebiet des Strafrechts die sehr unschöne Entwicklung zu beobachten, dass Strafrahmen erhöht und Strafbarkeitsbereiche ausgeweitet werden. Dem liegt die — völlig unwissenschaftliche — Überlegung zugrunde, man müsse Straftäter:innen möglichst hart bestrafen, damit sie „es lernen“ und künftig keine Verbrechen mehr begehen. Außerdem wird eine negativ generalpräventive — will sagen: eine abschreckende — Wirkung unterstellt, die von den strengeren Regelungen ausgehen soll. Dies ist eine recht billige Art Kriminalitätsbekämpfung vorzutäuschen. Tatsächlich führt eine Strafverschärfung nicht automatisch dazu, dass weniger Straftaten begangen werden, entscheidend ist vielmehr das Risiko, erwischt zu werden.

Insofern ist aus kriminologischer Sicht eine Legalisierung als Zäsur in dieser Entwicklung zu begrüßen, die hoffentlich nicht ohne Folgen bleiben wird.

Zu beachten ist ferner auch, dass die Lebenswirklichkeit vieler Menschen und die jetzige Rechtslage weit auseinander fallen. Millionen Menschen konsumieren regelmäßig Cannabis, die Beschaffung stellt für die Konsument:innen in der Regel keine Schwierigkeit dar.

Aktuell gibt es in einigen Bundesländern die Praxis, Strafverfahren, bei denen es nur um den Besitz einer geringen Menge Cannabis geht, einzustellen. Die Grenzen sind von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich, teils gibt es auch ähnliche Regelungen für andere Drogen. Ein Anspruch auf eine Einstellung besteht jedoch nicht.

Auf die Ausgestaltung kommt es an

Bei der Ausgestaltung der Legalisierung sind viele Fragen zu klären. Was wird etwa aus den bestehenden — zur Zeit illegalen — Strukturen zur Produktion und zum Verkauf: Können diese — in Teilen — legalisiert werden oder wird es auch künftig einen Schwarzmarkt geben, um eine mögliche Cannabissteuer zu umgehen? Gegner:innen der Legalisierung führen die Situation in den Niederlanden, wo Drogenbanden schwere Straftaten einschließlich Morden begehen, als abschreckendes Beispiel an. Diese Entwicklungen sind aber nicht zwangsweise eine Folge der Legalisierung von Cannabis.

In der Bundesrepublik herrschte übrigens einst ein weitaus verheerenderer Drogenkrieg — wenn man ihn denn so nennen kann. Der illegale Kaffeeschmuggel zwischen Belgien und den Niederlanden einerseits und der Bundesrepublik andererseits kostete insgesamt 33 Menschen das Leben, die bei Schießereien zwischen Schmuggler:innen und dem deutschen Zoll starben. Als der deutsche Zoll im Jahre 1953 forderte, zur Bekämpfung des Schmuggels auch Handgranaten einsetzen zu dürfen, senkte man stattdessen einfach die Kaffeesteuer — das Problem war gelöst.

Nun ist es geboten, die Legalisierung klug zu gestalten, Entwicklungen zu beobachten und nicht nur mit den Mitteln des Strafrechts zu reagieren. Ebenso gilt es Hilfsangebote für suchtkranke Menschen zu schaffen und auszuweiten, auf diesem Gebiet besteht aber schon seit langem großer Handlungsbedarf.

Die Produktion von Heroin, die ja ursprünglich durch das Verbot von Cannabis gesichert werden sollte, stellte Bayer übrigens nur drei Jahre nach Inkrafttreten des Verbotes ein.

Quelle: Clark Young via unsplash

Studium

Braune Rollkragen und weiße Männer

Ein Dark Academia Deep-Dive

Eine Analyse von Lily Hußmann

16.11.2021 - Ausgabe 78

Was haben Rollkragenpullis, antike Bücher und die nebelverhangenen Straßen von Edinburgh gemeinsam? Richtig, das sind die ersten Bilder, die Pinterest ausspuckt, wenn man dort nach Dark Academia sucht. Wer nicht gerade während der 2010er auf Tumblr oder Pinterest unterwegs war, wird vermutlich während der Pandemie zum ersten Mal auf Instagram oder TikTok mit dieser beliebten Internet aesthetic in Berührung gekommen sein. Aesthetics im Sinne eines Kleidungs- bzw. Lebensstils gibt es beinahe schon so lang wie das Internet, wenn man ihre Ursprünge nicht noch viel früher suchen möchte (wie beispielsweise beim Goth oder sogar bereits in Oscar Wilde’s aesthetic movement im 19. Jahrhundert – doch dazu später mehr). Wenige sind dabei jedoch so anziehend für Studierende wie Dark Academia (und ihre zahlreichen Variationen wie Light oder Grey Academia). Der Aufschwung, den Dark Academia in den letzten zwei Jahren erfahren hat (allein auf TikTok hat der Hashtag #darkacademia 1,4 Milliarden Views), mag durch die unzugänglichen Universitäten, Schulen und Bibliotheken bedingt sein, doch auch vor der Pandemie war die aesthetic bereits sehr beliebt. Schauen wir uns zunächst einmal an, was das Phänomen Dark Academia auszeichnet, bevor wir uns der Frage widmen, was daran problematisch für Studierende sein kann.

The Not So Secret History of Dark Academia

Als allgemeiner Ausgangspunkt und Namensgeber wird meist Donna Tartt’s Roman The Secret History genannt. Der Roman wurde 1992 veröffentlicht und von Kritiker:innen gelobt, jedoch dauerte es bis etwa 2015 bis sich eine ernstzunehmende Fangemeinde auf Tumblr entwickelte. Mittlerweile hat der Roman einen solchen Kultstatus erlangt, dass man ihn problemlos als Dark Academia Bibel bezeichnen kann. Ohne zu viel von der Handlung preiszugeben sei gesagt, dass sich der Roman um eine Gruppe Studierender in einem amerikanischen Elite-College dreht, die sich in mehrere Morde verstrickt. Das akademische Setting kombiniert mit Mord und Totschlag ergibt also den Namen Dark Academia.

Mit der Zeit kamen visuelle Elemente wie klassizistische und gotische Architektur und formelle Kleidung hinzu, meist mit bräunlicher oder dunkler Farbpalette als Moodboards umgesetzt, wie es damals auf Tumblr üblich war. Einen maßgeblichen Beitrag leistete hier auch das Harry Potter-Fandom mit Bildern von Hogwarts bzw. der Oxford University, die in weiten Teilen als Filmset diente. Inhaltlich kristallisierte sich schnell die Essenz von Dark Academia heraus: Wissen und Lernen werden glorifiziert und die „university experience“ romantisiert. Zweifellos war gerade dieser Aspekt während der Pandemie für viele Studierende und Schüler:innen identitätsstiftend und motivierend.

