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Editorial

Liebe Leser:innen,

Ein fröhliches neues Jahr! Wir hoffen, ihr seid alle gut in 2023 angekommen, reingeschlittert, nicht ausgerutscht oder was man sonst noch so floskelhaft wünschen kann.
Wir starten jedenfalls mit einer neuen FW ins neue Jahr – eine Ausgabe, die halb aus Versehen, halb geplant mit Pärchen-Artikeln daher kommt: Es gibt zweimal Neujahr, zweimal zivilen Ungehorsam und zweimal Fan- bzw. Startum. Tja und mittendrin noch etwas zu KI… Wir wünschen euch wie immer viel Spaß beim Lesen!

…Und wollen an dieser Stelle, apropos ziviler Ungehorsam – wobei, eigentlich nicht – apropos demokratische Teilhabe jedenfalls, auf die Rückseite dieses Magazins aufmerksam machen: Vom 16. bis 19. Januar könnt ihr das Bonner Studierendenparlament wählen. Also: geht wählen!

Viele liebe Grüße und nur das Beste für 2023!
Helene & Lily

Helene Fuchshuber und Lily Hußmann, Chefredakteurinnen

Inhalts-verzeichnis

Gesellschaft

Ein Paar Gedanken zu Beginn des Jahres 2023

Politik/Gesellschaft

Letzte Generation –Kritik abseits des Legalismus

Politik/Gesellschaft

Warum Ziviler Ungehorsam für
eine Demokratie unentbehrlich ist

Gesellschaft/Technologie

KI erzeugt nun Bilder und erntet Hass

Politik/Gesellschaft

Markus Lanz: Beste Talkshow Deutschlands?

Gesellschaft

Was Nietzsche mit Rockkonzerten zu tun hat

Gesellschaft

Eine Art Jahreswunschhoroskop

Quelle: Yiran Yang (Unsplash)

Gesellschaft

Zielsetzung, Traditionen, Glück im Jahr 2023

von Gabriella Ramus

10.01.2023 - Ausgabe 88

Ich möchte das Jahr mit schönen Worten beginnen. Auch, wenn wir in beunruhigenden Zeiten leben, angesichts der Schatten der letzten drei Pandemiejahre, den sengenden Sommern, der drohenden Kriegsgefahr, den exorbitanten Preisen und der winterlichen Depression, sind schöne Worte zumindest ein gutes Geschenk zum Jahresbeginn. Meine Idee war es, diesen Text mit einem Sonett des portugiesischen Dichters Luís de Camões anzufangen. Die Suche nach einer deutschen Übersetzung erwies sich jedoch als schwieriger, als ich erwartet hatte. Hier ist also eine wörtliche Übersetzung der ersten beiden Strophen. Ich muss dich warnen, Leser:in, dass es nicht nur mittelmäßig ist, sondern auch mit Hilfe von Google Translator gemacht wurde und weder die Musikalität, noch den Reim, noch die Originalprosa beibehalten wurde (sorry):

Die Zeiten ändern sich, der Wille ändert sich,
Das Sein ändert sich, das Vertrauen ändert sich;
Die ganze Welt besteht aus Veränderungen,
Immer wieder neue Qualitäten annehmen.

Wir sehen immer wieder Neuigkeiten,
In allem anders als die Hoffnung;
Die Erinnerung an das Böse bleibt von Sorgen,
Und vom Guten, wenn es eines gab, die Sehnsucht.

Neujahrsvorsätze

Wir alle wissen es und haben es satt, es zu hören: Das neue Jahr ist ein neues Kapitel in unserem Leben, ein Schlusspunkt, eine Gelegenheit zum Nachdenken und zur Weiterentwicklung, blah blah blah. Nach den Weihnachtsfeiertagen mit der Familie ist das neue Jahr die ideale Zeit, um darüber nachzudenken, wie wir unsere Argumentation im Streit mit dem Onkel verbessern können, der beim Abendessen die AfD verteidigt hat. Oder darüber nachzudenken, wie man sich nach den vier Nachtischen von Oma gesünder ernähren kann. 

Hier kommen die Neujahrsziele ins Spiel. Seit 2018 habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht, zu Beginn jedes Jahres sechs Ziele aufzuschreiben. Durch die Pandemie ist jedoch etwas von ihrem Zauber verloren gegangen. Anstatt mich über all die Möglichkeiten zu freuen, die mich nach dem Countdown erwarteten, begann ich, das Ganze irgendwie dumm zu finden. Wer kann mir garantieren, dass sich von einem Tag auf den anderen etwas ändert? Dass der Unterricht in Präsenz stattfinden wird, dass die Menschen nicht an Covid sterben werden, dass es Impfstoffe für alle geben wird? Dass die Wälder nicht mehr brennen, dass Politiker:innen nicht mehr stehlen und dass es keinen Hunger mehr gibt?

Egal, wie viel man plant, das Leben ist voller unvorhergesehener Ereignisse. Die Vorstellung, dass das Leben ebenso instabil wie stabil ist, hat etwas Verführerisches und zugleich Erschreckendes an sich. In der Routine von Haus-Arbeit-Haus ist es schwer zu glauben, dass Tragödien nur Sekunden entfernt sein können (ebenso wie Triumphe). Dinge, auf die man sich nicht vorbereiten kann. Sie passieren einfach und man muss damit umgehen – zum Beispiel die Pandemie. Niemand (außer Bill Gates und Virologen vielleicht) konnte sich vorstellen, dass “normal” nicht mehr normal sein würde. Und doch lebten wir drei Jahre lang in dieser parallelen Realität.

Dennoch tragen die Neujahrsvorsätze dazu bei, ein Gefühl der Stabilität zu schaffen, eine Gewissheit, dass 2023 tatsächlich ein gutes Jahr werden kann. Und dass die Macht, dies zu verwirklichen, in unseren Händen liegt. Ein bisschen Optimismus kann schließlich nicht schaden.

»“Auch wenn wir in beunruhigenden Zeiten leben, angesichts der Schatten der letzten drei Pandemiejahre, den sengenden Sommern, der drohenden Kriegsgefahr, den exorbitanten Preisen und der winterlichen Depression, sind schöne Worte zumindest ein gutes Geschenk zum Jahresbeginn.”«

Neujahrstraditionen

Neben den Vorsätzen sind es vor allem Hunderte von Traditionen, die Silvester zu einem so besonderen Feiertag machen. Manche gehen in die Kirche, andere in einen Club und andere auf die Straße, um die neuen Möglichkeiten und Chancen des neuen Jahres zu feiern. In allen Teilen der Welt bereiten sich Menschen auf diese neue Phase mit Aktivitäten vor, die schon von mehreren Generationen zuvor durchgeführt wurden.  

In der westlichen Kultur sind Abendessen mit Familie und Freunden und Feuerwerke weit verbreitet. Allerdings gibt es einige Unterschiede bei den Speisen, die angeblich Glück im neuen Jahr bringen. In Italien isst man Linsen; in Spanien Weintrauben; in Dänemark Marzipankuchen; in Holland Oliebollen (frittierte, krapfenähnliche Kugeln); in Japan Soba-Nudeln.

