Editorial

Hallo liebe Leser:innenschaft,

in unsere neue Ausgabe könnte man sich glatt verlieben. Nicht nur liefert euch Dorit einen Essay über Erich Fromms „Kunst des Liebens“, ihr könnt auch gleich bei Helene über ein Gefühl zwischen Eifersucht und Liebe weiterlesen oder mit Ronny in Erinnerungen an retro-Liebeslieder schwelgen. Auch Milan zieht mit und berichtet nach unserer queeren Themenausgabe aus eigener Perspektive von der Pride-Demo in Bonn. Etwas ernstere Themen werden bei Sam und Jan behandelt. Während letzterer seine aktuelle Artikelreihe über Schulden und Schuld fortführt, geht Sam auf den Hintergrund der Lust an der Eskalation ein und ergründet die Motivation hinter Sensationsgeilheit und Spannen und was sie mit uns machen können. Außerdem berichtet Simeon über den Zustand der alten VHS und Tom hat seinen Artikel einer gewissen politischen Ära gewidmet, die bald zu Ende geht, oder viel besser der Frau, die diese Ära geprägt hat. Er hat Frau Merkel nicht nur im Supermarkt getroffen, sondern auch einmal ihre letzten 16 Jahre Revue passieren lassen.

Wie immer hoffen wir natürlich, dass euch unsere Artikelvielfalt gefällt! Beim letzten Redaktionstreffen noch wurde hitzig diskutiert, wo die FW die meisten Leser:innen abstaubt und ob die Printausgaben noch zur Genüge unter die Leute kommen. Lasst uns gerne wissen, wo ihr dieses Exemplar gerade gefunden habt, falls ihr es analog in der Hand haltet, oder ob ihr euch auf unsere Website verlasst. Ihr erreicht uns immer per Mail an fw@asta.uni-bonn.de oder über Instagram @fwbonn.

Wir wünschen viel Spaß beim Lesen!

Melina Duncklenberg, Chefredakteurin

Inhalts-verzeichnis

Wie wir lieben was wir lieben

Eine Bilanz über die Ära Merkel und ein unerwartetes Zusammentreffen

Warum wir die Welt brennen sehen wollen

Über bedrohte Freiräume und perspektivlose Stadtentwicklung

Was beim Streaming von Musik verloren gegangen ist

Reparationen – Deutschlands Schulden (Teil 2)

Ein Bericht von der ersten Bonner Pride Demo

über ein diffuses Gefühl

Collage: Dorit Selting

Gesellschaft

Nichts als Luft und Liebe

Kein Kitsch: Ein altes Buch über eine zeitlose Gegenwart führt zu neuen Erkenntnissen

ein Essay von Dorit Selting

23.08.2021 - Ausgabe 75

Es ist 1956, als Erich Fromm das erste Mal „Die Kunst des Liebens“ in der Hand hält. Sein Buch (was ihr auf der Nebenseite mit den zentralen Zitaten nachvollziehen könnt) ist Inbegriff menschlicher Genialität und grundlegende Inspiration für diesen Artikel.

Seit 1956 hat sich gewiss viel verändert, aber eins ist gleich geblieben: Unsere Leben sind leer an Liebe.

Weil dies ein recherchierter Essay werden soll und keine Reklame für peace, love & ice cream, die komplizierteste Frage direkt vorweg:

Wieso brauchen wir Liebe?

Fromm beschreibt unseren Naturzustand als existentielle Einsamkeit. Anders als die in Liebesfilmen oft verbreiteten Theorie der Seelenverwandten, nach der wir also vor unserem Eintreffen auf der Welt in zwei Hälften gespalten [JP1] worden sind und den Rest unseres Lebens damit verbringen müssten, unser „besseres Ich“ auf abenteuerlicher Weltreise in der anderen Ecke des Planeten zu suchen, stellt Fromm fest, dass wir „ohne unseren Willen geboren wurden und gegen unseren Willen sterben werden“, also eigentlich ziemlich alleine dastehen und uns in der Zwischenzeit in einer pausenlosen Konversation mit uns selbst befinden.

Was gegen diese ernüchternd unromantische Erkenntnis hilft, ist, sie mit anderen Menschen zu teilen. Und das gelingt am besten – wer hätte es gedacht? – in der Liebe.

Um zu verstehen, was Liebe ist und wieso sie den meisten veborgen bleibt, ist es vielleicht hilfreich, zu verstehen, was Liebe alles nicht ist.

Vor allem zwei Fallgruppen kristallisieren sich hier heraus:

Numero uno: die „folie à deux”

In dieser Form der Nicht-Liebe lösen sich die Akteure wahnsinnig poetisch ineinander auf. Sie sind so von der anderen Person begeistert, dass sie sich in ihrem Verlangen nacheinander komplett aneinander anpassen und ihren eigenen Charakter dadurch verlieren. Das wiederum macht das ganze Prinzip von Liebe als Ergebnis des Bedürfnisses des Teilens aber hinfällig. Wer alles aufgibt, dem bleibt nichts mehr übrig zum Teilen. Das Resultat?

Langfristig statt leidenschaftlicher Liebe bloß lustlose Langeweile.

Numero dos: der „égoïsme à deux”

Diese Erscheinungsform von Nicht-Liebe steht der folie diametral gegenüber: Statt sich irrsinnig für den anderen zu begeistern, ist der Narzisst hingerissen von der Idee seiner selbst, die er vermeintlich durch die andere Person vermittelt bekommt.

Und auch wenn natürlich niemand die eigene Selbstsucht zugeben würde, glaube ich, dass diese Form die weitverbreitetste im Jahr 2021 ist.

»Tinder und Co haben die Idee menschlichen Miteinanders schon so weit kommerzialisiert, dass man fast davon ausgeht, die Liebe unter Vorbehalt der Retoure erwerben zu können.«

Die Liebe ist zum Konsumgut geworden.

Tinder und Co haben die Idee menschlichen Miteinanders schon so weit kommerzialisiert, dass man fast davon ausgeht, die Liebe unter Vorbehalt der Retour erwerben zu können. Mir geht es hier übrigens nicht darum[JP2] , genannte Plattformen zu verteufeln, die im Grunde das Kennenlernen echt erleichtern.

Aber ich glaube, dass etwas in deren Umgang ganz schön schief läuft. Statt andere zu mögen, möchten wir am Ende nur selbst gemocht werden und sehen den anderen nur als Spiegel unseres Selbst:

Was sagt das jetzt über mich aus, wenn ich mich mit xy treffe?

Macht mich das interessant, mich für diese Art Mensch zu interessieren?

Lieben hat auch viel mit Besitzen-wollen zu tun. Aus dem Glauben heraus, uns aneinander binden zu müssen, entsteht eine Art Anspruch auf den Anderen.

Und wie es mit Sachen, die wir besitzen zu glauben so oft ist, sind wir auch nach Zweckerfüllung (in diesem Modell also nach der Selbstbestätigung) nicht bereit, den Besitz aufzugeben, schlicht und einfach, damit niemand anderes ihn hat.

Wie also lieben?

Hier zeigt sich die wahre Stärke Fromms: Er analysiert nicht nur die typische, partnerschaftliche Liebe, sondern erkennt, dass es unendlich viele Ausprägungen von Liebe gibt: elterliche Liebe, Nächstenliebe, die Liebe zu einem höheren Glauben und eben auch: die Selbstliebe.

Und damit der Artikel jetzt nicht die heikle Abzweigung in einen Ratgeber für Lebenskrisen nimmt, sei ganz unspirituell gesagt:

Wir müssen lernen, uns selbst zu genügen.

Außer einer zeitweise angenehmen Begleitung in unserer existenziellen Einsamkeit gibt es nichts, was uns eine andere Person geben könnte.

Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch (gute Nachricht für alle heartbroken fellows[JP3] ), dass, wenn wir einmal die Selbstliebe erreicht haben, uns diese Person auch nichts wieder nehmen könnte[JP4] .

Wir müssen endlich begreifen, dass wir uns eben nicht ständig auf die Suche nach unserer besseren Hälfte begeben müssen, sondern daseinsbedingt alle alleine sind und Veränderung unabhängig von Partner:innen vollziehen können.

Am Ende können Andere auf alle meine Fragen nur die falsche Antwort geben. Im einundzwanzigsten Jahrhundert kann mir niemand sagen, was ich will, bevor ich mir nicht selbst im Klaren bin, was ich suche.

Und das muss nie die Liebe unseres Lebens sein, nicht einmal unbedingt etwas Ernstes:

Im Spanischen sagt man: no es tener algo serio, es tener algo sano.

Nicht auf strenge Formen kommt es an, sondern darauf, dass es gut tut und gesund ist. Und gesund ist am Ende, ehrlich mit sich selbst zu sein, sich einzugestehen, dass es in Ordnung ist, sich hin und wieder wie der letzte Mensch der Erde zu fühlen und lieber allein zu bleiben, als wahnsinnig egoistisch zu sein.

