Des Friedrichs Wilhelm Nr. 58

Online-Ausgabe

Das neues Studierendenparlament wurde gewählt! Wir geben euch wie jedes Jahr einen Überblick über den Ausgang der Wahlen, gehen außerdem auf den historischen Aspekt des Karnevals und einen Fortschritt in der Elektrotechnik-Branche ein. Die Ausgabe wurde also fast so bunt wie das Ergebnis der Wahlen.

Viel Spaß beim Lesen wünscht euch eure Redaktion!

Hier geht es zur Online-Ausgabe.

Des Friedrichs Wilhelm Nr.57

Onlineausgabe

In unserer ersten Ausgabe im neuen Jahr dreht sich diesmal alles um die Musik. Wir geben euch einen Überblick über das Konzertjahr 2020 und reflektieren in zwei Essays die Entwicklung der Musik. Außerdem wartet der zweite Teil zur Geschichte der Hohenzollen auf euch, sowie ein Gastartikel zum Thema “Küchenpsychologie”. Falls auch von euch jemand gerne einen Beitrag zu einer unseren Ausgaben beitragen würde, könnt ihr immer gerne Artikel an unsere Redaktionsmail schicken.

Viel Spaß beim Lesen wünscht euch eure Redaktion!

Hier gehts zur Onlineausgabe!

Is sex really real, Mrs. Rowling?

Und was ist eine TERF?

In dem Aufsehen erregenden Twitter der Fantasy-Autorin J.K. Rowling, in der diese eine transexklusive Radikalfeministin (TERF) ob ihres Jobverlustes verteidigte und der für eine Reihe eingefleischter Harry-Potter Fans eine Welt zusammen brechen und eine Heldin sterben lies, findet sich auch die Aussage, dass „sex“, also das biologische Geschlecht eines Menschen, real sei. Das allein erscheint vielen Leuten erst einmal verhältnismäßig intuitiv, da sie ja tagtäglich mit sehr harmonischen humanen Gebilden konfrontiert werden, die sich auch problemlos als biologisch männlich und biologisch weiblich klassifizieren lassen würden. Für einen nicht unerheblichen Teil der LGBTIQA*-Bewegung stellte diese Aussage Rowlings dennoch eine unglaubliche Provokation und Beleidigung dar. Um die Hintergründe dieser Zusammenhänge nachzuvollziehen und auch für Außenstehende begreiflich zu machen, ist es notwendig, sich eingehender mit der poststrukturalistischen Theorie des Queerfeminismus zu beschäftigen, welcher in der Debatte, die nun im Internet lebt, zum einem transexklusiven Radikalfeministinnen (TERF), zum anderen klassischen Konservativen oder einfach rechten Stimmen gegenübersteht. Im Bezug auf einige Personen, wie Trans* oder Intersex-Personen, weist das eben beschriebene generell harmonische Bild von Männlein und Weiblein, in dem uns der Mensch meist erscheint, deutliche Frakturen und Probleme auf. Gemeinhin behalf und behilft man sich damit, die Menschen, die aus verschiedenen Gründen nicht in das klassische Schema der Geschlechtlichkeit passen, einfach als Freaks zu bezeichnen und das grundlegende Problem bei ihnen selber zu suchen. Weil sie krank, gestört oder körperlich in einer bestimmten Weise hormonell und genetisch defekt seien. Der Queerfeminismus verschiebt diesen Fokus der Problematisierung, welche die Existenz von Trans*- ,Intersex- oder nichtbinär-geschlechtlichen Personen aufwirft, nun von den Personen auf die Gesellschaft beziehungsweise Kultur, welche im Folgenden in ihren Normen und Kategorien als inhärent gewalttätig kritisiert wird. Keine andere Theoretikerin ist für diese Betrachtungsweise so virulent gewesen wie Judith Butler, die 1990 mit ihrem Werk „Das Unbehagen der Geschlechter/Gender Trouble“ diese Debatte maßgeblich in jene Bahnen gelenkt hat, auf denen die Queertheorie und mit ihr der Queerfeminismus auch heute noch aufbaut. Im Folgenden möchte ich, darlegen, wie die zentrale These Butlers, dass „sex“ eben doch nicht unbedingt in der Form als real betrachtet werden muss, aufgebaut ist und auch darstellen, woran es liegt, dass sich eine sachliche Auseinandersetzung mit der Thematik in der Öffentlichkeit als so verfahren erweist.
Zuerst einmal ist anzumerken, Judith Butler schreibt zweifelsfrei dunkel und nicht unmissverständlich. Ihre Theorie der sozialen Konstruiertheit, nicht nur des sozialen Geschlechtes (gender) einer Person, sondern auch ihres sexuellen Geschlechtes (sex), wird in vielen Fällen als ein ontologischer Konstruktivismus fehlinterpretiert. Vereinfacht gesagt also als eine Antwort auf die Frage, was in der Welt überhaupt existent ist. Es wird behauptet, Butler würde in diesem Sinn die Existenz eines materiellen, wissenschaftlich zweifelsfrei nachweisbarem Sexualdimorphismus des Menschen schlicht leugnen. In diesem Sinne richten sich viele Stimmen gegen Judith Butler und sprechen ihr, sowie den Gender Studies im Allgemeinen, mit energischem Bezug auf die Naturwisschenschaften und ihre Forschung jegliche Wissenschaftlichkeit ab. Das ist aber insofern nicht fair, als dass die biologische Frage nach einem feststellbaren Sexualdimorphismus überhaupt nicht das ist, worauf sich der Fokus Butlers wissenschaftlichen Arbeitens richtet. Butler nimmt in ihrem Werk „Das Unbehagen der Geschlechter“ schlicht nicht dasselbe zum Forschungsgegenstand, wie es die Biologie in Aussagen über die Fortpflanzung des Menschen tut. Wissenschaftstheoretisch gesprochen teilen diese Theorien nicht dasselbe Explanandum. Butlers Performanztheorie bewegt sich zu den Aussagen der Biologie sogar in einem metatheoretischen Verhältnis. Ihr Forschungsgegenstand ist nicht der Körper des Menschen, sondern die für die Soziologie interessanten Auswirkungen des Redens, Forschens und Urteilens rund um eben diesen und vor allem die Rezeption dieser Aussagen über den Rahmen wissenschaftlicher Institutionen hinaus im Kontext einer Sprechakttheorie.
Butlers Theorie mit Ergebnissen der Biologie zu widerlegen ist vergleichbar damit, eine soziologische Aussage der Religionswissenschaft argumentativ mit einem Aspekt der theologischen Dogmatik zu konfrontieren. So etwas wird in Debatten vielfach gemacht, es ist aber auch der Grund, warum Menschen dazu neigen, in solchen Diskussionen grandios aneinander vorbei zu reden. Wenn man sich bisher gefragt hat, wozu Philosophie konkret dient, dann ist dies ein klassisches Beispiel dafür, warum man ihr bedarf. Eben um diese kommunikativen Probleme aufzulösen. Man kann die Performanztheorie Butlers natürlich sowohl wissenschaftstheoretisch als auch politisch kritisieren, aber eben nicht mit den Instrumenten, mit denen es so oft versucht wird.

