Editorial

Lieber Leser*innen,

 

Das erste Digitalsemester an unserer Universität neigt sich langsam dem Ende zu und wir verlassen mehr und mehr wieder unsere muffigen Zimmer. Es scheint für uns eine gute Zeit zu sein, einmal zu resümieren und nachzudenken, was wir aus den letzten Monaten mitgenommen haben – oder was noch mitzunehmen ist. Dafür greift Tom das offensichtlichste Thema auf und plädiert mit Herz dafür, die Universität im Wintersemester wieder für die Präsenzlehre zu öffnen. Es fehlen vor allem die beiläufigen sozialen Kontakte und die Abwechslung, meint er. Schwerere Probleme spricht Jan in seinem Artikel über die Corona-Nothilfen für Studierende an: 100 Millionen Euro für drei Millionen Studierende – unzureichend, so der Tenor des Artikels. Helene erzählt euch dann aus einer persönlicheren Perspektive, was die Krise für sie bedeutet und wieso diese  vielleicht zu ihrem Umzug geführt hat. Sie spricht dabei eine ganze Reihe von Aspekten „neuer Normalität“ an, unter denen fast jede*r einen Identifikationspunkt finden sollte. Melina hingegen wendet den Blick vorsichtig nach vorne und setzt sich in ihrem Erfahrungsbericht mit den Perspektiven der Autokinos auseinander. Hier bekommt ihr eine empirisch fundierte Einschätzung, ob sich diese auch nach Corona noch lohnen könnten. Den Abschluss dieser Ausgabe bildet ein kleiner Ratgeber von Sam über verschiedene Dating-Portale, ihre Stärken und Schwächen und die Vor- und Nachteile von Online-Dating überhaupt. Zumindest zur Zeit bietet es mit Sicherheit die beste Möglichkeit, trotz physical distancing noch neue Leute kennenzulernen.

 

Wir wünschen euch viel Spaß beim Lesen 🙂

Clemens Uhing. Chefredakteur

Inhalt

Universität

Ein Plädoyer gegen ein weiteres Semester vor dem Bildschirm

Studium

Hat sich das Warten für Studis in finanziellen Nöten gelohnt?

Gesellschaft

Eine Vorher//Nachher Bestandsaufnahme

Kultur

Filmerlebnis – Autokino vs. Streaming

Leben

Nicht erst seit Corona. Die gängigen Apps.

Universität

Ich will wieder in die Universität!

Noch ein Digitalsemester schaffe ich nicht. Ein Plädoyer dafür, dass Studieren ab Herbst wieder in Präsenz möglich ist.

Ein Kommentar von Tom Schmidtgen

So langsam nervt es mich. Ich sitze seit vier Monaten in meinem Zimmer vor einem Laptop und sehe draußen die Sonne scheinen. Seminar für Seminar schaue ich in die kleine Kamera meines Laptops und in meist gelangweilte Gesichter meiner Kommiliton*innen, wenn sie denn überhaupt ihre Kamera anhaben. Es reicht mir. Ich will zurück in die Uni. Ich will meine Freund*innen in der Uni treffen. Ich will in der Mensa schlechtes Essen essen, dabei auf der Empore sitzen und Leute beobachten. Ich will teuren Kaffee in den umliegenden Cafés trinken. Ich will über die Hofgartenwiese spazieren und das Hauptgebäude endlich ohne Bauzaun genießen. Ich will mit dem RE5, wenn auch verspätet, und ich dann fluchend, zurück in mein Zimmer nach Köln fahren. Stattdessen sitze ich in ebenjenem und fluche über das Digitalsemester.

Am Anfang habe ich mich noch gefreut. Auch ich hatte und habe Angst vor der Viruserkrankung, deren Namen ich nicht mehr nennen will. Zu Hause fühlte ich mich wesentlich sicherer und am Anfang war auch noch alles in Ordnung mit den Online-Seminaren. Doch mittlerweile merke ich, und sicher auch viele von euch, die es schaffen, 90 Minuten auf Zoom durchzuhalten: Das geht so nicht. Die Internetverbindung bricht oft ab. Der Diskurs fehlt, der direkte Austausch und eben auch das, was die schlimme Pandemie uns nimmt: die Kontakte. Olaf Scholz‘ ausgerufene „neue Normalität“ darf vor den Pforten der Universität nicht Halt machen. Auch wir müssen wieder öffnen und in einen Regelbetrieb übergehen. Auch wir sind systemrelevant. Ich verstehe nicht, vielleicht mag es mir jemand erklären, wieso Schulen nach den Sommerferien (das ist in knapp einem Monat!) wieder regulär öffnen sollen, warum Shoppingcenter unbegrenzt öffnen dürfen, warum Fußballfans in Gruppen Aufstiege feiern, warum sogar Saunen öffnen dürfen, aber  die Uni im Winter nicht wieder im Präsenzunterricht stattfinden lassen kann?