Was die Aktivitäten angeht, so tragen die Menschen in Brasilien weiß, gehen an den Strand und springen über sieben Wellen; in den Vereinigten Staaten sehen sich alle den Ball Drop am Times Square an; in Deutschland gibt es das Blei- oder Wachsgießen; in Dänemark zerschlagen die Menschen Teller vor ihren Häusern.

All dies soll das Glück im neuen Jahr anziehen. Nach dem DWDS-Wörterbuch ist Glück “zufälliges, überraschendes Zusammentreffen günstiger Umstände in einer Situation, die man selbst nicht beeinflussen kann, Begünstigung durch besondere Zufälle”. Der Versuch, das Glück durch Traditionen anzuziehen, hat also dieselbe Funktion wie das Aufschreiben von Jahresendzielen: die Illusion von Stabilität und Kontrolle über das eigene Leben zu erzeugen, obwohl es sie nicht gibt. Daran ist nichts auszusetzen. Wir alle wollen das Gute in uns anziehen. Und das neue Jahr ist die beste jährliche Gelegenheit dazu.

Also… ein frohes neues Jahr an alle FW-Leser:innen! Wir wünschen euch allen viel Glück für das Jahr 2023!

Gabriella Ramus

Ein ansehnlicher Stau (Quelle: Jakob Schäfer)

Politik/Gesellschaft

Das Gespenst der Letzten Generation

Eine undogmatische Kritik

von Clemens Uhing

10.01.2023 - Ausgabe 88

Zum wiederholten Male geht in Europas Geschichte ein Gespenst herum. Diesmal ist es allerdings nicht rot und streikbereit, sondern grün und blockadewillig. Und obwohl es nicht wie das Gespenst des Kommunismus um die Idee eines Systemumsturzes geistert, ist die „heilige“ Hetzjagd schon im Gange, die von einem Bündnis aus einer angepassten grünen Partei, bayerischen Politclowns, deutschen Autofahrer:innen und Polizist:innen getragen wird. Ihre Halsschlagadern sind seit Wochen überdehnt, weil sich die Aktivist:innen der sogenannten „Letzten Generation“ (Last Gen) regelmäßig an Straßen, Glasscheiben oder Rollfelder kleben. Die Antwort von Politiker:innen und Justiz ist leider nur durch die Gesetze des Strafrechts, nicht aber durch die Gesetze der Vernunft inspiriert. Im Werkzeugkasten der Repression findet Bayern den Vorschlaghammer, das Polizeiaufgabengesetz, auf dessen Grundlage einige Aktivist:innen über Weihnachten ohne Gerichtsprozess einen Monat in Haft genommen wurden (fürs auf die Straße kleben!). Die Staatsanwaltschaft Neuruppin wollte erstmal genauer hinleuchten und beauftragte elf Wohnungsdurchsuchungen mit dem Anfangsverdacht der Bildung einer kriminellen Vereinigung. Mutmaßlich sollen die betroffenen Personen an einer Blockade- und Sabotageaktion an der Raffinerie Schwedt beteiligt gewesen sein. Welche Geheimnisse die Staatsanwaltschaft bei einer Gruppe aufdecken will, die sich nach jeder ihrer Aktionen stellt und die Freundlichkeit hat, den Ermittlungsbehörden über das Internet Beweismittel öffentlich zugänglich zu machen, ist das Geheimnisvollste an der Aktion der Staatsanwaltschaft.

Höhepunkt des Aktionsjahres der Letzten Generation (Quelle: Stefan Müller)

Repression und Populismus als Ablenkungsmanöver

Reicht das Instrumentarium der Bestrafung nicht aus, etwa im Falle von Sitzblockaden auf Straßen, die juristisch nicht eindeutig illegal sind, müssen schnell härtere Gesetze her. So brachte die Union unter dem Titel „Straßenblockierer und Museumsrandalierer härter bestrafen – Menschen und Kulturgüter vor radikalem Protest schützen“ einen Antrag in den Bundestag ein, der unter anderem auf eine Mindesthaftstrafe von drei Monaten für das Blockieren von Straßen abzielt. Beifall gab es dafür von der rechtsextremen AfD, deren NRW-Landtagsfraktion ihrerseits einen gleichlautenden Antrag in Düsseldorf einbrachte. Durch allseitigen Populismus und Repression wird die Schwere der durch die „Letzte Generation“ verursachten Disruptionen hochgespielt. Es soll früh deutlich gemacht werden, dass selbst eine Krise, die die Lebensgrundlage von Milliarden Menschen aufs Spiel setzt, keine Antastung der Würde des liberalen Rechtsstaats rechtfertigt. Dieselben politischen Entscheidungsträger:innen, die durch die Nicht-Einhaltung der Pariser Klimaschutzziele rechtswidrig handeln, sprechen die Legalität heilig. Eine nicht-dogmatische Auseinandersetzung mit radikal friedlichem Klimaprotest ist schließlich zu gefährlich. Die „Letzte Generation“ hat immerhin zwei starke Rechtfertigungsquellen auf ihrer Seite: Erstens die von politischer Seite nicht eingehaltene rechtsverbindliche Vorgabe des 1,5-Grad-Ziels, zweitens den Charakter der Notwehr, den man Klimaprotest mit guten Argumenten tatsächlich zuerkennen kann. Beides kann begründen, wieso Klimaschutz nicht nur ein gleichberechtigtes Interesse unter vielen ist (wie bspw. das Interesse, ungestört mit dem Auto durch eine Innenstadt fahren zu können), sondern ein existentielles Interesse, das folglich in politischen Aushandlungsprozessen Priorität bekommen muss. Dahinter müssten allerdings die Interessen der Autolobby, der fossilgestützten Industrien und der Mallorcaflieger:innen zurücktreten. Repression und Populismus sollen von dieser unangenehmen Einsicht ablenken.

»“Natürlich kommt politischer Aktivismus nicht aus, ohne auch mal für die Nicht-Gemeinten unangenehm zu sein. Doch im Falle von Straßenblockaden etwa ist die Unannehmlichkeit der dadurch blockierten das Mittel und kein Nebenprodukt..”«

Wen kümmert’s?