Gehen wir zur Erklärung des Ganzen einmal kurz auf die Strategie der Kritiker*innen ein, bei denen die Biologie als Argument ins Feld geführt wird. Die einfache Aussage, der Mensch ist ein sich binär geschlechtlich fortpflanzendes Tier, ist insofern „isoliert betrachtet“ völlig unzweifelhaft, als das für den Prozess der Fortpflanzung bei diesen Tieren stets ein samen- und ein eizellenbereitstellendes Individuum benötigt wird, für welche in Form des Vorhandenseins oder Fehlens von Y-Chromosomen ein eindeutiger biologischer Marker besteht. Ein Individuum mit einem Y-Chromosom ist nie in der Lage Eizellen bereitzustellen, ein Individuum ohne solche Chromosomen niemals Samenzellen. Eine Selbstbefruchtung, wie sie bei anderen Tieren denkbar ist, die anders funktionieren, ist damit für den Menschen ausgeschlossen. Soweit, so klar.
Ist diese Tatsache aber nun ein Argument gegen Butlers Aussage, dass auch das biologische Geschlecht sozialer Konstruktion unterliegt? Im Folgenden soll deutlich werden, warum dies aus der Logik ihrer Theorie heraus verneint werden kann.
Die Chromosomen eines Menschen sind, auch historisch und im allgemeinen Bewusstsein, selten das primäre Element, an dem das biologische Geschlecht bestimmt wird. Für gewöhnlich wird es über eine Interpretation des Genitalbereichs definiert. Erst wenn dieser nicht eindeutig genug ausfällt, plötzlich Hoden entdeckt werden, wo man sie nicht vermutet hat oder der phallische Teil des Genitalbereichs nicht groß genug ist, um als Penis zu gelten, aber auch nicht klein genug ist, um eine Klitoris darzustellen, dann greift man manchmal verzweifelt auf die Chromosomen zurück. Und als nächstes auf das OP-Besteck, um schleunigst die Eindeutigkeit zu schaffen, die fehlt.
Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.
Und stimmen Genotyp und Phänotyp nicht mit den typischen Erwartungen überein, hat eine sehr weiblich daherkommende Frau beispielsweise doch XY-Chromosome, dann ist dies eben solange toleriert, wie der Mensch damit ausreichend eindeutig und unauffällig verbleibt. Sticht sie aber aus der Menge hervor, beispielsweise bei guten Leistungen im olympischen Sportwettbewerb, so wird wieder alles am Geschlecht in Frage gestellt. Dies sind die Prozesse, wo Butlers Theorie tatsächlich ansetzt. Sie beschäftigt sich weniger mit dem Körper des Individuums, als viel mehr mit der Reihe von Verhaltensdispositionen mit der die soziale Umwelt auf diesen reagiert.
Was zuvor gemeinhin im Feminismus als patriarchale Ordnung gehandelt wurde, konkretisiert Butler um den Begriff der heterosexuellen Matrix. Das heute allgemein bekanntere Konzept der Heteronormativität leitet sich von diesem Gedanken weitgehend ab. Die Vorstellung, dass es auf der Welt nicht nur ausschließlich Männer und Frauen gibt, sondern dass diese auch prinzipiell auf natürliche Weise aneinander sexuell interessiert sein müssen und Abweichungen davon vermeidenswerte Fehlformen darstellen. 