Zoom wird bald mein bester Freund

Und ganz allein bin ich mit meiner Sorge nicht. Der Germanist Roman Borgards von der Uni Frankfurt hat einen offenen Brief ins Leben gerufen (Quelle), in dem er die Rückkehr zur Präsenzlehre fordert. Bisher haben mehr als 5300 Lehrende aus ganz Deutschland unterschrieben, darunter auch 221 aus Bonn (Shoutout an der Stelle). Die Forderung ist: schrittweise Rückkehr zur Präsenzlehre, gemischt mit digitalen Elementen. Borgards sagt in einem Interview mit Zeit Campus (Quelle), dass er sich fürchtet, dass es Stimmen gibt, die sagen: „Seht ihr, wie gut digitale Lehre funktioniert – an der Präsenzlehre festzuhalten ist konservativ!“ Das wäre fatal! Nichts funktioniert super! Doch so viel Geld könnte das Land für Miete und Personal sparen, wenn alles online stattfinden würde. Aber ich studiere nicht umsonst in Bonn. Würde ich gern zu Hause sitzen und auf einen Retina-Display schauen und die Bücherregale der Professor*innen bestaunen, wäre ich an die Fernuni Hagen gegangen.

Wenn noch ein Semester online stattfindet, wird Zoom mein bester Freund und ich werde den Großteil meiner Kommiliton*innen fast ein Jahr lang nicht gesehen haben. Und nach der Pandemie sind die ersten schon fertig und weg. In meinem Freundeskreis gibt es kaum ein anderes Thema. Alle wollen wissen, wie es mit der Uni weiter geht und wann. Informationen werden nur zaghaft mitgeteilt, selten per Mail versandt, sondern nur auf die Webseite gestellt. Der Frust wächst. Ein Bekannter erzählte mir sogar die Geschichte, dass er einen Brief an die Uni schickte und eine E-Mail zurückbekam. Jetzt könnte man denken: „Wow, so digital, so ökologisch unsere Uni.“ Aber nein! Darin stand allen Ernstes, er solle bitte aus hygienischen Gründen nur noch Mails schreiben. Wären die knapp 60 Millionen Briefe täglich eine Gefahr für Leib und Leben, ich bin mir sicher, Professor Drosten hätte es in seinem Podcast erwähnt. Das zeigt: Angst ist kein guter Berater. Wir können und wollen uns nicht unnütz einschränken. Nach erstem Abtauchen nun die Offensive: Kürzlich kam die Nachricht vom AStA, dass das Rektorat mit der Präsenzlehre ab dem Wintersemester plane. Die Botschaft hör‘ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Recht hatte Goethe.

Seminare im Vorlesungssaal

Die ersten Leser*innen werden sagen: „Aber C*****!“ (Versprochen, ich nenn den Namen nicht). Ja, ich weiß. Die Pandemie ist nicht vorbei. Aber wir wissen mittlerweile besser, mit ihr umzugehen. Wir haben gelernt, wie wir uns hygienisch im öffentlichen und geschlossenen Raum bewegen. Ich will auch keine Rückkehr zu XXL-Vorlesungen in Hörsälen, die virologisch an die Arbeit in Tönnies‘ Schlachtbetrieben erinnern. Vorlesungen können sicher auch weiter vorzugsweise digital stattfinden. Aber die für den Austausch und die Debatte wichtigen Seminare, Übungen und Praxisstationen sollten ab dem Wintersemester wieder in Präsenz stattfinden. Dafür könnten kleinere Seminargruppen sich in größere Räume einquartieren – die Vorlesungssäle wären ja weitestgehend frei. Seminare könnten auch nur alle zwei Wochen in Präsenz stattfinden, um die Inkubationszeit einzuhalten. Dazu: Maskenpflicht und Desinfektionsspender. Wer nicht in die Uni kommen will oder als Risikogruppe nicht kann, sollte sich digital dazuschalten können. Außerdem sollte die ULB wieder öffnen. Wenn Konzerte stattfinden können und Menschen in vollgestopften Flugzeugen fliegen dürfen, wird es doch möglich sein, sich – mit Abstand – Bücher auszuleihen und im Lesesaal zu arbeiten? Und sollte doch noch eine zweite Welle kommen, kann es schnell wieder heißen: Alle zurück nach Hause! Wir machen wieder Digitalsemester.

Aber so geht es nicht weiter. Nicht nur die Informationspolitik ist dürftig. Viele Studierende leiden unter der Situation. Ich habe auch weniger belegt, als ich hätte sollen, weil ich mit Homeoffice nicht so gut klarkomme. Das heißt am Ende wohl, dass ich länger studieren muss. Andere haben ihren Job verloren, wissen nicht, wie lange sie noch Bafög bekommen. Das sind alles Situationen, für die niemand etwas kann, aber für die es eine einfache Lösung gibt: Möglichst schnell zurück zum Alltag im Universitätsleben. Möglichst schnell wieder Präsenzlehre.

Das Land NRW und die Uni haben noch fast vier Monate Zeit für ein Hygienekonzept, damit Lehre und Forschung wieder an Ort und Stelle stattfinden können. Es klingt für die eine oder den anderen vielleicht wie ein Witz: Aber ich glaube, dass können die Verantwortlichen schaffen. Alles andere wäre auch eine Katastrophe und grenzt an Arbeitsverweigerung. Wenn es gelang, in einem Monat auf Online-Studium umzustellen, wird es zurück doch auch gelingen (müssen).