Abseits von dogmatischem Legalismus gibt es viele Hinsichten, unter denen die Aktionen der „Letzten Generation“ kritikwürdig sind. Sie sind es sicher nicht, weil sie außerrechtlichen zivilen Ungehorsam zur Anwendung bringen, der, wie David in seinem Artikel in dieser Ausgabe zeigt, durchaus einen Platz in einer wohlverstandenen Demokratie haben kann. Last Gen scheint mit seinen Aktionen zwei Ziele zu verfolgen, wobei unklar ist, welchem das Primat zukommt. Erstens kann die gezielte Disruption den Versuch darstellen, konsequenten Klimaschutz zu erzwingen. Zweitens scheint auch die Generierung möglichst großer Aufmerksamkeit ein Zweck zu sein. Zumindest hinsichtlich des ersteren Ziels treffen die Aktionen des zivilen Ungehorsams von Last Gen die falschen. Autofahrer:innen in Berlin sind in den meisten Fällen genauso machtlos gegenüber der Politik und der fossilen Wirtschaft, wie die Aktivist:innen, die sie blockieren. Und auch Museumskurator:innen haben in aller Regel keinen direkten Draht in die Bundesregierung oder massig Kapital, um Einfluss auf die Klimapolitik zu nehmen. Der Versuch, eine Veränderung der Klimapolitik durch Störung zu erzwingen, wird mit den bisherigen Aktionsformen von Last Gen deswegen ins Leere laufen. Weder die nadelstichige Störung von Verkehr, noch das Beschmieren von Glasscheiben auf Kunstwerken, haben das Potential, das Herz oder die Interessen der Verantwortlichen in einem Maße zu berühren, das sie zu konsequentem Klimaschutz gedrängt würden. Dem Bundeskanzler sind die Interessen der Profiteur:innen des Wirtschaftsstandortes Deutschlands sicher wichtiger, als die öffentliche Zugänglichkeit von Kunst, die durch die Aktionen von Last Gen auf dem Spiel steht (einzelne Museen haben bereits Sicherheitsabstände vergrößert und Sicherheitskontrollen verschärft). Dass die Aktivist:innen von Last Gen dies nicht verstehen, ist ihr zentrales Problem. Sie glauben fälschlicherweise, die relevanten Entscheidungsträger:innen hätten die Tragweite der Klimakrise schlicht nicht verstanden oder seien noch von der Dringlichkeit des Handelns zu überzeugen. Ausdruck dieses Missverständnisses ist beispielsweise der wahnhafte Hungerstreik zur Bundestagswahl 2021, mit dem sie ein Gespräch mit den Kanzlerkandidat:innen erzwingen wollten. Selbstverständlich haben die Gespräche nichts bewirkt. Erzwingungscharakter kann Protest nur dann entfalten, wenn er ernsthaft das Funktionieren des Status Quo bedroht. Dieses hängt aber nicht vom freien Verkehrsfluss in der Hauptstadt ab.

Polizisten im heroischen Einsatz gegen die "Klima-RAF" (Quelle: Letzte Generation)

Das Problem der Aufmerksamkeitspolitik

Zielgerecht sind die Aktionen von Last Gen also eher hinsichtlich der Öffentlichkeitswirksamkeit. Die Leute schauen hin, immerhin. Hierbei folgen die Aktivist:innen dem Motto, dass auch schlechte Öffentlichkeit gute Werbung ist. Aktivistische Aufmerksamkeitspolitik hat allerdings ein zentrales Problem, das sich in der Geschichte noch nie überwinden ließ. Sie muss ihre Mittel fortwährend radikalisieren, um erfolgreich zu sein. Zuerst reicht es, sich an ein Gemälde zu kleben, um Schlagzeilen zu generieren. Sobald sich die Aktion durch Wiederholung abgestumpft hat, muss es zusätzlich Kartoffelbrei sein. Die Abstumpfung beginnt von Neuem. Die Aufmerksamkeitspolitik muss aufgegeben werden, wenn keine legitimierbaren Eyecatcher mehr übrig sind oder irgendwann bspw. zur Bilderzerstörung übergehen.

Weiter hinterlässt die Instrumentalisierung von Unbeteiligten zu öffentlichkeitsmultiplizierenden Empörten einen unangenehmen Nachgeschmack. Natürlich kommt politischer Aktivismus nicht aus, ohne auch mal für die Nicht-Gemeinten unangenehm zu sein. Doch im Falle von Straßenblockaden etwa ist die Unannehmlichkeit der dadurch Blockierten das Mittel und kein Nebenprodukt.

Gute Gründe, die Menschen dafür haben können, mit dem Auto schnell durch Berlin kommen zu wollen, gelten den Aktivist:innen vor dem Hintergrund ihrer apokalyptischen Vorstellungen nichts. Solche guten Gründe sind nicht ausschließlich so trivial wie das pünktliche Erscheinen am Arbeitsplatz. Straßenblockaden können beispielsweise Menschen treffen, die dringend einer hilfsbedürftigen Person wie der alten Mutter oder dem depressiven Freund Unterstützung leisten möchten. Eine Nachrangigkeit solcher Interessen, die Last Gen mit ihren Blockaden impliziert, lässt sich mit dem Ziel der Gewinnung von etwas Aufmerksamkeit kaum rechtfertigen.

Ergebnis einer Ölbohrung am Kanzleramt (Quelle: Leo Elgas)

Denkwürdige Selbstaufgabe

Dazu stimmt die große Opferbereitschaft der Aktivist:innen nachdenklich. Stoisch lassen sie sich von Betroffenen beschimpfen, angreifen und von der Polizei quälen (im Zuge von Straßenblockaden wandten Polizeibeamte nicht-verhältnismäßige Schmerzgriffe an). Sie sind bereit, „alle staatlichen Konsequenzen in Kauf zu nehmen“ (aus dem Aktionskonsens der „Letzten Generation“), d.h. für ihre Aktionen rechtlich geradezustehen und im Zweifel in Haft zu landen. Die Aktivist:innen drängen ihr typisch menschliches Interesse an Freiheit zur Seite und ordnen dieses ganz ihrem politischen Kampf für das Klima unter, der zumindest in Teilen durch eine übermäßige Zukunftspanik motiviert ist. Sie drückt sich schon in dem Namen der Gruppe aus. Die Aktivist:innen werden selbst bei ungebremster Erderwärmung nicht Teil der letzten Generation Menschen sein, vor allem nicht in Europa, das sich mithilfe seines zusammengeraubten Wohlstands und mit Mitteln der Klimaresilienz ganz gut schützen können wird. Die trotzdem dominierende existentielle Angst ermöglicht eine Selbstaufgabe für das größere (sicher hehre) Ziel. Es ist aber die Frage angebracht, ob eine menschliche Welt dadurch zu erreichen ist, dass man auf dem Weg dahin seine eigenen menschlichen Bedürfnisse ignoriert, also für sich selbst unmenschliche Mittel wählt. 