Sie ( Butler) beschäftigt sich weniger mit dem Körper des Individuums als viel mehr mit der Reihe von Verhaltensdispositionen mit der die soziale Umwelt auf diesen reagiert.

Butler verweist auf einen performativen Sprechakt bei dem, mittlerweile ja schon pränatal, das medizinische Personal die genitalen Ausstülpungen eines werdenden Menschen analysiert und mit einer folgeschweren ritualisierten Aussage verbindet. „Es ist ein Junge“ oder „Es ist ein Mädchen“.
Kaum getätigt, löst diese Aussage eine ganze Kaskade an Signifikanten, Urteilen, Assoziationen, Erwartungen, Vorbehalten, Chancen und Unmöglichkeiten aus. Öffnet oder schließt Türen und lenkt das kommende Leben der Menschen in vorgefertigte Bahnen. Was bei der Feststellung eines Penis oder einer Vagina beginnt, entscheidet letztlich, je nachdem wann und wo man auf der Welt zugegen ist, auch über Wahlrecht, Alphabetisierung, Amt und Einkommen. Ein ganzer Berg von rein kontingenten Erwartungen, Rechten und Pflichten heften sich an die Interpretation des Genitalbereichs an. Der Feminismus ist konstant damit beschäftigt, diese sehr kontingenten, aber von einem konservativen Establishment der Gesellschaft vehement als natürlich notwendig behaupteten Schlussfolgerungen zu demaskieren und auf politischer Ebene die Institutionalisierungen zu zerschlagen, die mit diesen Schlussfolgerungen verbunden sind. Es wurde mühsam durchgesetzt, dass die Hirne weiblich gelesener Körper, zumindest in Teilen der Welt als fähig wahrgenommen werden, politische Entscheidungen zu treffen, Geld zu verwalten und Wissenschaft zu treiben. Vor allem aber hat der Feminismus klargestellt, dass nur, weil manche Körper gebären können, sie dies nicht auch nach dem Willen von männlich gelesenen Körpern stetig zu tun haben und am besten sonst nicht viel anderes produktives leisten dürfen. Drastisch gesagt wurde und wird durch den Feminismus ein Selbstbestimmungsrecht auf vaginale Körperöffnungen erkämpft. Hier ist letztlich auch der Grund zu finden, warum in der Frage der körperlichen Selbstbestimmung im Falle von Schwangerschaftskonflikten für den Feminismus so viel auf dem Spiel steht.

Ein ganzer Berg von rein kontingenten Erwartungen, Rechten und Pflichten heften sich an die Interpretation des Genitalbereichs an.