Über den Autor

Wollte nie nach Köln ziehen und doch hat es ihn dorthin verschlagen. Wurde nach Bonn gelockt mit dem Versprechen, dass es sich in der ULB mit Blick auf den Rhein so gut arbeiten ließe (stimmt leider nur so halb). Er studiert Politikwissenschaft und geht an eine Journalistenschule. Er liest gern und viel, auch politische Bücher, aber sieht bei philosophischen Debatten in der Redaktion keinen Stich. Er hat irgendwann herausgefunden, dass er einen grünen Daumen hat und seitdem zehn Pflanzen. Glaubt immer an das Gute im Menschen, aber nicht bei solchen, die Pizza Hawaii essen.

Eine repräsentative Umfrage hatte bereits Mitte März festgestellt, dass infolge der Corona-Krise 40 % der Studierenden einen Job verloren hatten, hiernach wären insgesamt also etwa 1,2 Millionen Studierende betroffen.

Studium

Das Warten hat sich gelohnt

Die Überbrückungshilfe für Studierende kann beantragt werden

Studierende, die infolge der Covid 19-Pandemie in finanzielle Not geraten sind, können ab dem 15. Juni beim Studierendenwerk eine Überbrückungshilfe beantragen. Die Hilfe kann auch noch für die Monate Juli und August – jeweils für den laufenden Monat – beantragt werden. Die Höhe der Hilfe hängt ab vom Kontostand am Vortag der Antragstellung: Liegt er bei weniger als 100 Euro, so beträgt die Überbrückungshilfe 500 Euro, bei einem Kontostand zwischen 100 und 199,99 Euro beträgt die Hilfe 400 Euro usw. – ab einem Kontostand von 500 Euro wird keine Hilfe ausgezahlt. Darauf, dass diese Regelung an einer Realität, in der Studierende oftmals weit mehr als 300 Euro im Monat alleine für die Miete ausgeben müssen, vorbeigeht, hatte der Bonner AStA bereits wiederholt hingewiesen.

Ein Anspruch auf Auszahlung der Überbrückungshilfe besteht übrigens auch nicht.

Insgesamt hat der Bund 100 Millionen Euro Überbrückungshilfe für die knapp drei Millionen Studierenden in der Bundesrepublik zur Verfügung gestellt.

Unabhängig davon können Studierende zur Finanzierung ihres Studiums bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) ein zinsloses Darlehen aufnehmen, das – und dies ist zu beachten – tatsächlich jedoch nur bis zum März 2021 zinsfrei ist.

Viele Studierende in finanziellen Nöten

Durch die Pandemie und die Maßnahmen zur Eindämmung derselben sind viele Studierende in finanzielle Notsituationen geraten, zahlreiche Studierende haben ihre Nebenjobs – beispielsweise in der Gastronomie – verloren.

Eine repräsentative Umfrage hatte bereits Mitte März festgestellt, dass infolge der Corona-Krise 40 % der Studierenden einen Job verloren hatten, hiernach wären insgesamt also etwa 1,2 Millionen Studierende betroffen.

Hinzu kommt, dass viele Studierende durch die Pandemie auch nicht mehr in gleicher Weise wie bisher durch ihre Familien oder andere Personen finanziell unterstützt werden können. Außerdem sind durch die Krise die Preise für Nahrungsmittel im Vergleich zum Vorjahr teils im zweistelligen Prozentbereich angestiegen.

Kritik seitens der Studierenden

Zurecht bemängelten viele Studierende nicht nur, dass die Hilfsmaßnahmen Monate auf sich warten ließen, sondern auch, dass der Umfang der Maßnahmen völlig unzureichend sei. Größere mediale Aufmerksamkeit erfuhr das Thema durch die Arbeit des freien Zusammenschluss von Student*innenschaften (fzs), in dem auch der AStA der Uni Bonn vertreten ist. So hatte sich dann auch der AStA der Uni Bonn an der bundesweiten Protestaktion für angemessene Hilfen für Studierende in der Coron-Krise am 8. Juni beteiligt. Es bleibt zu hoffen, dass hier – insbesondere, wenn die Pandemie noch länger fortdauern sollte – seitens der Politik noch einmal nachgebessert wird.

Über den Autor

Studiert schon seit längerem Jura. Bei der Betrachtung der Realität ist seiner geistigen Gesundheit die Erkenntnis sehr zuträglich, sich – frei nach Max Liebermann – zu beeilen, drüber zu lachen, um nicht gezwungen zu sein, drüber zu weinen.

"Vor Corona war Tanzen Gehen eines meiner liebsten Hobbies. Man hat lustige Leute getroffen, kuriose Klogespräche geführt und ist einfach mal RAUS gekommen aus dem Alltag und Bonn."

Gesellschaft

Viersamkeit

Oder ein Schwank aus meinem Leben

Ein Kommentar von Helene Fuchshuber

Ich lösche alle Lichter in meinem Zimmer. Dann auch die im Zimmer meines Bruders und im Bad. Mein Handy steckt im Latz meiner Hose. Bevor ich es darin versenkt habe hat es mich gewarnt: sehr laut. Kopfhörer auf. Ich tanze. Zu einem livestream. Und fühle mich definitiv nicht, als wäre ich in Köln im Odonien. Nun ja, man kann nicht alles haben.

