0

Editorial

Liebe Leser:innen,

diese Ausgabe Des Friedrichs Wilhelm steht gewissermaßen im Zeichen des Neuen. Zum Beispiel hat Ronny in dieser Ausgabe in einem Selbstversuch das neue Mehrweg-Geschirr der Mensa getestet. Neu an dieser Stelle bin aber auch ich: Das ist mein allererstes Editorial – hier ist nämlich nicht wie sonst Helene, sondern Lily. In diesem Sinne: Hi! Und was gibt’s sonst noch Neues?

Unter anderem: Brasiliens Präsident. In Gabriellas Artikel erfahrt ihr alles über die politische Lage in Brasilien und warum die Präsidentschaftswahl dort wichtig für uns in Deutschland ist. Neu ist auch das akademische Jahr, zu dessen Eröffnung die AStA Vorsitzende Madita Mues eine Rede gehalten hat, die auf die erschütternde Realität der Inflation und ihre Auswirkungen auf die finanzielle Situation vieler Studierender aufmerksam gemacht hat; ein Thema, das uns alle betrifft, also haben wir uns kurzum entschlossen die Rede für euch zu drucken. Nicole hat den neuen Film Don’t Worry Darling gesehen und zeigt, wie Olivia Wilde uns den Spiegel vorhält. Auch neu ist unsere Gastautorin Helena, die sich mit dem Thema Freundschaft auseinandergesetzt hat. Doch bei all dem Neuen gibt es dennoch eine verlässliche Konstante: Helene fragt sich in ihrer Kolumne, was es eigentlich mit dem Alter – dem eigenen oder dem anderer Menschen –  auf sich hat. Und damit wünsche ich euch viel Spaß beim Lesen der neuen FW!

Liebe Grüße,

Eure Lily

Helene Fuchshuber und Lily Husmann, Chefredakteurinnen

Inhalts-verzeichnis

Politik

Bolsonaro x Lula: der Kampf der Giganten

Ernährung/Lifestyle

Neuer Mehrweggeschirr in den Bonner Mensen. Unser Redakteuer macht den Selbstversuch

Campus

Die Rede des AStA-Vorsitz zur Eröffnung des Akademischen Jahres

Rezension

Mit Ideologie brechen

Gastartikel

Wie viele Freund:innen brauchen wir?

Kolumne

Kolumne über das Konstrukt “Alter”

Wahljahr bedeutet in Brasilien, dass die Straßenverkäufer Strandtücher mit den Gesichtern der Kandidat:innen verkaufen. Auf der linken Seite steht "Brasilien nochmal glücklich" und auf der rechten Seite "Bolsonaro raus". Bild: Tutz Dias (2022).

Politik

Rechtextremismus breitet sich bei den Wahlen in Brasilien trotz des Sieges von Lula aus

von Gabriella Ramus

14.11.2022 - Ausgabe 86

Für die Brasilianer:innen war der 3. Oktober kein Tag zum Feiern. Die Fernseher laufen, die sozialen Netzwerke piepen, die Zeitungen liegen auf dem Tisch und die Augen sind glasig: Das Wahlergebnis ist da. Die Zukunft des Landes hängt von den fettgedruckten Prozentzahlen auf dem Bildschirm ab. Und die lähmende Verzweiflung wächst angesichts der Tatsache, dass Jair Bolsonaro (PL) im ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahlen 2022 43% der Stimmen erhalten hat. Im Laufe des Monats nahm diese Verzweiflung zu, bis sie am 30. Oktober, dem Tag des zweiten Wahlgangs, ihren Höhepunkt erreichte. Obwohl Bolsonaro gegen den ehemaligen Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva verlor, betrug der Unterschied nur 1,8 Prozentpunkte, was beweist, dass die extreme Rechte in Brasilien nicht nur Macht, sondern auch Stimmen hat.

In diesem Artikel werde ich versuchen, für dich, liebe:r Leser:in, zusammenzufassen, was die Ergebnisse der Wahlen über die derzeitige politische Lage des Landes aussagen.

Bevor Bolsonaro die Wahl 2018 gewann, protestierten viele mit Plakaten mit der Aufschrift “ELE NÃO” ("ER NICHT"). Nach seinem Wahlsieg stand auf den Plakaten "FORA BOLSONARO" (“BOLSONARO RAUS”). Bild: Maria Fernanda Pissioli (2021).

Erster Teil. Die Ergebnisse der Wahlen.

Am 2. und 30. Oktober gingen die Brasilianer:innen an die Urnen, um nicht nur den Präsidenten, sondern auch Senator:innen, Abgeordnete der Bundesstaaten, Bundesabgeordnete und Gouverneure zu wählen. 

Obwohl zahlreiche Statistiken voraussagten, dass Bolsonaros Gegner, Lula (PT), bereits in der ersten Runde mit mehr als 50% der Stimmen gewinnen würde, erhielt er 48,43% Zustimmung. Der derzeitige Präsident hingegen erreichte 43,2%, statt der erwarteten 33%. Der errechnete Unterschied zwischen den Kandidaten von mehr als 17 Prozentpunkten betrug in Wirklichkeit nur 5. Alles deutete auf einen harten Wettbewerb zwischen den beiden in der zweiten Wahlrunde hin, der dann auch tatsächlich stattfand. Bolsonaro erhielt 49,1% der Stimmen und Lula 50,9%. 

Noch erschreckender als 49% der Bevölkerung, die Bolsonaro zustimmen, ist die Anzahl der Politiker:innen, die ihn unterstützen (unabhängig davon, ob sie seiner Partei angehören oder nicht), die bereits gewählt wurden und auf dem Weg zum Abgeordnetenhaus und zum Senat sind. Die Mitte-Rechts-Koalition wird rasch vom bolsonaristischen Rechtsextremismus abgelöst. Die Ergebnisse dieser ersten Runde zeigen, dass die Wahl 2018 in dieser Hinsicht nicht untypisch war.

 Von den 27 gewählten Senator:innen sind 14 mit dem derzeitigen Präsidenten verbündet. Was die Abgeordneten betrifft, so dürften die Parteien der Mitte, die zu Bolsonaro tendieren, 229 Bundesabgeordnete wählen, was 48% der Abgeordnetenkammer entspricht. Einer von ihnen ist der 26-jährige Influencer Nikolas Ferreira (PL). Er erzielte den Rekord für das beste Ergebnis bei der Direktwahl mit 1.492.047 Stimmen. Ein anderer ist Ricardo Salles (PL), ein ehemaliger Umweltminister, der in mehrere Skandale verwickelt war, weil er die Abholzung von Wäldern und den Vormarsch der Agrarindustrie im Amazonasgebiet begünstigte. Er war einer der vier Abgeordneten mit den meisten Stimmen im Bundesstaat São Paulo. 

 Die “rechte Welle” schlägt auch in den Regierungen der 27 brasilianischen Bundesstaaten Wurzeln. Zum Beispiel wurde der ehemalige Bolsonaristische Minister Tarcísio de Freitas (Republikaner) Gouverneur in São Paulo und überholte seinen Gegner Fernando Haddad (PT) im zweiten Wahlgang mit einem Vorsprung von rund 10 Prozentpunkten – obwohl er aus Rio de Janeiro kommt.

»“Die berühmte brasilianische Kreativität scheint bei der Ausarbeitung korrupter Pläne gut genutzt zu werden; der Klientelismus blüht wie immer.”«

Zweiter Teil. Zur Erinnerung: Was Bolsonaro in den letzten 4 Jahren getan hat.

Es wäre unmöglich, hier alles aufzuzählen, was Bolsonaro in seiner Amtszeit als Präsident getan oder gesagt hat, was verfassungswidrig, moralisch verwerflich, menschenrechts- und demokratiegefährdend, furchtbar faschistisch, sexistisch, rassistisch und homophob ist. Ich nenne also nur einige Gründe, warum Bolsonaro ein beklagenswert inkompetenter Staatschef war. 