Doch schon bald war der Dark Academia-Kanon über The Secret History hinausgewachsen: Klassiker und westliche Literatur der Moderne, sowie die Musik der Wiener Klassik und Romantik wurden in den Kanon aufgenommen, hauptsächlich wegen der akademischen und scheinbar kultivierten Konnotationen. Besondere Bedeutung haben hier oft die Dichter:innen der englischen Romantik um Lord Byron und Percy und Mary Shelley beziehungsweise die Verkörperung der sich für ihr Werk aufopfernden Gelehrten. Auch Oscar Wilde’s einziger Roman und Manifest des aesthetic movement – The Picture of Dorian Gray –, in dem ein junger Mann seine Seele für ewige Jugend verkauft, und der darin enthaltene extreme Hedonismus sind ein wichtiges Element von Dark Academia, inhaltlich wie visuell. Wichtig ist weiterhin auch der ‚dunkle‘ Aspekt – Geheimnisse, Intrigen, trostloses Wetter und nächtliches Lernen bei Kerzenschein sind allesamt Teil der Ästhetik. Was gelernt wird ist allerdings stark normiert – geisteswissenschaftliche Fächer, insbesondere Philologien, tauchen weitaus häufiger auf als naturwissenschaftliche. Und damit wären wir auch schon bei einem der größten Probleme von Dark Academia angelangt.

Wer oder was ist Dark Academia?

Dark Academia ist exklusiv – und das gilt für fast jede aesthetic. Denn dadurch, dass man sich eine existierende aesthetic aneignet, trägt man automatisch zur Aufrechterhaltung ihrer Normen bei. Was Dark Academia ist und was nicht, wird von der Community entschieden; um dazuzugehören muss man äußerlich sowie in Bezug auf Aktivitäten und konsumierte Medien einem gewissen kanonisierten Modell entsprechen. Ironisch – geht es bei Dark Academia doch eigentlich um die Aneignung neuen Wissens. Um die diversen Fächer zu repräsentieren, haben sich aus Dark Academia mittlerweile kleinere Communities abgespalten, wie etwa Green Academia, die mehr naturwissenschaftliche Fächer einschließt.

Dark Academia ist weiß. Scrollt man auf TikTok durch den Hashtag, so ist die überwältigende Mehrheit der Videos von weißen Creator:innen. Auch der Kleidungsstil ist deutlich westlich geprägt. Darüber hinaus ist der Kanon – wie bereits angedeutet – bis auf wenige Ausnahmen extrem eurozentrisch (wer sich überzeugen möchte, braucht sich bloß die Goodreads-Listen oder die Dark Academia Classical Playlist auf Spotify anzuschauen). Dadurch werden weder die Diversität der Akademiker:innen noch die der akademischen Sphäre im Allgemeinen akkurat repräsentiert. Insbesondere der hohe Stellenwert westlicher ‚Klassiker‘ ist kritisch zu sehen, weil sich in den überwiegend von weißen Männern verfassten Werken häufig koloniale und sexistische Denkmuster spiegeln. Unreflektiert gelesen können diese internalisiert werden.

Dark Academia ist elitär. Dabei geht es nicht nur darum, dass nicht jede:r an einer Eliteuniversität studieren kann. Bildung an sich ist schon nicht für alle Menschen zugänglich. Es kann auch nicht jede:r in einer ästhetischen Stadt wohnen und sämtliche Kleidung secondhand kaufen, um 24/7 wie ein:e zerstreute:r Professor:in aus dem letzten Jahrhundert auszusehen. Viel wichtiger ist jedoch, dass durch die Glorifizierung ‚hoher‘ Kultur – also dem westlichen literarischen Kanon und westlicher klassischer Musik des 18. und 19. Jahrhunderts – den ‚niederen‘ Kulturformen ihr Wert abgesprochen wird. Auch das ist ironisch, wenn man bedenkt, dass Dark Academia aus einem ganz ‚normalen‘ Roman hervorgegangen ist und auch neue Young Adult-Werke mit ähnlichen Thematiken zum Dark Academia-Kanon gezählt werden (man denke nur einmal an die Harry Potter-Bücher).

Dark Academia ist unrealistisch. Ich setze mich nicht jeden Morgen in einem perfekt zusammengestellten Outfit aus braunem Rollkragen, kariertem Rock und Kniestrümpfen mit einem schwarzen Kaffee an meinen Schreibtisch und lese die Ilias.

» Das realistischste daran ist wahrscheinlich der Kaffee. «

Allerdings kann man das auch Social Media im Allgemeinen vorwerfen. Wichtig ist jedoch, dass auch viele jüngere Schüler:innen zur Dark Academia Community gehören, denen unter Umständen eine falsche Vorstellung vom Universitätsalltag vermittelt wird.

Was kann Dark Academia?

Hat man sich all das bewusst gemacht, scheint es schwierig mit einem optimistischen Auge auf Dark Academia zu blicken. Doch es gibt durchaus auch Positives: Wie kaum ein anderes Internetphänomen hat Dark Academia es geschafft, ein riesiges Interesse für Bildung und Wissenschaft (wenn auch primär für die Geisteswissenschaften) zu schüren. Massenhaft junge Menschen erleben ihre kleine persönliche Renaissance, wenn sie alte Klassiker entdecken oder sich mit klassischer Musik beschäftigen, und das finde ich persönlich schön. Wenn Dark Academia auch nur in ein paar Leuten das Interesse für ein Studium entfacht, ist das ein Gewinn. Insofern bietet Dark Academia vielleicht einen guten Einstieg in die akademische Welt, doch als Philosophie, an der das ganze Leben ausgerichtet werden kann, eignet sie sich eher weniger. Im Grunde ist jedoch nichts Verwerfliches daran, Dark Academia schön zu finden oder sich für Klassiker und klassische Musik zu interessieren, solange man dabei kritisch bleibt und sich nicht nur auf diese Medien beschränkt, sondern auch internationale Werke von BIPOC und queeren Menschen liest. Und denkt daran: Social Media ist nicht real.

Die Illustratorin Annalena Tetzner steuerte inspiriert von Lilys Artikel dieses Bild bei.

Sam ging als gutes Beispiel voran. Die weiteren Schritte der Kartenerstellung seht ihr weiter unten (Quelle: Ronny Bittner)

2G-Karten für alle

Ein Griff weniger ans mobile Endgerät

Ein Bericht von Melina Dunrklenberg

16.11.2021 - Ausgabe 78

Wir können inzwischen gar nicht mehr ohne ihn: Der Griff zum Handy ist nicht mehr nur noch mit Prokrastinationsanflügen, den seltsamsten Google-Suchen oder auch nur der fehlenden Armbanduhr zu verknüpfen, sondern seit Impferfolgen und Präsenzveranstaltungen auch mit dem Vorzeigen unserer Impf- und Genesungszertifikate. Auch an der Uni ist das Vorzeigen dieser Zertifikate natürlich nicht mehr wegzudenken. Wer in Zukunft keine Lust mehr hat, die CoV-Pass-App möglichst griffbereit auf dem Startbildschirm unterzubringen, darf den Physiker:innen der Uni Bonn danken. Sie kamen auf die Idee, 2G-Karten zu entwickeln und so den Vorzeigevorgang zu beschleunigen. Unter der technischen Umsetzung von Oliver Freyermuth entstanden so Plastikkarten, auf denen ein QR-Code neben dem Namen und einem Bild der Besitzenden zu sehen ist. Nicht sichtbar ist der eingebaute RSID-Chip, über den die Karte ausgelesen werden kann und der Impf- bzw. Genesenenstatus inklusive Ablaufdatum wiedergeben wird. Ohne Auslesegerät kann auch einfach der aufgedruckte QR-Code genutzt werden. Personenbezogene Daten werden weder gespeichert noch wiedergegeben, abrufbar ist lediglich die Karten-ID, die bestätigt, ob eine zugelassene Impfung oder ein Genesungszertifikat bis zu einem gültigen Datum vorliegt. Nachdem das Pilotprojekt an der MatNat-Fakultät mit 5000 gedruckten Karten erfolgreich umgesetzt wurde, sind die Karten bald auch am Hauptgebäude der Uni Bonn ausstellbar.

seit dem 10.11. jeden Tag zwischen 10 und 14 Uhr im Hauptgebäude (Garderobe im Erdgeschoss)

und bis zu 18.12. dienstags von 10-12 und donnerstags von 12 bis 14 Uhr vor dem Wolfang-Paul-Hörsaal (Büro am Eingagn, Kreuzbergweg 28)

– einen aktuellen Studierendenausweis

– den Impf-/ Genesenennachweis

– euren gültigen Personalausweis

Die Fotos werden vor Ort angefertigt und nach der Erstellung mit allen anderen Daten wieder gelöscht.

