Editorial

Liebe Leser:innenschaft,

die 74. Ausgabe der FW spiegelt gut wieder, worauf wir als Redaktion sehr stolz sein können: eine Diversität der Artikel, die sich nicht nur in den unterschiedlichen Themen erkennen lässt, sondern auch in der Art unserer Artikel, sowie der Schreibweise unserer Redakteur:innen. So entstand eine Mischung in der Clemens in unserem Leitartikel  die Lage Kurdistans durch einen Bericht einer Friedensdelegation schildert, Sam den Begriff der Angst und dessen Anwendung in der Politik definiert und Lily uns auf eine Reise in ihre und wahrscheinlich auch eure Erinnerungen an vergangene Konzerte mitnimmt. Auch findet ihr den ersten Teil von Jans Artikel über die Notwendigkeit von Reparationszahlungen, sowie wie immer Helenes Kolumne, die es euch diese Ausgabe mit höchster Wahrscheinlichkeit erlaubt, mitzufühlen. 

Wir wünschen viel Spaß beim Lesen und drücken unabhängig von dieser Ausgabe an dieser Stelle unser Beileid und Mitgefühl für alle Betroffenen des Hochwassers der vergangenen Tage aus.

Melina Duncklenberg, Chefredakteurin

Inhalts-verzeichnis

Eine Reise für Frieden in Kurdistan

Politik

Über den Sinn der Angst im politischen Diskurs

Kultur

Vom Konzerte-Vermissen

Geschichte

Warum Deutschland endlich Reparationen zahlen sollte

Gesellschaft

Under Pressure – aus allen Richtungen

Die Fahne der Region Kurdistan. Bildquelle: Erik Hagedorn

Gesellschaft

Mit Solidarität gegen Krieg

von Clemens Uhing

26.07.2021 - Ausgabe 74

Als Teil der Friedensdelegation „Delegation4Peace“ reiste Erik Hagedorn in die kurdischen Autonomiegebiete im Nordirak. Ziel der Delegation ist es, zwischen den zerstrittenen kurdischen Fraktionen zu vermitteln und auf den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg der Türkei aufmerksam zu machen.

Die Geschichte des Konflikts

Kurdistan, das international nicht als Staat anerkannt ist, erstreckt sich über fünf Länder: die Türkei, Syrien, den Irak und den Iran und am Rande auch Armenien. Diese Zersplitterung ist hauptsächlich Produkt der willkürlichen Grenzziehungen durch europäische Großmächte nach dem ersten Weltkrieg und dem Zusammenbruch des osmanischen Reiches. Als vergleichsweise große Bevölkerungsgruppe (gegenwärtig ca. 24 – 27 Millionen Menschen in der Region Kurdistan), die sich als zusammengehörig versteht, waren Kurd:innen den sich im 20. Jahrhundert neuformierenden Staaten ein Dorn im Auge. Autonomierechte wurden keine zugestanden, auf Proteste und Aufstände wurde teils mit harter Repression reagiert. In der Türkei entstand auch als Reaktion auf den Binnenkonflikt in den 70er Jahren die marxistisch ausgerichtete PKK (zu Deutsch: Arbeiterpartei Kurdistans) unter der Führung von Abdullah Öcalan. Ihr Ziel war die Schaffung eines von der Türkei unabhängigen kurdischen Staates. Kurz nachdem im Zuge eines Militärputsches in der Türkei 1983 ein Gesetz erlassen wurde, das das Veröffentlichen und das muttersprachliche Sprechen im Kurdischen verbot [1], begann 1984 die PKK auch mit gewaltsamen Mitteln an ihrem Ziel zu arbeiten. Gemeinsam mit den ebenfalls gewaltsamen Gegenschlägen durch die Türkei und ihr zugewandter paramilitärischer Einheiten kamen in dem Konflikt auf beiden Seiten Kämpfer:innen wie Zivilist:innen um ihr Leben [2]. Die Schwesterpartei der PKK in Syrien, die PYD und ihr militärischer Arm YPG, konnten im Zuge des syrischen Bürgerkriegs im Kampf gegen den Islamischen Staat beträchtliche Gebiete in Nordsyrien besetzen, in denen dann relative Sicherheit und Stabilität unter Selbstverwaltung der mehrheitlich kurdischen Bevölkerung herrschten. Bekannte Zentren der Kurd:innen in Nordsyrien sind etwa Kobane, Afrin und Rojava.

Der diktatorische Präsident der Türkei, Recep Erdogan, sieht in den selbstverwalteten Gebieten eine Bedrohung für die Integrität des eigenen Staatsgebietes. Angeblich seien die Gebiete Rückzugsort für „Terrorist:innen“, die die Türkei bedrohen. Unter Rekurs auf das Selbstverteidigungsrecht von Staaten angesichts konkreter Bedrohungslagen startete die Türkei im Jahr 2018 eine Offensive gegen das von kurdischen Kräften gehaltene Afrin, die in der Besetzung der Stadt endete [3]. Im Oktober 2019 schloss sich daran eine weitere Militäroperation unter dem Namen „Friedensquelle“ an, die laut Türkei die Einrichtung einer „Sicherheitszone“ in Syrien nahe der türkischen Grenze zum Ziel hatte [4]. Sie endete in einem brüchigen Waffenstillstand. Beide Militäroperationen werden vom wissenschaftlichen Dienst des Bundestages als völkerrechtswidrig bewertet, da die Rechtfertigung durch das Recht auf Selbstverteidigung unzureichend ist [5]. Es kam außerdem immer wieder zu Berichten über Kriegsverbrechen. So kursierte etwa 2018 ein Video im Netz, das eine durch türkische Einsatzkräfte entkleidete und verstümmelte kurdische Kämpferin zeigte [6]. Außerdem gab es immer wieder Berichte über zivile Opfer auf kurdischer Seite durch die türkische Invasion, insbesondere durch die Bombardierung von zivilen Gegenden [7]. Kurdischen Organisationen zufolge soll die Türkei in Afrin sogar Giftgas eingesetzt haben [8], wobei diese Berichte noch nicht unabhängig untersucht werden konnten. Während die Kurd:innen in Nordsyrien so immer wieder Ziel militärischer Schläge der Türkei wurden und nach eigenen Angaben den Kampf gegen den Islamischen Staat fortsetzen [9], ist die Situation für die kurdischen Autonomiegebiete im Nordirak eher ruhig. Seit den 1990er Jahren, in Folge des zweiten Golfkrieges, wählen die kurdisch geprägten Regionen innerhalb des Iraks ihr eigenes Parlament und Regierung. Militärische Macht üben sie über die sogenannten „Peshmerga“ aus. Die dominierende Partei, die PDK, ist der PKK und der PYD ideologisch fern. Während die letztgenannten einen sozialistisch inspirierten „demokratischen Konföderalismus“ anstreben, zielt erstere eher auf eine parlamentarisch geprägte Demokratie in einem Einheitsstaat aller kurdischen Gebiete. Ihr wird allerdings vorgeworfen, mit der Türkei zu kooperieren und einen gemeinsamen Krieg gegen die PKK und assoziierte Organisationen vorzubereiten [10]. Zurzeit toleriert sie vor allem eine türkische Offensive auf ihrem Gebiet gegen PKK-Stellungen im Nordirak. Auch diese Offensive wertet der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags als völkerrechtswidrig [11].