Erstens leugnete Bolsonaro die Pandemie und sabotierte die Beschaffung von Impfstoffen, indem er auf das Medikament Chloroquin setzte, das wissenschaftlich erwiesenermaßen gegen Covid-19 versagt hat. An der Pandemie starben mehr als 750.000 Brasilianer:innen, viele von ihnen, weil die öffentlichen Krankenhäuser aufgrund von Überbelegung nicht richtig versorgt wurden. Keine Ärzt:innen, keine Krankenschwestern, keine Betten, kein Sauerstoff, keine Impfstoffe. Die absichtliche Langsamkeit, mit der der Gesundheitsnotstand angegangen wurde, hat offensichtlich dazu beigetragen, dass noch mehr Menschen ihr Leben verloren haben.

Zweitens hat Bolsonaro zum größten Anstieg der Entwaldung im Amazonasgebiet in den letzten Jahren beigetragen. Sein Bündnis mit Ricardo Salles war für einige der größten umweltfeindlichen Maßnahmen bekannt, die das Land je gesehen hat. Der Rückgang der Bußgelder für Umweltverbrechen; das indigenenfeindliche Verhalten, das sich beispielsweise in der Unterbrechung der Demarkierung von indigenem Land zeigt; und verschiedene illegale Regelungen, die den Holzschmuggel begünstigen, sind nur die Spitze des Eisbergs. 

Drittens ist Bolsonaro eine Gefahr für die brasilianische Demokratie. Die ständigen Angriffe auf die Judikative und den Bundesgerichtshof (STF) zeugen von einer deutlichen Nostalgie nach Diktatur und Autoritarismus. Die Diskreditierung des Wahlsystems (das eines der sichersten der Welt ist) und die “Betrügereien”, die selbst bei fehlenden Beweisen unterstellt werden, sind ebenfalls etwas, das an Donald Trump erinnert. Angriffe auf die Presse tragen zu einem starken Rückgang der Unabhängigkeit der Medien und der Meinungsfreiheit in Brasilien bei. Für Bolsonaro und seine treuen Anhänger:innen gibt es keinen Dialog zwischen verschiedenen politischen Meinungen, sondern nur noch Hass und Gewalt. Im Laufe des Jahres 2022 wurden wir Zeugen mehrerer politisch motivierter Morde, die in den meisten Fällen von “Bolsonaristas” (Fans von Bolsonaro) gegen “Petistas” (Fans von Lula und seine Partei) verübt wurden.

Viertens ist Bolsonaro korrupt. Die berühmte brasilianische Kreativität scheint bei der Ausarbeitung korrupter Pläne nützlich zu sein; der Klientelismus blüht wie immer. Nachdem er seinen Wahlkampf mit einem Anti-Korruptions-Diskurs geführt hatte, wurde Bolsonaro auf frischer Tat bei unlauteren Machenschaften ertappt. Überraschung! Er beschäftigte mehrere Familienmitglieder als “Geisterangestellte” – d.h. Angestellte des öffentlichen Dienstes, die in Wirklichkeit nicht arbeiten, sondern nur Geld erhalten -; er kaufte Immobilien mit Bargeld – was an sich kein Verbrechen ist, sondern nur äußerst merkwürdig; er leugnete verdächtige Transaktionen von Millionen auf dem Konto des Beraters seines Sohnes und die anschließende Überweisung von Geld an seine Frau Michelle Bolsonaro.

Ein Pro-Bolsonaro-Protest in Belo Horizonte am brasilianischen Unabhängigkeitstag 2021. Die Reden, die Bolsonaro an diesem Tag hielt, konzentrierten sich hauptsächlich auf Angriffe auf die Judikative, insbesondere auf die STF (Bundesgerichtshof). Bild: Matheus Câmara da Silva (2021).

Dritter Teil. Wer ist dieser Lula überhaupt?

Lula ist eine äußerst kontroverse politische Figur, die einer äußerst kontroversen Partei angehört, der PT (Arbeiterpartei). Lula begann seine politische Karriere als Gewerkschafter und gewann immer mehr an Popularität, bis er 2003 und 2007 zweimal zum Präsidenten gewählt wurde.

Während seiner Amtszeit florierte die Wirtschaft, unter anderem dank Petrobras, Brasiliens staatlichem Petrochemieunternehmen. Lula nutzte den Geldfluss und führte mehrere Sozialprojekte ein, um den ärmeren Schichten der Gesellschaft zu helfen, was ihm treue Bewunderer einbrachte. Ein Beispiel ist die Bolsa Família (Familienbeihilfe). Dieses Programm sieht ein monatliches Einkommen für arme Familien vor, die Kinder im schulpflichtigen Alter haben und nur über geringe Mittel für deren Unterhalt verfügen. Ein weiteres Beispiel war die Einführung von ethnischen und sozialen Quoten an den staatlichen Universitäten im ganzen Land, die damit begannen, die Hochschulbildung für Gruppen zu garantieren, die zuvor davon ausgeschlossen waren. Lula setzte sich auch dafür ein, dass Brasilien Mega-Events wie die FIFA Fußballweltmeisterschaft 2014 ausrichtet. Mit der Verwicklung seiner Partei in Korruptionsskandale, vor allem im Zusammenhang mit Petrobras, sank sein Ruf jedoch exponentiell.

Von vielen als Heiliger angesehen, zeigten die Korruptionsfälle “Mensalão” und “Lava-Jato” eine andere Seite des Politikers und seiner engsten Verbündeten. Diese Pläne waren so absurd, dass sie selbst Brasilianer:innen, die bereits an die Unmoral des politischen Apparats gewöhnt waren, überraschen konnten. 

Im Jahr 2017 wurde Lula zu fast zehn Jahren Gefängnis verurteilt, weil er von einem Bauunternehmer eine Wohnung am Strand als Gegenleistung für politische Gefälligkeiten angenommen hatte. Die Gegenreaktion gegen Lula und seine Partei war dementsprechend ostentativ. Nachdem er 580 Tage im Gefängnis verbracht hatte, erklärte der STF, das oberste Gericht Brasiliens, seine Inhaftierung 2019 für verfassungswidrig und ließ ihn frei, was seine Kandidatur im Jahr 2022 ermöglichte. 

Die Strafverfahren gegen den ehemaligen Präsidenten sind sehr komplex. Widersprüchliche Versionen der Beteiligten stehen neben einem fragwürdigen Verhalten des Richters Sérgio Moro, der vom UN-Menschenrechtsausschuss der Befangenheit in Lulas Prozess beschuldigt wurde und 2019 Bolsonaros Justizminister wurde.

Ob unschuldig oder schuldig, entscheidend ist, dass diese Ereignisse von Millionen von Brasilianer:innen als Seifenopernunterhaltung konsumiert wurden. Ist er ein Schurke? Ist er ein Held? Wurde ihm Unrecht getan? Wurde er endgültig verurteilt? Lulas Image ist inhärent geschädigt worden. 

Der aktuelle Bolsonarismus ist oft kein “reiner” Kredit für Bolsonaro, sondern eher ein Anti-Lulismus, Anti-Petismus, Anti-Linkismus, Konservatismus, Autoritarismus oder eine verdeckte Abneigung gegen Korruption. Bolsonaro zieht aus Mangel an Möglichkeiten diejenigen an, die gerade nach rechts tendieren, die glauben, dass die Rechte weniger korrupt als die Linke ist und den alten Lula satt haben.

Aufgrund seiner bedauerlichen Reaktion auf die Covid-19-Pandemie halten viele den derzeitigen Präsidenten für einen Völkermörder. Bild: Maria Fernanda Pissioli (2021).

Vierter Teil. Wem soll man glauben?

Während der Pandemie und inmitten der Ermüdung durch schlechte Nachrichten haben viele Brasilianer:innen beschlossen, sich abzuwenden und die Nachrichten abzuschalten. Laut einem Bericht von Reuters in Zusammenarbeit mit der Universität Oxford vermeiden es 54% der Bevölkerung, regelmäßig Nachrichten zu lesen oder zu verfolgen.

In der gleichen Studie wurde außerdem festgestellt, dass nur 48% der Brasilianer:innen der Presse im Allgemeinen vertrauen – ein Rückgang um 14 Prozentpunkte gegenüber 62% im Jahr 2015. Einer der Gründe dafür sind vielleicht die bereits erwähnten regelmäßigen Angriffe Bolsonaros auf die Medien.