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Wir haben Sam bei der Erstellung seiner 2G-Karte durch den Oliver Freyermuth begleitet.(Fotos: Ronn Bittner)

Der Wunsch nach einem besseren Leben führt Kojo nach Mannheim. (Quelle: Justus Menke via Unsplash)

Borga

Ghanaische Kultur auf großer Leinwand

Eine Rezension von Simeon Gerlinger

16.11.2021 - Ausgabe 78

Ohne viel Hollywood-Glamour erschien der Film Borga am 28. Oktober in ausgewählten deutschen Kinos. Dabei gewann das Spielfilm-Debüt des Regisseurs York-Fabian Raabe in den Kategorien bester Spielfilm, gesellschaftlich relevantester Film und Publikumsfavorit Spielfilm gleich drei Preise auf dem diesjährigen Max Ophüls Film-Festival. Doch was ist so besonders an diesem Film-Drama und warum lohnt es sich den Film anzusehen?

Die Story

Die Brüder Kojo (Eugene Boateng) und Yoofi wachsen in der ghanaischen Hauptstadt Accra auf einer Elektroschrotthalde im armen Stadtteil Agbogbloshie auf. Kojo hat schon früh das Bedürfnis mehr aus seinem Leben zu machen als nur im väterlichen Betrieb europäischen Schrott zu verwerten. Eines Tages trifft er einen Borga – einen Ghanaer, der es in Europa zu etwas gebracht hat und im Wohlstand lebt und diesen mit seinen Freund:innen und seiner Familie in Ghana teilt. Kojo ist von seinem Auftreten fasziniert und macht sich zehn Jahre später zusammen mit einem Freund auf den beschwerlichen Weg nach Deutschland, wo die beiden auf Arbeit und das gute Leben hoffen. Angekommen in Mannheim ist Kojo jedoch mit einer anderen Realität konfrontiert. Er gibt jedoch seinen  Traum nicht auf, als Borga seine Familie in Ghana zu unterstützen. Fortan nutzt er jede Gelegenheit, um an Geld zu kommen und als Borga erfolgreich zu werden. Er findet sich dabei in einem Auf und Ab wieder, das ihn langsam infragestellen lässt, ob er seinem Traum überhaupt gerecht werden kann.

Mehr als nur eine Geschichte

Borga ist nicht nur der Titel des Filmes, sondern ist auch der ghanaischen Sprache Twi entnommen und wird auch mit “reicher Onkel” übersetzt. Dabei stellt die Erzählung und das Bild der Borga einen Teil ghanaischer Kultur dar, den Raabe im Film abbilden möchte. Zusammen mit Eugene Boateng in der Hauptrolle und als Associate Producer, konzipierte er die Geschichte aus einer ghanaischen Perspektive. So ist der Großteil des Filmes auf Twi mit deutschen Untertiteln und die Mehrheit des Casts ist ghanaisch oder hat eine ghanaische Migrationsgeschichte. Dabei stellt die Handlung von Borga, nach Eugene Boateng, keine einzelne Geschichte dar, sondern die Geschichte fast aller Schwarzen, die mit dem Traum nach Deutschland kamen, ein besseres Leben für sich und ihre Familie zu schaffen.

Wie viel von diesem Traum tatsächlich erreichbar ist, zeigt der Film mit sehr eindrucksvollen Bildern. Von der perspektivlosen Müllhalde Agbogbloshie, auf der Raabe bereits 2012 im Rahmen der Recherche für Borga den Dokumentarfilm Children of Sodom drehte, bis hin zur kalten, trostlosen und abweisenden Atmosphäre der deutschen Industriestadt Mannheim. An jedem Punkt spiegelt der Film ein Maß an Realität wieder, das, insbesondere in den prägendsten Erlebnissen Kojos, das Publikum mit seinen rohen, ungeschönten Bildern mehr als nur einmal schockiert und fast eingeschüchtert zurücklässt.

Doch nicht nur die Bilder hinterlassen Eindruck. Zentral im Film sind die Auseinandersetzungen mit den Motiven von Heimat, Familie und Glück. Kojo leidet immer wieder unter Heimweh, aber möchte gleichermaßen den eigenen Traum ein Borga zu werden bis zum letztmöglichen Zeitpunkt nicht aufgeben. Kojo ist letztlich dazu gezwungen infrage zu stellen, ob das, was er tut es wirklich wert ist und ihn nicht immer weiter von seiner Heimat und seiner Familie entzweit. Gerade dieser Zwiespalt lässt auch den oder die Zuschauer:in in sich gehen und sich selbst die Frage stellen: Wie weit würde ich gehen, für die Perspektive eines besseren Lebens?

In dieser Hinsicht erfüllt Borga den eigenen Anspruch auf ganzer Linie und bereichert zugleich den Diskurs über Migration, Flucht und vermeintlich ausgemachte “Wirtschaftsflüchtlinge”. Der Druck, der Flüchtenden aus afrikanischen Staaten, hier aus Ghana, in Deutschland anlastet, wurde selten so  authentisch auf der Leinwand dargestellt und bietet ein hohes Maß an Repräsentation ghanaisch-deutscher Lebensrealitäten.

Wie wird es weitergehen?

Nach mehreren, oft ungeeigneten, angebotenen Räumlichkeiten gibt es nun ein Angebot für die Zwischennutzung einer alten Realschule in Beuel. In den konkreten Verhandlungen gibt es jedoch noch viele Unklarheiten. Es ist zum Beispiel noch nicht geregelt, wie lange die Alte VHS dort verbleiben kann oder wie hoch etwaige Renovierungskosten sind und wer diese tragen wird. Klar ist jedoch: Eine langfristige Perspektive für das Projekt ist bis jetzt nicht ersichtlich, dabei wäre es die einzig konsequente Lösung, wenn man die politischen Zusicherungen aus der Rats-Koalition zu Ende denken würde.

Zwischenzeitlich hat der Salóng, die kleine Kneipe in der Alten VHS, wieder geöffnet und es finden wieder kleinere Gruppentreffen und Vorträge im und vor dem Haus statt. Es ist nicht zu vergleichen mit dem Betrieb vor der Pandemie, der vor dem Auszugstermin Ende diesen Jahres sehr wahrscheinlich auch keinen Einzug mehr in der Kasernenstraße finden wird.