Eine Reise mit Hindernissen

Vor diese Ausgangslage gestellt reiste also am 08.06. die besagte Friedensdelegation nach Erbil, in die Hauptstadt der Autonomieregion der Kurd:innen im Nordirak. Der große, aber zum jetzigen Zeitpunkt sicher träumerische Wunsch, ist es, Einheit unter den kurdischen Fraktionen und eine gemeinsame Haltung gegenüber der Türkei zu fördern. Ziel war es auch, die türkischen Bombardements kurdischer Gebiete im Nordirak anzuprangern und der dortigen Bevölkerung zu vermitteln, dass sie nicht allein steht. “Die Kurd:innen im Irak, Syrien, Iran und der Türkei eint eine lange Geschichte des Leidens – der Assimilierungszwang und die gewalttätige Politik der Türkei den Kurd:innen gegenüber oder die Giftgasangriffe Sadam Husseins auf die Kurd:innen im Irak”, so Hagedorn. “Ich hoffe die Kurd:innen lassen sich nun nicht auch noch gegeneinander ausspielen. Das größte Risiko beim Krieg tragen immer diejenigen, die mit der Waffe in der Hand nach vorne geschickt werden, und nicht die Entscheidungsträger. Ich hoffe, dass die Bevölkerung alleine deswegen einen innerkurdischen Krieg mit allen Mitteln verhindern wird.“ Seine Motivation, sich überhaupt für die kurdische Sache einzusetzen, liegt einerseits darin, dass er sich für die bedrohte Situation der Kurd:innen etwas mitverantwortlich fühlt, da die Bundesrepublik „die Türkei in allen möglichen Belangen“ protegiere. Erkennen lässt sich das unschwer an den fortgesetzten Waffenlieferungen an die Türkei durch die BRD oder an den Milliardenzahlungen als Dank für die Flüchtlingsinternierung [12].

Weiter gehe es ihm darum, „sich für demokratische, partizipative Strukturen und Bewegungen weltweit“ einzusetzen. Die kurdischen Gebiete sind tatsächlich verglichen mit den meisten anderen Regionen in Nahost säkular, freiheitlich und demokratisch geprägt.

Dem Besuch der Delegation begegneten die regierende Partei PDK und die lokalen Peshmerga-Kräfte dennoch mit einer großen Portion Argwohn. So warnte etwa das Innenministerium der Autonomen Region Kurdistan die Delegation davor, sich von der PKK als Werkzeug zur Destabilisierung nutzen zu lassen [13]. Die Situation zwischen PDK und PKK war zum Zeitpunkt der Anreise besonders angespannt, da drei Tage zuvor bei einem Angriff fünf Peshmerga-Kämpfer ums Leben gekommen waren. Die PDK schrieb die Verantwortung für die Toten der PKK zu [14], wenngleich diese dementiert und auf die Möglichkeit eines türkischen Luftschlags verweist [15]. Für die Delegation bedeuteten diese Spannungen jedenfalls, dass ihr bei verschiedenen geplanten Programmpunkten unter Angabe von Sicherheitsbedenken von Sicherheitskräften der Ausgang aus ihrer Unterkunft untersagt wurde. So fiel etwa ein Besuch des Parlaments der autonomen Region Kurdistans aus. Die Delegation sah sich folglich immer wieder auf das Verharren in ihrem Hotel zurückgeworfen. Eigentlich keine schlechte Gelegenheit, um immerhin über Twitter Updates abzusetzen oder mit Freund:innen in Deutschland zu kommunizieren. Doch das Internet ist instabil und es gibt immer wieder Stromausfälle. Hagedorns Fazit über die richtige Vorbereitung auf den Aufenthalt in Krisengebieten ist klar: „Von wegen leichtes Gepäck mit dem man gut rennen kann. Mehrfachstecker, nen Laptop und ein gutes Handy hätte ich gebraucht.“

Darin klingt die Einsicht durch, dass Informationspolitik inzwischen einer der wichtigsten Faktoren für erfolgreichen Aktivismus ist.

Die Hinderungsversuche durch die Sicherheitskräfte konnten die Teilnehmer:innen der Delegation allerdings nicht erfolgreich zermürben. Diplomatie und politische Verständigung müssen schließlich nicht immer über Termine in Plenarsälen laufen. Kulturelle Annäherung kann auch ihren Teil beitragen. Also gab es weite Bustouren durch die kurdische Landschaft, deren Präsentation den einheimischen Kontakten der Delegation wohl ein besonders wichtiges Anliegen war. „Die Landschaft und die Berge suchen tatsächlich ihresgleichen“, schreibt Erik Hagedorn in seinem Reisebericht vom 10.06. „Durch die Hitze entwickle“ er „ein anderes Verhältnis zu den Flüssen, um die herum alles grün leuchtet und die sich von den Gelb- und Brauntönen der Berge abheben.“ Während der kurzen Pausen zwischen den Busetappen, tanzte die Delegation traditionelle kurdische Tänze. Ein Video davon ging über Tiktok viral und hatte nach zwei Tagen 180000 Zuschauer:innen erreicht.

»Die Hinderungsversuche durch die Sicherheitskräfte konnten die Teilnehmer*innen der Delegation allerdings nicht erfolgreich zermürben. Diplomatie und politische Verständigung müssen schließlich nicht immer über Termine in Plenarsälen laufen.«

Begegnungen

Die Busfahrten der Delegation führten allerdings nicht nur durch schöne Berglandschaften, sondern auch zum höchsten Heiligtum der Religion der Jesid:innen, dem Tal Lalisch und zu dem Flüchtlingslager Sheikan. Die Gruppe der Jesid:innen wurde vom Terror des Islamischen Staats besonders hart und systematisch getroffen. 2014 verübten die dschihadistischen Kämpfer einen Genozid und töteten schätzungsweise 10.000 Menschen, verschleppten Tausende [15]. Viele der Menschen, die fliehen konnten, leben nun unter schwersten Bedingungen in dem oben besagten Flüchtlingslager. Die Begegnung mit den Betroffenen erlebten die Teilnehmer:innen der Delegation als überfordernd. Einerseits löst die Konfrontation mit so harten Schicksalen Mitgefühl aus, andererseits ist es schwer, unmittelbar und sinnvoll zu helfen.

Ratlosigkeit und das Gefühl von Machtlosigkeit bleiben für die, die sich für Frieden einsetzen wollen, wohl einfach nie aus.

Wieder in Erbil wandte sich die Delegation dann erneut dem Thema der kurdischen Sache zu. Da es für die Delegation nach wie vor schwierig war, sich in ihrer Gesamtheit in Erbil zu bewegen, um Politiker:innen und die Vertreter:innen verschiedener Organisationen außerhalb des eigenen Hotels zu treffen, kamen letztere eben selbst zur Delegation. Das habe „die relative Macht“ bestätigt, „die die Delegation durch Medien und Social Media bereits gewonnen hatte“, so ein interner Bericht.

Zuerst kamen Vertreter:innen der türkischen HDP-Partei, die sich dort heftiger Repressionen zum Trotz immer noch für die kurdische Minderheit in der Türkei und für eine progressive Politik einsetzt. Bei diesem Treffen überwog bei Erik die „aufrichtige Bewunderung für die Menschen, die in der Türkei dem Faschismus noch die Stirn bieten.“ Die Repressalien gegen Antifaschist:innen in Deutschland, wie unverhältnismäßig hohe Strafen für Widerstand gegen Polizeibeamte oder verschärfte Versammlungsgesetze, erscheinen im Vergleich mit dem Druck des türkischen Staates auf die HDP wie ein Kieselstein gegenüber einem Granitbrocken. Vertreter:innen der HDP landen immer wieder unter dubiosen Umständen in Gefängnissen, es gibt unter anderem tödliche Anschläge und seit diesem Monat läuft der Versuch der türkischen Generalstaatsanwaltschaft, die HDP und ihren Mitgliedern ihr politisches Engagement zu verbieten. Begründet werden die Repressalien mit der pauschal auf alle HDP-Anhänger:innen ausgedehnten Behauptung, sie würden die PKK und damit den Terror unterstützen [16].