Wir leben in Brasilien in einer Zeit des politischen Desinteresses und gleichzeitig des Unglaubens an die traditionelle Presse. Die Menschen geben es entweder auf, sich zu informieren, oder sie glauben einfach, dass es keinen Sinn hat, Zeitungen zu lesen, weil man ihnen selbst nicht mehr trauen kann. Also wenden sie sich an Facebook, Instagram, Twitter, die voll von “alternativen” Fakten, Fake News, Manipulationen und Lügen sind. Reuters gibt an, dass 64% der Brasilianer Nachrichten über soziale Netzwerke abrufen. 

Es gibt nicht mehr nur eine Wahrheit. Jeder erfindet seine eigene Wahrheit und verkündet sie in einem Beitrag. Eine Kakophonie der Meinungen, und niemand hört dem anderen zu. “Bolsonaro ist ein Völkermörder!”, “Lula ist ein Dieb!”, “Du bist dumm!, “Nein, du bist dumm!” und die Diskussion bleibt so.

So wird eine informierte Abstimmung schwierig. Die Menschen werden manipuliert, sie vergessen, sie verwirren sich, sie denken, sie hätten keine Wahl. Entweder man wählt eine korrupte Person, oder man wählt eine andere korrupte Person. Sie reduzieren ihre Wahl auf eine einfache Entscheidung zwischen rechts und links. Grün-gelb oder rot. Die Polarisierung wird akzentuiert.

»“Es geht nicht um zwei beliebige Kandidaten, sondern um die beiden wichtigsten und umstrittensten Persönlichkeiten in der jüngeren Geschichte des Landes. Entweder man liebt oder hasst sie, es gibt keinen Mittelweg.”«

Fünfter Teil. Was von der Zukunft zu erwarten ist.

Es handelt sich um die wichtigste Wahl seit der Demokratisierung des Landes im Jahr 1985. Sie ist so entscheidend und emotional aufgeladen, dass sie das Land buchstäblich in zwei Teile gespalten hat. Es geht nicht um zwei beliebige Kandidaten, sondern um die beiden wichtigsten und umstrittensten Persönlichkeiten in der jüngeren Geschichte des Landes. Entweder man liebt oder hasst sie, es gibt keinen Mittelweg. 

Abschließend muss ich zugeben, dass mein Artikel Schwächen hat. Es ist nicht möglich, über alles zu sprechen, was zur aktuellen politischen Lage des Landes beigetragen hat. Vieles habe ich aus Platzgründen ausgelassen, vieles weiß ich nicht, und es gibt Phänomene, die selbst für Expert:innen schwer zu verstehen sind. Es fällt mir oft schwer, Europäer:innen die brasilianische Politik zu erklären, denn selbst ich verstehe nicht, wie zum Beispiel ein Mensch, der ein Video veröffentlicht, in dem er eine transsexuelle Teenagerin dafür kritisiert, dass sie sich auf einer Damentoilette aufhält, zum meistgewählten Abgeordneten der Geschichte werden konnte (Stichwort: Nikolas Ferreira).

In Brasilien sagen wir oft, dass “die Brasilianer:innen keinen einzigen Tag Ruhe haben”. Jeden Tag passiert irgendein Unglück oder der Präsident beschließt, wieder einmal den Mund aufzumachen. Nachdem wir ihn vier Jahre lang ertragen hatten, erlebten wir bis zur zweiten Wahlrunde einen Monat intensiver Ängste. Aber ist seine Niederlage ein Happy Ending? Bolsonaro hat mit einem Putsch gedroht, und 24 Stunden nach dem Ende der Auszählung der Stimmen hatte er sich immer noch nicht geäußert oder ist öffentlich aufgetreten. Knapp einen weiteren Tag später tritt er vor die Presse, verspricht, sich an die Verfassung zu halten. Aber noch im April 2021 kündigte er an: “Nur Gott kann mich aus dem Präsidentensessel holen. Und er holt mich natürlich raus, indem er mir das Leben nimmt.” Seine Unterstützer:innen haben die Autobahnen in 18 Bundesstaaten blockiert und einen unvorstellbaren Stau im ganzen Land verursacht. Wir haben Angst vor dem, was nach der Niederlage Bolsonaros kommen wird. Was uns bleibt, ist der Glaube an die brasilianische Demokratie.

Gabriella Ramus

Irem in Aktion. Foto: Ronny Bittner

Ernährung/Lifestyle

Mensa to go

Wie funktioniert das neue Mehrweg-Mitnahmegeschirr in der Mensa? Ein Selbstversuch.

von Ronny Bittner

14.11.2022 - Ausgabe 86

Essen zum Mitnehmen hat in der Corona-Pandemie eine stark wachsende Nachfrage erlebt. Während der umfassendsten Einschränkungen war es für die meisten Bistros und Restaurants eine Möglichkeit, den vorübergehenden Ausfall von zu bewirtenden Menschen irgendwie zu überleben. Wo häufig auf Styropor und Pappe zurückgegriffen wurde, hat durch die erhöhte Inanspruchnahme dieser Möglichkeit auch ein weiterer Gedanke Fuß fassen können: wie wäre es eigentlich, wenn man nicht alle städtischen Mülleimer und Plätze bis zum Anschlag mit den leeren Verpackungen zumüllen würde?

Etwas musste also passieren. Die Einführung einer Mehrweg-Lösung war bereits eine der konstruktiven Ideen der Gruppe “Students for Future”, ein wichtiges Puzzlestück für das Projekt “Nachhaltige Mensa”. Seit Beginn dieses Wintersemesters gibt es eine Lösung: Relevo.


Die Deckel sind gefallen

Warum die Wahl überhaupt auf Relevo als Anbieter fiel, ist das Ergebnis eines zweistufigen Auswahlprozesses, bei dem auf der zweiten Stufe auch das SP-Präsidium und der AStA-Vorsitz eingebunden wurden. Laut Robert Anders, dem Pressesprecher des Studierendenwerks Bonn, gaben letztlich Kriterien wie u.a. “Nutzerfreundlichkeit (angepasst an die Gewohnheit der Studierenden, kein Pfand), Schnittstellenprobleme (keine), Einführungskosten (keine, d. h. kein Investitionsrisiko) und Flexibilität des Anbieters (hoch)” den Ausschlag. Relevo habe sich so “nach Auswertung eines vorher festgelegten Kriterienkatalogs” gegen andere Anbieter durchgesetzt.

Von Studierendenseite wurde laut der AStA-Vorsitzenden Madita Mues im SP der eindeutige Wille bekundet, eine Lösung ohne App, dafür mit einem Pfandsystem analog zum LogiCup zu finden. Hierfür wären jedoch zusätzliche Pfandautomaten notwendig gewesen, wodurch höhere Erstausgaben entstanden wären.


Ein weiterer Aspekt lässt sich mit einem Blick auf die in der Relevo-App einsehbare Karte aller möglichen Relevo-Rückgabeorte erahnen: In Bonn gibt es aktuell genau vier, wenn man St. Augustin berücksichtigt insgesamt fünf mögliche Ausleih- und Rückgabemöglichkeiten. Dies schmälert im Vergleich zur Verbreitung von Anbietern wie bspw. Vytal erheblich den Komfort einer flexiblen Rückgabe an den unterschiedlichsten Orten, lässt sich jedoch auch dadurch erklären, dass dem Studierendenwerk auf diesem Wege ein wesentlich größerer Spülaufwand entstanden wäre – und so auch noch ein Überblick über möglicherweise zu stark verschmutzte Boxen möglich ist. Im Übrigen geht das Studierendenwerk “grundsätzlich davon aus, dass Relevo in naher Zukunft auch an anderen Lokalen etc. in Bonn zum Einsatz kommen wird.”