In meinem Kopf hat vor einer Weile eine neue Zeitrechnung begonnen. Ich denke vor oder nach Corona. Vor Corona war Tanzen gehen eines meiner liebsten Hobbies. Das klingt abgedroschen, mag sein, aber das meine ich genau so. Man hat lustige Leute getroffen, kuriose Klogespräche geführt und ist einfach mal RAUS gekommen aus dem Alltag und Bonn. Aber primär ging es um die Musik und das Tanzen. Ich weiß tatsächlich noch das Datum, an dem wir das letzte Mal unterwegs waren. 12.03.2020. Wir mussten unsere Namen und Kontaktdaten am Einlass hinterlassen und haben uns leise darüber lustig gemacht. Vor Corona scheint mir unfassbar weit weg. Langsam fühlt sich dieses neue Normal fast normal an. Ich mag es nur nicht.

Zurück in Bonn – davor war ich zu Hause in Leipzig – ist mein Zimmer plötzlich sehr viel kleiner. Da ist gar kein Platz mehr zum Tanzen. Dafür führe ich mitunter lustige Zahnputzgespräche mit meinen Mitbewohnerinnen. Nun ja, denke ich, man kann nicht alles haben.

Die Decke auf dem Kopf

Ich wohne in einer Vierer-WG. Mit Menschen, die ich sehr gerne mag. Sie machen mir das zu Hause lernen gleichzeitig leichter und schwerer. Kaffee trinken und ein Treffen in der Küche werden zum Happening. Wir sitzen alle im gleichen Boot. Homeuni mal vier. Das merkt man auch, wenn mehr als zwei von uns gleichzeitig ein Zoom-Meeting haben. Man hört dann von Zeit zu Zeit leises Gefluche aus den Zimmern. Ihre Internet Verbindung ist instabil

Und – obwohl wir uns alle mögen – genauso instabil ist die Stimmung in der Wohnung.

Natürlich sind wir nicht alle vier 24/7 zu Hause und sitzen uns auf der Pelle. Wir treffen vereinzelt andere Menschen, fahren in die Heimat, gehen spazieren, Eis essen, joggen. Aber wir sind doch alle vier viel zu Hause.

Statt zum Volleyball oder Uni-Pilates zu gehen machen wir Yoga. Die Matten wechseln regelmäßig die Zimmer. Wir haben eine 100% Yoga Quote. Joggen nur 75%. Wobei, eigentlich 60%. Ich weiß nicht, ob das, was ich mache, schon für 1/4 reicht. Ich habe neulich versucht, die größere Runde, von Brücke über Brücke und also auch auf der anderen Rhein Seite zu joggen. Weil mir meine Mitbewohnerinnen vorgeschwärmt haben, wie schön es da ist. Dass man durch Wiesen mit vielen Blumen läuft. Und dass der Untergrund viel besser für die Knie ist. Ich habe festgestellt, dass mir das wesentlich zu weit ist.

Ich war dann im Nieselregen spazieren und bin mit einem Wildblumenstrauß nach Hause gekommen. Damit es sich wenigstens gelohnt hat.

Tauchen

Wir haben das Römerbad für uns entdeckt. Außerdem Salat, da wir dank foodsharing ständig welchen da haben. Zwischenzeitlich hatten wir mal sehr viele Mangos, das war klasse. Wir kriegen die Tage irgendwie rum. Aber gefühlt warten wir alle.

Worauf wir warten weiß ich nicht so genau.

Das Römerbad schließt um 19:00. 18:45 müssen alle aus dem Wasser sein. Es ist 18:30 und wir springen kopfüber hinein. Eigentlich ist das Wetter nicht schön genug, das Licht ist diesig und das Wasser kalt. Gehirnfrost. Aber schwimmen erdet. Aus den Lautsprechern ertönt die Ansage, dass alle mal gehen sollen. Und dass wir uns doch das nächste Mal trauen und etwas früher kommen sollen.

Plot twist.

Ich werde ausziehen. Aus meiner Vierer-WG mit Menschen, die ich sehr gerne mag. In eine Dreier-WG mit Menschen, die ich nicht kenne.

Ich weiß nicht, wie es gewesen wäre, wenn ich vor Corona eingezogen wäre, wir ohne Corona zusammengelebt hätten. Vielleicht würde ich nicht schon wieder umziehen. Vielleicht wäre die Stimmung nicht instabil, vielleicht genauso verkorkst. Aber es ist ja letztlich auch egal, wie es gewesen wäre, weil es nun mal so ist, wie es ist. Aber eigentlich ist es nicht egal. Natürlich hat sich unser aller Leben verändert seit Corona. Und natürlich jammere ich auf hohem Niveau, da ich weder zur gefährdeten Gruppe gehöre noch mir nahestehende Personen unmittelbar betroffen oder krank sind. Aber mein Umzug setzt das Ganze auf eine andere Ebene – ja, auch davor war meine Lebensrealität praktisch betroffen, aber Ausziehen fühlt sich an wie next level.

Denn auch wenn ich es nicht wissen kann, ich glaube nicht, dass ich vor Corona so schnell wieder aus dieser WG ausgezogen wäre.

Vor Corona

Hatten wir einen Alltag. Termine. Hobbies, zu denen wir gegangen sind. Vorlesungen, zu denen wir immerhin manchmal gegangen sind. Zur Arbeit gehen hieß tatsächlich zur Arbeit gehen. Vor Corona war am Wochenende frei.