Ob, wie und wo es im nächsten Jahr weitergeht? Das hängt auch damit zusammen, wie viel Druck die Bonner:innen auf die Stadtverwaltung und Politik in den nächsten Monaten ausüben werden. Ende Mai zogen bereits mehr als 700 Menschen für die Alte VHS durch die Innenstadt. Das kann jedoch nur der Anfang sein, denn Freiräume wachsen nicht auf Bäumen oder können mit Geld aus dem Boden gestampft werden. Sie entstehen durch das Engagement vieler Einzelner und durch das Aufbringen von unzähligen Stunden ehrenamtlicher Arbeit. Sei es durch die Teilnahme auf Demos oder die Mitarbeit in der Orga-Gruppe des Hauses. Es liegt bei Allen, denen die Alte VHS und kulturelle Freiräume als Ganzes am Herzen liegen, sich aktiv für den Erhalt einzubringen.

Universität

Unsicheres Wohnen

Über die Initiative, studentisches Wohnen in Tannenbusch zu verbessern

Ein Bericht von Melina Duncklenberg

16.11.2021 - Ausgabe 78

The all too well known smell of marijuana lingers in the air. A few dark figures gather in front of the building, illuminated by the building’s light falling through cracked windows. The sound of music mingles with loud shouting and insults, some sound threatening, others simply drunk. You know that you’ll have to pass the crowd to reach your apartment and straighten your back at the mere thought of it. No one should notice your insecurity. Luckily the group mainly ignores you, so that you can slip by without any incidents and enter the dorm. Relieved you reach your apartment door. While you’re searching for the keys, the  door of the shared bathroom behind you is opened slowly and someone steps out. You hold your breath, as the person behind you is neither  known to you nor sober. They begin to eye you threateningly. You close your door as fast as possible and are happy to have made it to your apartment until you realise that tomorrow you are going to come home in the dark as well and everything will start all over again.

Circumstances like these have become normal during the darker seasons in the Hirschbergerstraße Nr. 58-64 in Tannenbusch. The dorms there offer over 564 housing units for a large majority of international students of the University of Bonn, who were happy to have found an affordable place to live. Unfortunately,  living there comes with a price. Driven in by the cold and the early setting darkness of the winter months, unwanted people find their way into the entrance area, the hallways and even to the bathrooms of the dorm. There have been reports of broken windows , drug dealing, as well as drug use alongside (sexual) harassment. Strangers besiege the building’s entrance and wait for the right moment when residents leave or enter the building to get in  and use that chance to cause trouble.

Some international students only realised these grievances after some time, as they were used to similar circumstances from their home countries. Exchange with fellow students living at other dorms or their own flats however quickly showed the extreme differences in regards to safety, hygiene and privacy . There is not much of a secure feeling left, when you’re too afraid to leave your building at night because  you don’t want to get catcalled, harassed or threatened. On top of the lacking security concept, defective washing machines, low hygiene standards and dysfunctional communication between the dorm’s management and the responsible department for student living of the Studierendenwerk have worsened the situation. Complaints  describing the entry of strangers, sexual harassment, vandalism and stalking received no  answer  apart from the request to call the police if needed. The local police is informed as well, they even participated in meetings discussing the problem, but have not been able to secure the situation any further yet.

Working on the conditions is the department of international students. Shayan Shahpasand and Lisa Stefanutti have been trying to improve the quality of life since the beginning of 2020. Unfortunately, complaints to the Studierendenwerk appear not to have gotten through at the time or were not deemed as serious as they were perceived on site. A general problem did not seem to be known and was also not supposed to become one. Offers such as workshops for an improved handling of the dangerous situations of the involved students or forwarded info-mails could not be realised. Unclear responsibilities further complicated the  communication between the department of international students, the responsible people of the dorm and the Studierendenwerk .

By now  cooperation has luckily improved a bit. After further involvement of the department alongside meetings between the head of the AStA and the Studierendenwerk, the search for a security service, which is supposed to guard the building starting at the end of November, began. This was also confirmed by the Studierendenwerk’s public relations office, which also stated that they have been offering a monthly consultation hour since October. Inhabitants of the dorm can share concerns or complaints there and talk to those responsible. While there were no complaints during the first consultation hour, the amount of inhabitants looking for someone to speak to  already grew with the second opportunity. There seems to be a discrepancy  between the evalutation of the Studierendenwerk and the experience that the department of international students has gathered over time. The department set up a telegram-group for better networking among residents, which has gathered nearly 80 participants over the course of a few weeks (as of 5.11.21). It is a safe space for the inhabitants’ concerns and experiences, as they are often afraid to lose their apartments by complaining too much. Besides that concern, the language barrier often worsens  communication between the affected and those responsible. Another concern is connected to the fear of getting in contact with the police. For that reason, the department of international students has published an interview with the local police to get rid of the stigma around contacting them. The interview is still linked at the department’s website.

The comparatively small amount of complaints in relation to the many habitants, as well as the seasonal fluctuations makes the problem appear more marginal from the outside. But protocols from last year, as well as  reports of witnesses, who have already lived in the dorm for a long time before and describe the same problems, show that the dorm is facing a recurring and serious problem. The reports  go further than occasional drug consumption, but describe organised dealing, threats, fights and theft. The Studierendenwerk recognises reportable and criminal offences that have occurred and wants to guarantee an improved sense of security and living to the inhabitants by taking care of the security service, the consultation hour and increased lighting in the building. Aside from that, they emphasise on their goal to improve Tannenbusch’s image and to work on establishing a less biased view on the district. Close communication between the department of international students, the AStA and the Studierendenwerk is another goal to be achieved and all of the above are keen to realise  an improved security concept. After all secured living, privacy and respect towards the students must be self-evident and of course independent from the social structure of the surroundings of a dorm of the University of Bonn.

Der altbekannte Geruch nach Marihuana hängt in der Luft. Durch rissige Fensterscheiben fällt das Flurlicht auf ein paar dunkle Gestalten, die sich vor der Tür deines Wohnheims tummeln. Laute Musik vermischt sich mit Pöbeleien und Rufen, manche klingen bedrohlich, manche einfach nur betrunken. Du weißt, dass du die Menge gleich durchqueren musst, um zu deiner Wohnung zu gelangen und richtest dich bei dem Gedanken unbewusst auf. Man sollte dir deine Unsicherheit nicht anmerken. Die Gruppe ignoriert dich zum Glück größtenteils, weshalb du sie ohne Vorfälle passierst und in das Gebäude gelangst. Du atmest schon durch und machst dich auf den Weg zu deinem Stockwerk. Als du gerade deine Wohnungstür aufschließt, öffnet sich hinter dir die Tür des Gemeinschaftsbades und jemand tritt heraus. Dir stockt der Atem, da die Person weder bekannt noch nüchtern wirkt und dich bedrohlich beäugt. Schnell schließt du deine Tür hinter dir und bist froh es geschafft zu haben, bis dir einfällt, dass du auch morgen im Dunkeln nach Hause kommen wirst und das Ganze wieder von vorne losgehen wird. 

In der Hirschbergerstraße Nr. 58-64 in Tannenbusch gehören Situationen wie diese besonders während der dunklen Jahreszeiten regelmäßig zur Tagesordnung. Das dort gelegene Wohnheim beherbergt mit über 564 Wohneinheiten auch einen Großteil internationale Studierende der Uni Bonn, die dort einen günstigen und vor allem verfügbaren Ort zum Wohnen gefunden haben. Doch leider hat dieses Wohnen schon seit längerer Zeit seinen Preis. Besonders in den Wintermonaten treibt die Kälte und frühe Dunkelheit unliebsamen Besuch in den Eingangsbereich, die Flure und sogar auf die Toiletten des Wohnheims. Es wird von eingeworfenen Scheiben, Drogenhandel und  -konsum, sowie sexueller Belästigung berichtet. Fremde belagern Eingangsbereiche und warten den richtigen Moment ab, um nach verlassenden Personen die Wohnheime zu betreten und dort Unruhe zu stiften.