Irem und Ich

Die Campus-Mensa Poppelsdorf (= Campo) ist in der Mittagszeit ein sehr gefragter Ort, sehr viele Studierende tummeln sich bereits zur Öffnungszeit an den Eingängen. Da aufgrund aktuell lockerer Corona-Schutzmaßnahmen und wegen der entstehenden Enge das Halten von Abständen kaum bis gar nicht möglich ist, gibt es aus meiner Sicht nicht nur Zeitgründe, sich möglichst kurz in den Räumen der Mensa aufzuhalten. Bereits am Eingang befinden sich Hinweise auf Relevo mit einem QR-Code, sodass die Installation der App ohne aufwändige Suche gelingen kann. Legt man es nicht auf das Lesen sämtlicher Nutzungs- und Datenschutzvereinbarungen an, ist die App in wenigen Minuten startklar.

Bei der Essensausgabe werden die Boxen auf Nachfrage ausgegeben, jedoch erst nach erfolgtem Scannen und damit dem Registrieren der Box in der App. Hier zeigte sich schon eine mögliche Problemquelle: Bei diesem Schritt ist eine aktive Verbindung zum Internet notwendig! Zwar ist in den Mensen Eduroam und Studnet empfangbar, jedoch je nach Platz und Auslastung unterschiedlich gut. Meine App konnte zunächst keinen Vorgang abschließen und musste manuell neugestartet werden, dann klappte es – mit Mobildaten.

Zusätzlich zum QR-Code haben die Boxen einen Namen, der später bei der Kasse noch wichtig wird, in meinem Fall “Irem”. Die Box kann entweder direkt verschlossen oder mit weiteren Komponenten gefüllt werden, angesichts der Warteschlangen empfiehlt sich jedoch das Schließen des Deckels. Dieser wirkt etwas steif und tupperesque, hält aber sehr gut und dichtet die Dose vollständig ab.

An der Kasse angekommen, muss die Box geöffnet vorgezeigt werden – und dann wird der Name der Box mit dem Namen der Box in der Relevo-App auf dem Smartphone abgeglichen, damit niemand mit der falschen Box nach draußen geht. Zwar wird für die Box selbst kein Pfand erhoben, jedoch kommen an der Kasse 20 Cent Reinigungspauschale zum Betrag hinzu – dadurch werden der logistische Mehraufwand und die zusätzlichen Kosten nicht auf alle Essen umgelegt, sondern nur auf die Nutzer:innen des To-Go-Service.

Irem wurde von der Firma ORNAMIN in Deutschland hergestellt, die Unterseite besteht aus Styrol-Acrylnitril (SAN) und der Deckel aus thermoplastischem Elastomer (TPE). Laut Hersteller ist die Box u.a. spülmaschinenfest, mikrowellengeeignet, lebensmittelecht, geruchs- und geschmacksneutral (das kann ich so bestätigen) sowie 100% recyclebar. Der Gesamteindruck ist für eine Mehrweg-Box recht wertig und stabil.

Die Rückgabe der Box erfolgt über die gewöhnlichen Geschirr-Bänder der Mensa, wo sich ein kleines Aufstellschild mit dem QR-Code zur Rückgabe in der Relevo-App befindet. Nach dem Scannen des QR-Codes – hier versagte wieder kurz meine Verbindung und daraufhin die App – erscheint die Box in der App auch als zurückgegeben. Daraufhin erhielt ich einen Samen. Ja richtig. So habe ich auch geguckt.

Fristgerecht abgegeben, wird dieser Samen dann dem HNS hinzugefügt – dem Happy Nature Score. Aber nicht genug: Mit steigendem Happy Nature Score (ja, ich muss es nochmal ausschreiben!) steigt das User-Level und man kann Auszeichnungen freischalten, Level 1 ist “Naturfan”. Gamification mit Mehrweg-Boxen – wer’s mag. Aber es geht um Natur und Umwelt und das ist irgendwie gut, auch wenn es nur kleine bunte Icons sind. Wenn das noch nicht gefühlter Orden genug ist, kann unter “Community” eingesehen werden, wie viele Einwegverpackungen bisher insgesamt eingespart wurden und wie viele Fußballfelder, Zugspitzen (!?) oder Mülltonnen (was für eine Maßeinheit ist DAS?) das wären. Ist das alles noch Nudging oder… wuff!

 

Wie läuft es aktuell?

Im ersten Monat habe das Studierendenwerk, so Herr Anders, von den Studierenden “im Grunde nur positives Feedback” erhalten, lediglich die Umgewöhnung bezüglich Smartphones und Apps führe von vereinzelten Bediensteten noch zu etwas negativer Kritik. Insgesamt seien die Arbeitsabläufe sowohl bei der Essensausgabe als auch an den Kassen und bei der Rücknahme eingespielt. Relevo selbst sei mit den Nutzungszahlen zufrieden, im Verhältnis zu den gesamten Essenszahlen liege der Anteil von To-Go-Essen bei rund 3,5 – 4% – bei schönerem Wetter könne sich dies leicht ändern.

Ronny Bittner

Foto: Ronny Bittner.

Campus

Start des Akademischen Jahres

Rede der AStA-Vorsitzenden Madita Mues

14.11.2022 - Ausgabe 86

Nicht nur Relevo ist neu, nein, auch das Akademische Jahr, in dem wir uns seit kurzem befinden. Los ging es am 18. Oktober 2022 mit verschiedenen Reden. Auch der folgenden, gehalten von der AStA Vorsitzenden Madita Mues. Um es mit Ronny zu sagen, der dabei war: “Nachdem sich die Uni 90 Minuten nur feierte, hat Madita auf die aktuelle Realität aufmerksam gemacht: “Der Notfall ist jetzt!” Und wirklich alle sind bei diesen klaren Worten aufgeschreckt und es gab den längsten Applaus – Ich wäre dafür die zu drucken.” Deshalb, here we go:

Magnifizenz, Honorabilis, Spektabilitäten, liebe Kommiliton:innen, liebe Gäste,

zur Eröffnung des vergangenen akademischen Jahres war die Rückkehr in die Aula ein großer Schritt Richtung Normalität.

Die Pandemie ist noch nicht vorbei, doch statt auf die Krise – die für Studierende, die sich zum größten Teil solidarisch verhalten haben, mit Job-Verlusten, sozialer Isolation und Unsicherheit verbunden war – zurückzublicken, sind wir mit neuen, großen Problemstellungen konfrontiert.

Die aktuelle Inflationsrate steigt immer weiter, zuletzt auf 10 %. Binnen eines Jahres sind Nahrungsmittel um durchschnittlich 16,6 % teurer geworden. Strompreiserhöhungen von rund 35 % und eine Verdreifachung des Gaspreises sprengen das Budget für viele Studierende.

Auch eine Wohnung in der Studienstadt ist für Studierende mit hohen und immer weiter steigenden Kosten verbunden, wenn sie überhaupt eine Wohnung finden. Bezahlbarer Wohnraum ist nur vereinzelt oder gar nicht verfügbar. Die seltenen Angebote, die auf den ersten Blick für Studierende auch bezahlbar wären, stellen sich auf den zweiten Blick häufig als doch ungeeignet heraus. Zugänglich sind sie oft nur für männliche und katholische Studenten.

Viele Studierende stellen sich aktuell die Frage: „Von welchem Geld soll ich im kommenden Monat leben?“

Laut dem Paritätischen Wohlfahrtsverband leben 30 % der Studierenden in Deutschland unter der Armutsschwelle und 45 % sind armutsgefährdet, weswegen ein Rückgriff auf Erspartes nicht möglich ist. Der Großteil des – sowieso schon geringen – Einkommens wurde bereits in der Vergangenheit benötigt, um die notwendigen Kosten zu decken. Die Mehrkosten müssen also durch das Budget gedeckt werden, das für notwendige Lebenshaltungskosten gedacht war.

Dieser Zustand darf nicht zur neuen Normalität werden.

Denn hier geht es um die grundlegende Studienmöglichkeit und das Scheitern der persönlichen Lebensentwürfe vieler Studierender. Hier hindern letztlich allein ökonomische Gründe akademischen Nachwuchs.