Es ist auch ehrlich gesagt eine wirklich hirnrissige Erwartung, wenn man irgendwas zwischen zwanzig und dreißig Jahre alt ist, den einen Menschen kennenlernen zu müssen, mit dem man dann den Rest seines Lebens verbringen will.[JP5]

Also besser nicht an die Hoffnung auf die große Liebe klammern, sondern lieber die unscheinbaren Lieben leben: die Liebe zu Freunden, Familie, zur Zukunft, so wie billie eilish wenn sie neuerdings in love with my future singt.

Egal, was ihr liebt:

Liebt lebhaft,

liebt leise,

liebt laut,

liebt lang.

Liebt loyal zu euch selbst.

Politik

Werden wir sie wirklich vermissen?

Wie ich eine Bilanz über die Ära Merkel schreiben wollte und sie dann zufällig traf.

von Tom Schmidtgen

23.08.2021 - Ausgabe 75

Eigentlich sollte dieser Text ganz anders anfangen, doch dann hab ich sie getroffen. Ja, kein Scherz, ich habe Angela Merkel gesehen. Ich war für ein paar Tage in Berlin, gehe in einem Supermarkt einkaufen und die Bundeskanzlerin biegt um eine Ecke und rammt mich fast mit ihrem Einkaufswagen vor dem Kühlregal. Wir schauen uns kurz tief in die Augen, Merkel und ich. Sie trägt ihren blauen Blazer, den halb Fernsehdeutschland eine Stunde zuvor in der Pressekonferenz nach der Ministerpräsident:innenkonferenz sehen konnte, stark geschminkt, die blonde, ikonische Frisur, ein müder Blick. Nach einem kurzen Hin und Her (wir wussten beide nicht, wie wir aneinander vorbei kommen) schiebt sie ihren Wagen an mir vorbei, zwei Sicherheitsmänner in schwarzen Anzügen spazieren hinter ihr her. Aber dieser Blick hat sich bei mir eingebrannt.

 

Nun soll dieser Text aber weniger von mir handeln, sondern mehr von der Person, die mich fast mit dem Einkaufwagen überfahren hat und die vergangenen 16 Jahre als Bundeskanzlerin gearbeitet hat. Nach der kommenden Wahl im September ist damit definitiv Schluss. Das hat Merkel mehr als einmal klar gemacht. Klar, das Ende der Ära Merkel wird ein Bruch, Abschiede tun weh und so weiter. Aber was haben wir ihr zu verdanken? Und was nicht?

 

Als Merkel anfing in Bonn, war sie Quotenfrau und -ossi im Kabinett Kohl, zuerst als Bundesministerin für Frauen und Jugend – „Ministerium für Familie und das ganze Gedöns“, wie es Kohls Nachfolger und ihr Vorgänger im Kanzler:innenamt, Gerhard Schröder, einmal nannte. Merkel und Schröder, die beiden könnten kaum unterschiedlicher sein. Ich empfehle an dieser Stelle eine Pause, um sich die Elefantenrunde auf YouTube anzuschauen, in der die beiden nach der Wahl 2005 aufeinander einschlagen. Oder besser gesagt, Schröder auf Merkel. Er, der toxisch männliche Chauvi Schröder, Zitat: „Sie [Merkel] wird keine Koalition unter ihrer Führung mit meiner sozialdemokratischen Partei hinkriegen. Machen Sie sich da nichts vor.“ (Plottwist: Die Geschichte weiß, dass es nur kurze Zeit später genau so kam, ohne Schröder.) Auf der anderen Seite die lange unterschätzte, ruhige, stets freundliche Merkel, die in der Elefantenrunde nur wenig zu Wort kam. Was damals auf die sieben Jahre Schröder folgte, war eine Wende. Die erste Frau im Amt, mit einem gänzlich anderen Politikstil. Merkel überlegt lange, bis sie handelt, wiegt jedes Argument ab, erklärt ihre Politik spät oder gar nicht. Die Wissenschaftlerin im Bundeskanzler:innenamt.

 

»Die erste Frau im Amt, mit einem gänzlich anderen Politikstil. Merkel überlegt lange, bis sie handelt, wiegt jedes Argument ab, erklärt ihre Politik spät oder gar nie. Die Wissenschaftlerin im Bundeskanzleramt.«

Und doch hat auch sie manchmal vorschnell gehandelt, Entscheidungen getroffen, die ihre Kanzler:innenschaft prägten. Der Ausstieg aus der Atomkraft, die Euro-Rettung, die Freigabe der Abstimmung über die Ehe für alle, die Aufnahme Hunderttausender Geflüchteter, vor allem die Rettung vieler vom Bahnhof Keleti, denen von der ungarischen Regierung nicht mehr geholfen wurde. Im Rückblick sind das die Bilder, die in Erinnerung bleiben werden, obwohl sie so gar nicht den Politikstil von Merkel wiedergeben. Oft hat sie gehadert, gezaudert und abgewartet, Entscheidungen ausgesessen.

Zwei Beispiele: Auf Macrons Utopien einer zukünftigen Europäischen Union fand Merkel keine Antwort mehr. Bis heute unbeantwortet blieb seine Sorbonne-Rede. Für Träumereien war Merkel nie zu haben, konnte sich keine Zukunft vorstellen, die gänzlich anders ist als das Heute. So kommen wir zu dem größten Fehler ihrer Kanzler:innenschaft: die verfehlte Klimapolitik. 1997 ist Bundesumweltministerin Merkel zu Gast in der NDR Talkshow. Dort sagt sie: „Wenn wir es heute noch nicht machen, wird es für eure Kinder, eure Enkelkinder zweifach oder dreifach teurer.“ Später: „Wenn wir heute nicht handeln, bekommen wir Hunger, Dürre und andere Probleme, wie Flüchtlingsbewegungen.“

Schon vor fast einem Vierteljahrhundert wusste Merkel also, dass wir handeln müssen, um unsere Welt lebenswert zu erhalten. Sie hat die heutigen Krisen bereits antizipiert. Zuerst ging es auch gut los: Merkel war die erste Gastgeberin der UN-Klimakonferenz in Berlin 1995, zwei Jahre später stimmt Merkel dem Kyoto-Protokoll zu, einem Meilenstein der Geschichte des Klimaschutzes, das den Weg für das Pariser Klimaabkommen 20 Jahre später ebnet. Merkel wird die „Klimakanzlerin“; eine, die das Thema immer wieder auf die Agenda von Gipfeltreffen hebt, die sich 2007 Umweltveränderungen selbst in der Arktis anschaut. Doch wirklich gehandelt hat Deutschland während ihrer Kanzler:innenschaft kaum. Erst seit diesem Jahr gibt es in Deutschland einen CO2-Preis. Die Reduktionsziele konnten wir nur aufgrund der Pandemie knapp einhalten. Doch selbst die geplante Klimaneutralität bis 2045 wird nicht reichen, um das 1,5 Grad Ziel zu erreichen, wie der Weltklimarat kürzlich errechnete. Anders als andere konnte Merkel gut übers Klima reden, doch gehandelt hat sie wenig. Sie könnte heute dastehen wie beispielsweise Joe Biden, der ein Zwei-Billionen-US-Dollar-Programm für das Klima angekündigt hat. Ein dezidiertes Klima-Programm hat eine Bundesregierung noch nicht verabschiedet.

Ein Bild, das mir von Merkel in Erinnerung bleiben wird, stammt aus dem Hochwasser an der Ahr: Angela Merkel läuft mit Ministerpräsidentin Malu Dreyer durch die verwüstete Landschaft, plötzlich nimmt sie den Arm von Dreyer, stützt sie auf dem wackeligen Untergrund. Dreyer, die wegen ihrer ALS-Erkrankung geschwächt ist und lange Strecken im Rollstuhl zurücklegen muss, findet in Merkel eine Stütze. Da sind sie die seltenen Momente, in denen man Merkel ganz nah ist, wo sie sich emotional zeigt. Genauso sticht ein Bild des Fotografen Andreas Mühe heraus: Merkel ist 2011 zu Besuch bei Obama, bekommt von ihm die Presidential Medal of Freedom verliehen. Das Bild der beiden wirkt wie ein Schnappschuss zweier ehemaliger Kommiliton:innen, die sich nach Jahren wiedersehen und dort anknüpfen, wo sie vor 30 Jahren aufgehört haben. Während Obama wie immer grinst, zeigt Merkel eine ganz andere Seite von sich, eine verletzlichere, geehrte und schüchterne. Sie lächelt leicht in die Kamera, zeigt ihre Zähne dabei, greift mit der einen Hand einen Finger. Ihre Augen leuchten.

 

„Wir werden Angela Merkel schon noch vermissen!“ Dieser Satz wird wohl stimmen. Ihre ruhige, zugewandte Art, dieses nette Gesicht Deutschlands, wird fehlen und doch wird es auch Zeit für einen neuen Stil. Eine Person, die anpackt, dieses Land zum Guten verändern will und weniger verwalten will, der oder die Visionen hat. „Alles was noch nicht gewesen ist, ist Zukunft, wenn es nicht gerade jetzt ist“, hat Merkel gesagt. Was für Merkel nach dem 26. September ist, wird wohl nur sie wissen. Trotzdem darf sie gern weiter selbst in den Supermarkt gehen. Das nächste Mal spreche ich sie auch an.