Einige internationale Bewohner:innen lernten erst nach einiger Zeit, dass Bedingungen wie diese in Deutschland nicht die Regel darstellen. Gespräche mit Kommiliton:innen aus anderen Wohnheimen oder eigenen Wohnungen zeigten schnell extreme Unterschiede in dem Umgang mit Sicherheit, Hygiene und Privatsphäre auf. Von einem Sicherheitsgefühl war nicht mehr zu sprechen, wenn man sich abends nicht mehr traute, vor die Wohnungstür zu treten, da man immer Gefahr lief, angemacht, belästigt oder bedroht zu werden. Zusätzlich zu dem fehlenden Sicherheitskonzept wird ebenfalls von nicht funktionierenden Waschmaschinen, generell niedrigen Hygienestandards, sowie schlechter Kommunikation zwischen der Hausverwaltung und der zuständigen Abteilung Wohnen des Studierendenwerks berichtet. Beschwerdemails, in denen das Eindringen und Aufhalten fremder Personen in dem Wohnheim, sowie sexuelle Belästigung, Vandalismus und Stalking beschrieben wurden, blieben teils unbeantwortet. Aus den Mails ging eindeutig ein Unwohlsein der Betroffenen hervor, Antworten kamen leider keine bis auf einen Verweis auf die örtliche Polizei. Auch diese ist über das Problem informiert, nahm sogar bereits an Treffen bezüglich des Wohnheims teil, konnte die Gefahrenlage bis jetzt allerdings noch nicht eindämmen.

Wer aktuell versucht, die Lage zu verbessern, ist das Referat für Internationale Studierende des AStA. Der aktuelle Referent Shayan Shahpasand und seine Vorgängerin Lisa Stefanutti versuchen seit knapp zwei Jahren eine Verbesserung der Lebensqualität im Wohnheim zu bewirken. Leider schienen am Anfang die Beschwerden der Bewohner:innen noch nicht zu dem zuständigen Studierendenwerk vorgedrungen zu sein oder wurden nicht als so seriös eingeschätzt, wie sie vor Ort empfunden wurden. Ein generelles Problem schien nicht bekannt zu sein und sollte auch nicht zu einem solchen gemacht werden. Vorschläge der involvierten Studierenden, wie Workshops für den besseren Umgang mit Fremdeinwirkungen im Wohnheim oder der Weiterleitung informierender Mails, konnten nicht umgesetzt werden und unklare Verantwortungszuteilungen erschwerten die Kommunikation zwischen dem Referat, Vertrauensstudierenden des Wohnheims und den Verantwortlichen des Studierendenwerks.

Inzwischen hat sich die Lage glücklicherweise ein wenig verbessert. Nach weiteren Nachfragen des Referats für Internationale Studierende und einem Gespräch zwischen dem Studierendenwerk und dem Vorsitz des AStA konnte sich auf eine Ausschreibung für einen Sicherheitsdienst geeinigt werden, der ab Ende November vor dem Wohnheim präsent sein soll. Dies bestätigte uns auch die Pressestelle des Studierendenwerks und verwies zusätzlich auf eine seit Oktober monatlich stattfindende Sprechstunde, in der Bewohner:innen etwaige Sorgen oder Beschwerden loswerden und Ansprechpartner:innen finden können. Während in der ersten Sprechstunde noch keine Beschwerden angemerkt wurden, wuchs die Anzahl der besorgten Studierenden in der darauffolgenden Sprechstunde bereits an. Es scheint eine gewisse Diskrepanz zwischen der Lageeinschätzung des Studierendenwerks und den Erfahrungen, die an das Referat für Internationalen Studierende herangebracht werden, zu herrschen. Dieses gründete eine Telegram-Gruppe für die bessere Vernetzung zwischen den Bewohner:innen, zu der innerhalb von ein paar Wochen bereits 80 Mitglieder hinzugefügt werden konnten (Stand: 5.11.21). Dort wurden die Sorgen geteilt und in einem safe space besprochen, da für viele Betroffene die Sorge besteht, den wichtigen Wohnraum zu verlieren, wenn personenbezogene Beschwerden laut werden. Neben dieser Sorge erschwert auch die Sprachbarriere oft die Kommunikation zwischen Betroffenen und Verantwortlichen. Bei einem Großteil von internationalen Bewohner:innen herrscht ebenfalls ein gewisser Respekt vor der Polizei. Auch hier spielt die Sorge vor Nachteilen bei Polizeikontakt eine große Rolle. Das Referat für Internationale Studierende hat Mitte dieses Jahres diesbezüglich bereits ein Interview mit der Polizei durchgeführt, das auf der Website des Referats zu finden ist und dafür sorgen soll, das Stigma um den Polizeikontakt zu verringern.

Der im Verhältnis zu den rund 500 Bewohner:innen geringe Anteil an eingehenden Beschwerden, sowie die Jahreszeitenabhängigkeit lassen das Problem von außen geringfügig erscheinen. Tatsächlich sprechen allerdings Protokolle aus dem letzten Jahr, sowie Zeugen, die bereits vor längerer Zeit in dem Wohnheim gelebt haben, dafür, dass es sich um ein wiederkehrendes und ernstzunehmendes Problem handelt. Bei den Beschreibungen bleibt es nicht bei vereinzeltem Drogenkonsum, sondern es geht über regelmäßigen Verkauf zu Bedrohungen, Schlägereien und Diebstahl hinaus. Auch das Studierendenwerk erkennt beobachtbare und aufgetretene strafrechtlich relevante Delikte an und möchte sich mittels des Sicherheitsdienstes, der Sprechstunde und mehr Beleuchtung der Trakte für ein verbessertes Sicherheits- und Lebensgefühl einsetzen. Zusätzlich ist ihnen wichtig, an dem Image Tannenbuschs zu arbeiten und dafür zu sorgen, ein weniger vorbelastetes Bild des Stadtteils zu erzeugen. Ein enger Kontakt zwischen dem Referat, dem AStA-Vorsitz, Verteter:innen des Wohnheims und dem Studierendenwerk ist vorgesehen und allen ist an der Umsetzung eines verbesserten Sicherheitskonzepts gelegen. Schließlich müssen gesichertes Wohnen, Privatsphäre und Respekt den Studierenden gegenüber selbstverständlich sein, ganz unabhängig von der Sozialstruktur der Umgebung eines Wohnheims der Uni Bonn.

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Ein Eindruck der Zustände vor Ort. (Fotos bereitgestellt vom Referat für Internationale Studierende aus anonymisierten Quellen.)

Anlaufstellen für Sorgen, Beschwerden und Auskünfte:

Studierendenwerk der Uni Bonn

Referat für internationale Studierende des AStAs 

 

Das im Artikel angesprochene Interview mit der Polizei ist ebenfalls auf der Homepage des Referats für internationale Studierende zu finden. Außerdem kann dort auch der Kontakt zur Telegram-Gruppe für Betroffene hergestellt werden.