Wie politisch darauf reagiert wird, ist eine grundlegende Frage der Teilhabe- und Chancengerechtigkeit. Die Ausbildung oder das Studium, die erhebliche Auswirkungen auf den Lebensweg haben, dürfen nicht vom Elternhaus abhängen.

Dabei ist der Universitätszugang in Deutschland ohnehin schon nicht so schichtunabhängig, wie er häufig dargestellt wird. Zwischen dem politischen Ziel und der gesellschaftlichen Wirklichkeit besteht eine große Kluft.

Laut Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft beginnen nur etwa ein Viertel (27 %) der Grundschüler:innen aus einem Nichtakademiker:innenhaushalt später ein Studium. Bei Akademiker:innenkindern sind es hingegen fast dreimal so viele (79 %). Chancengerechtigkeit sieht anders aus.

»“Längeres Warten wird die Probleme nur noch verschärfen. Der Notfall ist jetzt..”«

Die drastisch steigenden Kosten spüren alle. In den bisherigen Entlastungspaketen blieben Studierende allerdings oft unberücksichtigt.

Die Einmalzahlungen sind für die 30 % der Studierenden, die in Armut leben, kaum als Hilfe anzusehen, sie dienen meist nur zur Überbrückung eines kurzen Zeitraums und gehen die Probleme nicht strukturell an. Doch sogar um als reine Überbrückungshilfe wirksam zu sein, muss eine schnelle Auszahlung gesichert sein. Wegen Uneinigkeit und Planungsschwierigkeiten sind die Hilfen des dritten Entlastungspaketes erst frühestens im Januar nächsten Jahres zu erwarten. Damit ist dieser Versuch der Hilfe weder schnell, noch unbürokratisch.

Zeitgleich drohen einzelne Bundesländer, darunter auch Nordrhein-Westfalen, damit, das Entlastungspaket im Bundesrat scheitern zu lassen. Die Streitigkeiten über die Kostentragung werden letztendlich zu Lasten der Empfänger:innen und Studierenden ausgetragen.

Ein möglicher Lichtblick sind die in diesem Jahr vollzogenen und hart erkämpften BAföG- Reformen. Das Ziel des BAföGs ist eigentlich, die Bildungsteilhabe und die Ausbildungsmöglichkeiten vom Elternhaus unabhängig zu machen.

Davon profitieren jedoch leider nur wenige. Es erhalten nur etwa 11 % der Studierenden BAföG. Das ist ein historischer Tiefstand.

Die Entwicklung, die das 27. BAföG-Änderungsgesetz mit sich bringt, ist ein Schritt in die richtige Richtung, jedoch leider nicht die dringend notwendige Strukturreform.

Wir begrüßen die Anhebung des Höchstsatzes auf 920 €. Allerdings wissen wir alle, dass der Höchstsatz die Ausnahme ist. Die Anhebung der Bedarfssätze um 5 % bleibt hinter den rasant steigenden Lebenskosten zurück und ist inflationsbereinigt sogar eine Kürzung.

Nach 2 Jahren Corona-Pandemie freuen wir uns, dass mit dem Notfallmechanismus des 28. BAföG-Änderungsgesetzes eine Vorbereitung auf Notlagen beobachtet werden kann und ein Mittel für eine flexiblere Reaktion geschaffen wird. Insbesondere in Krisensituationen sind die Ausweitung des Empfänger:innenkreises und unbürokratische Bezugsmöglichkeiten essenziell.

Es bleibt jedoch die Frage, was als Notlage gewertet wird. Warum soll nur eine Störung des studentischen Arbeitsmarktes ein Notfall sein und wie spät darf ein Notfallmechanismus eingreifen, um noch wirksam zu sein?

Wenn wir erst auf eine noch rasantere Rezession und den Einbruch des Arbeitsmarkts warten, ist es zu spät. Warum reicht die strukturelle Verarmung noch nicht? Längeres Warten wird die Probleme nur noch verschärfen.

Der Notfall ist jetzt.

Dazu kommt, dass der Notfallmechanismus nicht allen Studierenden gleichermaßen offensteht.

Während einige Kriterien der Förderungsvoraussetzungen modifiziert werden, um den Empfänger:innenkreis auszuweiten, wird gerade an der Staatsangehörigkeit festgehalten.

Foto: Ronny Bittner.

Internationalen Studierenden werden so zusätzliche Hürden geschaffen. Dazu kommen noch die geplanten Mittelkürzungen beim Deutschen Akademischen Austauschdienst, durch die rund 6.000 Stipendien wegfallen könnten.

In Zeiten wachsender globaler Krisen und Herausforderungen, etwa der Corona-Pandemie oder der Klimakrise, sollten wir auf eine global vernetzte Gemeinschaft und internationale Kooperation bestehen. Unsere Verantwortung endet nicht an nationalen Grenzen.

Die Universität Bonn wäre ohne die zahlreichen internationalen Studierenden und Forschungskooperationen nicht dieselbe.

Aber für die weitere Erreichung der Ziele der Internationalisierungsstrategie der Universität Bonn ist es unverzichtbar, dass diese durch eine konsequente und kongruente Außenwissenschaftspolitik des Bundes untermauert wird.

Auch die Bedeutung der sozialen Hochschulinfrastruktur muss anerkannt werden. Seit fast 30 Jahren wurden die Zuschüsse für Studierendenwerke in Nordrhein-Westfalen nicht erhöht. Real ist das eine signifikante Kürzung. Das bestehende Missverhältnis zwischen den Einnahmen durch das Land und durch Studierende muss ausgeglichen werden.

Doch ökonomische Faktoren sind nicht die einzigen Zugangsbarrieren, die Studierenden oder studieninteressierten Menschen begegnen.

Universitäten leisten einen großen gesellschaftlichen Beitrag. Sie dienen dem Gewinn wissenschaftlicher Erkenntnisse und sind ein Ort des Diskurses und der Bildung.

Etwa transdisziplinäre Forschung – wie der Bereich „Innovation und Technologie für eine nachhaltige Zukunft“ – ist für Lösungsansätze zur globalen Klimakrise unverzichtbar. Auch die Forschung des Bonn Centers for Dependency and Slavery Studies ist für die Analyse asymmetrischer Abhängigkeiten unerlässlich.

Aber Universitäten sind auch ein Teil der Gesellschaft und in ihnen wirken gesellschaftliche Machtstrukturen fort. Auch der Universitätskontext ist nicht frei von Diskriminierungserfahrungen und mangelnder Repräsentation.

Mangelnde Barrierefreiheit in Gebäuden versperrt wortwörtlich den Zugang zur Hochschule.

Obwohl Frauen an der Uni Bonn mittlerweile 57,1 % der Studierenden ausmachen, sind nur 25,3 % der Professor:innen an unserer Uni weiblich. Der Professorinnen-Anteil an der Uni Bonn stieg in den vergangenen Jahre stetig, worin sich ein Teilerfolg der implementierten Gleichstellungsstrategien finden lässt, jedoch zeigt sich auch, dass diese nur ein Teilschritt auf dem Weg zum eigentlichen Ziel – der vollständigen Chancengerechtigkeit – ist.

Da die Statistiken leider nur ein binäres Gendersystem widerspiegeln, werden nicht-binäre Studierende völlig ausgeblendet. Dies wirkt im Alltag fort, indem nicht-binäre Studierende von der Anrede in der Vorlesung bis hin zur Toilettenwahl mit binären Alternativen konfrontiert sind, als würden nur diese Auswahlmöglichkeiten existieren.

 

An dieser Stelle können Universitäten ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden. In Zeiten, in denen eine rechtspopulistische und in Teilen rechtsextreme Fraktion im Bundestag beantragt, dass jegliche finanzielle Förderung für Postkolonialismusforschung und Gender-Studies gestrichen wird, da sie angeblich zu ideologisch behaftet seien, müssen wir auf die Notwendigkeit dieser Wissenschaftsbereiche und die daraus zu gewinnenden Erkenntnisse für eine zukunftsfähige, diskriminierungssensiblere und inklusivere Gesellschaft bestehen.

Auch wenn der Uni-Zugang für alle formal gleich ist, unterscheiden sich die faktischen Studienbedingungen doch stark.