Nicht alle Treffen der Delegation mit politischen Vertreter:innen liefen so harmonisch oder von „aufrichtiger Bewunderung“ geprägt ab. Am selben Tag besuchte der Außenminister der Autonomen Region Kurdistan das Hotel der Delegation, die sich vorgenommen hatte, trotz politischer Differenzen das „diplomatische Porzellan nicht herunterfallen“ zu lassen. Aus den Reiseberichten von Erik und einem weiteren internen Bericht von Delegationsmitgliedern geht hervor, dass dieser Vorsatz nicht gehalten werden konnte. Der Außenminister der PDK-Regierung übernahm nach Ansicht der Delegation zu unkritisch die Position der Türkei, nach der es ohne die PKK keinen Konflikt mit der Türkei geben würde. Dagegen wandten Teilnehmer:innen der Delegation ein, dass der Regionalmachtsanspruch der Türkei es unabhängig von der vermeintlichen Bedrohungslage durch die PKK erfordern würde, Teile Syriens und des Irak zu besetzen. Diesen Einwand soll der Minister unkommentiert gelassen haben. Vielmehr echauffierte er sich über die Frage, ob denn alle Kurd:innen ein Interesse an einem Einheitsstaat hätten. Schließlich ist ein solcher Hauptziel der PDK, der Partei des Außenministers. Nach einem folgenden kurzen Wortgefecht, habe dieser dann empört den Rückzug angetreten.

Diese Auseinandersetzung zeigt, dass Bemühungen zur Vermittlung zwischen den kurdischen Fraktionen längst nicht als abgeschlossen betrachtet werden können und schwerlich ein Fall für eine einwöchige Friedensdelegation unter solcherlei angespannten Bedingungen sind. Trotzdem scheint in den Reiseberichten durch, dass die Delegation ihren Besuch als Erfolg verbucht. Erik meint, man habe „mit Vertretern von allen Parteien vor Ort gesprochen“. „In Irak/Kurdistan haben wir viel zugehört, jetzt ist die Zeit für uns zu sprechen“, resümiert er.

Bildquelle: Anna Shvets via Pexels

Politik

Plädoyer für die Angst im Politischen

Von der Angst als der unterschätzten Ungeliebten und ihrem Potential in den Zeiten der Klimakrise

Ein Essay von Samuel F. Johanns

26.07.2021 - Ausgabe 73

Gefühle, insbesondere das der Angst, als Motive politischen Handelns genießen einen schlechten Ruf. Aber ist das immer berechtigt? Kann sie in Zeiten der Krise nicht genau das sein, was wir brauchen? Wir als Redaktion wagen die Debatte.

Zwei Szenen fallen mir ein, wenn ich an Meinungen zum Thema der Angst als Motiv zum politischen Aktionismus denke. Jedi Meister Yoda, der in dem jungen Anakin Skywalker und späteren Darth Vader eine wichtige Lektion zu implantieren versucht:

„Furcht führt zu Wut, Wut führt zu Hass. Hass führt zu unsäglichem Leid.“

Die anderen Worte sind nicht die eines alten weisen Magiers, sondern die einer jungen Frau, die 2019 vor der Weltöffentlichkeit in Davos verkündete: “I don’t want you to be hopeful. I want you to panic. I want you to feel the fear I feel every day. And then I want you to act. I want you to act as you would in a crisis. I want you to act as if the house was on fire—because it is.”

Beide Aussagen, die weisen Worte, die George Lucas durch seine fiktive Figur als Mahnung an die Welt richtet, aber auch der eindringliche Weckruf Greta Thunbergs angesichts der eklatanten Tatenlosigkeit der Weltpolitik im Angesicht der Klimakrise, wirken auf ihre besondere Weise gleichsam mächtig und richtig. Doch wie kann das sein, wenn sich das eine als eindringliche Warnung vor der destruktiven Kraft der Angst als gefährlichem Gefühl, und das andere nahezu wie eine Heraufbeschwörung selbiger liest? Schnell drängt sich der Gedanke nach dem Rahmen auf, in dem Angst zumindest in Teilen Berechtigung in der Politik haben könnte. Im Angesicht der Krise, aus der man eben aus der Angst die Kraft zur Bewältigung der Situation durch Tatendrang erst entwickeln kann.

90 Jahre vor Thunbergs Rede auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos waren ebenda im Jahr 1929 schon einmal die Augen der Weltöffentlichkeit auf eine Bühne gerichtet. Nur, dass sie auf den jungen deutschen Philosophen Martin Heidegger gerichtet waren. Als ein für die Geistesgeschichte des 20. Jahrhundert ebenso einflussreicher wie kontroverser Denker wagte er den Relativismus gegen Ernst Cassirer in Stellung zu bringen. Die Angst, wenn auch in ihrer zutiefst philosophischen Lesart, stellte auch ein zentrales Motiv im Denken dieses allzu deutschen Philosophen dar. Weniger als das was uns als konkrete Furcht vor dem bestimmten Ereignis oder Ding erscheint, führte Heidegger den Begriff der Angst als existenzielles, urgründiges Gefühl ein, als eine Angst vor dem Tod. Dieses Gefühl war es, das er stolz in Davos gegen seinen Disputanten als sinnhaftes Lebensgefühl verteidigte.

Viel spricht dafür, und viele pflichten bei, dass aber auch dies Heidegger später in den Gleichschritt mit der politischen Massenbewegung bringen sollte, was er selbst als das Leben im „das Man“ mehr propagierte als deskriptiv beschrieb. Und so steht eben dieser Heidegger wie kaum ein:e anderer:e Denker:in in der Kritik, eben Teil jener Strukturen geworden zu sein, welche uns heute mit großer Vorsicht auf die Macht der Angst in der Politik blicken lassen und nicht unmaßgeblich zum literarischen Entwurf der Mahnung Yodas im späteren Star Wars Film geführt haben dürften. Jene Bewegung des Nationalsozialismus, der Heidegger schließlich verfiel, erlebte ihren Aufstieg ebenfalls aus einer Erfahrung der Krise, in welche Deutschland zum Ende der Weimarer Republik gefallen war und welche die Bedingung der Möglichkeit der Diktatur werden sollte. Auch hier instrumentalisierte einer die Angst als Motor zur Aktion, doch es war keine Aktion der Prävention von Katastrophen; sondern stand im Dienst der puren Vernichtung, in welcher Tod und Massensterben über die Welt gebracht wurden. Sie war selbst größte politische Katastrophe. Die Nationalsozialist:innen hatten den Terror als Mittel des Erlangens und Bewahrens von Herrschaft zwar nicht erfunden, die Schreckensherrschaften in der Folge der Französischen Revolution stehen wie kaum ein anderes Beispiel für die erste selbstbewusste Anwendung dieses Mittels, aber sie hatten sie zu nachhaltig epochenstiftender Größe vorangetrieben.

Schon vor der Phänomenologie hatte die Psychoanalyse die Angst als motorisches Motiv im inneren mentalen und gefühlsmäßigen Haushalt des Menschen ausgemacht. Die Angst tritt bei Sigmund Freud als funktionale Instanz der Psyche auf, diese im Angesicht aufkommender Triebregungen vor Strukturverlust und Trauma einerseits zu bewahren, andererseits eine Energie freizusetzen, um ständig auf verschiedensten Wegen mit der bedrohlichen Regung zu verfahren. Auch kommt der Angst hier eine elementare Signalfunktion zu, mit der sich der psychische Apparat fundamental zu sich selbst und seiner Außenwelt zu verhalten in Stande setzt. Ich denke, hier liegt ein weiterer brauchbarer Schlüssel zur Auflösung unseres anfänglichen Problems.   