Über den Autor

Tom Schmidtgen

empfiehlt die Fotoausstellung von Andreas Mühe, über seine Fotos von Merkel, die noch bis Ende August im Lipsiusbau in Dresden zu bestaunen ist (eine Auswahl ist auch auf https://www.andreasmuehe.com zu sehen). 

Bis die Dämme brechen oder Die Lust an der Eskalation

Woher Sie kommt und warum sie uns (medial) begleitet.

ein Essay von Samuel F. Johanns

26.07.2021 - Ausgabe 734

Wenn man sich in seinem Inneren heimlich wünscht, die Welt noch ein bisschen mehr brennen sehen zu wollen, ist der Verdacht auf persönliche Antiphatie mit den Opfern, Schadenfreude oder gar politisches Kalkül naheliegend, aber eigentlich eben doch erschreckend fern. Der Impuls überkommt uns unzusammenhängend. Auch wir selber ekeln und erschrecken uns dann durchaus vor diesem persönlich allzu bekannten und allzu menschlichen inneren Drang. Die Wenigsten wagen, ihn offen zu bekennen.

Die Eigentümlichkeit des Gefühls, um das es hier gehen wird, ist aber sein Wesen als das, was Immanuel Kant einmal als interesseloses Wohlgefallen ausgedrückt, dabei jedoch in seiner Ästhetik natürlich nur auf Naturschönheit und Kunst für das Erleben vom Schönen und Erhabenen bezogen haben wollte. Dies ist ein Observieren einer vielleicht dunklen Schattenseite der Ästhetik, eines desadeschen Wohlgefallens an Zerfall und Zusammenbruch.

Seine Interesselosigkeit teilt das Wohlgefallen mit der klassischen kantschen Wahrnehmung von Schönheit: Es ist gänzlich egal, jede Katastrophe ist uns eben recht in ihrer eigentümlichen Form bewundert zu werden. Ihre Folgen sind für den Wunsch nach voranschreitender Eskalation irrelevant. Es muss uns nicht nützen, es kann uns auch bewusst sein, dass es uns auf lange Sicht selbst sicher schaden wird.

Wie bei der Betrachtung des landschaftlichen Naturschauspiels braucht es aber auch hier erst einmal die physische und emotionale Grunddistanz. Die Havarie des Reaktors auf einem anderen Kontinent, auf dessen thermonukleare Detonation man im Geheimen vor dem Liveticker hinfiebert. Das Virus, das sich langsam aber stetig in der Bevölkerung einer Insel breit macht. Der Raketenhagel, der sich über ein weit entferntes Land ergeht und auf Städte niederprasselt. Oder eben das potentielle Brechen einer Talsperre, während man selber in höheren Gefilden im Trockenen sitzt und von der Katastrophe bisher fast gänzlich verschont geblieben ist. Vom freien oder harmonischen Spiel der Wahrnehmung und Erkenntniskräfte kann aber wohl kaum die Rede sein. Neben Ekel vor sich selbst wird jeder Mensch mit einigermaßen intaktem guten Willen es im Apparat wohl brodeln spüren und den Kampf der freudschen Instanzen quasi leidvoll und schrecklich erleben. Insbesondere die Mimik in Gesellschaft mit panischem Bedacht darauf abrichten, bloß keine verräterische Regung zu zeigen.

Begibt man sich selbst jedoch in den Radius der Erreichbarkeit der Katastrophe oder bekommt Kenntnis von der Betroffenheit eines direkt bekannten Menschen, kann sich das Gefühl in Windeseile in Luft auflösen und gänzlich echter Sorge und Realangst weichen.

Die Kritik an jener dualistischen Triebtheorie Sigmund Freuds erwies sich selten als ein konstruktives Misstrauensvotum. Die alte philosophische Frage nach dem Ursprung des Bösen, wie sie noch in Antike und Mittelalter zum Standardrepertoire jeder Kosmologie gehörte, hatte in der vorherrschenden Psychologie von heute wenig Aufmerksamkeit. Wobei einige populärwissenschaftliche (populär und dennoch nicht weniger wissenschaftliche) Ansätze interessante Falldokumente aus der Forensik zu Sadismus und Psychopathie hervor gebracht haben, die durchaus lesenswert sein mögen. So bleibt nach wie vor wohl der tiefenpsychologische Ansatz jener, der mir für eine weitere Ursachenforschung zum Phänomen destruktiver Gedanken und Handlungen noch immer am sinnvollsten erscheint.

 

Die alte philosophische Frage nach dem Ursprung des Bösen, wie sie noch in Antike und Mittelalter zum Standardrepertoire jeder Kosmologie gehörte, hatte in der vorherrschenden Psychologie von heute wenig Aufmerksamkeit.«

Eskalation des Eskalationswunsches und ihre Abwehr

Dem Verlangen der Sensation nachgebend gelangt der Mensch in eine moralisch niedrige Lebensform: die Spanner:innen auf dem Rettungsstreifen, Katastrophentourismus auf der Suche nach den besten Fotomotiven maximalen Schadens. Dann auch mit der Unterordnung der eigenen Selbsterhaltungstendenz der Sensationsgier vor Ort frönend, liefern diese Leute einen Beleg dafür, dass es sich wohl tatsächlich um eine Lust jenseits des Lustprinzips handeln muss, die dann aber wieder mit Aggression sadistisch wie ein Schutzschild gegen das Trauma vor sich hergeschoben wird. Eine neuerdings beliebte und umstrittene Methode der Polizei gegen Spannende an Unfallorten ist es, sie kurz mit dem Angebot zu konfrontieren, sich die Leiche ansehen zu sollen oder gar energisch vor eine solche (natürlich bereits abgedeckte) gezerrt zu werden. Im Moment dieser ungeahnten Reaktion der Beamt:innen bricht bei den allermeisten Spannenden das zuvor bestehende Phantasma aus Blick und Interesse als Schutzschild weg und legt ein Bündel aus Angst frei, das sich bereitwillig abführen lässt. Der Anblick dieses Vorgangs befriedigt natürlich durchaus seinerseits aggressive Gelüste gegenüber den Täter:innen.

Die meisten anderen von uns, sei es aus echtem Skrupel oder nur aus retentivem Gehorsam beziehungsweise Angst vor Strafe und sozialer Ächtung, die nicht zur Kamera greifen und losstürmen, finden den ein oder anderen Weg der Abwehr, den aufsteigenden destruktiven Tendenzen die Stirn zu bieten. Verdrängung und Projektion ist das eine, im Idealfall stellt sich sogar eine Reaktionsbildung ein, an deren Ende der Impuls des Griffs zum Handy, jenem zu den Gummistiefeln oder der Geldbörse weicht um proaktiv helfen oder spenden zu wollen.

Rezeptionsästhetik zur Eskalation

Neben dem klassischen, schon von Freud selbst als spekulativ bewerteten, dualistischen Triebtheorem mit Lebens- und Todestrieb lohnt für die Erklärung des Phänomens aber noch eine weitere Spekulation aus dem Bereich der Medientheorie und Lernpsychologie hinzuzunehmen, erscheint uns doch jedes reale Ereignis heute vor allem und zuerst wie ein mediales Showevent. Vor dem Hintergrund der um Aufmerksamkeit konkurrierenden Sender und Kanäle hat sich auch die seriöseste Liveberichterstattung schon längst den klassischen kinematischen Narrativstrukturen der Medienwelt angepasst. Schon vor Jahrzehnten hat Guy Debord in seinem Hauptwerk auf die Spektakelhaftigkeit unserer modernen Gesellschaft aufmerksam gemacht, deren soziale Wirklichkeit immer mehr mit den Filmen verschmilzt, welche sie einmal als Fiktionen begleitet haben. Und so verwundert es kaum, wenn heute der Sturm auf das Kapitol in den USA eben wie ein fulminantes Serienfinale wirken muss. Ihr Protagonist Donald Trump derweil wie ein Charakter, der in seiner karikaturesken Realüberzeichnung durch das Lektorat seines eigenen Drehbuchs hätte fallen müssen, wenn es ihn nicht tatsächlich nun mal geben würde.

Der spannungssteigernde Aufbau und die Modulation einer Erwartung zur Eskalation wirken somit wie ein Effektverstärker auf jeden Ansatz von Voyeurismus, sodass die Rezeptionsästhetik des Actionfilms auf die Wirklichkeit mental zur Anwendung kommt.

Nichts ist aber frustrierender, als wenn die tickende Zeitbombe am Ende eines Action-Blockbusters nur eben schnöde entschärft wird und sich die gelenkte und aufgebaute interpassive Aggression nicht explosiv entladen darf. Natürlich muss die Bombe außer Reichweite der Protagonist:innen, gegebenenfalls unter Selbstopfer eines Helden oder einer Heldin, und im Idealfall im Hauptquartier der Bombenlegenden zur Detonation nebst Benzinfässern gebracht werden. Der (Un)Todestriebcharakter ist in diesem Schauspiel aber weniger die Hoffnung auf völliges Niederbrennen, sondern der Wiederholungszwang kontinuierlicher Steigerung des dennoch immer gleichen Flammenmeers. Auf den Film muss sein nächster Teil folgen und der nächste, der sich in der Grundstruktur seiner Erzählung aber immer nur marginal vom Vorgänger unterscheidet,dabei jedoch nie ohne eine Steigerung von quantitativem Effekt auftreten darf.