Krisen, seien es die Klimakrise, die Corona-Pandemie, Inflation oder Energiekrise, treffen nicht alle gleich.

Diskriminierende Strukturen müssen hinreichend analysiert und in Nothilfen und Krisenplänen mitgedacht werden.

In der allgemeinen Krisenpolitik dürfen Studierende nicht – schon wieder – vergessen werden. Hilfen müssen zeitlich absehbar sein. Kompetenzrangeleien und Streitigkeiten um die Kostentragung dürfen nicht auf dem Rücken von Studierenden ausgetragen werden. Das 29. BAföG-Änderungsgesetz ist nicht nur dringend notwendig, sondern müsste sich auch um eine strukturelle Ausweitung des BAföGs bemühen, um dem Ziel der Ausbildungsförderung Rechnung zu tragen. Auch hier ist eine Anpassung an die Lebensrealität der Studierenden dringend notwendig.

Es ist nicht mehr nur die Corona-Pandemie, die die soziale Situation der Studierenden belastet.

Dazu kommen Inflation, Energiekrise und strukturelle Verarmung.

Studium und Lehre und Wissenschaft und Forschung bilden eine Einheit.

Wir sind aufeinander angewiesen. Sowohl für die Gegenwart als auch für die Zukunft. Auch ohne Studierende funktioniert eine Universität nicht.

Den Worten der Unterstützung müssen deshalb nun Taten folgen. Die Zukunft der Universitäten und damit auch der Gesellschaft stehen auf dem Spiel.

Hinweis: Hierbei handelt es sich um ein Transkript der Rede. Es gilt das gesprochene Wort.

“Das Frauenbild der 50er Jahre ist auch heute noch nicht völlig überholt, wie wir in Don’t Worry Darling auf eindrucksvolle Weise gezeigt bekommen."

War früher alles besser?

Olivia Wildes Don’t Worry Darling hält unserer Gesellschaft den Spiegel vor

von Nicole Marczyk

14.11.2022 - Ausgabe 86

Spoilerwarnung: In dieser Rezension wird die Handlung des Films vorweggenommen, da dies für die ideologiekritische Betrachtung notwendig ist. Ein Gang ins Kino lohnt sich trotzdem, um die Brillanz von Don’t Worry Darling mit eigenen Augen zu sehen zu bekommen.

 

Victory, Kalifornien, in den 1950er Jahren. Hier leben Alice (Florence Pugh) und Jack (Harry Styles) und etliche andere Paare ein bürgerliches Leben in einem vom Unternehmer Frank (Chris Pine) neu gegründeten Wohnprojekt, dem Victory-Project. Während Jack wie alle anderen Männer im Ort den ganzen Tag auf der Arbeit im Victory Headquarter verbringt, besteht Alices Lebensinhalt darin, für Jacks Wohlergehen zu sorgen und gemeinsam mit den anderen Frauen an dem für sie bereitgestellten Beschäftigungsprogramm teilzunehmen. Ungewöhnlich erscheint dabei auf den ersten Blick nur, dass keine der Frauen weiß, woran genau ihre Männer arbeiten. So beginnt jeder Tag mit Kaffee und Spiegeleiern und endet mit Sex auf dem Esstisch, was zusammen mit der perfekten 50er-Jahre Ästhetik für den Einen einen Traum, für die Andere einen Albtraum von Leben darstellt.

Doch Alice beginnt ihren Alltag im Victory Project zu hinterfragen. Die Lebensläufe der Bewohner des Projekts klingen alle gleich. Außerdem ist Victory Town rundum von Wüste umgeben und es ist den Frauen nicht gestattet, die Grenzen der Stadt zu überqueren. Margaret (KiKi Layne), die einzige Frau, die gegen diese Regeln verstoßen hat, scheint nach ihrer Rückkehr verrückt geworden zu sein. Obwohl Alice Zeugin von Margarets offensichtlichem Suizidversuch wird, behauptet Frank, es habe sich dabei um einen Unfall gehandelt. Alice beginnt nun nach und nach mit ihren scheinbaren Verschwörungstheorien in der Gemeinschaft anzuecken.

Mit der Zeit beginnt Alice sich wieder an ihr altes Leben vor der Zeit in der Gemeinschaft zu erinnern, in dem sie in unserer gegenwärtigen Zeit als Chirurgin in einem Krankenhaus gearbeitet hat. Jacks und Alices Beziehung befand sich in einer Krise, als Jack seinen Job (und sein Selbstwertgefühl) verloren hat und Alice nach regelmäßigen Doppelschichten weder für Sex, noch für die Vorbereitung des Abendessens bereitstand. Jack verbrachte viel Zeit im Internet und fand Videos von Frank, in denen er das Victory Project als simulierte Welt vorstellt, in der noch alles mit rechten Dingen zugehe. Den Männern müsse es nur gelingen, ihre Frauen physisch zu überwältigen und sie an die Gerätschaften anzuschließen, die sie in die virtuelle Realität überführen. Als Alice Jack mit ihren Erinnerungen konfrontiert, kommt es zum Showdown. Jack verteidigt seine Entscheidung als selbstlosen Akt, mit dem er den beiden ein glückliches Leben ohne finanzielle Sorgen ermöglicht hätte. Schließlich versucht Jack Alice zu vergewaltigen, woraufhin sie ihn tötet und einen Fluchtversuch aus dem virtuellen Gefängnis unternimmt.

 

Das Patriarchat kämpft um sein Überleben 

Der feministische Anspruch von Don‘t Worry Darling ist nicht zu übersehen: Alices Kampf um Autonomie ist ein Paradebeispiel weiblicher Emanzipation. Als Jack versucht, Alice davon zu überzeugen, dass sie in ihrem alten Leben unglücklich war, entgegnet sie diesem, dass das egal sei, denn es sei immerhin ihr Leben gewesen. So lebensfeindlich die Arbeitsbedingungen im modernen Kapitalismus auch sein mögen, so kann der Gegenentwurf keiner sein, der auf Kosten der eigenen Selbstbestimmung geht – genau diese möchte Jack jedoch verhindern. Sein verzweifelter Versuch, Alices Geist und Körper zu beherrschen, umfasst dabei nicht nur ihre Entmündigung, sondern spiegelt sich auch in der Selbstverständlichkeit, in der Jack auf sein vermeintes Recht auf Sex mit Alice besteht, wider.

In diesem vermeinten Recht auf Sex liegt die Parallele zur Incel-Bewegung. Jacks Radikalisierung aufgrund von Internet-Videos des rhetorisch begabten Predigers Frank weist somit auf ein Phänomen hin, das heute aktueller ist denn je: Die Macht der Ideologie in Zeiten des Internets. Dabei entspringt Franks Charakter offensichtlich dem von vielen Incels vergötterten Jordan Peterson. Ebenso wie Frank setzt Peterson Frauen und Männer mit den Prinzipien Chaos und Ordnung gleich. So schreibt Peterson in seinem Bestseller 12 Rules for Life: „Als Antithese des symbolisch männlichen Ordnungsprinzips präsentiert sich das Chaos als weiblich. Es steht für das Neue, Unvorhersehbare, das sich plötzlich im Vertrauten Bahn bricht, ist Zerstörung und Schöpfung in einem, (…) es ist die Antithese von Kultur.“ Während Peterson das Chaos zwar nicht völlig ausrotten will, sondern „nur“ eindämmen, wünscht sich Frank eine Welt, in der ausschließlich das Prinzip der Ordnung regiert. Damit bekommen Franks Fantasien neben dem Reaktionären, dem Sexismus und der Esoterik, die sie mit Peterson teilen, noch einen faschistoiden Zug. Dieser wird unter anderem in Videos deutlich, die die Frauen während ihrer Indoktrination beim Eintritt in die virtuelle Realität gezeigt bekommen: Mithilfe des Effekts der Symmetrie werden verstörende und zugleich faszinierende Bilder gezeichnet, die einen am eigenen Leib erfahren lassen, wie Propaganda funktioniert. 