Auf eine komische Art gleicht jetzt jeder Tag dem nächsten. Es ist letztlich egal, welcher Wochentag oder ob Wochenende ist. Ich muss um 10:00 nirgendwo sein. Ich kann mir mein asynchrones Seminar im Zweifel auch in 2 Monaten ansehen. Freitags ist nicht um 12:00 Pilates und mein YouTube Yoga-Video läuft nicht weg.

Was mir am meisten fehlt – und das will was heißen – ist neben dem Tanzen gehen das Zur-Uni-Gehen. Ich bin im 2. Semester. Natürlich habe ich schon ein paar Menschen kennengelernt. Aber es gibt eben auch genügend, die ich nur einmal in der Woche bei dieser speziellen Vorlesung gesehen habe und danach mit ihnen einen Kaffee trinken war. Es gibt genügend, die ich gerne kennengelernt hätte. Dazu kommt, dass ich mein Nebenfach gewechselt habe. Ich sitze jetzt zwei Mal in der Woche vor 20 schwarzen Rechtecken, auf denen 20 Namen stehen, von denen mir vielleicht zwei was sagen. Ich bin kurz davor, es wieder zu wechseln. So macht das keinen Spaß. Und, no offense, ich weiß, dass die Umstellung für die Dozierenden vielleicht noch schwieriger war als für Studierende, aber trotzdem hätte ich mir sowas wie Innovation gewünscht. Lehrende, die lehren wollen und nicht drei Wochen vor Semesterende die letzte Sitzung abhalten. An deren Ende ich feststelle, dass ich in den 10 Wochen davor absolut nichts gelernt habe. Ich frage mich mitunter, warum und wozu, für wen und was ich gerade eigentlich studiere. Ich versuche mich daran zu erinnern, dass ich mein erstes Semester mochte und warum ich angefangen habe. Das gelingt nicht immer, aber immerhin manchmal. Nun ja, man kann nicht alles haben.

Warten

Ich warte im Grunde immer noch darauf, dass es ein doofer Traum war. Ich warte darauf, dass es vorbei geht. Ich warte darauf, dass es wieder ein normales Normal gibt. Ich warte darauf, dass ich nicht mehr warte. Und ich kann es kaum erwarten, endlich wieder Tanzen zu gehen. 

Über die Autorin

Ist Studentin mit Hang zu Wortneuschöpfungen und langen Sätzen. Trotzdem versucht sie, immer mal einen Punkt zu machen und dankt Julia für den Einsatz von Kommas. Tatsächlich ohne Punkt und Komma könnte sie sich über die momentane Situation aufregen. Aber das würde ja auch nichts bringen. Stattdessen ist sie mal wieder umgezogen und hofft, dass ihr der Tapetenwechsel gut tun wird.

Foto: distelAPPArath (Pixabay)

Kultur

Phänomen Autokino

Hilft der neue Hype dem Bestehen der Kinos?

Ein Erfahrungsbericht von Melina Duncklenberg

Ich habe mir einen langjährigen Wunsch erfüllt. Letzten Freitag habe ich mit meiner Mitbewohnerin ein Autokino besucht. Um genauer zu sein das Autokino Bonn, welches Mitte Mai zwischen Bad Godesberg und Bonn entstand. Es ist nicht das einzige Projekt, was in Zeiten von Corona Ausgleich für das Verlangen nach Veranstaltungen und Ablenkung bieten wollte. Neben dem Telekom-Dome entstand eine Autobühne mit Live-Events jeder Art, das kleine Drehwerk in Adendorf eröffnete ebenfalls kurzerhand ein Autokino und die Oper Bonn führte Anfang Juni ein Stück in Form eines Autotheaters auf. In distanzierten Zeiten für viele eine willkommene Möglichkeit, mal außerhalb von zuhause wieder abschalten zu können. Auch meine Freundin und ich nutzten die Gelegenheit nach einer anstrengenden Klausur und machten uns ausgestattet mit Kissen und Decken auf den Weg nach Dottendorf, um mit ca. 50 anderen Autos endlich nochmal Kinoatmosphäre genießen zu können.