Vor genau diesem Hintergrund, wenn uns die Fernsehberichte einer Überschwemmung quasi mit Cliffhangern und Unterbrechungen kurzer Interviewsequenzen des laufenden Wahlkampfs wie Serienepisoden präsentiert werden, vor diesem Hintergrund neigen wir besonders dazu, einer doch nicht brechenden Talsperre insgeheim gefühlsmäßig wie einer filmästhetischen Ausfallerscheinung zu begegnen.       

Im Mai zogen mehr als 700 Menschen für die Alte VHS durch Bonn. Bildquelle: Simeon Gerlinger

(K)ein Raum für Kultur

Zur Alten VHS und ihrer Zukunft

von Simeon Gerlinger

23.08.2021 - Ausgabe 75

Es ist ein warmer Freitagabend im Juli. Feiernde Kleingruppen ziehen durch die Altstadt, zur nächsten Kneipe, zum nächsten Kiosk. Kaum jemand verirrt sich in die unscheinbare und fast menschenleere Kasernenstraße am Rand der belebten Altstadt. Das große, rote Gebäude schräg gegenüber des Amtsgerichts würden wohl die wenigsten bewusst wahrnehmen, wenn aus dessen Fenstern nicht das bunte Licht einiger Lampen den Hof und die Parkplätze des Grundstückes sanft erleuchten würde. So werfen immerhin die Handvoll Passant:innen, die ihre Wege über den Hof abkürzen, und die wenigen Anwohner:innen, die zu ihren Autos auf dem angrenzenden Parkplatz wollen, dem Haus im Vorbeigehen kurze Blicke zu. Es ist ruhig um und im Haus in der Kasernenstraße 50, oder, wie es viele seit mehr als zwei Jahren nennen, kennen und lieben gelernt haben: In der Alten VHS.

Nach mehr als anderthalb Jahren pandemiebedingter Stille könnten Ende diesen Jahres nun auch die letzten Lichter der Alten VHS ausgehen. Die Stadt möchte in den bisherigen Räumlichkeiten eine Kindertagesstätte unterbringen.

Kulturelle Vielfalt und politischer Rückenwind…

Diese Stille um die Alte VHS wäre vor der Pandemie nicht denkbar gewesen. Vergleichbare Abende wären geprägt von Menschen, die ihren Abend nach Lesungen oder Vorträgen beim Rauchen und mit Getränken ausklingen lassen. Menschen, die in Umbaupausen auf die nächste Band des Abends warten oder auf Einlass zu Trash- oder Techno-Partys hoffen.

Doch ist die Alte VHS weit mehr als einer der nennenswerteren Orte im Bonner Nachtleben. Das Haus bietet Raum für eine fast endlose Zahl an Tanzkursen, Musikgruppen, Kunstausstellungen und Platz für die Arbeit und Veranstaltungen von politischen Initiativen. Hier kommen Menschen zusammen, die für ihre Interessen, Hobbys und Ideen in Bonn keine anderen Orte finden, oder sich vorhandene Orte nicht leisten können. Denn was die Alte VHS neben ihrem Angebot noch herausstechender macht, ist die Tatsache, dass sich das Kulturzentrum vollständig durch Spenden finanziert und Räumlichkeiten und Veranstaltungen versuchen, unkommerziell und für alle offen zu sein.

Das alles wird nach aktuellem Stand zum Ende des Jahres verloren gehen, denn obwohl die Verhandlungen bereits seit 2019 laufen, gibt es immer noch keine konkrete langfristige Perspektive für das Projekt. Dabei scheint die Ausgangslage für eine Zukunft bei Betrachtung der politischen Situation sehr aussichtsreich. Das Kulturzentrum hat sich in der Bonner Zivilgesellschaft verankert, ein offener Brief an die Oberbürgermeisterin Katja Dörner und die Stadtverwaltung wurde von fast 100 Initiativen, Parteien und Gruppen unterzeichnet. Auch die 2020 neu zusammengesetzte Ratskoalition von Grünen, Linken, Volt und SPD sprach sich im Koalitionsvertrag für ein möglichst innenstadtnahes Alternativgebäude aus und bekräftigte damit einen 2019 geschlossenen ähnlich lautenden Ratsbeschluss. Also woran hapert es, wenn der politische Rückenwind für selbstorganisierte Kultur stärker als je zuvor scheint?

… gegen die Mühlen der Verwaltung und perspektivlose Leerstandspolitik

Der Verhandlungsprozess mit der Stadtverwaltung um eine Alternativgebäude läuft seit 2019 und hat bis jetzt immer noch keine langfristige Perspektive für die Alte VHS und ihre Nutzer:innen hervorgebracht.

Das Kriterium der Innenstadtnähe stellt hier einen wesentlichen Streitpunkt dar. Ohne die Nähe zum Zentrum würden das Angebot und auch die Größe des Publikums wesentlich zurückgehen, möglicherweise bis zu dem Punkt, wo mitunter die bei Veranstaltungen eingehenden Spenden nicht mehr zum Erhalt und Betrieb ausreichen könnten. Dennoch zeigt sich die Stadtverwaltung stur, obwohl mit dem Viktoriabad oder der alten Poliklinik große Leerstände in vergleichbarer Lage existieren.

Damit führt die Diskussion um den Erhalt der Alten VHS auch zum städtischen Missmanagement von Leerständen. Das namensgebende Gebäude des Kulturzentrums in der Kasernenstraße stand vor der jetzigen Nutzung durch den Trägerverein Rhizom e. V. mehrere Jahre leer. Das innenstädtische Viktoriakarree, dessen Teil das bereits genannte Viktoriabad ist, ist mitunter das Paradebeispiel für die gescheiterte Stadtentwicklung Bonns. Wollte einst ein österreichischer Investor das Viertel aufkaufen und dort unter anderem ein Einkaufszentrum errichten, scheiterte das Projekt 2016 am Bürgerbegehren „Viva Viktoria“. Erst dieses Jahr, nach weiteren fünf Jahren vorherrschenden Leerstands, gibt es seitens einer Bornheimer Investorin und der Universität Bonn konkrete Pläne für das Viktoriakarree.

Die Diskrepanz zwischen der oft bestärkenden politischen Unterstützung und der Realität der Stadtverwaltung lässt sich mit der scheinbar vorherrschenden Doktrin beschreiben: Vielfältige Kultur erhalten und stärken, aber bitte ohne, dass es die Stadt Geld kostet. So wurde die Aufnahme der Alten VHS in den Bonner Bürger:innen-Haushalt 2021/22 von der Stadtverwaltung abgelehnt, obwohl das Kulturzentrum durch die Bürger:innen auf den zweiten Platz des Stadtbezirkes Bonn gewählt wurde. Begründet hatte die Stadtverwaltung die Ablehnung damit, dass die Stadt den Trägerverein bereits unterstütze und zuversichtlich sei, in den Verhandlungen eine für alle zufriedenstellende Lösung zu finden.

» Die Diskrepanz zwischen der oft bestärkenden politischen Unterstützung und der Realität der Stadtverwaltung lässt sich mit der scheinbar vorherrschenden Doktrin beschreiben: Vielfältige Kultur erhalten und stärken, aber bitte ohne, dass es die Stadt Geld kostet.«

Wie wird es weitergehen?

Nach mehreren, oft ungeeigneten, angebotenen Räumlichkeiten gibt es nun ein Angebot für die Zwischennutzung einer alten Realschule in Beuel. In den konkreten Verhandlungen gibt es jedoch noch viele Unklarheiten. Es ist zum Beispiel noch nicht geregelt, wie lange die Alte VHS dort verbleiben kann oder wie hoch etwaige Renovierungskosten sind und wer diese tragen wird. Klar ist jedoch: Eine langfristige Perspektive für das Projekt ist bis jetzt nicht ersichtlich, dabei wäre es die einzig konsequente Lösung, wenn man die politischen Zusicherungen aus der Rats-Koalition zu Ende denken würde.

Zwischenzeitlich hat der Salóng, die kleine Kneipe in der Alten VHS, wieder geöffnet und es finden wieder kleinere Gruppentreffen und Vorträge im und vor dem Haus statt. Es ist nicht zu vergleichen mit dem Betrieb vor der Pandemie, der vor dem Auszugstermin Ende diesen Jahres sehr wahrscheinlich auch keinen Einzug mehr in der Kasernenstraße finden wird.