Der Unterschied im instrumentellen Umgang mit der Angst in den Worten Thunbergs zu denen Hitlers ist offensichtlich. Hitler richtete sich an ein partikulares, egoistisches Kollektivsubjekt einer gekränkten Nation, die seine Konzepte zur Projektion von Schuld und zum Hass nur bereitwillig aufsog und in Taten verwandelte. Sie vereint fast alles was man sich an dysfunktionalen und destruktiven Strategien zur Abwehr von Impulsen nur vorstellen kann. Thunberg hingegen spricht die industrielle Menschheit, stellvertreten durch ihre Entscheidungstragenden, global und gleichermaßen an. Und sie tut es folgend mit einem vehementen Aufruf zur Sublimation. Angesichts der Angst, dann kreativ und auf eine Weise lösungsorientiert zu agieren, wie sie mit einem grundlegenden Konzept der Mitmenschlichkeit und Gerechtigkeit vereinbar funktioniert. Es ist der Aufruf, unser aller Haus gemeinsam zu löschen, nicht das der Nachbarn niederzubrennen.

Nichtsdestotrotz ist es ein Spiel mit dem Feuer in einer Welt, die noch eben jene Herrschaft egoistischer Kollektivsubjekte zelebriert. Wie die Coronakrise offenbarte, laufen auch globale Krisen heute nicht nur nicht frei von egoistischen nationalistischen Exzesshandlungen ab, sondern diese bestimmen das Grundmotiv der Krise selbst maßgeblich mit. Die Problematik dieser Regressionen auf das egozentrisch nationalistische wird am transparentesten in der Tatsache, dass diese Strategien in einer wirtschaftlich global abhängigen Welt sowieso immer nur bedingt möglich sind. So schwebt das Szenario in der Welt, dass im Zuge dieser „Panik“ eben die Schwächeren schlicht auf der Strecke gelassen werden. Ironischerweise, obwohl sie selber meist den geringsten Anteil an der Verursachung der Lage tragen. Sollte man tatsächlich Panik, wie Thunberg es fordert, oder zumindest die Angst als gebotenes Leitmotiv einer solchen recht alten Weltordnung ausrufen? Wie ist sicherzustellen, dass sich die Welt zur konstruktiven und gerechten Lösungsstrategie entscheidet, statt in destruktive Mechanismen der Abwehr zu verfallen?

»Nicht nur die Angst um sich selbst, sondern auch um das Wohlergehen der Anderen und des großen Ganzen muss dabei immer Motiv politischer Handlung bleiben.«

Angesichts dieser Herausforderungen wächst in Thunbergs Klimabewegung kontinuierlich die Forderung nach einer globalen Umgestaltung eben jener Herrschaftsverhältnisse. Was oft deplatziert und strategisch katastrophal erscheinen mag, hat aber seine einhellige Logik. Kapital und Nation können in ihrer generellen bekannten Funktionsweise tatsächlich als ungeeignet zur humanen Bewältigung der Klimakrise erscheinen (auch weil sie selbst an sich eine humanitäre Katastrophe sind, aber so wenig massenkompatibel wollen wir hier nicht werden) und eben genau das bietet den Raum für das gesellschaftlich Revolutionäre in der Klimaschutzbewegung, wie es sich auch laufend auf Demonstrationen präsentiert. Wie sich aber diese Forderung nach sozialer Transformation gestaltet und welcher Narrative eine Bewegung sich bedienen wird, ist wiederum ausschlaggebend dafür, wie breit sie sich gesellschaftlich aufstellen kann.        

Sicher ist: kommt Angst als Mittel in der Politik zum Tragen, so muss sie dies tun angesichts der Verantwortung zur Gefühlsvielfalt.

Angst kann nicht das einzige Gefühl sein, das uns leiten sollte. Ohne Mitgefühl und Empathie verleitet uns Angst zur puren Rücksichtslosigkeit. Nicht nur die Angst um sich selbst, sondern auch um das Wohlergehen der Anderen und des großen Ganzen muss dabei immer Motiv politischer Handlung bleiben.

Konzertnostalgie

Ein Lobgesang auf die Livemusik

von Lily Hußmann

26.07.2021 - Ausgabe 734

In letzter Zeit habe ich mir auf YouTube viele Videos von Konzerten angeschaut, die ich besucht habe oder gerne besucht hätte, und als ich so die Bands und die kreischenden Menschen beobachtet habe, bin ich richtig wehmütig geworden. Man könnte sagen, mich hat die Konzernostalgie gepackt. Mein letztes richtiges Konzert ist nämlich schon über ein Jahr her, das war Greta van Fleet[Unbekannt1]  im November 2019 in Köln, und es fühlt sich wie eine Ewigkeit an.

Das war in etwa auch die gleiche Zeit, als My Chemical Romance nach sechs Jahren ihr Comeback verkündet haben, was weltweit tausende alte Emo-Herzen auf Hochtouren gebracht hat, meins inbegriffen. Natürlich habe ich sofort eine Karte gekauft, als klar wurde, dass MCR ihr einziges Deutschlandkonzert ausgerechnet in Bonn spielen wollten! Und jetzt hängt meine Karte traurig und zugestaubt an der Wand, wo ich sie damals voller Vorfreude befestigt hatte. Im Laufe meiner mittlerweile drei Online-Semester habe ich mit vielen Menschen gesprochen, denen es genauso geht. Auch war niemand überrascht, als vor Kurzem verkündet wurde, dass das Konzert um ein weiteres Jahr verschoben wird – es muss ja sein. Deswegen will ich mich hier auch überhaupt nicht beschweren, sondern eher ein bisschen in Erinnerungen an eine unbeschwertere Zeit schwelgen. Das hier ist sozusagen ein Lobgesang auf die Livemusik, eine Ode an das Mit-Bier-überschüttet-Werden und die Ekstase des hemmungslosen Mitgrölens des Lieblingssongs.

Vor besagter Ekstase steht allerdings immer das Warten auf den Konzerttag. Ich plane alles im kleinsten Detail – wie komme ich hin und mit wem? Was ziehe ich an und wie komme ich zurück? -, spekuliere über die Setlist und recherchiere den besten Platz der Location. Irgendwann beginne ich, die Tage zu zählen wie ein Kind vorm Geburtstag. Am Tag des Konzerts geht das Warten dann weiter, und zwar in der Schlange. Denn machen wir uns nichts vor: egal wie früh man ankommt, als erstes ist man nie da. Davon abgesehen ist die Konzertschlange ein unglaublich interessanter Ort. Nirgendwo sonst treffen so viele verschiedene Menschen aufeinander wie vor einer Konzerthalle: obsessive Teenager und deren Eltern, junggebliebene Sechzigjährige, alt gewordene Vierzigjährige und nicht zuletzt die schieren Horden an Student:innen, die die Freiheit ihrer Zwanziger genießen wollen. Und doch werden sie alle geeint durch die Musik, die sie hören. Verrückt. Die meisten Menschen aus der Schlange werde ich nie wieder sehen. Trotzdem fühle ich mich mit ihnen auf eine Art und Weise verbunden, die keine großen Worte braucht. Es ist dieses Gefühl der Gemeinschaft, das ich an Konzerten besonders vermisse, vor allem, weil ich mich gerade nirgendwo richtig zugehörig fühle – geht es euch auch so?

Und erinnert ihr euch noch an diesen spezifischen Geruch, wenn man reinkommt, der von Location zu Location etwas anders ist? Zigarettenrauch, Bier und Schweiß sind aber meistens mit inbegriffen. Ich gebe meine Jacke ab, bekomme den Token mit meiner Nummer und hole mir etwas zu trinken, bevor ich mir einen Weg in die Halle bahne. Es dauert eine Weile bis ich einen Platz finde, von dem aus ich gut sehen kann, denn ich bin relativ klein, und ich hoffe, dass sich keine riesige Person vor mich stellt[Unbekannt2] . Bevor es losgeht, inspiziere ich den Raum, sehe in die erwartungsvoll strahlenden Augen der Fans. Die Leute lachen, deuten auf das Equipment auf der Bühne, manche tanzen schon zu der Hintergrundmusik, die leise aus den Lautsprechern dringt. Auch ich kann nicht mehr stillstehen. Spielen sie wohl meinen Lieblingssong? Und dann gehen die Lichter aus – der Moment, auf den wir alle gewartet haben!