Auf der 49.000 m² Fläche gegenüber des Basecamps können bis zu 300 Kraftfahrzeuge Platz finden, doch heute scheint der Regen einige abgeschreckt zu haben. Das Personal ist jung, gut gelaunt und freundlich und weist uns auch noch kompetent ein, nachdem ich in den falschen Eingang gefahren bin. Während wir warten, läuft noch der vorherige Film aus, den wir bereits über die Frequenz des Autokinos über mein altes Autoradio hören können und wir machen uns kurz Gedanken über unseren ökologischen Fußabdruck, kommen aber zu dem Schluss, das schlechte Gewissen für heute beiseite zu schieben und sobald die Kinos wieder aufmachen, wieder zu Fuß dem Woki einen Besuch abzustatten. Nach einer kurzen Einweisung (es gilt überall Schrittgeschwindigkeit, auf Hupen folgt eine Strafzahlung und der Mindestabstand von 2 Metern soll auch zwischen den Autos eingehalten werden) geht es auch schon los. Ich habe mit wesentlich mehr Werbung gerechnet, wenn man an die gefühlte halbe Stunde in herkömmlichen Kinos denkt, die nicht wie das Autokino auf mehr Geld angewiesen sind, um ein kurzfristiges Projekt zu finanzieren. Wir müssen also nicht lange auf den Film warten und haben gerade noch Zeit, über Whatsapp bei einem Sausalitos-Wagen Tacos zu bestellen, welche sogar ans Auto geliefert werden. Während die Sonne immer tiefer sinkt und der zwischendurch immer wieder einsetzende Regen ein wohliges Gefühl in meinem Seat verursacht, begleiten wir einen Privatdetektiv auf der Suche nach einer mordenden Person in einem Haus einer ganz speziellen Familie (sehr zu empfehlender Film). Man wird nur einmal kurz aus dem Geschehen gerissen, als plötzlich der Film in 1,5-facher Geschwindigkeit abgespielt wird. Das führt dazu, dass man sich an die absichtlich verschnellerten Online-Vorlesungen erinnert fühlt, als wir versuchten, unsere Aufnahmegeschwindigkeit während einer der spannendsten Szenen im Film der plötzlichen Schnelligkeit anzupassen. Das Problem wurde allerdings schnell behoben, sodass wir uns wieder entspannen konnten.

Da es sehr warm ist, haben fast alle Besucher*innen ihre Fenster ein wenig heruntergekurbelt, sodass man immer wieder leise Gesprächsfetzen oder Gelächter mitbekommt und auf die ähnlichen Reaktionen der Menschen in den umgebenden Autos aufmerksam gemacht wird. Genauso freundlich wie man willkommen geheißen wurde, wird man anschließend auch wieder schön geordnet nacheinander rausgelotst und verabschiedet. Als Film- und Kinofan war es natürlich einfach, mich von der ganzen Sache zu überzeugen. Dennoch hat die Organisation und Strukturiertheit des Ganzen noch zusätzlich für die Veranstalter gesprochen.

 

(Auto-)Kino vs. Streaming

Bei der unendlich großen Auswahl an Filmen auf Netflix, Amazon Prime Video und Co. kann man sich schonmal fragen, ob man in ein paar Jahren noch im Kinosessel versinken und zu viel Geld für Popcorn bezahlen können wird, wenn es doch so viel einfacher ist, im Bett jedes beliebige Genre auszusuchen, den Film pausieren, wenn man gerade doch was anderes zu tun hat und obendrein so viel weniger Geld bei dem Ganzen ausgibt. Keine halbe Stunden an Werbung, keine Füße in der Rückenlehne und kein Abhetzen, weil man wiedermal zu spät losgefahren ist. Und doch verliert das Kino nicht an Fans. Studien der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft „Earnest & Young“ zeigen, dass Kinobesuche und Streamingverhalten tatsächlich positiv zusammenhängen. Regelmäßige Streamer*innen sind auch regelmäßige Kinogäste. Außerdem fanden sie heraus, dass Filme, die länger im Kino liefen und später für den Heimgebrauch veröffentlicht wurden, höhere Einnahmen bei Demand und DVD- oder Blu-Ray-Verkäufen aufwiesen. Hierbei wurden jedoch Streaming-Anbieter aus der Statistik ausgeschlossen. Ich bin also nicht alleine mit der Haltung, dass es eben doch einen Unterschied macht, ob man sich aktiv entscheidet, für einen bestimmten Film zu einer bestimmten Uhrzeit mit bestimmten Leuten ins Kino geht oder gemütlich die Heimkinoatmosphäre schafft. Beides hat seine Vor- und Nachteile. Aber der Corona-bedingte Boom der Autokinos zeigt umso mehr das beständige Verlangen der Menschen nach Gesellschaft und den Erhalt der Filmleidenschaft.

Über die Autorin

Ist ein großer Fan von Menschen, die zu ihrer Meinung stehen, solange Respekt und Wissen dahinterstecken. Außerdem noch schwer begeisterbar für alles, was gut und mit Herz geschrieben wurde, ob Bücher, Filme oder Plädoyers und glaubt an Menschen mit Vorbildfunktion. Mangelnder Respekt vor jeglicher Form organischen Lebens ist ihr ein Rätsel, genauso wie das Missverstandenwerden, wenn man sagt, dass der Feminismus nicht nur für Frauen wichtig ist. Früherer Berufswunsch war es, ein Klon aus Astrid Lindgren und Jane Goodall zu werden. Muss noch lernen, sich realistische Ziele zu setzen.

Partner*innensuche Online. Ein typisches Phänomen, nicht erst seit Corona. Foto: Andrea Piacquadio (Pexels)

Leben

Dating Apps und ihre Tücken

Was die Partner*innensuche online leistet und was nicht.

Eine Analyse von Samuel F. Johanns


Partner*innensuche im 21. Jahrhundert bedeutet für die meisten Menschen, sich zumindest einmal mit dem Thema Online-Dating auseinandergesetzt zu haben. Nicht erst seit Corona nutzen Menschen Apps und Webseiten, um Sex und/oder Liebe zu finden. Ein Überblick über die beliebtesten Mobilanwendungen sowie ihre Grenzen und Probleme.