Ob, wie und wo es im nächsten Jahr weitergeht? Das hängt auch damit zusammen, wie viel Druck die Bonner:innen auf die Stadtverwaltung und Politik in den nächsten Monaten ausüben werden. Ende Mai zogen bereits mehr als 700 Menschen für die Alte VHS durch die Innenstadt. Das kann jedoch nur der Anfang sein, denn Freiräume wachsen nicht auf Bäumen oder können mit Geld aus dem Boden gestampft werden. Sie entstehen durch das Engagement vieler Einzelner und durch das Aufbringen von unzähligen Stunden ehrenamtlicher Arbeit. Sei es durch die Teilnahme auf Demos oder die Mitarbeit in der Orga-Gruppe des Hauses. Es liegt bei Allen, denen die Alte VHS und kulturelle Freiräume als Ganzes am Herzen liegen, sich aktiv für den Erhalt einzubringen.

Bildquelle: Anete Lusina via Pexels

Kultur

Die besten Hits, der beste Mix?

Vom Suchen und Finden der Musikliebe

Ein Essay von Ronny Bittner

24.08.2021 - Ausgabe 75

Es gibt diese Momente, in denen ich mich vom Leben betrogen fühle. Sollte dieses Erwachsensein nicht mit durchgefeierten Nächten ausgefüllt werden? Warum kann ich nicht einfach alles kaufen, was ich will? Und warum sagen mir noch immer andere Menschen, was ich wann wie tun soll? (Hallo Chefredakteurin! <3) Wenn man mit über dreißig noch an der Universität stu… arbei… aktiv ist (Hallo Prüfungsamt! <3), fühlt man sich manchmal alt. Sehr alt. Damals, noch vor dem Krieg – um fzs, Unicard und Kulturticket – war die Welt im Großen und Ganzen weder besser noch schlechter als heute. Okay, es gab noch keine brauchbaren Kopfhörer mit active noise canceling, aber das wird mal ein anderer Text und gehört jetzt nicht hierher. Hiermit sei es jedoch angekündigt um eine Erwartungshaltung zu schüren (Hallo Leser:in! <3) und mich auch tatsächlich dazu zu bringen (Hallo Zukunfts-Ronny! <3).

Mit fortschreitender Lebensdauer stellte ich eines Morgens fest, dass es plötzlich ein “damals” gibt, ein “früher”, in dem Dinge nicht unbedingt besser, aber anders waren. Die langen Schatten der individuellen Vergangenheiten färben die Gegenwart unterschiedlich.

Eine Sache hat sich für mich geändert, die ich heute nicht mehr vermisse: Vor zehn Jahren habe ich mich noch dafür interessiert, welche Musik eigentlich im Radio läuft. Der aktive Blick hinter die Kulissen (Hallo Campusradio! <3) hat mich zwar verzaubert, aber auch desillusioniert. Im Studio konnten wir relativ frei entscheiden, welche Musik wann wo wie gespielt wird. Eine Stunde Sigur Rós in der Musik-Spezialsendung am Dienstagabend? Jede Nachmittagssendung mit mindestens einem Song der Ramones (Hallo Punks! <3) bestreiten? Ein Lied ohne treibenden Beat in der Frühstückssendung? Alles kein Problem! Die Musikredaktion hat sich ganze Alben angehört, über Neuzugänge abgestimmt, Playlisten erstellt und obendrauf konnten Moderator:innen der Sendung eine persönliche Note verleihen.

Mit Blick auf andere Radiosender hat sich in mir das Gefühl verfestigt, dass es den meisten leider völlig egal ist, welche Musik über ihre Antenne lief und läuft. Ein Sonderfall sind Spezialsendungen, in denen tatsächlich Lieder über 5min oder (noch) eher unbekannter Künstler:innen laufen, aber tagsüber darf den Menschen an den Empfangsgeräten – don’t call it Sektor! – nicht zu viel zugemutet werden. Bezeichnend dafür sind auch Berichte darüber, wie eigentlich welche Musik ins Radio kommt. (Link)

Die aufwendig gebauten Beiträge, ausführliche Interviews oder ganze Features zu einem Thema sind heute komplett im Podcast-Bereich untergekommen und lassen sich dort ohne lineare Zwänge anhören. Viele Radiosender laden diese Formate auch direkt als Podcasts hoch und wenn dann noch in einer Playlist die eigene Musik und kurze Nachrichten-Podcasts kombiniert werden… dann fehlt eigentlich nur noch die Radiowerbung. Was mache ich denn jetzt bei Steinschlag in der Windschutzscheibe?

Was das Radio jedoch wie kaum ein anderes Medium kann: die Hörer:innen durch die Zeit reisen zu lassen. Zwar sind es immer dieselben Songs, die ganze Jahrzehnte vertreten sollen, aber es gibt diese Songs, von denen man genau weiß, wo man sie wann zum ersten Mal gehört hat – und mit wem. Vor dem Streaming konnte Musik völlig unerwartet in ein Leben treten und dort Flächenbrände auslösen, ohne dass ein Algorithmus vorab den eigenen Geschmack analysierte. Die Musik im Auto der Eltern auf dem Weg in den Urlaub (Verkehrsfunk!), das kleine Radio voller Farbe am Gerüst der Bauarbeiter:innen, die FM-Antenne im Handy-Headset im Zug zur Klassenfahrt (Datenvolumen waren SEHR gering) – Musik lauerte überall.

Es gibt eine direkte Verbindung von dem Tag am Ende der 90er, als ich im quäkigen Küchenradio das erste Mal die Stimme Liam Gallaghers hörte, zu meinem ersten Konzert, Proberäumen, Auftritten, Gin&Tonic und Gesprächen mit Thees Uhlmann bis hin zu den Gitarren, die ich Jahre später kaufte. Wie wäre mein Leben ohne diesen Moment verlaufen, der mich am nächsten Tag CDs in der Stadtbibliothek suchen ließ? Ich hätte vermutlich mehr Platz in meinem Zimmer und zwei völlig intakte Ohren – danke Noel! Vier Jahre vor diesem Moment haben Oasis in Knebworth an zwei Abenden vor 250.000 Menschen gespielt, worüber im September diesen Jahres eine Doku in die Kinos kommt. Noel wird nie wieder Songs für Liam schreiben und so freuen sich Fans über jede Neuveröffentlichung älterer Aufnahmen. Die Nostalgiewelle wird geritten bis sie bricht – und durch die nächste ersetzt wird. Irgendein „Meilenstein der Musikgeschichte“ hat immer gerade Jubiläum. Natürlich habe ich eine Kinokarte für die einmalige Vorführung der Knebworth-Doku gekauft.

Mit dem Siegeszug des Streamings über Musiksender und Formatradios sind die Möglichkeiten zu Autonomie und Mündigkeit der Hörer:innen erheblich angewachsen, Musik vieler Jahrzehnte ist niedrigschwellig aufrufbar und es kann jederzeit alles angehört werden. Überraschungsfaktor? Null. Es gibt zwar moderierte Playlisten zu Genres, Kategorien, Anlässen etc., jedoch finden sich recht häufig dieselben Künstler:innen in bestimmten Playlisten wieder, die Reihenfolge scheint wahllos und wie oft wird dort tatsächlich auf einen völlig unbekannten Namen geklickt? Kann man sich tatsächlich in ein – meist mittelmäßig klingendes – gestreamtes mp3 verlieben? Mir ist es bislang weder auf Spotify noch auf Tidal wirklich gelungen und wenn, dann haben die Songs z.B. durch Konzerte eine weitere Dimension bekommen, aber der „Wow, was ist DAS?“-Moment bleibt leider aus. Mit wenigen Mausklicks lassen sich Biografien, die erfolgreichsten, i.e. meist gestreamten, Songs und eine aus eben jenen Songs zusammengesetzte Playlist finden. Sind Dinge auf dem Silbertablett nicht manchmal auch fad und langweilig?

Neue Musik finde ich heutzutage durch Empfehlungen von Freund:innen, Aussagen von Musiker:innen oder Autor:innen in Interviews oder auch durch Erwähnung in Podcasts und Literatur. Zwar werden im Streamingdienst wöchentlich Neuerscheinungen präsentiert, aber um nicht den ganzen Tag durch mir unbekannte Songs mir unbekannte Künstler:innen zu skippen, schaue ich dann doch wieder nach den mir bekannten Namen – und auch diese Listen sind nicht sichtbar nach Kriterien zusammengestellt. Mit der Verfügbarkeit von (fast) allem zu jeder Zeit wächst auch die Unübersichtlichkeit und die Überforderung angesichts der schier endlosen Auswahl. Als CD oder auf Vinyl kaufe ich nur noch die mir wirklich wichtigen Alben – auch wenn man dank Streaming vorab schon hören kann, ob es sich lohnt oder neben den drei Singles nur mittelmäßige Lückenfüller drauf sind. Der Musikindustrie ging es finanziell wesentlich besser, als man solche Dinge in der Regel erst nach dem Kauf bemerken konnte.

Nein, ich möchte das Rad der Zeit gar nicht zurückdrehen; das Streamen von Musik und die vollständige Analyse sämtlicher Hörgewohnheiten ist eine Konsequenz technischer und wirtschaftlicher Entwicklungen, die seit Erfindung von Tonträgern immer nach Verkleinerung, besserer Transportierbarkeit und erhöhter Verfügbarkeit strebten. Bei allen Problemen hat diese Entwicklung auch zum breiten gesellschaftlichen Zugriff auf Musik beigetragen. Das Suchen und Finden von Musik ist dabei leider auf eine Suchanfrage zusammengeschrumpft und ich zumindest finde das sehr, sehr schade.  