Genitale Phänotypen sind also körperliche Eigenschaften, welche eine Kaskade von Erwartungen auslösen können. Ein anderes typisches dieser Merkmale ist die Hautfarbe eines Menschen. Ob ein Mensch „schwarz“ oder „weiß“ ist, hat ebenfalls einen enormen Einfluss auf sein soziales Schicksal. Man kann sagen, dass Merkmale wie Genitalien und Hautfarbe kulturell im Gegensatz zu anderen körperlichen Eigenschaften auf bestimmte Weise signifizieren. Wie diese Eigenschaften zueinander in jeweiliger Wechselwirkung stehen, beispielsweise bei der Betrachtung der sozialen Situation schwarzer, lesbischer Frauen, ist Gegenstand der Intersektionalitätsforschung.
Gebär- oder Zeugungsfähigkeit eines Menschen festzustellen, stellt sich ja allgemein als durchaus legitime Handlung dar. Kenntnis darüber wird in dem Moment relevant, wo Menschen beabsichtigen, sich miteinander zu reproduzieren. Alle darüber hinausgehenden Zuschreibungen stellen sich aber streng genommen als kontingente und phantasmatische Elemente in den Raum. Sie sind kulturelle Form. Darüber auszusagen, dass ein Körper gebären oder zeugen kann, ist bei Weitem eben nicht identisch mit der Aussage, dass eine Person ein Mann oder eine Frau ist, wenn man überlegt, welche Konzepte darüber hinaus mit diesen Identitäten verbunden werden. Auch die Einbettung der Kindeserziehung in der Familie als biologische Notwendigkeit, aus der sich das Profil von Mütterlichkeit ergibt, kann im Hinblick hierauf kritisch gesehen werden. Das was unter Familie verstanden wird, ist in seiner Gestalt und Organisation historisch und sozial extrem heterogen. Die kleinbürgerliche Familie hat nur wenig mit dem Konzept der Großfamilie in Antike und Mittelalter gemein. Nebst dessen können zudem auch gesellschaftliche Formen gedacht werden, in der die Aufzucht des Nachwuchses völlig anders organisiert ist als überhaupt familiär.  
In jedem Fall sollte hier noch grob auf die poststrukturalistische Perspektive zur Wissenschaft eingegangen werden. Judith Butler steht in der Tradition der Diskursanalyse Michel Foucaults, in welcher dieser eine radikale Neubewertung der traditionelle Geistesgeschichte vorantrieb. Wissenschaft ist dabei für Foucault nicht eine neutrale deskriptive und rein aufklärerische Institution, wie sie seit der Moderne wahrgenommen wurde. Vereinfacht gesagt beschreibt er den Diskurs als eine sich ständig verändernde Struktur an Dingen, die über ein Phänomen, wenn es denn erscheint, ausgesagt oder nicht ausgesagt werden können. Hierbei müssen die dabei auftretenden Signifikanten aber nicht immer sprachlich sein, sondern können sich auch in anderen gesellschaftlichen Institutionen äußern. Als solcher ist der Diskurs auch zentraler Träger der Herrschafts- und Machtstrukturen, welche in der Gesellschaft mit spezifischen Praktiken zu einem bestimmten Zeitpunkt vorherrschen. Immer spielt die Ansammlung und Auswertung von Wissen dabei eine enorme Rolle.
Wie bereits angesprochen, ist es für eine solche poststrukturalistische Perspektive nicht nur entscheidend, dass etwas Y-Chromosome prinzipiell bei Menschen festgestellt werden können, sondern eben auch, dass dieses eigentlich relativ spezifisch biologische Wissen zu dem Wissen gehört, welches nicht nur Fachpersonal, sondern auch dem allgemeinen gebildeten Laien zur Verfügung steht und in der allgemeinen Debattenkultur ständig vorkommt. Diskurs und Macht erscheint grundlegend als ein gesamtgesellschaftliches Phänomen und wird von allen gesellschaftlichen Bereichen, nicht nur einer elitären Führungsriege, oft auch völlig unbewusst, (re)produziert. Wissenschaft hat also in der Diskursanalyse ihre engelsgleiche Stellung der Unschuld und Aufklärung verloren. Wo nach etwas wie Y-Chromosomen aktiv gesucht wird und dieses Wissen mit Emphase vorgebracht wird, ist sozusagen Machtpolitik schon im vollen Gange. In diesem Sinne wird ersichtlich, warum Butlers Theorie auch das biologische Geschlecht als eine diskursive Konstruktion beschreibt. Es wird zudem auch deutlich, warum der Queer-Feminismus ein derart großes Augenmerk auf die Sprache als Ort legt, wo die Gesellschaft auch grundlegend verändert werden kann und soll.