Tinder. Ein bisschen wie Grindr in sehr hetero
Das prototypische Beispiel für Dating-Apps mit dem Swipe & Match-Prinzip. In der allgemeinen Wahrnehmung gilt Tinder jedoch wegen seiner Funktion, Menschen eher sehr schnell nach der reinen Optik zu bewerten und auszuwählen, als oberflächlich. Die Benutzung scheint wegen des Rufes der App bei vielen Benutzer*innen nicht ohne einen gewisse Selbsthass einherzugehen. Ähnlich oberflächlich wie die App angeblich machen soll sind aber oft auch die Tipps zu ihrer Benutzung: Vorsicht vor Frauen mit dem #travel und irgendwas mit #vino in der Beschreibung.

Once. Das Gegenmodell. Kuratiertes Flirten
Das bewusste Gegenmodell zum Swipen auf Quantität stellt die App Once dar, bei der dir pro Tag ein Kontakt von einem Team speziell auf die eigenen Angaben zugeschnitten vorgestellt wird. Wie die üblichen Datingseiten im Internet, in der alle paar Minuten jemand Geld bezahlt, ist allerdings auch der Service von Once nicht kostenfrei.

Joyclub
Bekannt nicht nur in der Swinger-Szene ist der Joyclub. Das Portal ist nicht nur für Singles, sondern auch Paare eine typische Anlaufstelle, um erotische Abenteuer zu suchen. Einige Menschen nutzen die Seite aber auch lediglich als Terminübersicht für erotische Partyevents und Locations. In der Kritik steht Joyclub wegen seiner Preispolitik, bei der je nach Geschlecht verschiedene Preise erhoben werden, um gewisse Features nutzen zu können.

Bumble
Das klassische Rollenverständnis, dass der Mann den ersten Schritt machen muss, gibt es bei dieser Dating-App nicht. Bei Bumble können Männer nämlich keine Frauen anschreiben. Vielleicht auch aus diesem Grund hat sich die App zu einem Ort entwickelt, wo viele Frauen unbehelligt gezielt nach Kontakt zu anderen Frauen suchen.

Grindr, PlanetRomeo
Wer als Mann nur nach Männern sucht, kann dies selbstverständlich durch entsprechende Suchfilter in den allermeisten Apps tun. Üppiger ist die Auswahl aber in dezidiert darauf ausgerichteten Programmen wie Grindr und PlanetRomeo. Je nach Anwendung liegt der Fokus eher auf Sexdates oder monogamen Beziehungen. Immer wieder spielten allerdings rund um Apps wie Grindr auch Kontroversen hinsichtlich des Datenschutzes (für queere Menschen besonders relevant) eine Rolle. Auch stehen einige Unternehmen in der Kritik, nicht klar und konsequent genug gegen rassistische und trans- oder homophobe Ressentiments auf den Portalen vorzugehen.

Fetlife
Nach eigener Aussage mehr das Facebook für Menschen mit Kinks als ein Datingportal ist Fetlife. In dem Portal, welches bewusst auf eine Suchfunktion verzichtet, dreht sich alles um das Thema Fetischismus und Rollenspiele. Es wird von der BDSM- und Fetischszene zur Vernetzung genutzt. Wie auf Munches in der Kohlenstoffwelt ist hier (vor allem aggressives) Flirten nicht willkommen. Im Vordergrund steht der Austausch und die Pflege von Freundschaften. Sich gegenseitig zu finden ist aber selbstverständlich nicht nur erlaubt, sondern auch erwünscht.

OKC
Die Diversität hinsichtlich Lebensmodellen und Geschlechtsidentitäten ist bei okcupid deutlich höher. Auch sonst erscheint die App etwas „woker“. Wem auch bei Hookups die politische Haltung und charakterliche Einstellung des Gegenübers relevant erscheint, sollte Okcupid eine Chance geben. Die User füllen nicht einfach nur ein paar Angaben wie Gender, Hobbies oder Körpermerkmale aus, sondern arbeiten sich durch einen Katalog an Fragen zu persönlichen Präferenzen und politischen und gesellschaftlichen Themen, sodass sich ein komplexes Persönlichkeitsprofil ergibt, das ein findiger Algorithmus im folgenden mit potentiell kompatiblen Profilen abgleicht und die Überschneidungen statistisch anzeigt und einsehbar macht. Wenn mich meine Filterbubble nicht völlig verblendet, ist OKC im Vergleich zu anderen Apps eher so eingestellt, ein linksliberales Publikum anzuziehen.
 
Jodel
Ohne dass es eine genuine Aufgabe der App wäre, hat sich die Nachrichtenplattform Jodel zu einem beliebten Datingportal entwickelt. Die App, in der die User anonym auftreten, bietet zwar keine privaten Chatmöglichkeiten, aber es wird sich dort gerne für einen Austausch auf Chat-Clienten wie Kik oder Snapchat verabredet, nachdem man offen über Vorlieben und Begehrlichkeiten sprechen konnte. Das Verhältnis von Anfragen hinsichtlich der Geschlechter ist auf Jodel allerdings relativ extrem, da sie überwiegend von heterosexuellen Männern genutzt wird, oder diese Gruppe von Menschen den dortigen Dating-Channel zumindest stärker zu frequentieren scheint. Klassisches Szenario ist die Belagerung weiblicher Jodler*innen durch cis-Männer, die man im Jargon der App auch Kik-Geier nennt. Insgesamt erscheint Jodel aber oft so WeRtKoNsErVaTiV und normativ (oder sagen wir einfach rechts) wie OKC links und divers ist. Lebensmodelle wie Polyamorie und offene Beziehungskonzepte sehen sich meist mit Vorbehalten oder offener Hassrede konfrontiert und werden entweder von großen Teilen der Community oder einer sehr aktiven und lauten Gruppe dort als inferior zur heterosexuellen monogamen Beziehung erachtet und abgewertet.   