Die Band betritt die Bühne begleitet von ohrenbetäubendem Jubel und Klatschen. „Geht’s euch guuut?!“ Unverständliches Grölen aus der Menge. Der erste Akkord erklingt –  sämtlicher Stress und alle Probleme fallen schlagartig von meinen Schultern. Während der ersten Songs steigt die Stimmung im Saal: die restlichen Leute fangen zaghaft an, sich zu bewegen. Ein paar Minuten später tanze auch ich. Die Grenzen von meinem kleinen Stück Boden verschwimmen, manchmal bekomme ich den ein oder anderen Ellenbogen in die Rippen, aber das stört mich nicht. Ich spüre den Bass in meinem Brustkorb hämmern wie meinen eigenen Herzschlag. Ein Scheinwerferregenbogen tanzt über uns hinweg, ich bin ein Tropfen in einem tobenden Meer aus Menschen. Ein Blick auf die Bühne: die Band hat offensichtlich ihren Spaß als sie uns zum Mitsingen auffordert. Und während ich der Band aus vollem Halse den Text meines Lieblingsstücks entgegen schreie, bin ich wieder einmal überrascht von der elektrifizierenden Wirkung der Livemusik. Das ist sie, die zu Anfang erwähnte Ekstase des Konzertabends.

Aber natürlich ist das Ganze wie immer viel zu schnell vorbei. Am Ende bin ich heiser und durchgeschwitzt, aber geistig fühle ich mich frei und voller Glücksgefühle. Ich glaube, Konzerte sind gerade deswegen so befreiend, weil einen Abend lang alles andere unwichtig wird. Die Sinne werden so überladen, dass man völlig im Moment sein kann. Das hat mir bisher immer Kraft gegeben und war auch etwas, auf das ich mich freuen konnte. Und das ist jetzt nicht nur meine Spekulation. Bei Konzerten passieren tatsächlich alle möglichen Dinge im Körper: der Spiegel des Stress-Hormons Cortisol sinkt, während der Serotoninspiegel durch die körperliche Aktivierung steigt – unsere Stimmung wird besser. Bis das wieder geht, muss ich mir meinen Stress-Relief wohl holen, indem ich mit angemessener (!) Lautstärke mit Kopfhörern in der Wohnung tanze (zu hohe Lautstärken beschädigen das Gehör und man sollte auch bei Konzerten immer Gehörschutz tragen, auch wenn es vielleicht blöd aussieht). Ist nicht das gleiche, aber mit viel Fantasie und Körpereinsatz kommt es nah an die Konzert-Experience ran.

Davon abgesehen stehen wir und unsere Lieblingskünstler:innen momentan aber gar nicht komplett ohne Perspektive da. In Spanien, den Niederlanden und auch in Deutschland hat es schon Probekonzerte gegeben, bei denen getestet wurde, ob und inwieweit Schutzmaßnahmen wie Antigentests oder eine Maskenpflicht etwas bringen. Das Konzert der Band Love of Lesbians im März in Barcelona, bei dem die 5000 Teilnehmenden alle negativ auf Corona getestet waren, zeigte, dass es logistisch möglich ist, Konzerte mit Hygienemaßnahmen durchzuführen, wenn auch mit geringerer Publikumsgröße. Diese Erkenntnis macht Hoffnung, aber trotzdem darf das Bedürfnis nach Normalität nicht über die Gesundheit und das Leben anderer gestellt werden. Wir werden uns also wahrscheinlich noch einige Zeit gedulden müssen, bis wir wieder live zu unseren Lieblingssongs abdancen können. Bis dahin können wir unsere Lieblingskünstler:innen auch anderweitig unterstützen, indem wir zum Beispiel ihre Musik hören, Online-Konzerte besuchen, Merch kaufen oder einfach auf Social Media präsent sind.

So beklagenswert die kulturelle und allgemeine Situation momentan auch ist, eines kann man doch daraus lernen: wenn sie wieder möglich sind, sollten wir Konzerte und kulturelle Veranstaltungen generell viel mehr wertschätzen. Es ist nämlich nicht selbstverständlich, alle paar Monate auf ein riesiges Konzert gehen zu können; eigentlich ist das sogar ein ziemliches Privileg, das wir hier in Deutschland haben. Nicht nur das – die Musiker:innen spielen und singen sich für uns die Seele aus dem Leib, gehen buchstäblich an ihr körperliches Limit.  Darüber müssen wir uns im Klaren sein, wenn wir in Zukunft Konzerte besuchen. Denn dadurch wird der Konzertbesuch von etwas Banalem zu etwas wirklich Besonderem – sowohl für die Fans als auch für die Künstler:innen. Ich für meinen Teil freue mich trotz des langen Wartens unheimlich auf das My Chemical Romance Konzert nächstes Jahr und ihr könnt euch darauf verlassen, liebe Leser:innen, dass ich ausführlichst davon berichten werde, sollte es denn tatsächlich stattfinden.

»So beklagenswert die kulturelle und allgemeine Situation momentan auch ist, eines kann man doch daraus lernen: wenn sie wieder möglich sind, sollten wir Konzerte und kulturelle Veranstaltungen generell viel mehr wertschätzen.«

Davon abgesehen stehen wir und unsere Lieblingskünstler:innen momentan aber gar nicht komplett ohne Perspektive da. In Spanien, den Niederlanden und auch in Deutschland hat es schon Probekonzerte gegeben, bei denen getestet wurde, ob und inwieweit Schutzmaßnahmen wie Antigentests oder eine Maskenpflicht etwas bringen. Das Konzert der Band Love of Lesbians im März in Barcelona, bei dem die 5000 Teilnehmenden alle negativ auf Corona getestet waren, zeigte, dass es logistisch möglich ist, Konzerte mit Hygienemaßnahmen durchzuführen, wenn auch mit geringerer Publikumsgröße. Diese Erkenntnis macht Hoffnung, aber trotzdem darf das Bedürfnis nach Normalität nicht über die Gesundheit und das Leben anderer gestellt werden. Wir werden uns also wahrscheinlich noch einige Zeit gedulden müssen, bis wir wieder live zu unseren Lieblingssongs abdancen können. Bis dahin können wir unsere Lieblingskünstler:innen auch anderweitig unterstützen, indem wir zum Beispiel ihre Musik hören, Online-Konzerte besuchen, Merch kaufen oder einfach auf Social Media präsent sind.

So beklagenswert die kulturelle und allgemeine Situation momentan auch ist, eines kann man doch daraus lernen: wenn sie wieder möglich sind, sollten wir Konzerte und kulturelle Veranstaltungen generell viel mehr wertschätzen. Es ist nämlich nicht selbstverständlich, alle paar Monate auf ein riesiges Konzert gehen zu können; eigentlich ist das sogar ein ziemliches Privileg, das wir hier in Deutschland haben. Nicht nur das – die Musiker:innen spielen und singen sich für uns die Seele aus dem Leib, gehen buchstäblich an ihr körperliches Limit.  Darüber müssen wir uns im Klaren sein, wenn wir in Zukunft Konzerte besuchen. Denn dadurch wird der Konzertbesuch von etwas Banalem zu etwas wirklich Besonderem – sowohl für die Fans als auch für die Künstler:innen. Ich für meinen Teil freue mich trotz des langen Wartens unheimlich auf das My Chemical Romance Konzert nächstes Jahr und ihr könnt euch darauf verlassen, liebe Leser:innen, dass ich ausführlichst davon berichten werde, sollte es denn tatsächlich stattfinden.