Jacks Radikalisierung ist jedoch auch Folge eben jener lebensfeindlichen Arbeitsbedingungen, die eine solche Last für die Beziehung von Jack und Alice dargestellt haben. Wenn in einem kapitalistischen System die Möglichkeiten, ein erfüllendes Leben zu führen, dermaßen eingeschränkt werden und der Selbstwert an die Ausübung eines anerkannten Jobs geknüpft wird, hat die Ideologie es leichter, sich selbst als vermeintlichen Gegenentwurf zu präsentieren – was wir heute auch anhand des Wahlerfolgs reaktionärer Politiker beobachten können.

»“Das Spannendste an dem Film ist, dass er es schafft, die Wirkmechanismen von Ideologie als solcher abzubilden.”«

Erzählt der Film etwa von uns?

Franks und Petersons Ideologie werden in Don‘t Worry Darling allerdings nicht bloß ihrem Inhalt nach abgebildet. Das Spannendste an dem Film ist, dass er es schafft, die Wirkmechanismen von Ideologie als solcher abzubilden. Die Systemsprengerin Alice wird als verrückt, als hysterisch abgetan. Und auch heute werden solche Abwertungen bei Menschen, die dem bürgerlichen Mainstream in ihrer Lebensführung nicht entsprechen, vorgenommen: Promiskuitive Frauen werden pathologisiert; Langzeitstudent:innen sind faul; Menschen, denen es nicht gelingt, die Sprache, das Aussehen und den Habitus der Mehrheitsgesellschaft zu übernehmen, sind Freaks oder Weirdos. Dabei schrieb schon Erich Fromm, dass in einer kranken Gesellschaft die Kranken die Gesunden seien. Und die Gesunden seien die eigentlichen Kranken.

Gegen rationale Gründe scheint die Ideologie zunächst einmal immun. Als Alice bei einem Abendessen die anderen Paare damit konfrontiert, dass jedes Paar dieselben Kennlerngeschichten und Urlaubserinnerungen hat, sieht es fast so aus, als wollten ihr die anderen Frauen nicht glauben. Um der Geistigkeit der Frauen gar keine Möglichkeit zur Entfaltung zu bieten, werden sie zur ständigen Zerstreuung genötigt. Neben der Beschäftigungstherapie, die unter anderem in abrichtenden Ballettstunden und Kaffeekränzchen besteht, laufen zuhause auch noch ständig der Fernseher oder das Radio, welche die Frauen durch mit ideologischen Stichworten („Ordnung“, „Teil eines großen Ganzen“, „Fortschritt“) versehenem Geplapper davon abhalten, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Dies bietet einerseits auch uns Anlass zu hinterfragen, inwieweit die ständige Zerstreuung durch unsere Smartphones uns entmündigt und entpolitisiert. Andererseits sind auch wir nicht frei von dem Bedürfnis nach Konsens und Konformität und überhören oder skandalisieren Meinungen, die unser Weltbild angreifen könnten – womöglich auch vorschnell. An dieser Stelle sind Reflexion und Rationalität eben doch das einzige Mittel, dem Konformitätsdruck und der Ideologie nicht vollständig zu verfallen.

So kann Alices Emanzipation letztlich doch nur aufgrund ihres Muts, ihre Intuition ernst zu nehmen, sie zu hinterfragen und ihr dann aufgrund rationaler Überlegungen zu folgen, gelingen. Sapere aude – wage es, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen – auch gegen Widerstände. Don‘t Worry Darling ist damit nichts weniger als ein brandaktuelles, notwendiges Plädoyer für eine neue Aufklärung. Die surrealen Bilder, die grandiosen schauspielerischen Leistungen und allerlei hier nicht zum Ausdruck gekommene Subtilitäten machen den Film zu einem ideologiekritischen Meisterwerk, von dem wir lernen können, wenn wir nur nicht die Augen davor verschließen.

Nicole Marczyk

Gastartikel

Plädoyer für mehr oder weniger Freund:innen

Ein paar Gedanken zu unserem Bild von Freundschaft

von Helena Rauer

14.11.2022 - Ausgabe 86

Im Durchschnitt haben Menschen 4,7 enge Freund:innen. Diese Zahl soll der Erleichterung dienen, denn in unserer Vorstellung haben andere viel mehr Freund:innen als wir. Dabei sind Menschen zwischen 18 und 29 am meisten von Einsamkeit betroffen. Das passt weder zur Auffassung vom Studium als Zeit des Lebens – man sollte doch eigentlich lauter Gleichgesinnte um sich herum haben – noch würde man darauf kommen, wenn man Instagram als Anhaltspunkt nimmt. Das Problem dieser Darstellung kennen wir, aber an manchen Tagen rutscht dann doch dieser Vergleich mit dem fröhlich-trubeligen Sozialleben anderer in unser Bewusstsein.

 

Eine Typfrage

Es gibt Menschen, denen fallen Freund:innen zu. Es gibt aber auch Menschen, die nach einem Abend in Gesellschaft platt sind und mit ihrem Buch mehr Resonanz erfahren hätten. Es ist eine Typfrage. Die Unterscheidung von introvertiert und extravertiert kann helfen, aber sie greift auch zu kurz. Laute Menschen können auch introvertiert sein und nach einem Abend voller Gesellschaft erst einmal drei Tage niemanden sehen wollen. Genauso können schüchterne Menschen aus Gesellschaft Energie tanken, auch wenn sie nicht der Mittelpunkt eines Gesprächs sind.

Sich unter Menschen wohlzufühlen hängt auch davon ab, wie viel Raum zum Reden man hat, wie viel man braucht und auch, wie anstrengend es ist, sich ihn zu nehmen.

Bei mir sieht das manchmal so aus: Eine Freundin feiert Geburtstag, erst sind zwei Personen da, mit denen ich mich gut unterhalte, dann trudeln immer mehr Menschen ein, bald gibt es ein großes Gespräch, das von zwei Personen geführt wird. Meine eigenen Beiträge sind wohl zu leise, um wahrgenommen zu werden, also höre ich irgendwann nur noch zu, trinke meinen Kaffee und nicke ab und zu.

Worauf ich hinauswill: Viele Menschen um sich zu haben, ist nicht der Maßstab, vielmehr könnte dieser sich danach richten, wie viele (und welche) Menschen das Bedürfnis nach Resonanz erfüllen. Bei manchen wird das durch viele Menschen auf einmal, bei manchen durch Gespräche zu zweit erfüllt.

 

Freundschaftszentriert leben

Mir ist schon öfter (auch an mir selbst) aufgefallen, dass Einsamkeit legitimer wirkt, wenn sie als Partner:innenlosigkeit verpackt wird. Im Sinne von: Ich bin einsam und dagegen hilft nur eine Beziehung (von Freund:innen kann ich so viel Aufmerksamkeit nicht erwarten). Daniel Schreiber beschreibt in seinem Buch „Allein“, dass Freundschaften oft als Übergangsphase gesehen werden, bis man mit den ganz klassischen gesellschaftlich erwarteten Dingen anfängt (monogame Beziehung, Arbeit und Kinder). Aber wenn wir Beziehungen so einen hohen Stellenwert geben und mit ihnen der Bedarf nach Freund:innen kleiner wird, fallen ganz viele beziehungslose Personen hinten über. Das soll jetzt keine Gegenüberstellung von Beziehung und Freundschaft werden, nennen wir es lieber einen integrativen Ansatz. An dieser Stelle sei gesagt, dass Beziehungen anscheinend stabiler sind, wenn die Beziehungsmenschen viele Freund:innen haben.

Das Fazit meiner Küchenpsychologie: In Bonn muss niemand einsam sein, denn es gibt diese Gleichgesinnten wirklich. Genauso wenig muss man allerdings nach der Norm unendlich vieler Freund:innen streben, denn die Anzahl der Freund:innen ist eine Frage des Typs und der Priorisierung.

…man ist ja nur so alt wie man sich fühlt.

Kolumne

Wie alt bin ich und wenn ja wie viele?