Geschichte

Von Schulden und Schuld

Warum Deutschland endlich Reparationen zahlen sollte - vierter Teil

Ein Essay von Jan Bachmann

16.11.2021 - Ausgabe 78

Nachdem wir uns im dritten Teil des Textes mit den Reparationsforderungen Polens und Griechenlands im Speziellen auseinandergesetzt haben, wollen wir uns nun zum Abschluss noch mit den grundsätzlichen Argumenten für und gegen das Zahlen von Reparationen und den Unzulänglichkeiten der deutschen Vergangenheitsbewältigung im Allgemeinen auseinandersetzen.

Wirtschaftliche Leistungsfähigkeit

Als generelles Argument gegen die Zahlung von Reparationen wird oft angeführt, dass die Begleichung der Schäden die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit Deutschlands übersteigen würde. Natürlich überzeugt es nicht, dass die immense Höhe des verursachten Schadens geeignet sei, den Verursacher desselben davon befreien zu können, diesen zu begleichen. Man sollte zudem nicht vergessen, dass man es von deutscher Seite ja fast ausschließlich den Volkswirtschaften der betroffenen Länder überlassen hatte, die entstandenen Schäden zu beseitigen. Der polnischen Volkswirtschaft war es ja durchaus zumutbar, mit der verheerenden Zerstörung, die man östlich der Oder-Neiße-Linie hinterlassen hatte, zurechtzukommen.

Davon unberührt ist die deutsche Volkswirtschaft durchaus in der Lage, die von Polen und Griechenland geforderten Reparationsleistungen zu erbringen. Es wären beispielsweise auch Ratenzahlungen, gestaffelt über einen längeren Zeitraum, denkbar, wie etwa beim Vertrag von Versailles. Außerdem konnten wir in der letzten Zeit immer wieder erleben, dass auch hohe Milliardenbeträge vom deutschen Staat bereitgestellt werden konnten, ohne dass dies zum Kollaps der Volkswirtschaft führte.

Geradezu grotesk aber wirkt das Argument in Anbetracht der Leistungen, die Deutschland tatsächlich an die betroffenen Länder erbracht hat: Polen und Griechenland erhielten zusammen kaum mehr als zwei Milliarden Euro — die Entschädigung der noch lebenden Zwangsarbeiter:innen aus den beiden Ländern ist hier schon mit inbegriffen. Es wäre unserer Volkswirtschaft durchaus zumutbar gewesen, hier zumindest ein wenig mehr Entgegenkommen zu zeigen oder zumindest nicht alle entsprechenden Anfragen pauschal abzutun und sogar das Gespräch über das Thema zu verweigern.

Als Schreckgespenst wird oft der Friedensvertrag von Versailles angeführt, der Deutschland zu horrenden Reparationen verpflichtet habe, was dann quasi den nächsten Weltkrieg heraufbeschwören musste. Hartnäckig halten sich noch immer Fehleinschätzungen und Irrtümer rund um den Versailler Vertrag, was nicht zuletzt auch an einer unzureichenden Aufarbeitung der Vergangenheit liegt.

Wie bereits zuvor dargelegt, war die Ablehnung des Vertrages von Versailles vornehmlich politisch, nicht wirtschaftlich motiviert.

Die Höhe der Reparationsleistungen, die der Vertrag vorsah, entsprach — und dies ist  vorerst zu sagen — den tatsächlich verursachten Schäden. In Frankreich und Belgien wurden ganze Landstriche umgepflügt, einige Gebiete können bis heute nicht gefahrlos betreten werden, das Deutsche Reich selbst hingegen blieb bis auf einige kleinere Ausnahmen von den direkten Kriegseinwirkungen verschont.

Selbst inflationsbereinigt (berechnet anhand der Daten zu den Kaufkraftäquivalenten historischer Beträge in deutschen Währungen, herausgegeben von der Bundesbank) waren die Kosten der deutschen Wiedervereinigung etwa siebenundzwanzig-mal so hoch wie der Wert sämtlicher von Deutschland aufgrund des Versailler Vertrages erbrachten Leistungen. Die Kosten der Wiedervereinigung — die, um das nur am Rande anzumerken, übrigens von Ost- wie Westdeutschen getragen wurden und werden — übersteigen ferner auch die Summe aller offenen im Raume stehenden Reparationsforderungen.

Das Florieren der Wirtschaft

In die gleiche Richtung stößt das Argument, dass Länder, die unter der deutschen Gewaltherrschaft zu leiden hatten, doch wesentlich mehr von einer florierenden deutschen Volkswirtschaft profitieren würden als von Reparationszahlungen und einer durch die selbigen geschwächten deutschen Wirtschaft.  Dem ist natürlich entgegenzuhalten, dass von einer florierenden deutschen Wirtschaft in erster Linie Deutschland profitiert und ferner die Reparationen — wie dargelegt — die deutsche Wirtschaft keineswegs ruinieren würden. Außerdem dürfte es für einen Menschen, dessen Familie etwa von deutschen Soldaten getötet und dessen Haus von deutschen Soldaten niedergebrannt wurde, nur ein schwacher Trost sein, wenn er anstelle einer angemessenen Entschädigung, ein Trinkgeld bekommt von deutschen Tourist:innen, denen es dank der florierenden deutschen Wirtschaft sehr gut geht.

Verjährung

Gelegentlich hört man — nicht nur bei der Frage der Reparationen — dass man mit den Taten von damals nichts zu schaffen habe und die Reparationsansprüche, sofern sie denn überhaupt bestünden, längst verjährt seien. Eine formelle Verjährungsfrist, wie etwa im BGB, gibt es im internationalen Recht natürlich nicht. Ganz selbstverständlich scheint es zu sein, dass durch Kredite, die der deutsche Staat heute aufnimmt auch künftige Generationen verpflichtet werden, selbst wenn die künftigen Schuldner:innen noch gar nicht geboren sind. Man hat ja eigens eine Schuldenbremse geschaffen, um derartige Belastungen für kommende Generation zu begrenzen. Mit dem gleichen Selbstverständnis werden wir heute durch Kredite verpflichtet, die der deutsche Staat lange vor unserer Geburt aufgenommen hat; dazu zählen übrigens auch die Kredite des Deutschen Reiches, die zu Zeiten unserer Großeltern und Urgroßeltern aufgenommen wurden. Wenn aber dieselben Großeltern und Urgroßeltern mordend durch Europa zogen, erwachsen daraus keine finanziellen Verpflichtungen?!

Dass es nicht weh tut

Wir Deutschen stellen uns ja schon unserer Geschichte, aber wir wollen es auch möglichst billig haben. So wird letztlich bei der Frage der Reparationen ein Schema deutlich, das sich konsequent durch unsere — ach so vorbildliche —Vergangenheitsaufarbeitung zieht: Die Aufarbeitung geht immer  nur so weit, dass es gerade nicht weh tut:

Als es darum ging, die Täter:innen vor Gericht zu stellen, versagte der deutsche Rechtsstaat auf allen Ebenen: Es wurde nicht ermittelt und wenn dann mal ermittelt wurde, wurden die Beschuldigten oft rechtzeitig gewarnt, bei Prozessen wurden ehemalige KZ-Insass:innen, die als Zeug:innen aussagen sollten, verhöhnt und lächerlich gemacht, Gesetzesänderungen erschwerten die Strafverfolgung, Generalamnestien als Weihnachtsgeschenk des Bundespräsidenten taten ihr Übriges: In der Bundesrepublik wurden knapp 2000 NS-Verbrecher:innen wegen ihrer Taten verurteilt, dies entspricht nicht einmal einem Hundertstel der Anzahl von Menschen, die sich — im juristischen Sinne — schuldig gemacht haben. Insgesamt gab es 36.000 Ermittlungsverfahren. Zum Vergleich: Nach dem Verbot der KPD im Jahre 1956 kam es in der Bundesrepublik zu 200.000 Ermittlungsverfahren gegen echte und vermeintliche Kommunist:innen.