Über die Autorin

Lily Hußmann

wurde durch die Recherche (alias stundenlanges Konzerte gucken) für diesen Artikel auf direktem Wege zurück in ihre Emo-Phase katapultiert. Bereut sie es, dass sie jetzt knietief in My Chemical Romance Videos aus den 2000ern steckt? Definitiv nicht!

Bildquelle: Bundesarchiv, Bild 192-269 / CC-BY-SA 3.0

Von Schulden und von Schuld

Warum Deutschland endlich Reparationen zahlen sollte - erster Teil

von Jan Bachmann

26.07.2021 - Ausgabe 74

Mit dem Umgang der Deutschen mit ihrer Geschichte ist man in Deutschland allgemein sehr zufrieden. Und so kann man dann auch zumindest, wenn es sich schon verbietet, stolz auf die eigene Geschichte zu sein, stolz sein auf deren Aufarbeitung. Davon ausgeklammert sind natürlich jene Teutomanist:innen, die durchaus stolz sind auf die deutsche Geschichte, wie etwa die „Leistungen“ deutscher Soldaten in den Weltkriegen und deren Auseinandersetzung mit der deutschen Schuld aus Leugnungen und/oder Relativierungen besteht: die Gaulands und Gauweilers, die Hohmanns und Höckes – sie sollen hier zunächst unbeachtet bleiben, werden dann im zweiten Teil des Textes noch einmal erwähnt und können anschließend  gerne in irgendeiner Versenkung verschwinden.

Die Übrigen sprechen dann – ob in privater Runde oder auf großen Gedenkveranstaltungen – über die deutsche Erinnerungskultur und die Auseinandersetzung mit der Geschichte und wesentlich seltener über das, woran erinnert wurde und mit dem man sich auseinander gesetzt hat. Einen Schlussstrich dürfe es nicht geben unter der deutschen Geschichte, den deutschen Verbrechen. Mit der deutschen Schuld –  die natürlich nicht wie eine richtige Schuld empfunden wird – dürfe man niemals abschließen.

Umso empörender erscheinen daher dann Forderungen nach Reparationen für die deutschen Verbrechen. Immerhin habe man die Verbrechen ja aufgearbeitet und außerdem sei ja alles rechtlich abschließend geklärt. „Rechtlich abschließend geklärt“ bedeutet in diesem Zusammenhang übrigens, dass man bis heute dank allerlei Fisimatenten schäbigster Sorte so gut wie keine Reparationen gezahlt hat und das auch künftig nicht tun will. Gestützt wird diese Haltung durch eine – durchaus abenteuerliche – Rechtsauffassung der deutschen Regierung.

Eingeschoben sei nun die zwar sehr kurze, aber doch gewichtige Wahrheit, dass man die Frage der Reparationen gar nicht erst zu einer Angelegenheit juristischer Winkelzüge hätte machen können, wenn man sich einmal ernsthaft mit der deutschen Geschichte auseinandergesetzt hätte.

Die Schäden, die die deutsche Wehrmacht hinterließ, als sie mordend, niederbrennend und – das ist leider immer noch ein Thema, über das man hierzulande kaum spricht – vergewaltigend insbesondere durch Osteuropa zog, sind kaum fassbar. Die Shoa – die industrielle Ermordung der jüdischen Menschen in Europa – überschreitet das Maß unserer Vorstellungskraft bei weitem. Die Ausmaße dieses Leids sind nicht mehr fassbar.

Eine Bilanz

Im Gegensatz dazu aber ist das, was an Wiedergutmachung gezahlt wurde, recht überschaubar und strapaziert unsere Vorstellungskraft nicht sonderlich. Ziehen wir einmal Bilanz.

Genau wie Deutschland selbst spaltete sich der Umgang mit der Reparationsfrage in zwei Teile und vereinigte sich aber schließlich wieder.

Das Potsdamer Abkommen von 1945 sah vor, dass jede der vier Siegermächte Reparationsansprüche durch Demontage und Sachlieferungen aus ihrer Besatzungszone befrieden könne. Die  Sowjetunion, die mit Abstand die größten Kriegsschäden erlitten hatte, erhielt das Recht, Reparationen aus allen Besatzungszonen zu erhalten. Dieses Recht wurde der Sowjetunion allerdings im folgenden Jahr wieder entzogen. Grund hierfür war die Weigerung der Sowjetunion, im Gegenzug zu den Reparationsgütern Lebensmittel in die westlichen Zonen zu liefern und sicher auch der beginnende Kalte Krieg. In der Folge wurden die Ansprüche bis 1948 hauptsächlich durch Demontage von beispielsweise Produktionsanlagen, Eisenbahnschienen, Telefonnetzen usw. befriedigt. Danach wurden die Reparationen durch Lieferung von in der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) bzw. ab 1949 der DDR produzierten Gütern geleistet. Nach dem Aufstand vom 17. Juni 1953 wurden die Reparationslieferungen eingestellt. Die erbrachten Leistungen entsprachen im Schnitt jährlich einem Fünftel des Bruttoinlandsproduktes der SBZ bzw. DDR.

Der Gesamtwert der durch die SBZ bzw. DDR geleisteten Reparationen lässt sich nur schwer bestimmen. Grund hierfür sind neben enormen Schwankungen des Geldwerts und diversen Währungsreformen auch Wertverzerrungen bedingt durch die Planwirtschaft. Die Schätzungen liegen bei 50 Milliarden Reichsmark (RM) bzw. Deutsche Mark der Deutschen Notenbank (DM; zwischen 1948 und 1964 das gesetzliche Zahlungsmittel der DDR; nicht mit der bundesdeutschen Deutschen Mark (ebenfalls DM) zu verwechseln) und 100 Milliarden Deutsche Mark (West; entsprechend der Kaufkraft von 1953). Dem verursachten Schaden entsprachen die Leistungen jedoch nicht einmal im Ansatz. Dennoch hat – was die reinen Kriegsschäden angeht – die SBZ bzw. DDR ein Vielfaches von dem gezahlt, was die Bundesrepublik zahlte.

Die Reparationsansprüche der weiteren Länder, gegen die Deutschland Krieg geführt hatte, wurden 1946 im Pariser Reparationsabkommen geregelt. Hier wurden beispielsweise Griechenland Reparationen in Höhe von etwa 7,2 Milliarden US-Dollar (mit der Kaufkraft von 1938) zugesprochen, was in etwa der Hälfte des Wertes sämtlicher Reparationen entspricht, die die SBZ bzw. DDR an die Sowjetunion leistete. Bezahlt wurde das aber freilich nie. Die Ansprüche Griechenlands und Polens werden im zweiten Teil noch einmal ausführlich besprochen.

 „Rechtlich abschließend geklärt“

Genau wie die DDR war auch die Bundesrepublik ein neuer deutscher Staat. Die Bundesrepublik betrachtete sicher aber anders als die DDR als Rechtsnachfolgerin des Deutschen Reiches und übernahm daher auch dessen Verpflichtungen und Schulden. Diese Schulden sollten durch das im Jahre 1953 geschlossene Londoner Schuldenabkommen geregelt werden. Hier ging es hauptsächlich um Schulden, die in der Nachkriegszeit entstanden waren, und um die Vorkriegsschulden des Deutschen Reiches. Die Reparationszahlungen, die Deutschland aufgrund des Versailler Vertrages von 1919 zu leisten hatte, wurden der Bundesrepublik seitens der Alliierten übrigens weitestgehend erlassen. Zu zahlen war hier aber noch für die Anleihen, mit denen das Deutsche Reich während der Weltwirtschaftskrise die Reparationszahlungen durch private Geldgeber finanziert hatte.

Reparationsansprüche aus dem Zweiten Weltkrieg kamen im Abkommen nicht vor. Die Staaten, die solche Ansprüche gegen Deutschland hatten, sollten diese – so wurde es im Abkommen festgelegt – in einem noch zu schließenden Friedensvertrag zwischen den vier Siegermächten und den deutschen Staaten anmelden können.