Radikal und kompromissbereit

Insbesondere in Anbetracht ihrer geringen Erfolgsaussichten ist die Selbst- und Fremdinstrumentalisierung, die die Aktionen von Last Gen prägt, problematisch. Hoffentlich sind sich die Aktivist:innen darüber im Klaren, dass sie ihre Aktionsformen langfristig radikalisieren müssen, wenn sie weiter Aufmerksamkeit generieren oder zwingenden Druck aufbauen wollen. Es wäre wünschenswert, wenn solche Radikalisierungsschritte den Motor stören würden, der den Klimawandel forttreibt und nicht Menschen, die ebenfalls in einer hilflosen Situation sind.  Die politischen Entscheidungsträger:innen hingegen wären gut beraten, sich mit der Repression zurückzuhalten. Sie haben es nicht mit Leuten zu tun, die aus Jux mal etwas Aufstand spielen, sondern mit Menschen, die wirklich Angst vor dem Verlust ihrer Existenz haben. Die damit einhergehende Verzweiflung legt Weitermachen um jeden Preis nahe. Repression birgt die Gefahr, Menschen in den Untergrund zu drängen und zu eskalieren. Eine gesunde Demokratie kann daran kein Interesse haben. Gerade mit den Menschen von der „Letzten Generation“ müsste sich reden lassen. Schließlich bieten sie mit ihren offiziellen realpolitischen Forderungen schon einen Kompromiss an: Ein dauerhaftes 9-Euro-Ticket und Tempo 100 auf Autobahnen. Das müsste doch drin sein, oder?

Clemens Uhing

Von Angesicht zu Angesicht. Die Letzte Generation bei einer Straßenblockade in Weiden am 12.12.2022. (Quelle: Offizielle Pressefotos der Letzten Generation)

Politik/Gesellschaft

Dürfen die das?

Über die demokratische Notwendigkeit von zivilem Ungehorsam

von David Winterhagen

10.01.2023 - Ausgabe 88

Spätestens seit den sogenannten „Klimakleber“-Protestaktionen der “Letzten Generationist erneut ein Diskurs über die Verhältnismäßigkeit von Aktivismus und die Legitimität bzw. Legalität zivilen Ungehorsams entbrannt. Die Positionen variieren stark. Während einige das rechtswidrige Blockieren von Auto- und Landebahnen als dringend notwendige Schocktherapie für eine im Angesicht des Kollapses starre Gesellschaft empfinden, bewerten andere die Aktionen als hochgradig kriminell und wollen die Aktivist:innen am liebsten hinter Gittern sehen. Ein „Weihnachtswunsch“, dem durchaus nachgegeben wird. Im christsozialen Bayern etwa sitzen acht Aktivist:innen per Antiterrorgesetz über die Feiertage in Präventivhaft. Dennoch lassen sich die verschiedenen Reaktionen auf die “Letzte Generation” nicht schon anhand des Parteibuches ablesen. So ist es zwar nicht überraschend, dass Friedrich Merz eine Anpassung des Strafrechts fordert, um Aktivist:innen von zukünftigen Blockaden abzuschrecken. Was aber überrascht, sind Äußerungen von Grünenpolitiker:innen wie Renate Künast, die das Handeln der “Letzten Generation” im Gespräch mit der Bild-Zeitung als „mit dem Bulldozer durch die Hauswand fahren“ kritisiert – und das obwohl die eigene Partei tief in der Tradition zivilen Ungehorsams verwurzelt ist und Künast selbst schon an illegalen Blockaden wie der Besetzung der Bohrstelle für das Atommülllager Gorleben mitgewirkt hat.

Das Interessante dabei ist, dass sich die Kritiker:innen der “Letzten Generation” von links bis rechts zwar in der Schärfe des Tons und den geforderten (rechtlichen) Konsequenzen unterscheiden, aber häufig darin übereinstimmen, dass die Methodik der angeprangerten Aktionen im Kern undemokratisch ist. Diese parteiübergreifende diskursive Übereinstimmung legt nahe, zivilen Ungehorsam zur Abwechslung mal nicht auf seine Legitimität oder Legalität, sondern seine Demokratiekonformität hin zu prüfen. Der Frage also nachzugehen, ob er per se undemokratisch oder ganz gegenteilig, für eine Demokratie unentbehrlich ist? Eine Antwort darauf, was demokratisch ist und was nicht, hängt stets davon ab, welche Auffassung von Demokratie man zugrunde legt. Konsequent setzen auch die Kommentator:innen der “Letzten Generation” in ihrer Kritik ein ganz bestimmtes Demokratieverständnis voraus – nämlich ein stark liberales.

Liberalismus auf Wish bestellt

Ein wichtiges Element der stark liberalen Auffassung bildet die hohe Gewichtung der Rechtsstaatlichkeit – also der Bindung von Regierung und Verwaltung an Verfassung und Gesetze, die dem Individuum gewisse (negative) Freiheitsrechte gewähren und es hierdurch vor staatlicher Willkür schützen. Neben diesen negativen individuellen Abwehrrechten werden den Bürger:innen einige positive politische Partizipationsmöglichkeiten zugerechnet, wie etwa die Beteiligung an Wahlen, parteibezogene Aktivitäten oder das Demonstrationsrecht. Im Zuge ihrer Gewährleistung werden die Partizipationsmöglichkeiten jedoch zugleich auf den bestehenden Rechts- und Institutionenrahmen eingeschränkt. Der Spielraum für direktere Formen des politischen Engagements ist äußerst gering. Als demokratisch par excellance gilt dagegen die turnusmäßige Abgabe des Wahlzettels, die den großen Parteien ihre repräsentative Regierungsbefähigung auf Zeit bescheinigen soll. Die Stimmabgabe knüpft dabei idealerweise an einen öffentlichen, rationalen Meinungsbildungsprozess an, in dem die vorhandenen Interessen gegeneinander abgewogen und miteinander vermittelt werden, damit sie von den Parteien aufgegriffen und umgesetzt werden können. 

Die Geltung dieses simplifizierten Demokratiemodells lässt sich allein mit Blick auf die Realität infrage stellen: So ist der politische Meinungsbildungsprozess nicht unbedingt von Rationalität, sondern häufig von knallharten Machtinteressen geleitet. Auch können sich nicht alle Bürger:innen in den Prozess einschalten, da hierfür zunächst ein gewisses Maß an materiellem, kulturellem und sozialem Kapital vorhanden sein muss. Von den Parteien wird zudem nicht jede in der Gesellschaft vertretene Position programmatisch abgedeckt und selbst die mit Mehrheiten legitimierten Meinungen werden von der Regierung häufig nicht in zufriedenstellende Gesetze gegossen. Diese Liste ließe sich noch endlos fortführen, doch für die Frage nach der Demokratiekonformität von zivilem Ungehorsam genügt bereits der Blick auf das dargelegte Verständnis in seiner idealtypischen Reinform. Denn es misst schon seiner Konstruktion nach außerparlamentarischem und besonders außerrechtlichem politischem Aktionismus wenig oder gar keinen Stellenwert zu. Eine Einstellung, die sich in dem Diskurs um die “Letzte Generation” widerspiegelt, was einige Probleme zur Folge hat.