Für Angehörige von NS-Verbrecher:innen, die im Ausland im Gefängnis saßen, zahlte übrigens die Bundesrepublik die Reisekosten um ihre Liebsten zu besuchen.

Die Wehrmachtsausstellung

Als vor gut 20 Jahren die Generation der Männer, die in der deutschen Wehrmacht gekämpft hatten — inzwischen waren das meist liebevolle Großväter im Ohrensessel geworden — noch lebte, erntete man Empörung und Anfeindungen, wenn man über die Verbrechen der deutschen Wehrmacht sprach. Der Mythos der sauberen Wehrmacht, in der der eigene Vater oder Großvater gekämpft hatte, hielt sich mit einer immensen Hartnäckigkeit. Bundeswehrkasernen, die nach Offizieren der deutschen Wehrmacht wie etwa Erwin Rommel oder Werner von Fritsch benannt wurden, waren in diesem Zusammenhang — am Rande bemerkt — auch nicht gerade hilfreich. Als Ende der 1990er Jahre die Wehrmachtsausstellung die Verbrechen der deutschen Wehrmacht thematisierte, wurde es den Soldaten der Bundeswehr verboten, die Ausstellung in Uniform zu besuchen. Parallel zur Ausstellungseröffnung in München legte Herr Peter Gauweiler von der CSU einen Kranz am Grabmal des unbekannten Soldaten nieder, um die deutsche Wehrmacht zu ehren. Inzwischen sind fast alle ehemaligen Wehrmachtssoldaten verstorben, über Verbrechen der Wehrmacht kann inzwischen offen gesprochen werden,wenn auch insbesondere die sexuelle Gewalt noch immer ein Tabuthema ist. Es zeigt sich sogar — völlig zurecht natürlich — Empörung, wenn Herr Gauland davon schwadroniert, dass man stolz sein könne auf die Leistungen deutscher Soldaten in den beiden Weltkriegen.

Für Helmut Schmidt — das wurde zuvor schon angedeutet — war übrigens nicht nur die Wehrmacht sauber, sondern auch die Waffen-SS. Schmidt war — wie er selbst sagt — ab 1937 jedem NS-Einfluss entzogen gewesen. Damals hatte er sich nämlich freiwillig zur Wehrmacht gemeldet, 1941 meldete er sich dann noch einmal freiwillig zum Fronteinsatz, weil er sich schämte, dass er noch kein Tapferkeitsabzeichen hatte. Während der Belagerung Leningrads — einem der größten Kriegsverbrechen der Wehrmacht, das etwa eine Millionen Zivilist:innen das Leben kostete — beschoss er dann als Oberleutnant der Flag einige russische Dörfer, für seinen Einsatz erhielt er das Eiserne Kreuz zweiter Klasse und hat sich nicht mehr schämen müssen. Seine Zeit bei der Wehrmacht hat Schmidt nie kritisch hinterfragt. Nach dem Krieg stand Schmidt dann in enger Verbindung mit der HIAG, der Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der Angehörigen der ehemaligen Waffen-SS, die später vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft und beobachtet wurde. Bei Treffen sprach er dann zu „Kameraden von der Waffen-SS“. Noch 1965 zeigte er sich empört darüber, dass der Bundestag entschieden hatte, die Ansprüche ehemaliger Mitglieder der Waffen-SS nicht gleich denen der ehemaligen Wehrmachtsangehörigen zu behandeln. Die Ironie dabei ist, dass Schmidt eigentlich sogar recht hatte, freilich nicht, weil die Waffen-SS so „ehrenhaft“ war wie die Wehrmacht, sondern weil die Wehrmacht genauso ein Verbrecherverein war wie die Waffen-SS. Auch hiermit hat sich Schmidt nie kritisch auseinandergesetzt, seine persönliche Vergangenheit  bleibt unaufgearbeitet. Unlängst wurde in Bonn eine Straße nach ihm benannt.

Herr Brandt und Herr Achenbach

Statt sich der bitteren Tatsache zu stellen, dass der Nationalsozialismus eben von sehr vielen Menschen getragen wurde, auch von solchen, die man in anderen Zusammenhängen durchaus schätzt, feiert man lieber den eigenen Umgang mit der Geschichte. Im letzten Jahr wurde dem Kniefall Willy Brandts in Warschau gedacht. Auf der Sondermarke der Deutschen Post, die zu diesem Anlass herausgegeben wurde, ist dann auch nur noch der kniende Bundeskanzler zu sehen, das Ehrenmal für die Toten des Warschauer Ghettos ist abgeschnitten. Vergessen ist dann beispielsweise auch, dass unter der Regierung Brandts im Jahre 1971 ein Zusatzabkommen zum Überleitungsvertrag geschlossen wurde, das ermöglichen sollte, NS-Verbrecher, die in Frankreich bereits verurteilt wurden, vor ein Gericht zu stellen. In Frankreich wurden kurz nach dem Krieg viele NS-Verbrecher — in Abwesenheit — verurteilt. Die Verurteilten lebten jedoch völlig unbehelligt in der Bundesrepublik, konnten als bundesdeutsche Staatsbürger nicht ausgeliefert werden und, da sie ja in Frankreich bereits verurteilt wurden, vor kein deutsches Gericht gestellt werden. Die Ratifizierung dieses Abkommens wurde jedoch so lange verzögert, dass es erst im April 1975 in Kraft trat und so wegen der Verjährung überhaupt nur noch die drei Hauptfiguren der Judenverfolgung in Frankreich vor ein deutsches Gericht gestellt werden konnten. Hauptverantwortliche für die Verzögerung war der Berichterstatter des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, Ernst Achenbach von der FDP, dieser war von 1940 bis 1943 Leiter der politischen Abteilung der deutschen Botschaft in Frankreich, als solcher unter anderem zuständig für „Judenangelegenheiten“ und beteiligt an der Deportation französischer Juden und Jüdinnen nach Auschwitz. 1968 erhielt er das Bundesverdienstkreuz erster Klasse.

Schuld auf sich geladen haben nicht nur die Täter:innen von damals, Schuld laden auch wir auf uns, wenn wir uns davor drücken, der historischen Verantwortung gerecht zu werden. Der historischen Verantwortung, die entstanden aus dem Unrecht der Verbrechen und ebenso aus dem nunmehr über sieben Jahrzehnte andauernden Hinwegducken vor der Verantwortung.

Zur Verantwortung gehört auch, dass man unbequeme Wahrheiten ausspricht. Etwa dass die NSDAP mit 7,5 Millionen Mitgliedern die wohl größte politische Partei war, die es jemals in Deutschland gab. Das Aufnahmeverfahren war übrigens nicht einfach und konnte bis zu zwei Jahren dauern, immer wieder gab es Aufnahmestopps und viele Bewerber:innen wurden abgelehnt.

Oder, dass kein Soldat für die Weigerung, Verbrechen zu begehen, hingerichtet wurde. Man sollte auch stets bedenken, dass über 15 Millionen Deutsche während des Krieges kein Problem damit hatten, ihr Leben zu riskieren im Kampf für Hitler, für die Ermordung der jüdischen Menschen in Europa, für Deutschland.