Geschichte

Von Schulden und Schuld.

Warum Deutschland endlich Reparationen zahlen sollte - zweiter Teil

Essay von Jan Bachmann

24.08.2021 - Ausgabe 75

Anders als ursprünglich geplant erscheint dieser Text in vier statt in zwei Teilen. Im zweiten Teil betrachten wir daher nicht die Reparationsansprüche Polens und Griechenlands und die durch Zwangsarbeit geschaffenen wirtschaftlichen Werte, wie beispielsweise das Vermögen der Familie Quandt, sondern befassen uns zunächst mit der Zwangsarbeit im Allgemeinen und den Entschädigungen, die – in erster Linie nicht – gezahlt wurden. Als Beispiel dient uns dazu die deutsche Lufthansa, deren Verhalten bis auf den heutigen Tag ein Maß an Räudigkeit zu Tage treten lässt, das sprachlos macht, jedoch keineswegs die Ausnahme bildet.

Der erste Teil des Textes endete mit dem Bundesentschädigungsgesetz von 1956, das Opfern des deutschen Unrechts eine symbolische Entschädigung zusicherte, allerdings nur, wenn sie in der Bundesrepublik lebten. Ebenfalls ausgeschlossen von einer Entschädigung waren etwa Sinti:zze und Rom:nja, Kommunist:innen, Homosexuelle und viele Gruppen.

Im Jahre 1965 gab es eine Novellierung des Gesetzes. Durch die Verlängerung von Fristen und diverser Härtefallregelungen wurde der Kreis der Empfänger:innen erweitert. Hinter der Novellierung stand die Absicht der Regierung, einen „würdigen Schlussstrich“ unter die Verbrechen zu ziehen und die „nationale Ehre“ Deutschlands wiederherzustellen. Ausgeschlossen von der Entschädigung blieben aber weiterhin Verfolgte, die außerhalb der Grenzen des Deutschen Reiches von 1937 lebten und sämtliche Zwangsarbeiter:innen.

Zur Zwangsarbeit

Durch das System der Zwangsarbeit wurden in Deutschland Werte geschaffen, die bis heute fester Bestandteil der deutschen Volkswirtschaft sind. Deutschland lag im Jahre 1945 keineswegs völlig am Boden. Sicherlich wurden während des Krieges viele Industrieanlagen durch Luftangriffe zerstört, viele davon jedoch auch wieder aufgebaut – durch Zwangsarbeiter:innen. Hierdurch lag die Produktionskapazität der deutschen Industrie im Jahre 1945 über der des Jahres 1939.

Auch wurden große Teile der Enttrümmerungsarbeiten in deutschen Städten bereits während des Krieges von Zwangsarbeiter:innen ausgeführt. Dass die Kriegsschäden großteils von sog. Trümmerfrauen beseitigt wurden, ist ein Mythos, der einer historischen Prüfung nicht standhält. Gleiches gilt übrigens auch für die Aussage, Unternehmen seien gezwungen gewesen, Zwangsarbeiter:innen anzufordern.

Während des Krieges wurden über 10 Millionen Zwangsarbeiter:innen nach Deutschland verschleppt bzw. in Deutschland festgehalten. Zum Vergleich: Im Zuge des Atlantischen Sklavenhandels wurden seit dem Beginn des 16. Jahrhunderts etwa 12 Millionen Menschen gegen ihren Willen verschifft.

Viele der Zwangsarbeiter:innen starben schon während des Krieges, teils „lediglich“ durch die schlechten Arbeitsbedingungen und Versorgung, teils aber auch durch die gezielte Vernichtung durch Arbeit.

Von den Überlebenden erlitten viele große Schäden an ihrer Gesundheit, mit denen sie oft für den Rest ihres Lebens zu kämpfen hatten. Für die Betroffenen entstand hierdurch nicht nur viel Leid, sondern auch – je älter sie wurden – erhebliche Kosten.

In den 90er Jahren schließlich forderten einige Zwangsarbeiter:innen ihr Recht und bereiteten Klagen gegen jene deutschen Unternehmen vor, für die sie einst Zwangsarbeit leisten mussten.

Beispiel: Lufthansa

Eine Klage richtete sich gegen die Lufthansa. Die Lufthansa wurde 1926 gegründet und unterstützte schon früh die Nationalsozialisten. Auch wurden bei der Lufthansa die Piloten der künftigen Luftwaffe ausgebildet, da es dem Deutschen Reich aufgrund des Friedensvertrages von Versailles verboten war Luftstreitkräfte aufzubauen. Dank ihrer überaus guten Beziehungen zur nationalsozialistischen Führung gelang es der Lufthansa, den lukrativen Auftrag der Reparatur beschädigter Flugzeuge der deutschen Luftwaffe zu erhalten, die 1935 gegründet wurde. Diese Reparaturarbeiten – bekanntermaßen wurden währen des Krieges ja recht viele deutsche Flugzeuge abgeschossen – ließ die Lufthansa von Zwangsarbeiter:innen ausführen. Hierzu wurden allerdings keine Zwangsarbeiter:innen aus Konzentrationslagern eingesetzt, sondern eigens für die Lufthansa spezielle Greifkommandos eingesetzt, durch welche hinter den Frontlinien Menschen für die Arbeit bei der Lufthansa entführt und nach Deutschland verschleppt wurden.

Da einige der anfallenden Arbeiten – etwa das Nieten bei Flugzeugflügeln – von ausgewachsenen Menschen nur sehr schwer ausgeführt werden konnten, gehörten zu den von oder im Auftrag der Lufthansa entführten Menschen auch viele Kinder. Nach der Kapitulation wurde die Lufthansa 1945 als nationalsozialistische Organisation verboten, 1951 wurde das Unternehmen abgewickelt. 1953 wurde dann ein neues Unternehmen, das der 1951 liquidierten Lufthansa den Namen und das Logo abgekauft hat und sich nun ebenfalls Lufthansa nennt, gegründet. Diese neue Lufthansa übernahm ebenfalls Teile des Materials und auch des Personals der alten Lufthansa – bis auf die Zwangsarbeiter:innen natürlich. Auch schmückt sich die neue Lufthansa sehr gerne mit dem Image der alten Lufthansa aus der Pionierzeit der Fliegerei. Bis vor kurzem hatte man zu diesem Zweck sogar noch eine JU 52 von Junkers in Betrieb, mit der ab 1936 Piloten der Lufthansa die Lüfte und ab 1940 Piloten der Luftwaffe andere Länder eroberten.

Als Reaktion auf die Klage der ehemaligen Zwangsarbeiter:innen stellte die Lufthansa jedoch fest: Die Lufthansa wurde 1953 gegründet und hat mit dem gleichnamigen Unternehmen, das es zuvor gab und das ebenfalls Lufthansa hieß, nichts zu tun.

Gleichzeitig aber wuchs auf Seiten der deutschen Wirtschaft und auch der deutschen Regierung die Sorge vor den Kosten, aber auch den Folgen für das Image der Bundesrepublik, die durch derartige Klagen entstehen konnten. Vielen ehemaligen Zwangsarbeiter:innen, von denen die meisten aus Osteuropa stammten, war es ja überhaupt erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs möglich geworden, ihre Ansprüche gegen deutsche Unternehmen geltend zu machen.

Entschädigungen, die keine waren

Bereits seit den 50er Jahren kam es gelegentlich vor, dass Unternehmen der deutschen Wirtschaft in Anbetracht drohender Klagen symbolische Zahlungen an ehemalige Zwangsarbeiter:innen bzw. an Organisationen, die die Zwangsarbeiter:innen vertraten, leisteten. Diese Zahlungen sollten jedoch – und das wurde stets ausdrücklich betont – nicht das Eingeständnis irgendeiner Schuld oder die Erfüllung eines möglichen Anspruchs aus der Zwangsarbeit darstellen. Die Empfänger:innen der Zahlungen ihrerseits verpflichteten sich aber mit der Annahme der Zahlung, keine Ansprüche gegen die Unternehmen mehr geltend zu machen. Die gezahlten Beträge war recht überschaubar: So zahlte etwa der Krupp-Konzern 10 Millionen DM, AEG-Telefunken – seinerzeit  einer der größten deutschen Hersteller der Radio- und Nachrichtentechnik – 4 Millionen DM und der Siemens-Konzern 7 Millionen DM.

 

Um das Thema nun abschließend zu klären und die deutsche Wirtschaft vor Klagen zu schützen, riefen daher im Jahr 2000 die Bundesregierung und die deutsch Wirtschaft die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ ins Leben, die die zu diesem Zeitpunkt noch lebenden Zwangsarbeiter:innen – der Krieg war schließlich schon 55 Jahre vorbei – entschädigen sollte, wobei es sich bei den Zahlungen, die die Stiftung leistete, rechtlich natürlich nicht um echte Entschädigungen handelte. Hierzu stellte die Bundesrepublik auf der einen und 6000 Unternehmen der deutschen Wirtschaft auf der anderen Seite einen Betrag von jeweils 5 Milliarden DM zur Verfügung. Auch die Lufthansa zahlte einen symbolischen Betrag in den Entschädigungsfonds ein.