»“Im außeralltäglichen Einschalten in die alltäglichen Prozesse realisiert sich erst die politische Freiheit: Zusammen einen neuen Anfang wagen, durch das gemeinsame Handeln eine Kette von Ereignissen lostreten und tatsächliche Veränderung anstoßen.”«

Entpolitisierung und Entdemokratisierung

Die Problematik lässt sich unter anderem daran erkennen, dass sich der Streit um die “Letzte Generation” meist nicht auf den politischen Gehalt ihrer Forderungen konzentriert, sondern auf den rechtlichen Status ihrer Methodik. Das von vielen Kritikern vorausgesetzte, stark liberale Demokratieverständnis sorgt hierbei dafür, dass politische Teilhabe stets aus der rechtlichen Perspektive betrachtet wird. Diese Betrachtungsweise begrenzt zugleich, was als demokratisch zählt und was nicht: Demokratisch ist, was rechtlich gilt. Die legalistische Brille verhindert jedoch zu sehen, dass das, was rechtlich gilt, selbst immer auch Teil eines demokratischen Prozesses kollektiver Selbstgesetzgebung ist. Veränderungen auf dem Gebiet rechtlicher Normen können keineswegs allein auf dem Spielfeld der Juristerei entschieden werden, ansonsten bliebe den Bürger:innen nichts anderes übrig, als auf die Kompetenz und Kulanz der Rechtsexpert:innen zu hoffen. Etwaige Veränderungen sollten daher auch initiativ aus der Zivilgesellschaft selbst hervorgehen können. Form und Inhalt dieser Initiativen sollten dann aber nicht auf den bestehenden rechtlichen Rahmen beschränkt bleiben, ansonsten beißt sich die Katze bloß selbst in den Schwanz.

Darüber hinaus wird von Kritiker:innen häufig das Argument in Anschlag gebracht, dass es für den Aktivismus der “Letzten Generation” keine Mehrheiten gäbe und sie daher den gesamtgesellschaftlichen Konsens bedrohten – stattdessen solle man sich doch bitte lieber in einer demokratischen Partei engagieren. In diesem Verweis auf Mehrheiten, Konsens und Parteien scheint erneut die auf institutionalisierte Partizipation fokussierte Demokratieauffassung durch. Ganz davon abgesehen, dass in Fragen des Klimaschutzes die Zeit in einer Weise drängt, die kaum Raum für den schleppenden Gang durch die Institutionen bietet, gilt auch hier generell: Zivile Initiative kann nicht schon auf bereits bestehende Mehrheiten oder einem irgendwie gearteten Konsens beruhen, ansonsten müsste sie bereits voraussetzen, was sie mit ihrem radikalen Auftreten zu allererst in die Wege leiten will. Ziviler Ungehorsam ging in der Geschichte stets (und geht auch weiterhin) von einer aktiven Minderheit aus, die sich gegen eine passive Mehrheit zur Wehr setzt und den bestehenden Konsens verneint, um ein vernachlässigtes Anliegen mit sofortiger Wirkung in die politische Öffentlichkeit zu tragen. Wäre das nicht der Fall, dann würde in der Tat jene „Tyrannei der Mehrheit“ drohen, vor der gerade eine liberale Demokratie durch die Betonung der individuellen Abwehrrechte gefeit sein möchte. Neben diesen Paradoxien entsteht noch ein weiteres, grundlegenderes Problem, das den Horizont des Diskurses um die “Letzte Generation” überschreitet. 

Mit der liberalen Eingrenzung politischer Partizipation in Gestalt der Beschränkung auf bestimmte Formen der Teilhabe (wie den Marsch zur Wahlurne oder die Mitarbeit in einer Partei) droht nämlich ein demokratisch-legitimatorisches Defizit aufzutreten: Wenn sich das bürgerschaftliche Engagement nicht über das bestehende rechtliche und institutionelle Arrangement hinaus erstreckt, kann Politik zu einer Sache von bürokratischen Prozessen, Expert:innen und Eliten werden, deren Parteiprogramm höchstens alle paar Jahre fleißig abgenickt wird – wenn überhaupt. Es ist dann kaum möglich, auch spontan in Erscheinung zu treten und der eigenen Stimme plötzliches Gehör zu verschaffen, um radikalen Widerspruch zu artikulieren. Das führt unter Umständen dazu, dass man sich resigniert aus der Öffentlichkeit zurückzieht, nur noch seine individuellen Interessen verfolgt und von der Politik am liebsten in Ruhe gelassen wird – Hauptsache alles läuft wie gewohnt. Mit der Verflachung der politischen Teilhabe wächst die Entfremdung zwischen „Denen da oben“ und der Bürgerschaft immer weiter. Das demokratische Prinzip (kollektive Selbstbestimmung und gleiche Teilnahme am politischen Streit) tritt allmählich hinter das liberale Prinzip (Sicherung individueller Freiheitsrechte) in der liberalen Demokratie zurück, wodurch das Ideal der Regierung des Volkes selbst dahinrafft.

Politisierung und Demokratisierung

Diesem Problem lässt sich begegnen, indem man ein anderes Demokratieverständnis anbringt, das politische Partizipation in all seinen Formen in den Fokus nimmt. Ein solches Verständnis würde außerinstitutionellen bis hin zu außerrechtlichen Formen des politischen Handelns ein festes Forum bieten. Es würde demokratische Legitimation im Sinne der kollektiven Selbstregierung gerade dadurch sicherstellen, dass die Äußerung von radikalem Dissens überall und jederzeit möglich ist – ohne auf einen angeblichen Konsens zu verweisen, dem man selbst noch gar nicht zugestimmt hat. Es würde die Integration in das Gemeinwesen über die öffentliche Austragung von Konflikt gewährleisten und auch spontaner Veränderung mehr Raum geben, ohne bereits im Voraus rechtlich zu verengen, was politisch möglich ist. 

Genau zu diesem Zweck – nämlich Integration, Legitimation und Transformation über die Möglichkeit des öffentlichen Widerspruchs herzustellen – erweist sich der zivile Ungehorsam als probates Mittel. Nicht umsonst hat sich die politische Theoretikerin Hannah Arendt (keineswegs eine radikale Linke) dezidiert für eine verfassungsmäßige Verankerung von zivilem Ungehorsam ausgesprochen. Denn darin sah sie ein Instrument, der zunehmenden Spaltung zwischen aktiver Elite und passiver Bürgerschaft entgegen zu wirken und dem Potenzial stattzugeben, auch radikale Reformen initiativ anzustoßen. Ihr Vorbild war die amerikanische Bürgerrechtsbewegung, die gezielt Gesetze gebrochen hat und sicherlich auch keinem gesellschaftlichen Konsens entsprang. Insofern also ziviler Ungehorsam öffentlich stattfindet und eine gewaltlos handelnde Gruppe unter einem klaren politischen Ziel vereinigt, steht er Arendt zufolge in der urdemokratischen Tradition der freiwilligen Vereinigung, die dem Geist nach (nicht dem Wortlaut nach) auch in der amerikanischen Verfassung festgeschrieben ist.