Auch gab es während des Krieges keinen Hunger unter der deutschen Zivilbevölkerung — schließlich wurden zu deren Versorgung die Nahrungsvorräte anderer Völker geraubt.

Bezeichnend ist auch etwa die Tatsache, dass sich die Staatsführung im Jahre 1940 gezwungen sah, einen Propagandafilm zu drehen, um die Menschen davon abzuhalten sich gegenseitig zu denunzieren, da die Strafverfolgungsbehörden mit der immer größer werdenden Flut von Beschuldigungen und Anzeigen nicht mehr fertig werden konnten.

Nicht vergessen sollten wir auch, dass Antisemitismus, der Glaube an die „Herrenrasse“ und das Verlangen andere Völker zu unterwerfen ja nicht im Jahre 1933 vom Himmel gefallen sind, sondern seit der nationalen Einigung Deutschlands im 19. Jahrhundert in der deutschen Ideologie verankert sind.

Hiervon findet sich meist wenig in unserer viel gelobten Aufarbeitung der Vergangenheit — die ja ferner weder eine Bestrafung der Täter:innen noch eine angemessene Entschädigung der Opfer umfasste. Was sich jedoch zuhauf findet, ist vor allen eines: Selbstgerechtigkeit. Alle anderen Formen von Gerechtigkeit sucht man indes vergebens.

... auf nach Australien! (Quelle: Catarina Sousa via Pexels)

Zwischenruf

Die Sache mit der Selbstfindung

Oder halt auch nicht ...

Eine Kolumne von Helene Fuchshuber

16.11.2021 - Ausgabe 78

So viele Lisas gehen nach der Schule nach Australien, um sich selbst zu finden. Oder auf jeden Fall erstmal weg. Unter elterlichen Fittichen hervor und raus aus altbekannten Städten, um erst eine Weile furchtbar einsam zu sein und am Ende hoffentlich ganz viele tolle Erinnerungen wieder mit nach Hause nehmen zu können. Das klingt despektierlich, ist aber gar nicht so gemeint. Ich war genau so eine Lisa. Nur dass ich nicht Lisa heiße und nicht in Australien war und mich nicht selbst gefunden habe.

Ich werde sicherlich nie Lisa heißen, hoffentlich irgendwann mal nach Australien reisen und es steht in den Sternen, ob ich mich jemals selbst finden werde. Ob wir alle uns jemals wirklich selbst finden können, ist überhaupt fraglich. Und ob wir das müssen.

Aber der Punkt ist ja, dass Menschen, und ja, ich schließe hier von mir auf andere, eine Art Verlangen danach haben, eine Sehnsucht, und immer weiter suchen, wie nach dem Sinn des Lebens. Gerade junge Menschen, die sich ihrer selbst noch gar nicht mal so sicher sind. Oder zwar selbstsicher sind, aber sich fragen, ob es das jetzt war, ob sie wirklich so sind, so sein möchten oder müssen. Oder doch nicht mehr junge Menschen, die, sobald ihre Kinder aus dem Haus sind, alles infrage stellen, ihre Existenz, ihr Sein, und alles noch einmal umkrempeln. Oder auch nicht. Oder generell Menschen jeden Alters, phasenweise, immer mal wieder, die sich fragen: Wer bin ich?

 

Vielleicht ist aber genau das der Antrieb, den wir brauchen. Vielleicht ist das vermeintliche Ziel, der große Fund, das Selbst, nur eine Ausrede oder ein Arschtritt, je nachdem. Um aufzubrechen, sich selbst herauszufordern und loszugehen. Irgendwohin. Wo man vorher noch nicht war. Und „wo“ ist in diesem Sinne nicht unbedingt örtlich gemeint.

Manchmal aber ganz banal schon. Ich liebe zum Beispiel Leipzig, die Stadt, aus der ich komme und in der ich groß geworden bin. Mir ging es gut in Leipzig, ich hatte tolle Freund:innen in Leipzig, ich kannte mein Wege in Leipzig und durch Leipzig. Ich kannte sie in und auswendig und habe mich trotzdem manchmal verfahren und eines Nachts auf dem Fahrrad entschieden oder mehr festgestellt, dass ich nicht mehr durch Leipzig fahren will. Ich wusste nicht, wohin ich fahren will, ich wusste nur, erstmal raus. Lisa lässt grüßen. Ich bin dann auch losgefahren, mit dem Zug, nicht dem Fahrrad, Ewigkeiten Richtung Rom. Um mich selbst zu finden, in einer Stadt, die ich auch liebe und in der die Pizza besser schmeckt. Ich habe ja am Anfang schon gespoilert, ich habe mich da nicht gefunden, sondern hinterher festgestellt, dass ich vielleicht sogar ein wenig vor mir selbst davon gelaufen bin.

Aber das war nicht schlimm. Im Gegenteil. Es war ja erst der Anfang.

Denn wenn wir mal ehrlich sind, was hätte man davon, sich selbst schon ganz zu haben? Wofür würde man dann neue Sachen machen, würde man dann überhaupt noch neue Sachen machen? Sachen ist an dieser Stelle auch wieder sehr abstrakt gedacht – ich gehe davon aus, dass Menschen, auch wenn sie sich selbst gefunden haben sollten, immer noch aufstehen, rausgehen, arbeiten oder was auch immer. Aber der Reiz des Neuen und des Unbekannten, der steht und fällt doch auch damit, dass du Neues und Unbekanntes als solches wahrnehmen kannst. Wenn du schon fest bist, wie kannst du dann Neues aufnehmen? Und also welchen Reiz hat das Sich-Selbst-Finden überhaupt noch?

Ich plädiere also für eine Umformulierung dieser gern genutzten Phrase in Bezug auf Lisa in Australien: Vielleicht geht sie in die weite Welt, um sich selbst zu suchen. Und das sich selbst Suchen denke ich, hört nicht auf. Und das ist manchmal frustig, wenn man an sich zweifelt. Vielleicht sogar stressig und einfach richtig doof. Aber so im Großen und Ganzen, macht es das Leben doch irgendwie lebenswert.

Und um hier mal noch ein bisschen seriösere oder jedenfalls durchdachtere Gedanken einzubringen als meine eigenen: Ich wäre keine ordentliche Geisteswissenschaftsstudentin, wenn ich nicht eines Tages was von Hannah Arendt in meine Texte einbauen würde, und, surprise, heute ist dieser Tag. Es könnte nämlich sein, dass ich kürzlich Ausschnitte der Vita activa gelesen habe und deshalb gerade auf dem Film von Arbeiten, Herstellen und Handeln klebe. Das sind die drei Grundtätigkeiten der Menschen und eigentlich will ich nur auf eine hinaus, nämlich das Handeln. Handeln ist laut Arendt das, was Menschen von allen anderen Lebewesen unterscheidet. Und während die Frage nach dem Wer bin ich auch die Menschen, mit denen Arendt sich beschäftigte, umtreibt, erklärt sie: In dem, was wir tun, zeigen wir, wer wir sind. Das heißt, ich als Handelnde kann zwar nie ganz begreifen, wer ich eigentlich bin, aber ich offenbare mich durch mein Handeln meinen Mitmenschen. Und das ist zwar nur halb befriedigend für die, die sich wirklich gerne selbst finden würden, aber das heißt doch irgendwie, dass wir uns zwar selbst vielleicht nie finden werden, aber andere schon.