Als aber nun nach dem Fall der Mauer die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten mit den vier Siegermächten ausgehandelt wurde, drängte die deutsche Seite bewusst darauf, den zu schließenden Vertrag nicht „Friedensvertrag“ sondern „Zwei-Plus-Vier-Vertrag“ zu nennen, um zu verhindern, dass Reparationsansprüche gegen die Bundesrepublik geltend gemacht werden könnten, wie es das Londoner Abkommen vorsah.

Nach der Rechtsauffassung der deutschen Bundesregierung wurden durch diesen Taschenspielertrick fast sämtliche Reparationsansprüche anderer Staaten „rechtlich abschließend geklärt“, die Staaten, die nicht am „Zwei-Plus-Vier-Vertrag“ beteiligt waren, natürlich eingeschlossen.

» Ebenfalls ausgeschlossen von einer Entschädigung waren etwa Sinti:zze und Rom:nja, Kommunist:innen, Homosexuelle und viele andere.«

Entschädigung für die Shoa

Angesichts der Shoa verboten sich solche billigen Tricks natürlich. Ob dies nun aber am Bewusstsein um die deutsche Schuld lag oder – wie Adenauer in einem Fernsehinterview mit Günter Gaus im Jahre 1965 anmerkte – an der Sorge vor der „Macht der Juden“ in Amerika, kann abschließend nicht geklärt werden. Jedenfalls entwickelte Bundeskanzler Konrad Adenauer zunächst gemeinsam mit Hermann Josef Abs – Abs war vor 1945 im Vorstand der Deutschen Bank zuständig für die „Arisierung“ jüdischer Unternehmen und wusste auch mit großer Wahrscheinlichkeit, dass es sich bei dem Gold, welches die Deutsche Bank während des Krieges von der Reichsbank kaufte um von der Degussa umgeschmolzenes Gold ermordeter jüdischer Menschen aus den Vernichtungslagern handelte. Außerdem saß er im Aufsichtsrat der IG Farben und diverser anderer Unternehmen, die Zwangsarbeiter:innen einsetzten – den  Plan zur Wiedergutmachung für die Shoa, die industrielle Ermordung 6 Millionen jüdischer Menschen, eine Spende von 10 Millionen (sic!) DM zu leisten und ein Krankenhaus in Israel aufzubauen. Dieser Plan wurde jedoch wieder verworfen. Schließlich wurde im September 1952 zwischen dem Staat Israel und der Jewish Claims Conference (JCC), die die Interessen jüdischer Opfer des Nationalsozialismus und den Überlebenden der Shoa vertritt, einerseits und der Bundesrepublik andererseits das Luxemburger Abkommen geschlossen. Das Abkommen sah Zahlungen und Leistungen in Höhe von 3,5 Milliarden DM an den Staat Israel bzw. an außerhalb Israels lebende jüdische Menschen vor.

Bis 2007 wurden insgesamt 25 Milliarden Euro an den israelischen Staat, aber auch an einzelne Überlebende der Shoa gezahlt.

Ein „würdiger Schlussstrich“

Ein Teil dieser Zahlungen erfolgte auf Basis des Bundesentschädigungsgesetzes (BEG). Dieses erstmals im Jahre 1956 verabschiedete Gesetz sicherte Opfern der Naziherrschaft eine symbolische Entschädigung zu, allerdings nur, wenn diese nicht im Ausland lebten. „Im Ausland“ im Sinne des Gesetzes lebte – und diese Definition unterscheidet sich von der damals üblichen – wer nicht in der Bundesrepublik wohnte. Ebenfalls ausgeschlossen von einer Entschädigung waren etwa Sinti:zze und Rom:nja, Kommunist:innen, Homosexuelle und viele andere.

Bildquelle: Anete Lusina via Pexels

Gesellschaft

Druck.

Under pressure. Damdadadamdadamda.

von Helene Fuchshuber

26.07.2021 - Ausgabe 74

Es ist Donnerstagabend, morgen Abend ist Deadline. Langsam erscheinen schwarze Zeichen auf meinem sonst und bis vor kurzem noch leeren Word-Dokument. Über die Panik, die so ein leeres Dokument kurz vor einer Abgabe (oder auch ohne Abgabe) verursachen kann, haben schon sehr, sehr viele Menschen geschrieben. Das Paradoxe beim Schreiben über die Angst vorm Schreiben ist ja immer, dass Mensch das schriftlich tut. Und also reihe ich mich dann hiermit auch in diese Reihe ein.

Wobei, ich habe keine Angst vorm leeren Blatt. Vielleicht noch nicht oder nur gerade jetzt nicht, aber jedenfalls nicht generell. Was ich aber spüre, ist ein gewisser Erwartungsdruck. Von mir an mich. Mal ganz abgesehen davon, dass morgen Abend eine Deadline wartet. Meine Erwartungen an mich sind, dass irgendwer diesen Text, oder generell Texte von mir, liest, und dabei etwas fühlt. Im besten Fall ist dieses Gefühl keine Abneigung, aber sonst ist mir eigentlich egal, was Mensch beim Lesen fühlt. Es wäre einfach schön, wenn irgendetwas ausgelöst wird. Realistischerweise erwarte ich zwar keinen Nobelpreis für mein Geschreibsel, aber ich würde mich hier mal sehr weit aus dem Fenster lehnen und mutmaßen, dass es am Ende aufs Gleiche herauskommt: Egal, ob ich von mir selbst erwarte, preiswürdige Wortaneinanderreihungen zu produzieren oder lediglich ein Gefühl in irgendeiner:m Leser:in auszulösen, ich verspüre Druck.

Und darum soll es hier gehen. Druck.

Druck heißt auf norwegisch skam. Und Skam heißt auch eine norwegische Serie, in der es um das Leben von jungen Leuten in der Oberstufe geht. Diese Serie (die ich echt nur empfehlen kann (gibt’s auf daily motion (keine Ahnung, ob das legal ist?))) war so erfolgreich, dass ziemlich viele, jeweils an anderen Orten spielende Remakes davon gemacht wurden. Das deutsche Äquivalent heißt (Achtung, Überraschung!) Druck. Wie dem auch sei, es geht jedenfalls um das Leben junger Menschen, ihre Struggles, allem gerecht zu werden. Schule, Freund:innen, Eltern, Leben. Und auch wenn wir nicht mehr in der Schule sind: den Druck kennen wir.

Das Beispiel von Skam ist relativ willkürlich gewählt. Druck gibt es in unendlicher Vielfalt.

Es gibt den Druck, gut zu sein. Oder sogar besser oder im besten Fall am besten. In dem, was Mensch macht, studiert oder arbeitet. Diesen Leistungsdruck. Erst den Bachelor mit mindestens einem Auslandssemester zu absolvieren. Dann ein, zwei unbezahlte Praktika, einen Masterplatz in einer neuen Stadt. Umzug und direkt das Ankommen. Freund:innen finden. “Es geht mir gut!” sagen, wenn jemand fragt. Traumjob finden.

Dann der Druck, zu wissen, was Mensch denn überhaupt machen will. Ich denke manchmal wehmütig an die Zeit zurück, in der ich noch unbefangen darüber nachgedacht habe, was ich mal werden möchte, wenn ich groß bin. Im Kindergarten wollte ich Kindergärtnerin werden, später Illustratorin. Jetzt antworte ich auf die Frage meistens Spielerfrau oder Taxifahrerin. Obwohl ich Fußball aus Prinzip doof finde und das letzte Mal vor über einem Jahr Auto gefahren bin. Weil: der Druck ist da. Der Druck, häufig in Form von wohlwollenden Verwandten oder Bekannten, der mich fragt, wo es hingehen soll. Der von mir eine vage Richtung wenigstens oder vielleicht sogar ein konkretes Ziel fordert. Für Studium, Beruf, Leben.