Der Kontextwechsel von Amerika 1970 hin zur deutschen Gegenwart funktioniert: Arendts Überlegungen sind immer noch gültig. Die Kriterien der Öffentlichkeit, Gewaltlosigkeit sowie politischen Gruppenbasiertheit sind auch im Fall der “Letzten Generation” gegeben. Zwar sind ihre Aktionen durchaus kritikwürdig (wie Clemens in seinem Artikel in dieser Ausgabe zeigt), aber ihr ziviler Ungehorsam erfüllt nichtsdestotrotz eine demokratische Funktion: Er sichert die Möglichkeit, auch außerhalb des bestehenden Rechts- und Institutionenrahmens Einspruch zu erheben und sich mit aller Spontanietät einem vermeintlichen mehrheitlichen Konsens entgegenzuwerfen. Durch den zivilen Ungehorsam werden die Ungehörten und Unsichtbaren gesehen und gehört. Gerade indem er dem Dissens einen Ort gibt, weckt er das Politische im Sinne eines Meinungsstreites unter Gleichen wieder auf, der im hierarchisch verfassten Institutionenalltag einzuschlafen droht. Denn im außeralltäglichen Einschalten in die alltäglichen Prozesse realisiert sich erst die politische Freiheit: Zusammen einen neuen Anfang wagen, durch das gemeinsame Handeln eine Kette von Ereignissen lostreten und tatsächliche Veränderung anstoßen. Aus diesem freien Handeln mit Gleichen entsteht erst der „Raum des Politischen“, wie Arendt schreibt, der verschwindet, „wenn das Handeln aufhört, das Sichverhalten und Verwalten anfängt oder auch einfach die Initiative erlahmt, neue Anfänge in die Prozesse zu werfen“. Als Ausdruck der kollektiven und initiativen Dimension der Politik arbeitet der zivile Ungehorsam einer fortschreitenden Entpolitisierung entgegen, die immer auch eine Entdemokratisierung bedeutet.

Den rechtlichen Rahmen politisch sprengen. Straßenblockade der Letzten Generation in München am 03.11.2022. (Quelle: Offizielle Pressefotos der Letzten Generation)

Freie und Gleiche unter Freien und Gleichen

Damit ist auch die Antwort auf unsere Frage gefunden: Unter der Voraussetzung eines stark liberalen Demokratieverständnisses ist der zivile Ungehorsam in der Tat undemokratisch und die Kritiker:innen der “Letzten Generation” behalten recht. Doch dieses Demokratieverständnis ist selbst korrekturbedürftig. Der zivile Ungehorsam ist eine Möglichkeit neben anderen, diese Korrekturen vorzunehmen und das genuin demokratische Moment – kollektive Selbstbestimmung, Streit unter Gleichen und initiative Partizipation am Gemeinwesen in allen Formen – in der liberalen Demokratie zu stärken. Und zwar nicht im Sinne einer Ersetzung, sondern einer produktiven Ergänzung der liberalen Prinzipien. Denn es ist offensichtlich, dass aus der demokratischen Konformität von zivilem Ungehorsam nicht folgt, dass jedwede seiner Formen und Gestalten gleich wertvoll und zulässig ist. Um das zu bewerten, bedarf es neben den genannten politischen Kriterien einen weiteren moralischen Maßstab. Klarerweise ist ein ziviler Ungehorsam moralisch unzulässig, der die verfassungsmäßig festgeschriebene Würde des Menschen antastet und so verhindert, dass sich die Bürger:innen als Freie und Gleiche unter Freien und Gleichen verstehen. Doch wer wird angetastet, wer ist frei und wer gleich? Die Autofahrer:in im Stau oder die Generation, deren Existenz insgesamt auf der Kippe steht und die droht, die allerletzte zu sein?

David Winterhagen

Noch weisen die Bilder künstlicher Intelligenz Fehler auf die ein Mensch wohl nicht machen würden. Aber wie lange noch? Quelle: Stable Diffusion 5.1

Stabile Konfusion

über die Rechtschaffenheit der Kunst durch künstliche Intelligenz wird hitzig gestritten.

von Samuel F. Johanns

10.01.2023 - Ausgabe 88

Noch weitgehend unbeachtet von boomerorientierten Print- und Fernsehmedien ist im Internet derweil bereits ein regelrechter Kulturkampf um das entbrannt, was von manchen schon als die größte technologische Revolution seit der Druckerpresse verstanden wird.

Für alle mit wenig Affinität zur Materie hier nochmal der Report: Die jüngsten Darbietungen aus dem Bereich künstlicher Intelligenz haben die Garage verlassen und befinden sich nun sozusagen in Testphase 4 im öffentlichen Raum. Neben einem durchaus beeindruckenden Chatbot (der gleichzeitig auch programmieren kann) namens ChatGPT rücken auch verschiedene Anwendungen aus dem Segment der Text-zu-Bild-Generatoren in den Blick einer breiteren Öffentlichkeit. Programme bei denen aus einer Textzeile ein deren Semantik mehr oder weniger entsprechendes grafisches Ergebnis ausgegeben wird. 

Während die einen Benutzer:innen sich in akzelerationistisch-transhumanistischem Freudentaumel auf die angeblich baldige Utopie ergehen, sind die anderen von existenziellen Verelendungs- und Zukunftsängsten geplagt. Der Rest spielt ohne weitere Gedanken an die Zukunft mit der neuen Technologie zum puren Zeitvertreib herum.

Diese Programme, sogenannte AI-Art-Models, wie das quelloffene Stable Diffusion des Unternehmens StabilityAI oder die proprietären Anwendungen Dall-E 2 sowie Midjourney, erregen gerade den Zorn zahlreicher Künstler:innen und Designer:innen. Steine des Anstoßes: zum Training der gewieften Programme verwendeten die Hersteller zahllose Bilder auch aus öffentlichen Online-Portfolien von Künstler:innen, allerdings ohne diese über diesen Umstand explizit in Kenntnis zu setzen oder gar um Genehmigung zu fragen. Im Resultat erhält jeder Mensch der nun in die Textzeile den Namen eine:r Künstler:in integriert, Bilder mit den Stilelementen der betreffenden Künstler:in. Und das gut genug, um nun, oder in sehr absehbarer Zukunft, die Originale potentiell vom Markt zu verdrängen.

Die Wut äußert sich rezent in einigen Online-Protestaktionen und Meinungsbeiträgen. Der Autor hat sich die gängigen Argumente für und wider angeschaut.