Die Vor- und Nachteile

Die Unverbindlichkeit
Der vielleicht am häufigsten beklagte Nachteil der Partnersuche über das WWW stellt die Unverbindlichkeit der Konversation dar. Es mag angenehm sein, einer unangenehmen Gesprächssituation schnell durch Schließen des Chatfensters entkommen zu können. Je nach Situation mag das auch völlig gerechtfertigt und sinnvoll sein. Jedoch verlaufen auch viele interessant begonnenen Kontakte einfach im Sande oder werden sogar plötzlich und völlig kommentar- und anlasslos abgebrochen. Letzteres allgemein als Ghosting bekanntes Phänomen hat schon so manche*n User*innen von der Unsinnhaftigkeit der Online-Suche überzeugt. 

Die Anonymität
Das Indirekte ist in jeder Hinsicht der größte Nachteil wie auch Vorteil des Online-Datings. Auf der einen Seite ist es schlicht sicherer, sich einem Menschen zum vertrauten Gespräch nicht unbedingt direkt in der Realität ausgesetzt zu sehen. Auf der anderen Seite ist es natürlich einfacher, in der sinnlich reduzierten Welt der Chatkommunikation Opfer von Manipulation oder gar eines Betrugs zu werden.

Die Olfaktorik, Nase auf bei der Partnerwahl, und andere Marotten

Ein nicht zu unterschätzender Faktor bei der Partner*innenwahl ist der Geruch: Angesichts der Tatsache, dass es mobilen Endgeräten (noch) nicht möglich ist, Geruchswelten zu übertragen (einige sagen zum Glück), kommt dieses Kriterium bei der Online-Partner*innenwahl zu kurz, wo es in der physischen Realität doch so eine bedeutende Rolle spielen kann.  
Insgesamt erscheint Geruch eher als eine unbewusste Sache, die man auch nicht offen anspricht. Wird die Olfaktorik im Kontext des sexuellen offen angesprochen, ist dies stets von einem gewissen Maß an Unbehaglichkeit, man könnte fast sagen cringe begleitet. Geruch ist ein kulturell wenig offen geäußertes Themenfeld. „Du siehst gut aus“ kommt noch als normales Kompliment daher, während „Du riechst gut“, zumindest immer ein wenig gruselig anklingt. 
Folgt man den Ausführungen einiger interessanter biologischer Theorien, so ist das „sich gut riechen können“ weit mehr als ein abstraktes Sprichwort und wurzelt in profunden Annahmen, dass der Geruch des Gegenübers, wenn auch oft eher unmerklich, erhebliche Auswirkung auf Sympathie und Bereitschaft zur Intimität hat.
Wer hier diesen Faktor mangels Erfahrungswelt online über einige Zeit ausgeblendet hat, läuft natürlich Gefahr, schließlich enttäuscht zu werden und vielleicht sogar gar nicht zu wissen, wieso. Trotzdem dürfte die Bitte, sich  im Gegensatz zu einem Foto eine Geruchsprobe schicken zu lassen wohl den bereits besprochenen Gänsehaut-Effekt auslösen. Da hilft letztlich nur das reale Date und Nase auf bei der Partner*innenwahl.
Neben dem Geruch sind es aber auch die anderen kleinen, online nicht kommunizierten Eigenschaften, wie Körpersprachen, neurotische Ordnungsliebe (oder deren völliges Fehlen), sowie sonstige Marotten, von denen man sich besser früher als später und nicht erst nach Monaten langen Schreibens ein Bild machen sollte.

Über den Autor

Studiert und arbeitet schon länger an der Uni Bonn und hieß aufgrund katholischer Eltern schon so lange bevor der Papst es tat. Neben philosophisch inspirierten Texten beschäftigt er sich mit fotografischen und layoutspezifischen Fragen für des Friedrichs Wilhelm. Mit Ronny Bittner verbindet Samuel nicht nur eine Freundschaft sondern auch der Hintergrund an der Uni als Tutor für Gestaltungsfragen zu arbeiten. Samuel definiert sich selbst als ein sozialliberaler Autor hat aber (fast) aufgegeben den Poststrukturalismus mit der kritischen Theorie zu versöhnen. An der Postmoderne genießt er das hohe Freiheitspotential individueller Lebensmodelle, ist aber regelmäßig überfordert von der ganzen Eigenverantwortung für das individuelle Lebensmodell. Warum erzählt er euch das eigentlich? Egal, ihr müsst es ja lesen.

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Über den Autor

Studiert schon seit längerem Jura. Bei der Betrachtung der Realität ist seiner geistigen Gesundheit die Erkenntnis sehr zuträglich, sich – frei nach Max Liebermann – zu beeilen, drüber zu lachen, um nicht gezwungen zu sein, drüber zu weinen.