Der Druck, einen Plan zu haben. Erst mal einen Stundenplan. Direkt danach den Fünfjahresplan. Und einen für zehn Jahre. Irgendwie über allem dieses Wort Karriere. Und Geld verdienen. Getreu der Sparkassenwerbung von anno dazumal, die aber bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen hat: „Mein Haus, mein Auto, mein Boot, meine Frau.“ Oder wenn keine Karriere, dann wenigstens Familie. Oder sowas in der Art.

Apropos die Sparkassenwerbung: der Druck, vielleicht die Welt zu verändern. Sich einzusetzen gegen Sexismus, Rassismus, für den Klimaschutz. Genug zu machen. Für die eigene Zukunft und die große Zukunft. Wenn dahingehend keine Ambitionen da sind, dann alternativ der soziale Druck und das Gefühl, nicht genug zu machen.

Und wenn wir einmal dabei sind: Sozialer Druck. Wir sind jung. Wir haben doch alle die Zeit unseres Lebens. Oder? Unter der Woche studieren, am Wochenende feiern. Alkohol trinken, ja, aber nicht zu viel. Sich ausprobieren, ja, aber nicht zu viel. Aber eben auch nicht zu wenig und im Umkehrschluss zu viel studieren. Sondern mehr Freund:innen treffen, Hobbies pflegen. Überhaupt Hobbies haben. Neben der Frage nach meiner Zukunft bereitet mir auch immer wieder „Was machst du so in deiner Freizeit?“ leise Bauchschmerzen. Ich habe immer das Gefühl, gar keine richtige Antwort auf diese Frage geben zu können. Oder vielmehr scheint mir, dass es auf diese Frage, obwohl sie ja an die individuellen Hobbies einer Person gerichtet ist, richtige und eben auch falsche Antworten gibt. Falsch im Sinne von nicht genug. Ich frage mich jedes Mal, wenn diese Frage auftaucht, was ich eigentlich so in meiner Freizeit mache.

Manchmal fällt es mir nicht ein.

Ich finde die Frage suggeriert, dass Mensch ganz viel in seiner Freizeit machen sollte. Segeln lernen vielleicht (für „mein Boot“). Oder wenigstens stricken und ein bisschen gärtnern, und ehrenamtlich arbeiten bitte. Und dann natürlich noch ganz viel lesen. Die Klassiker aber schon gelesen haben. Dabei ist doch das Schöne an der Freizeit, dass Mensch freie Zeit hat. Auch mal nichts machen kann. Aber das Nichtstun ist so häufig mit FOMO verbunden. Selbst jetzt, hier, an einem Donnerstagabend allein zu Haus, habe ich das Gefühl, dass ich doch mit irgendwem interagieren sollte. Mich für ein Bier verabreden sollte oder eine Runde Karten spielen. Ich mache das nicht, sondern schreibe weiter. Zwischendrin kurze Instagram-Prokrastination.

Der Druck, der von Social Media ausgeht, generell von Medien oder noch genereller von der Gesellschaft. Wie wir auszusehen haben, was wir anzuziehen haben, was wir essen sollten und wo. Der Druck, mit der Zeit mitzuhalten, obwohl ich (und ich bin 22) mich jetzt schon deutlich zu alt für TikTok fühle. Der Druck, ein gutes Leben zu leben.

Druck Druck Druck. Und so viel mehr noch als ich hier aufgezählt habe. Es geht um den Druck, der von Bildern, die wir alle im Kopf haben, ausgeht. Wir wollen diesen Bildern gerecht werden. Die meisten jedenfalls. Dabei basteln wir unsere Bilder jeweils selbst, setzen sie aus verschiedensten Ausschnitten zusammen, suchen uns aus, was uns am erstrebenswertesten erscheint, und versuchen uns dann an einem 1000 Teile Puzzle. Wobei die Teile irgendwie ständig ihre Form ändern, weil wir uns eben verändern. Und die Bilder, die wir sehen oder erfüllen wollen, auch.

»"Erfahrungen" kann Mensch doch überall machen, Abenteuer auch zu Hause erleben. Warum ist Studieren anerkannter als eine Ausbildung zu machen? Wieso ist Karriere überhaupt so wichtig? Oder die Entscheidung zwischen Karriere und Familie? Warum „zählt“ viele Freund:innen haben mehr als einige gute? Wieso müssen Menschen Hobbies haben?«

Es ist Donnerstagabend und weil mein Worddokument mittlerweile fast zwei Seiten umfasst, wurde eine Pause mit Friends eingelegt. Nicht meinen, echten Menschen, sondern der Serie (falls das nicht klar war). Und gerade hat Joey was ausnahmsweise sehr Schlaues gesagt: „Who cares what the picture looks like?” (Staffel 8, Folge 5). Danke Joey.

Aber irgendwie caren wir meistens ja doch. Und selbst wenn wir uns insoweit davon gelöst haben, als das wir verstanden haben, dass wir niemandem nichts beweisen oder vormachen müssen, sondern nur mit uns selbst ok sein sollten. Bleibt also der Druck von uns an uns.

Ich glaube, wir müssen uns alle immer mal wieder fragen, warum wir machen, was wir machen. Ich will gar keine Lebenskrisen anstoßen, ich meine vielmehr die Reflektion, ob wir machen, was wir machen, weil wir es machen wollen. Oder weil wir aus irgendwelchen dubiosen Gründen (Drücken) denken, dass wir das machen sollten. Ich finde, wir sollten alle die oben aufgezählten Drücke (und eben auch all die, die mir gerade nicht eingefallen sind) und Erwartungen infrage stellen.

Gut, der Wert von Praktika muss nicht infrage gestellt werden (nur die Tatsache, dass die Bezahlung von Praktikant:innen oft so mies ist). Aber wieso werden zum Beispiel Auslandssemester mehr gewertet als keine Auslandssemester? „Erfahrungen“ kann Mensch doch überall machen, Abenteuer auch zu Hause erleben. Warum ist Studieren anerkannter als eine Ausbildung zu machen? Wieso ist Karriere überhaupt so wichtig? Oder die Entscheidung zwischen Karriere und Familie? Warum „zählt“ viele Freund:innen haben mehr als einige gute? Wieso müssen Menschen Hobbies haben? Was ist, wenn ich keine habe, einfach nichts machen möchte, nicht die time of my life habe, sondern einsam zu Hause sitze. Das wünsche ich natürlich niemandem, also wirklich einsam irgendwo zu sitzen, das will ich auch nicht. Aber es ist ok, hin und wieder einsam zu Hause auf dem Sofa zu bleiben, zu entscheiden, dass Müsli ein adäquates Abendbrot ist, und nicht rauszugehen. Selbst wenn Freitag ist. Es ist ok, nicht das zu machen, was andere oder Mensch selbst von sich erwartet. Vielleicht in kleinen Schritten dahinzukommen, dem Bauchgefühl trauend zu entscheiden, worauf Mensch selbst wirklich Lust hat.

Denn: Du musst gar nichts!

Über die Autorin

Helene Fuchshuber

Hatte, wie so häufig beim Schreiben, wechselnde Ohrwürmer. Ziemlich naheliegend ist ja noch Under Pressure https://www.youtube.com/watch?v=a01QQZyl-_I von Queen. Weiter ging es mit Du musst gar nix https://www.youtube.com/watch?v=-MjvPVrduQg. Und als sie gerade so vor sich hinsummend auf dem Sofa saß, kam ihre Mitbewohnerin herein und stimmte mit Abbas SOS https://www.youtube.com/watch?v=cvChjHcABPA in Queen ein. Passt thematisch nichts ganz, aber Ohrwürmer kann Mensch sich ja nicht aussuchen.