Das Problem mit dem Urheberschutz

Die protestierenden Grafiker:innen erheben oft den bereits angesprochenen Vorwurf des Datendiebstahls. Wobei sich in diesen Beiträgen auffallend Laienmeinungen über Recht oft mit eher moralischen Vorbehalten mischen. Der Autor, selbst in keinster Weise Jurist, wird bezüglich der rechtlichen Sachlage keinerlei Expertise abgeben können, welche über sein für sein Berufsbild als Fotograf und Gestalter benötigtes rechtliches Basiswissen hinausreicht. Es ist jedoch auffällig, dass von den Wutkünstler:innen häufig vom gestohlenen Stil oder gar der gestohlenen künstlerischen Identität die Rede ist und der Begriff der Urheberrechtsverletzung fällt. Zur Einordnung dessen muss vorerst darauf eingegangen werden, wie genau der Prozess der Bildgenese durch die künstliche Intelligenz vonstatten geht. Wer zum ersten Mal das Ergebnis eines solchen Prozesses beobachtet, wird sofort auf die Idee kommen, dass es sich hierbei um eine ausgefuchste Montage oder Collage der Elemente bestehender Werke handeln müsse. Eine Art Photoshop-Automat. Das Faszinierende ist, dass dies mitnichten der Fall ist. Der Prozess der Diffusion ist vereinfacht gesagt tatsächlich etwas, das man eine Form von Lernen nennen könnte, auch wenn das Gerät dabei ohne semantisches Verständnis des Motivs Pixel aneinanderreiht – in einem Prozess, den der Philosoph Daniel Dennett vermutlich mit competence without comprehension beschreiben würde. Füttert man das Programm mit genug Bildern einer Ananas wird es also in der Lage sein, das visuelle Konzept der Ananas als Motiv auf eine Weise zu reproduzieren, wie es zuvor nicht zum Training des Programmes verwendet wurde. Es kann das Blau der Haut eines Wales auf die Oberfläche der Ananas projizieren und diese dann mit violettem Feuer auf die Spitze einer Pyramide setzen. Auch wenn es dieses Bild zuvor so vielleicht noch nie gegeben hat.

Viele Kritiker:innen scheinen dies nicht verstanden zu haben und erkennen in dem Motiv das direkte Werk einer anderen Person in dreister Weise nur irgendwie leicht abgewandelter Form wieder.

Aber was ist mit dem distinkten Stil einer kunstschaffenden Peron, der sich auf jedwedes Motiv zu übertragen lassen scheint? Tatsächlich ist es nach gegenwärtiger Rechtslage äußerst zweifelhaft, diesen durch das Urheberrecht schützen zu lassen. Der von der Gegenseite erwiderte Einwand kommt eigentlich jedem sofort in den Sinn. Die Übernahme von Stil ist in der Kunstgeschichte nicht nur allgegenwärtig, sie ist sogar essentielle Bedingung dessen, was Genre und Epoche ermöglicht. Sie war die längste Zeit der Historie jeder Kunstschule sogar strikt vorgeschrieben. Der Name für diesen angezeigten Stildiebstahl hat auch einen Namen: Inspiration. Da in der Kultur nicht einsam jeder für sich das Rad neu erfindet ist ersichtlich, dass alles auf den Schultern von Riesen steht. 

Übertragen auf den Musikbereich (auch hier gibt es AI-Generatoren), genießt eine Band also durchaus Anspruch auf den Schutz expliziter Stücke vor tantiemenlosem Nachspielen. Diese Repräsentationen werden sozusagen als Ausdruck ihrer unmittelbaren körperlichen Präsenz akzeptiert. Sie würde jedoch nicht ein Stilelement wie einen verzerrten Powerchord in der Mitte des Stückes oder eine bestimmte Form des Stimmduktus alleine schützen lassen können. Ansonsten wäre eine originale, trendsettende Gruppe eines Genres laufend in der Lage, ihre Epigonen zu Klump und Asche zu verklagen. Man mag es zwar tröge finden, wenn jede zweite Band im Bereich NDH wie Rammstein zu klingen versucht, ihr eine Urheberrechtsverletzung für ein von der Band selbst erstelltes Stück zu unterstellen, ist aber schlicht absurd. Eine Ausweitung des Urheberrechts auf diese Dimension wäre, um es modern zu sagen, ob ihrer Auswirkungen kommender Rechtsstreitigkeiten zwischen Kunstschaffenden, wirklich sehr sehr wild.

»“Während die einen Benutzer sich in akzelerationistisch-transhumanistischer Freudentaumel auf die angeblich baldige Utopie ergehen, sind die anderen von existenziellen Verelendung- und Zukunftsängsten geplagt. Der Rest spielt ohne weitere Gedanken an die Zukunft mit der neuen Technologie zum puren Zeitvertreib herum.”«

Aber was ist mit den Trainingsdaten?

Die Frage, ob die Hersteller durch Aufsuchen oder Erwerb der zum Training ihrer KI notwendigen Bilddaten Verwendungsrechte gebrochen haben, ist eine komplexere und kann hier nicht abschließend geklärt werden. Erstmal ist es wichtig, klar zu stellen, dass das Modell selber keine solchen Daten enthält oder diese mit dem Programm ausgeliefert werden. Einmal analysiert, werden Parameter dazu in Code umgesetzt und das Erlernte muss nicht laufend auf das Motiv zurückgreifen. Aus diesem Grund ist es überhaupt möglich, Anwendungen wie Stable Diffusion auch offline selbst zuhause zu betreiben (potente Grafikkarte vorausgesetzt). Verteidiger:innen berufen sich oft darauf, dass Daten aus öffentlichen Onlineportfolien konkludent zustimmend zur Betrachtung und Auswertung durch jedermann präsentiert werden. Die Analyse der Daten erfolge mitunter nicht sonderlich invasiver, als es Webbrowser und allerhand andere Analyseprogramme tun. Den Kunstschaffenden muss also bewusst sein, dass sich an ihren Werken inspiriert wird. Ob es aber für Recht und Moral zu unterscheiden ist, ob dieser Prozess nun in einem kohlenstöfflichen Gehirn oder in Halbleitern erfolgt ist Gegenstand der hitzigen Debatte.

Rechtlich gesehen dürften allerdings die Anbieter großer sozialer Medien mit wenig Problemen zu rechnen haben, sobald es um das Training ihrer KI-Modelle geht. Hier haben Künstler:innen, welche auf diesen Plattformen online Portfolien unterhalten, meist in den Vertragsvereinbarung einer Analyse der Daten zu Forschung und Softwareverbesserung und -entwicklung zugestimmt.

»“Es handelt sich bei den beschriebenen Programmen um sogenannte schwache künstliche Intelligenzen, welche ohne Aufforderung und Auswahl der Ergebnisse durch einen menschlichen Agenten nicht selbstständig tätig werden.”«

KI als psychische Kränkung

Wer sich bislang vor Jobverlust durch Automatisierung fürchtete, gewahr sich im dritten und vierten Wirtschaftssektor mit Dienstleistungstätigkeit und intellektuellen Berufsfeldern meist am sichersten. Das schnellere technische Voranschreiten der künstlichen Intelligenz im Verhältnis zur Robotik lässt Vermutungen aufkommen, dass baldige Transformationen eher im Kontext sog. white collar jobs zu erwarten sein könnten. 

Die Unberechenbarkeit der Zukunft durch den technischen Fortschritt löst durchaus Ängste aus. Eine weite Dimension liegt in der psychologischen Kränkung und Schockwirkung auf kultureller Ebene. Malerei galt dem Humanismus als regelrechtes Sinnbild menschlichen und kulturellen Schaffens. Dass das menschliche Subjekt in diesem Prozess durch technologischen Fortschritt mehr und mehr als überflüssig erscheint, verstört viele. In der philosophischen Kulturkritik wird dabei von Entfremdung gesprochen, einem Prozess, bei dem der Mensch auf der psychischen Ebene das Auflösen natürlich empfundener Beziehung verspürt. Bei Karl Marx kulminiert dies in der Verbindung des Phänomens mit den Automatisierungsprozessen der Industrialisierung.