Wie kann im Hinblick auf dieses Hintergrundwissen Rowlings provokante Twitter-Aussage „ […] that sex is real.“ gedeutet und interpretiert werden?
Hier ist schlicht anzumerken, dass Rowling in dieser Aussage über Maya Forstater vor allem unwahrscheinlich tiefstapelt. Maya Forstaters Aussage über das Realsein von sexuellem Geschlecht ist nämlich nicht vergleichbar oder gar gleichzusetzen mit der biologischen Rede vom Sexualdimorphismus des Menschen. Sie hat auch gar nicht die Absicht als Beitrag einer solchen Disziplin verstanden zu werden oder sich darauf zu beschränken. Forstater spricht nicht als Biologin und auch nicht im Rahmen eines solchen Wissenschaftsbetriebes, sondern ihre Behauptung funktioniert im Kontext einer politischen Agenda, deren Ziel es ist, Frauen mit Transhintergrund von sozialen Institutionen wie Damentoiletten gewaltsam auszuschließen. Dazu ist eben eine ganze Kette von Zusatzannahmen von Nöten, die rein kontingent mit dem Bezug auf den biologischen Befund des Sexualdimorphismus des Menschen verbunden sind. Zum Beispiel, was ein Mann oder eine Frau ist, liege außerhalb des Bereichs über die eine Person mit Bezug auf den eigenen Körper urteilen dürfe. Es könne außerhalb des sexuellen Geschlechtes keine andere Identität geben. Menschen seien entweder männlich oder weiblich und können diese Identität nicht ändern. Frauen mit Transhintergrund sei, weil sie ja eigentlich Männer sind, grundsätzlich zu unterstellen, dass sie aus niedersten Beweggründen in Damentoiletten eindringen wollen. Der Schutzraumanspruch der „echten Frauen“ wiege höher als das ja sowieso ungültige Bedürfnis nach Ausdruck der eigenen sexuellen Identität des Individuums. Also insgesamt ganz schön viel, was hier automatisch in die Tatsache der Feststellbarkeit von der Existenz eines Y-Chromosoms theoretisch hineingelegt wird.
Für diese Mischung aus problematischen Ansichten wurde ihre Zusammenarbeit mit ihrer Dienststelle nicht verlängert.
Rowling kaschiert Hassrede mit dem edlen Gewand wissenschaftlich deskriptiven Urteilens. In ihrem Weltbild scheint Wissenschaft einen Stellenwert und eine allgemeine Aussagekraft zu besitzen, welchen andere Theorien wie die Diskursanalyse, wie ich finde völlig zurecht, differenzierter bewerten. Wenn Rowling diese Haltung verteidigt oder gar als von der allgemeinen Naturwissenschaft gedeckt erachtet, wird sie zurecht moralisch und oder mit Blick auf ihr Urteilsvermögen kritisiert.

Des Friedrich Wilhelms Nr. 56

Online-Ausgabe

Die letzte Ausgabe des Jahres ist da und wir haben uns ein paar Rückblicke vorgenommen, die in der Zeit weiter zurück gehen als 2019. Unser neues Redaktionsmitglied Jan Bachmann hat sich mit den Hohenzollern beschäftigt, wir haben einen Gastbeitrag über Willi Brand und auch die historische Feuerzangenbowle findet ihren Platz in unserer Ausgabe. Außerdem könnt ihr unsere letzte KünstlerInnen-Vorstellung bewundern. Danke an alle die mitgemacht haben!

Viel Spaß beim Lesen wünscht euch eure Redaktion!

Hier geht es zur Online-Ausgabe.

Changemaker

Von Nachhaltigkeit und Spirit

Der Begriff der „Nachhaltigkeit“ hat sich zunehmend seinen Platz in unseren alltäglichen Sprachgebrauch und somit unser aller Bewusstsein gekämpft. Rentner, Studierende, Eltern oder Jugendliche hinterfragen im Supermarkt was sie kaufen können oder ob sie wirklich das Flugzeug nach Frankreich nehmen sollten. Der Spirit der Nachhaltigkeit und das schlechte Gewissen wegen des eigenen ökologischen Fußabdrucks werden immer selbstverständlicher in Zeiten von Fridays for Future oder Extinction Rebellion. Die deutsche Bundesregierung führt das Konzept der Nachhaltigkeit in ihrem „Rat für Nachhaltige Entwicklung“ folgendermaßen auf: „Nachhaltige Entwicklung heißt, Umweltgesichtspunkte gleichberechtigt mit sozialen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu berücksichtigen. Zukunftsfähig wirtschaften bedeutet also: Wir müssen unseren Kindern und Enkelkindern ein intaktes ökologisches, soziales und ökonomisches Gefüge hinterlassen. Das eine ist ohne das andere nicht zu haben.“ Das Spektrum der Nachhaltigkeit reicht von alltäglichen umweltfreundlichen Gewohnheiten wie Recycling und den eigenen Kaffeebecher mitbringen,  bis zu Schilder für eine Demo malen. In der Blase, in der wir als Studierende leben, ist es  normal sich über den eigenen Lebensstil und Fußabdruck Gedanken zu machen. Oft reicht uns  das allerdings nicht, weil man sich dennoch häufig hoffnungslos fühlt angesichts der momentanen Lage der Welt und den eigenen Möglichkeiten. Engagement und Innovation können sowohl dem eigenen Gewissen als auch der Umwelt helfen, wie auch die ehrenamtliche Regionalgruppe „INFINITY“ aus Bonn zeigt.