Entschädigungen, die nicht gezahlt wurden

 Um jedoch eine der symbolischen Entschädigungszahlungen, die von 2001 bis 2007 ausgezahlt wurden, zu erhalten, mussten die betroffenen Zwangsarbeiter:innen nachweisen, dass sie während des Krieges Zwangsarbeit in Deutschland leisten mussten. Dies wurde aber für viele ehemalige Zwangsarbeiter:innen der Lufthansa zu einem Problem: Da es in der Sowjetunion und den von ihr kontrollierten Staaten zur Zeit Stalins als Kollaboration mit dem Feind galt, die hart bestraft werden konnte, wenn Menschen Zwangsarbeit für die Deutschen geleistet hatten, vernichteten zahlreiche Zwangsarbeiter:innen vor ihrer Rückkehr in ihre Heimat ihre Arbeitsbücher und sonstige Unterlagen, mit denen man die Zwangsarbeit belegen konnte.

So machten es auch viele der etwa zehntausend ehemaligen Zwangsarbeiter:innen der Lufthansa, die ihre Zwangsarbeit nun nicht mehr nachweisen konnten. Unterlagen, mit denen man zweifelsfrei hätte nachweisen können, dass die Betroffenen Zwangsarbeit geleistet hatten, befanden (und befinden) sich aber noch im Archiv der alten, 1951 abgewickelten, Lufthansa. Dieses Archiv wiederum befindet sich – zufällig – im Besitz der neuen, 1953 gegründeten, Lufthansa, die sich aber weigerte, den Zwangsarbeiter:innen die nötigen Nachweise zur Verfügung zu stellen, schließlich habe die neue Lufthansa nichts zu schaffen mit Dingen, die vor 1953 passiert sind. Inzwischen sind die meisten Zwangsarbeiter:innen gestorben, eine Entschädigung oder auch nur ein Wort des Bedauerns haben sie – wie so viele – nie erhalten.

Vielen Zwangsarbeiter:innen hätte gerade auch letzteres viel bedeutet.

Was wirklich wichtig ist

Wie wichtig dem deutschen Staat seine historische Verantwortung jenseits von Gedenkveranstaltungen ist, lässt sich ganz gut daran bemessen, dass im letzten Jahr mit knapp 9 Milliarden Euro für die Lufthansa mehr als doppelt soviel Geld zur Errettung einer Zwangsarbeiter:innen prellenden Nazi-Airline ausgegeben wurde als für die Entschädigung sämtlicher noch lebenden Zwangsarbeiter:innen.

Ähnlich ist es mit dem Zeitpunkt der Zahlungen, die mehr als ein halbes Jahrhundert nach Kriegsende erfolgten. In anderen Bereich mussten die Betroffenen nicht so lange warten: Der Volkswagen etwa, in den 30er Jahren auf Betreiben der Nazis als günstiges Auto für die Massen entwickelt, sollte von der NS-Organisation Kraft durch Freude (KdF) vertrieben werden. Um einen Wagen zu bekommen, konnten die Käufer:innen ab Sommer 1938 wöchentlich eine Rate zu 5 RM zahlen. Wenn der Kaufpreis von knapp 1000 RM erreicht wurde, sollte man einen Wagen erhalten. So zahlten dann auch hunderttausende brave Volksgenoss:innen ihre Raten, doch bekamen nie einen Wagen.  Produziert wurden im Volkswagenwerk –  übrigens von Zwangsarbeiter:innen – nämlich keine Volkswagen, sondern Kübelwagen für die Wehrmacht; die Technik der beiden Fahrzeuge war praktischerweise kompatibel. Die Entschädigung der KdF-Sparer:innen durch Volkswagen erfolgte im Jahr 1961, lediglich vier Jahrzehnte vor der der Zwangsarbeiter:innen.

Sowjetische Kriegsgefangene, die ebenfalls Zwangsarbeit leisten mussten und Opfer von rassistischer Gewalt wurden, erhielten keine Entschädigungen.

Im dritten und viertel Teil des Textes betrachten wir anhand einiger Beispiele noch einmal genau, wie durch Zwangsarbeit Werte und Vermögen geschaffen wurden, die bis heute noch eine wichtige Rolle in der deutschen Wirtschaft spielen. Außerdem beleuchten wir – wie angekündigt – die Diskussion um die aktuellen Reparationsansprüche aus Griechenland und Polen.

Fotos von Daniel Krämer

Stadt/Gesellschaft

Wie war die Bonner Pride

Ein Erlebnisbericht

Ein Gastartikel von Milan Nellen

24.08.2021 - Ausgabe 75

Am 31. Juli 2021 fand erstmals in Bonn eine Pride Demo statt. In anderen Städten wie etwa Köln gehören alljährliche Pride Demos, im Zuge derer queere Menschen, auf die immer noch überall in der Gesellschaft vorzufindende Diskriminierung hinweisen und Gleichberechtigung einfordern, schon fast zur lokalen Tradition, in Bonn bisher in dieser Form jedoch nicht. In den Jahren davor hatte es mit der Veranstaltung „Beethovens Bunte“ lediglich einige Stände auf dem Münsterplatz gegeben, aber keine Demonstrationen. Nachdem auch Beethovens Bunte im vorangegangen Jahr aufgrund des Schutzes vor der Covid-Pandemie nicht stattfinden konnte, wurde das Fest dieses Jahr durch eine Demonstration mit über 400 Teilnehmenden ersetzt. Die Route der Demo führte dabei vom Beueler Rheinufer über die Kennedy-Brücke, den Bertha-von-Suttner-Platz und Friedensplatz bis zum Münsterplatz, wo eine Abschlusskundgebung mit zahlreichen Redebeiträgen stattfand. Aufgrund der leider immer noch anhaltenden Pandemie war wie auf jeder größeren Veranstaltung ein Hygienekonzept notwendig: So mussten Sicherheitsabstände eingehalten und medizinische Masken getragen werden. Unter den die Demonstration veranstaltenden Organisationen waren unter anderem GAP, ein queeres Jugendzentrum aus Beuel und das LBST-Referat des AStA. Obwohl die Demonstration trotz des später einsetzenden Regens von einer fröhlichen Stimmung und Atmosphäre geprägt war, handelte es sich ohne Zweifel um eine politische Veranstaltung, bei der große Unzufriedenheit mit der aktuellen Politik und Kritik an dieser zum Ausdruck gebracht wurde. Insbesondere wurden CDU und SPD scharf für die Beibehaltung des Transsexuellen Gesetztes (TSG) kritisiert, das Transgender-Personen demütigende, psychisch belastende und nicht zuletzt finanzelle Hürden in den Weg stellt, wenn sie etwa eine Personenstandänderung beantragen oder mit einer Hormontherapie beginnen möchten. Die SPD stand besonders in der Kritik, da sie sich eigentlich zur Durchsetzung der Interessen von Transgender-Personen bekennt, jedoch in einer Bundestagsabstimmung zusammen mit CDU und AfD gegen mehrere von den übrigen Oppositionsparteien unterstütze Reformvorhaben stimmte, welche Transgender-Personen eine größere Selbstbestimmung ermöglicht hätten. Kritisiert wurde außerdem, dass queere Menschen besonders unter den durch die Covid-Pandemie nötig gewordenen Hygienemaßnahmen zu leiden haben, da für sie ein queeres Jugendzentrum, ein queerer Club oder eine queere Kneipe nicht nur ein Ort zum Party machen seien sondern auch ein Schutzrum vor Diskriminierung. Diese Schutzräume seien während des Lockdowns weggefallen und nicht durch andere, coronakonforme Angebote ersetzt worden, was besonders für Menschen gefährlich sei, die z. B. in ihrem Umfeld aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Geschlechtsidentität Gewalt ausgesetzt sind. Verglichen mit Beethovens Bunte war diese Pride Demo also inhaltlich deutlich kritischer und einfach durch die Bewegung, die eine Demo von einer Standpunktkundgebung unterscheidet, in ihrem Auftreten deutlich mitreißender. Nach ungefähr drei Stunden wurden die Demo und die Endkundgebung dann beendet. Wir sehen uns spätestens nächstes Jahr wieder!

...auf der Suche nach Liebe (Quelle: cottonbro via Pexels)

Gesellschaft

Reflexion über ein Gefühl

Irgendwo zwischen Eifersucht und Liebe

Eine Kolumne von Helene Fuchsuber

27,.02.2020 - Lesedauer 2.Min.

Irgendwann war da mal die Idee, Liebe über diese Ausgabe der FW zu schreiben. Und also war da auch der Plan, dass hier jetzt ein Text über Liebe kommt. Kommt jetzt aber doch nicht, nicht so richtig jedenfalls. Stattdessen wird das ein Text über ein sehr diffuses Gefühl, dem ich in letzter Zeit ein paar Mal begegnet bin und über das ich reflektiert habe. Es ist schwer fassbar, kommt in den ungelegensten Momenten und ist irgendwas zwischen Neid und Eifersucht und Liebe. Oder so.