Gedanken zu Zeit und Alter

von Helene Fuchshuber

14.11.2022 - Ausgabe 86

Manchmal erzähle ich mir zum Einschlafen meine Geschichte. Meine Liebesgeschichten, meine Freundschaftsgeschichten, meine Familiengeschichten. Ich lasse Gespräche Revue passieren und ehrlicherweise dichte ich hin und wieder auch welche dazu. Ich erinnere mich an Herzschmerz und glückliche Momente und sicher nicht an alles dazwischen. Aber ich erinnere mich eben bewusst daran zurück, was ich schon erlebt habe.

Das ist nämlich irgendwie so ne Sache mit dem um-die-20-Sein. Richtig erwachsene Menschen sagen dir Dinge wie du bist noch so jung, du hast dein ganzes Leben noch vor dir. Und für deine kleine Cousine bist du selbst schon unendlich alt. Außerdem vergisst du langsam immer mehr Dinge, kannst dich nicht mehr an die 100 neuen Namen, die du auf dieser einen Party gelernt hast, erinnern und katerst gut und gerne auch mal drei Tage. Um es mit Phili zu sagen, du gehst auf die 30 zu.

 

Also erzähle ich mir selbst gedanklich meine Geschichte.

Und komme mir dabei mitunter doch sehr pathetisch vor. Anfang 20, nicht gegen 30. Muss ich realistischerweise sagen. Und so fühl ich mich auch. Und doch im Vergleich, manchmal, zu 20-jährigen Menschen doch eben drei Jahre älter. Und dann erzähle ich mir die Geschichte von meinem Anfang in Bonn und merke auch, dass ich da eben noch drei Jahre jünger war. Und dann spreche ich mit einem 27-jährigen Menschen, der mich auslacht, als ich eine Geschichte von mir unter lauter 20-jährigen erzähle und wie komisch ich mich gefühlt habe. Und wieder jemand anderes schätzt mich auf Jahrgang `92 und ich höre meine Mama im Hinterkopf, die mir sagt, du siehst sooo jung aus Helene. Und ich frage mich, was ist dieses Alter eigentlich, was ist diese Zeit. Zwischen 20 und 23 und 27 liegen Welten und rückblickend, wenn du Mitte 50 bist, warst du von 20 bis 27 eben einfach so verdammt jung. 

 

Du bist nur so alt, wie du dich fühlst.

Oder vielleicht bist du auch so alt, wie andere dich fühlen. Oder wahrnehmen. 

Wenn mir die Person gegenüber, die an und für sich nur ein Jahr jünger ist als ich, jung vorkommt, werde ich immer das Gefühl haben, älter zu sein als sie. Weil meine Mutter mich ansieht und mich von Baby bis jetzt sieht und vielleicht auch immer noch ein bisschen vermisst, dass ich jünger und noch zu Hause war, findet sie, dass ich jung aussehe. Vielleicht auch aus anderen Gründen, wer weiß das schon. Wenn mich eine Person, die älter ist als ich, auf Anfang 30 schätzt, glaube ich, dass das eine Form von sie-nimmt-mich-auf-Augenhöhe-wahr ist. Und von meinem kleinen Bruder werde ich immer wissen, dass er jünger ist als ich und das auch sehen, wohingegen andere Menschen rätseln, wer von uns jetzt das große Geschwister ist. 

Woran aber liegt das? Ich glaube, ein Teil ist die eigene Ausstrahlung, aber immer in Kombination mit dem Alter und der Wahrnehmung des Gegenübers. Am Aussehen allein kann es schließlich nicht liegen, jedenfalls nicht in Abschnitten von 20 nach 23 oder auch 34 zu 38. Eher ist es der Vibe, den eine Person abgibt. Die Präsenz und metaphorische Lautstärke oder Größe. Und meistens eben nicht mal nur das, sondern immer verknüpft mit der subjektiven Wahrnehmung der anderen Person. 

Ich erinnere mich noch daran, wie meine Oma immer von dem jungen Mann sprach, der im gleichen Haus wie sie wohnte. Irgendwann stellte sich heraus, dass der junge Mann Mitte 40 war. Ich wäre also vermutlich immer noch ein junges Mädchen in ihrer Wahrnehmung und noch keine junge Frau. Vermutlich.

Jung und alt an sich sind also relative Konstrukte. Nicht, dass ich Mitte-40-jährige Menschen fürchterlich alt finde, aber eben auch nicht mehr jung.

Mein Bruder wirkt auf den ersten Blick unfassbar selbstbewusst und präsent und wird von vielen älter eingeschätzt, als er ist. Er ist reflektiert und kann schlaue Sätze formulieren und vertritt seine Meinung eher laut als leise. So nehme ich ihn grundsätzlich auch wahr, aber genauso grundsätzlich sehe ich immer, dass er mein kleiner Bruder ist. Da komm ich nicht raus. Seine Ausstrahlung allein ist es also nicht, sondern genauso mein Vorwissen und meine persönliche Wahrnehmung und gleichzeitig sein auf mich angepasstes Verhalten. Beides variiert von Zeit zu Zeit und tagesformabhängig. 

Das heißt also möglicherweise, manchmal, theoretisch, können wir jeden Tag ein anderes Alter haben. Vielleicht im Verlauf eines Tages unterschiedliche Alter durchlaufen. Je nachdem, mit wem wir Zeit verbringen. Und auch je nachdem, wie wir uns in Bezug auf diese Personen verhalten. Ganz unschuldig sind wir eben nicht, an unserem gefühlten oder wahrgenommenen Alter. Denn ziemlich sicher fallen ziemlich viele Menschen in familiären Situationen in alte Muster zurück oder es kommen automatisch Verhaltensweisen von früher wieder durch, wenn wir ehemalige Schulfreund:innen treffen.

»“Und ich frage mich, was ist dieses Alter eigentlich, was ist diese Zeit. Zwischen 20 und 23 und 27 liegen Welten und rückblickend, wenn du Mitte 50 bist, warst du von 20 bis 27 eben einfach so verdammt jung...”«

Das Alter ist nur eine Zahl.

Eine Zahl, die sich an verstrichenen Tagen und Jahren abzählen lässt oder nicht mal das, einfach keine Zahl, sondern ein Gefühl. Und dann gibt es noch ein Alter, dass sich an erlebten Geschichten abzählen lässt. Nur, dass es bei den Geschichten nicht unbedingt um Quantität geht. Hier also im Grunde gar nichts zählbar ist. Der Zusammenhang von älter werden und Zeit, die vergeht, ist vielleicht also nicht linear und kausal aneinander geknüpft. Ich mein jetzt auch nicht wie bei Benjamin Button, dass da eine umgekehrte Zusammenhängung besteht, aber irgendwie…

Das kleine Kind am Nebentisch im ICE sagt zu seinem Papa „Du bist ein Säbelaffe.“ „Warum?“, fragt der Papa. „Weil du einen Säbel und einen Affen hast.“ Neben ihm sitzt ein Plüschaffe. Und bei dieser großartigen Logik fällt mir auf, dass ich mir vielleicht einfach zu viele unsinnige Gedanken über Alter und Zeit mache. Weil das vielleicht alles gar nicht allzu viel Bedeutung hat, ziemlich sicher sogar, jedenfalls jetzt noch nicht. Irgendwann müssen sich Frauen Sprüche über biologische Uhren anhören und irgendwann kann ich mir nicht mehr den Super-Sparpreis Young kaufen oder im Kino sagen einmal ermäßigt bitte. Irgendwann kommen auch irgendwelche körperlichen Gebrechen hinzu, über die ich mir jetzt noch nicht wirklich den Kopf zerbrechen muss, auch wenn meine Hüfte jetzt schon knackt und mir manchmal die Knie weh tun. Irgendwann werden wir uns nach Fünf-Jahres-Plänen fragen, oder Zehn-, oder nach dem Alter potentieller Kinder.

Noch sind wir einfach jung, aber alt genug, um machen zu können, was wir wollen.

Der Kuscheltieraffe heißt übrigens Affi. Und das Kind am Nebentisch darf keinen Schluck von der Spezi, weil der Papa sagt „Da steht drauf, dass das Josefs Spezi ist und er sie nicht teilen muss.“ Der Papa heißt also Josef.

Helene Fuchshuber