Der Spirit von INFINITY

Das heutige Verständnis von Nachhaltigkeit lässt sich in drei verschiedene Aspekte gliedern: das nachhaltige Wirtschaften, den eigenen Lebensstil und Soziales. Die Regionalgruppe INFINITY vereint diese drei Aspekte miteinander. Das Ziel nachhaltig zu handeln ist oftmals schwer umzusetzen für Einzelpersonen. Aus diesem Grund möchte INFINITY verschiedene Modelle entwickeln, die dabei helfen, Nachhaltigkeit in den eigenen Alltag zu integrieren. Mittlerweile gibt es deutschlandweit sieben INFINITY-Gruppen, mit der ersten in Mannheim gegründeten. Die Mitglieder selbst beschreiben sich als Changemaker oder Social Entrepreneur. Bei ihrer Gründung vor einem Jahr waren sie, wie Nico Fröhlich beschreibt, noch alle unerfahren und mussten ein paar Rückschläge verkraften. Was in diesen Zeiten wichtig war und immer noch ist, ist laut ihm ein starkes und motiviertes Team. Die Motivation kommt auch aus der Inspiration, die sie mitnehmen, wenn sie als Team Workshops mit Sprechern besuchen. Sie selbst beschreiben sich und ihre Idee als: „Hier kommen Menschen zusammen, die basierend auf der Idee der Nachhaltigkeit […] unkonventionelle und innovative Ideen entwickeln.“

Ideas for days

Doch wie will INFINITY nun Nachhaltigkeit verbreiten und welche Ideen möchten sie umsetzen? Ihr erstes großes Projekt ist die sogenannte „BonnBottle“, das man auch auf ihrer Instagram Seite sehen kann. Die 500ml Glasflasche ist darum etwas Besonderes, weil sie anders als die meisten Produkte nicht aus China kommt, sondern in Italien hergestellt und  bei einem Familienunternehmen aus der Eifel bedruckt wird. Durch das Kaufen der Flasche unterstützt man INFINITY und ist nachhaltiger als mit einer Plastikflasche. Dennoch bleibt man in seiner Komfortzone, was laut INFINITY eins der größten Probleme ist im Kampf gegen Klimawandel und Umweltverschmutzung. Denn aus seiner Komfortzone heraus, etwas zu verändern ist relativ schwer, da meist die nötige Reflektion und das Bewusstsein dafür fehlen.

Veränderung kommt von innen

Die oben genannte Reflektion und das Bewusstsein besitzen immer noch weitaus weniger Menschen als gedacht. Bei der letzten Fridays for Future Demonstration waren ca. 4000 Demonstrant*innen. Dass eine Studentenstadt wie Bonn es nicht hergibt, mehr Studierende für eine wichtige Demonstration zu mobilisieren, macht alle Interessierten zurecht etwas stutzig. Bei manchen mag es daran gescheitert sein, dass sie nicht so früh aufstehen wollten, anderen war es vielleicht zu kalt. All das soll absolut kein Urteil bzw. eine Verurteilung derer sein, die sich nicht engagieren möchten. Vielmehr soll dieses Beispiel zeigen, wie wichtig Initiativen wie INFINITY sind, da sie zwar den Appell an jene in der Komfortzone richten, allerdings trotzdem die erreichen, die sich weigern, aus dieser herauszukommen. Denn es ist komfortabler, eine Flasche zu kaufen als in der Kälte morgens zu skandieren. Demnach ist es wichtig, im Bilde zu sein, welche Initiativen es in Bonn gibt, die man unterstützen kann, und vor allem wie. So heißt Nachhaltigkeit für jeden von uns zwar etwas anderes, aber es sollte für uns alle gleich wichtig sein. Um bei INFINITY mitzumachen, braucht man folglich: die Bereitschaft, etwas zu verändern und einen Studierendenausweis der Universität Bonn. Außerdem sollte man sich im Klaren sein, dass nachhaltiges Handeln impliziert,: „So zu handeln, dass künftige Generationen auf intakte soziale, ökonomische und ökologische Strukturen zurückgreifen können.“