Eben diffus.

Wir sitzen in einer lockeren Runde im Gras, es ist spät, alle halten wahlweise Kippen oder Biere in den Händen, Gespräche und Gesprächspartner:innen wechseln sich ab. Er beugt sich an mir vorbei und gibt dem Mädchen neben mir einen Kuss. Er und das Mädchen müssen für diesen Text jetzt einfach mit der Benennung Er und das Mädchen auskommen. Es ist überhaupt nicht schlimm, dass er sich an mir vorbei lehnt und mit ihr knutscht. Wir waren nicht zusammen und keinerlei Gefühle im Spiel, wie Mensch so schön sagt. Aber es sind immer Gefühle im Spiel. Und also, während ich versuche, ihnen nicht beim Rummachen zuzuschauen, fühle ich dieses diffuse Gefühl. Es geht mir nicht um ihn, ich bin nicht eifersüchtig auf sie oder neidisch. Es ist irgendetwas anderes, ein kleines Ziehen, das nervt.

Was noch mehr nervt ist, dass, obwohl der Moment kurz und das akute Ziehen noch kürzer waren, ein Nachgeschmack bleibt. Dieses diffuse Gefühl.

Irgendwas in die Richtung, nicht genug zu sein. Nicht unbedingt zu wenig, nur nicht genug oder jedenfalls nicht richtig, vermutlich an den falschen Stellen zu viel oder zu wenig. Vermutlich einfach nur für diese Person. Wissen wir ja alle, dass es nicht mit jeder Person funkt oder auch funktioniert. Also das, was wir Liebe nennen. Wir wissen das alle und es wäre ja auch noch schöner wenn nicht, also wenn wir uns alle in alle verlieben könnten, aber manchmal wäre es so viel leichter, wenn es ginge. Also doch ein Text über Liebe, wer hätte das gedacht. 

Bei der letzten Redaktionssitzung wurden Platons Kugelmenschen kurz angerissen. Das Thema werde ich jetzt nicht weiter ausweiten. Aber ihr Bild, das uns deutlich zu viele Filme, Bücher, Liebeslieder vermitteln, bleibt: Du findest deine bessere Hälfte und dann lebst du glücklich bis an dein (oder ihr) Lebensende mit ihr zusammen, juchee. Nur dass das in der Realität nicht unbedingt passiert. Es gibt nicht nur diese eine Person. Wir können ganz viele Menschen toll finden. Gleichzeitig oder je nach Lebensphase unterschiedlichste Personen. Weil wir uns ja auch verändern.

Und doch bleibt manchmal das Gefühl. Also das diffuse, über das ich ankündigte zu schreiben. Wir wissen manchmal von einer Person ganz genau, dass sie weder unsere andere Hälfte noch unser Mensch für diesen Lebenszeitraum oder auch nur Moment ist. Wir wissen das, weil wir es fühlen, dieser Person im Grunde das Stückchen Irgendwas fehlt, dass sie zu unserer Person macht. Und trotzdem sagt uns das Gefühl, flüstert es uns ein, Du bist nicht genug.

Meine Antwort an dieses Gefühl und kurzer Appell an alle:

Du bist genug.

Nicht nur genug.

Du bist du und das ist gut so. Es gibt nicht das Optimum, das du zu erreichen hast. Das gibt es auch nicht für deine Gegenüber. Es gibt nur das Hinarbeiten auf die Akzeptanz deiner selbst mit gleichzeitiger Bereitschaft, dich zu verändern. Nicht, weil andere das von dir erwarten oder du das machen müsstest, sondern einfach, weil es wichtig ist, flexibel zu bleiben und sich nicht in sich selbst zu verfahren. Auch wenn du gut so bist, wie du bist.

Das als kurze Erinnerung. Aber die reicht ja mitunter einfach nicht.

Deshalb ein weiterer mehr oder weniger hilfreicher Gedanke.

Wir stellen das Finden unserer besseren Hälfte auf ein Podest. Oder auch ganz unabhängig von Platon: Das Finden der Person oder der Personen, in die wir uns verlieben und mit denen wir dann irgendeinen Teil von uns und unserem Leben und unserer Zeit teilen. Wir stellen das auf ein Podest und schreiben in großen Lettern Liebe darüber, genauer gesagt romantische Liebe.

Es gibt ja nun verschiedene Podeste, aber das, was mir gerade vorschwebt, ist dieses Sieger:innentreppchen mit erstem, zweiten, dritten Platz. Also, romantische Liebe belegt Platz eins. An zweiter Stelle folgt die Familie, denn Blut ist ja bekanntlich dicker als Wasser. Und außerdem ist das ja im nächsten Schritt bestenfalls das, was aus romantischer Liebe entsteht. Also Familie. Anyway.

Auf Platz drei stehen Freund:innenschaften.

Warum? Warum nur auf Platz drei? Freund:innen könne wir uns im Gegensatz zu Familie aussuchen, sie können uns finden, wir können sie suchen. Schon die Spice Girls wussten: friendship never ends. Das ist natürlich auch eine Romantisierung, denn was hält schon ewig? Und es ist auch ok, dass sich Freund:innenschaften verändern oder verlaufen. Aber, wenn ich mir so die letzten 22 Jahre meines Lebens anschaue… Ich habe Freund:innen, die ich seit der Kinderkrippe kenne, seit der Grundschule, seit dem Gymnasium – einfach schon wirklich lang. Und die ich auch echt super gern hab, die ich liebe. Es gibt hingegen keine romantische Beziehung, in der ich es so lange ausgehalten habe oder die es so lange mit mir ausgehalten hat. Wieso also meine Freund:innen auf Platz drei lassen, wenn Platz eins eh leer ist?

Da will ich sie eigentlich gar nicht unbedingt hin heben, weil ich meine Familie auch wirklich mag. Ich will stattdessen dieses doofe Sieger:innentreppchen aussortieren, irgendwohin räumen und dort vergessen.

Wir streben immer nach irgendeinem Optimum, Platz eins. Und vergessen darüber oft wertzuschätzen, was, beziehungsweise wen wir schon haben.

Weil ich ja aber noch vor Liebe über dieses komisch diffuse Gefühl schreiben wollte, was mich von Zeit zu Zeit überrollt, hier nochmal ein kurzer Exkurs. Dieses Gefühl schleicht sich nämlich leider manchmal auch in Freund:innenschaften ein und in Geschwisterbeziehungen sowieso. Es führt dann wiederum dazu, dass ich mich selbst, meine Entscheidungen, das, was ich mache, kurz in Frage stelle. Nicht weil es per se schlecht ist oder mir nicht gefällt, sondern weil ich in Beziehungen mit Menschen, die ich mag oder liebe, nicht immer um einen Vergleich drum herumkomme und dann das Gefühl Zweifel an mir säht. Da ist es also wieder, das Nicht-Genug, das viele Fragen stellt. Ob ich das Richtige mache, es nicht eigentlich viel bessere Sachen für mich gäbe. Ob ich ok bin, wie ich bin, nicht eigentlich ganz anders sein sollte. Oder niedrigschwelliger, ob ich mich nicht einfach nur in dieser einen Situation anders hätte verhalten sollen, nur ein anderes Wort…

Ich habe am Anfang geschrieben, dass dieses Gefühl irgendwo zwischen Eifersucht und Neid und Liebe steckt, aber wenig später und auch gerade nochmal festgestellt, dass es weniger Eifersucht auf jemanden oder etwas ist, sondern mehr ein Zweifel an mir selbst. Vielleicht ist es das, was ich meine. Vielleicht handelt es sich bei diesem Gefühl schlicht und ergreifend um Selbstzweifel, die ganz unabhängig oder auch ganz abhängig von Liebe auftauchen können. Die vermutlich selbst dann noch manchmal vorbeischneien, wenn wir uns selbst wirklich lieben.

Vielleicht krame ich also doch nochmal ein Podest hervor. Nicht das Sieger:innentreppchen, das bleibt, wo es ist. Lieber eine Art Startblock. Oben drauf kommt die Selbstliebe. Nicht Egomanie, Narzissmus oder dergleichen. Mehr ein In-Sich-Ruhen, mit sich selbst im Reinen sein. Ohne den Blick für andere zu verlieren. Weil wir, glaube ich, nur so in jeder anderen Liebesbeziehung, egal ob in Freund:innenschaften, in der Familie oder in romantischen Beziehungen zumindest teilweise um dieses diffuse Gefühl herum kommen. 

Über die Autorin

Helene Fuchshuber

ist zwar hoffnungslose Romantikerin, (wobei die Betonung dabei gerade eher auf hoffnungslos liegt), aber plädiert nichts desto trotz für mehr Wertschätzung der Freund:innenschaften, der (Wahl)Familien und insbesondere: für sich selbst.

Also, let’s do it, let’s fall in love with ourselves (frei nach Ella Fitzgerald).