Des Friedrichs Wilhelm Nr. 55

Online-Ausgabe

Unsere vorletzte Ausgabe dieses Jahres beschäftigt sich mit einem Thema, womit sich die Uni Bonn schon seit Semesterbeginn auseinandersetzen muss: Sexismus und den Vorfällen in der Medizin-Fachschaft. Wir haben dazu einen Bericht aus der letzten Studienparlaments-Sitzung für euch, sowie eine Ansicht zu einer Tradition so mancher Ersti-Woche: den “Kleiderketten”. Außerdem könnt ihr in unserem neuen Kunstraum die Band “Elia” aus Bonn näher kennenlernen und etwas zu der neuen RTL-Datingshow “Prince Charming” erfahren.

Viel Spaß beim Lesen wünscht euch die Redaktion!

Hier geht’s zur Online-Ausgabe!

ELIA

Alternative Rock aus Bonn

Ein dunkler Probenkeller in Godesberg, fünf Jungs, die nach und nach eintrudeln und anfangen, ihre Instrumente zu stimmen. Es wird rumgealbert, jeder geht ein bisschen seinem eigenen Ding nach. Es gibt auch viel zu tun. Die Band Elia bestehend aus den zwei Frontmännern Lukas und Nico, den Gitarristen Markus und Zimmi und dem Drummer Flo haben ein Albumrelease, sowie eine ganze Tour vor sich. Trotzdem haben sie Zeit für ein Interview. Auch wenn sie sich scheinbar nicht darauf einigen wollen, wer hier wirklich das Sagen hat und seit wann die Band an sich denn nun wirklich existiert, harmonieren alle auf ihre ganz eigene Weise. Anders würde das Ganze schließlich auch gar nicht funktionieren. Innerhalb von fast drei Jahren haben die fünf bereits einen zweiten Platz bei dem überregionalen Bandcontest „Toys2masters“ belegt, eine EP und mehrere Singles veröffentlicht und waren schon zweimal auf Tour. Das alles hauptsächlich in Eigenregie. Wie sie das alles neben ihren Privatleben schaffen, ist ihnen selber nicht ganz klar.

Lukas im Bla in Bonn- Foto: Konzertsucht

Lukas übernimmt alles was „das Studio und Musik und so“ angeht, kümmert sich um die Koordination und die Absprache mit den anderen Bands und ist dabei noch angehender Mathe- und Physiklehrer. Nico rappt, schreibt den Großteil der Texte, ist nach eigener Aussage, der Typ, der die Fäden zieht und hat gerade nach abgeschlossener Ausbildung angefangen, Wirtschaftsingenieurwesen zu studieren. Er war es auch, der alle Bandmitglieder zusammengebracht und ihr ihren Namen, seinen Zweitnamen, verliehen hat. Schon vor der Bandgründung stand er mit Lukas im Studio und hat zusammen mit ihm Songs geschrieben, Musik gemacht und verschiedenes ausprobiert. Um diese dann auch richtig performen zu können, fand sich schließlich ‚Elia‘ mit Ausnahme von Flo, der erst später den alten Schlagzeuger der Band ersetzte.

ELIA auf dem Green Juice Festival 2018. Foto: Sonja Möller

Auch wenn die beiden Frontmänner ganz gerne gegenseitige Seitenhiebe verteilen, merkt man, dass sie sich aufeinander verlassen. Auch der Bassist Markus ist der Meinung, dass „hier auch alles nur kacke wäre, wenn das Ganze nur einer von beiden alleine machen würde“. Jeder der Jungs geht beruflich in unterschiedliche Richtungen. Zimmi arbeitet als Einkäufer und Flo macht eine Ausbildung zum Physiotherapeuten. Sie haben alle nicht wenig zu tun und trotzdem schaffen sie es, eine Band am Laufen zu halten. Um das alles bewältigen zu können, übernimmt jeder seinen Aufgabenbereich. Zimmi kümmert sich zum Beispiel um die Social Media-Plattformen der Band und auch wenn Nico den Großteil der Texte schreibt, entstehen die Songs dann doch im Endeffekt in Zusammenarbeit während Proben oder im gemeinsamen Urlaub. Lukas bastelt die Melodien, die er später auch singt, Nico kann sich mit dem Metrum anpassen und manchmal wirft auch Markus ein oder zwei Textzeilen ein, die mit eingebaut werden.

Einer der Frontmänner Nico rappt nicht nur, sondern schreibt auch den Großteil der Texte der Band.-Ftoto: ELIA

Auch die Songs für ihre aktuelle EP „Distanz“ sind gemeinsam entwickelt worden. Das Besondere an Distanz ist die Geschichte, die sie erzählt. Von „Distanz“ über „Konflikt“ bis „Konstant“ wechseln sich in den drei Songs Parts mit Klavierbegleitung und ruhigen Gitarrensounds mit Rap und geschrienen Refrains ab, bei denen auf Konzerten von ‚Elia‘ keiner mehr stillsteht. Die Songs handeln von Schmerz, verletzten Gefühle und dem Erkennen, was es bedeutet, loszulassen. Gleichzeitig will man sich beim Hören der Lieder nicht irgendwo zusammenrollen und traurigen Erinnerungen nachhängen. Lukas sagt selber: „In den Texten sind wir schon eine traurige Band“ und trotzdem bringen die Jungs bei ihren Konzerten so eine Energie auf die Bühne, dass man seinen Emotionen ganz anders freien Lauf lassen kann. Wer Elia kennt, weiß, was bei ihren Konzerten abgeht. Wenn das Publikum zu Höchstformen aufläuft, treibt das die Band dann natürlich noch mehr an. Sie geben dann einfach noch mehr Gas, selbst wenn sie dachten, das geht gar nicht mehr. Es gibt auch nach der Meinung von Markus, der in Bonn Jura studiert, nach den Konzerten nur zwei Möglichkeiten die Abende zu beenden: Entweder man geht nach Hause, fällt sofort ins Bett und schläft bis morgens durch oder man weiß, dass die Party noch nicht vorbei ist und dann wird erstmal drei Tage weitergefeiert. Oder es ist eben einer der Abende, an denen man mitternachts noch 300 km nach Hause muss, um morgens wieder auf der Arbeit zu erscheinen, ergänzt Zimmi.

Zimmi bei “Ludwigs Erben”- Foto: Konzertsucht
ELIA auf dem Green Juice Festival 2018. Markus auf dem Green Juice-Festival Foto: Sonja Möller

Was die Zukunft der Band angeht, sind schon jetzt neue Songs in Arbeit. Auch Merchandise ist in Planung. Nicos persönliches Ziel ist es, eines Tages die Möglichkeit zu haben, dass sie ihre Zeit ein Jahr lang nur der Musik widmen können. Es ist natürlich ein Projekt, was sehr vielen finanziellen Input braucht, wie Markus betont. Wenn das durch die Musik von alleine laufen würde, wäre das schon sehr luxuriös für ihn. Auch Zimmi hofft nicht auf den Universaltyp im Publikum, der nach einem Auftritt hinter die Bühne kommt und einen Finanzierungsplan in der Tasche hat. Das gehört für sie alle eher in die 80er Jahre und ist auch gut so, denn bis jetzt haben ‚Elia‘ es mehr als gut gemeistert das Rockstarleben selber in die Hand zu nehmen.


Distanz.
Konflikt
Konstant

Des Friedrichs Wilhelm Nr. 54

Onlineausgabe

Liebe Leserinnen und Leser, in unserer neuen Themenausgabe dreht sich diesmal alles um die Umwelt. Klimaschutz und -wandel sind kaum noch aus aktuellen Diskussionen wegzudenken und unsere Redakteur*innen haben sich in den unterschiedlichsten Bereichen mit diesen Themen beschäftigt. Ob ein Interview mit Extinction rebellion oder eine Auseinandersetzung mit der Konsumkritik, es ist bestimmt auch was für euch dabei.

Viel Spaß beim Lesen wünscht euch eure Redaktion!

Hier geht es zur Online Ausgabe

Des Friedrich Wilhelm Nr. 53

Online-Ausgabe

Liebe Leserinnen und Leser,

die neue FW ist wieder da und erwartet euch mit Themen wie dem fragwürdigen Ersatz des Bonner Lochs, Sexismus im Sport und dem Werdegang der Bonner Soziologin Prof. Dr. Doris Mathilde Lucke. Auch eine neue Künstler*innenvorstellung ist natürlich wieder dabei.

Viel Spaß beim Lesen wünscht euch die Redaktion!

Hier geht es zur Online Ausgabe