 

Tatsächlich betraf dieser Prozess in der Geschichte unserer heißen Kultur aber auch immer wieder den Bereich des Gestalterischen. Die Erfindung der Druckerpresse war mehr als disruptiv für die lange, äußerst künstlerische und kontemplative Handwerkstradition der kalligraphischen Buchproduktion. Dennoch muss Guttenbergs Erfindung im Nachhinein als veritables Aufklärungsmittel gelten. Das bezahlbare Buch förderte die Alphabetisierung und legte den Grundstein umfassender allgemeiner Bildung. Die Automatisierung stellte keine Eliminierung, sondern eine Amplifikation der Menschlichkeit dar.

Einige objektorientierteren Metaphysiken nehmen eine mitunter erfrischend differente Perspektive ein. KI ist kein UFO, was unseren Planeten besucht. Der Mensch selbst hat dieses Werkzeug erschaffen. Sein Körper, immer schon sozusagen kybernetisch, so dem Soziologen Bruno Latour folgend, nimmt im Moment der Verwendung von Technologien eine andere ontologische Entitätsform an. In diesem Sinne könnte uns die KI auch als menschlich erscheinen. Eben im Sinne Produkt und Ausdruck von Kultur zu sein. Ist sie doch der Widerhall und die Extrapolation des diskursiven Kontextes, in dem unsere Gesellschaft operiert. Sie könnte auch selbst vielleicht Kunst sein, insofern sie geeignet ist uns die Widersprüche dieser Gesellschaft transparent zu machen.

   

Es ist abschließend wichtig zu betrachten, dass auch dieses Mittel erstmal nur Werkzeug ist. Es handelt sich bei den beschriebenen Programmen um sogenannte schwache künstliche Intelligenzen, welche ohne Aufforderung und Auswahl der Ergebnisse durch einen menschlichen Agenten nicht selbstständig tätig werden. Es bleibt dem Stilbewusstsein, dem Verständnis von Komposition und Farblehre eines Menschen überlassen, ob er nutzbare Ergebnisse aus einem KI-Bildgenerator auswählen und nutzbar machen kann. Man kann sich mit einer künstlichen Intelligenz vielleicht unterhalten, aber sie wird einem nichts erzählen können.

Natürlich kann man sich den Verlust gewisser Berufsfelder durch diese Technologie in sehr naher Zukunft vorstellen. Die Fotografie hatte auch eine Auswirkung auf die Erwerbsfähigkeit von Portraitmaler:innen. Der Bereich von Werbeillustration könnte alsbald von KI-generierten Bildern beherrscht sein, ebenso wie die Bereitstellung vielen Stock-Bildmaterials. Gleichzeitig sehen wir aber auch, wie unmittelbar mit Bereitstellung Menschen die neue Technologie wieder weitergehend kreativ nutzen. Sie erstellen Videosequenzen aus dem Output der Bildgeneratoren oder lassen automatisiert die Textpassagen von Songs visualisieren. 

Letztlich muss sich der Mensch mit der Frage auseinandersetzen, wie er die sozialen Effekte solcher Transformationsprozesse begleitet. Der Maschinensturm, wie er nun teilweise im Internet wieder gefordert wird ist sicherlich nicht die sinnvollste Idee dabei.

Samuel F. Johanns

Ich bin offenbar nicht der einzige Fan, denn Markus Lanz gewann 2021 den Deutschen Fernsehpreis in der Kategorie “Beste Information”. Quelle: Wikimedia Commons

Politik/Gesellschaft

Der Markus-Lanz-Jahresrückblick 2022

Eine kritische Würdigung

von Nicole Marczyk

10.01.2023 - Ausgabe 88

Mittwoch, Donnerstag und Freitag sind meine Lieblingswochentage. Wenn ich mich an diesen Tagen zu meinem Mitbewohner an den Frühstückstisch setze, werde ich nicht mit den üblichen Worten begrüßt, sondern mit der Frage: „Soll ich schauen, ob Lanz schon da ist?“ Dann werde ich von Vorfreude überrollt. Mit „schon da“ meint mein Mitbewohner, ob der obligatorische 30-Minuten-Ausschnitt schon bei YouTube hochgeladen wurde. Wenn ich Glück habe, verbringe ich mein Frühstück also damit, dabei zuzuschauen, wie Lanz‘ Gäste mal überzeugend argumentieren, sich mal in Widersprüchen verstricken, Lanz dabei immer weiter in seinem Stuhl nach vorne rutscht und irgendwann im Laufe der Sendung sagt: „Ganz kurz, ganz kurz. Lassen Sie mich das nur mal eben verstehen.“

Was sich vermutlich schon erahnen lässt: Ich bin Fan. Und zwar von dem Format, aber auch von Markus Lanz als Moderator. Und ich kann meine Begeisterung mit fast niemandem teilen. Denn Lanz ist mittlerweile zum Meme geworden. Die Hauptkritik meines Bekanntenkreises an Lanz ist, dass dieser seine Gäste ständig unterbreche, unangemessen stark nachhake und parteiisch sei. Ich möchte im Folgenden eine Lanze für Lanz brechen und erklären, weshalb diese Kritik nicht zieht.

Allerdings musste auch ich in diesem Jahr einige grobe Patzer von Lanz hinnehmen. Einer davon ist die Sendung vom 09. November 2022, in der die Klimaaktivistin Carla Rochel von der Letzten Generation bei Lanz zu Gast war. Dies ist nur eine von vielen Sendungen, die mich tatsächlich an meiner Liebe zu Lanz zweifeln ließ. Aber fangen wir vorne an.

Weshalb Markus Lanz die beste Talkshow im Öffentlich-Rechtlichen hat

Zunächst mal: In keiner anderen Talkshow wird den Gästen so viel Zeit gelassen, um ihre Punkte auszuführen. Das liegt allein schon daran, dass bei Lanz maximal 4 Gäste auf 60 – 75 Minuten kommen, während bei Anne Will, Maybrit Illner, Maischberger und Hart aber Fair mindestens 5, wenn nicht 6 Gäste dieselbe oder weniger Sendezeit bekommen. Lanz startet außerdem häufig damit, Zweier-Interviews mit seinen Gästen zu führen, die deutlich länger als die üblichen 60 Sekunden dauern und in denen die Gäste sich deshalb auch mehr einfallen lassen müssen, als bloße Floskeln. Natürlich haben die Gäste die Möglichkeit, auf die Wortbeiträge der anderen zu reagieren, aber es handelt sich hier um keinen bloßen Schlagabtausch. Seitdem im Zuge der Corona-Pandemie das Publikum verschwunden ist, sind Lanz‘ Fragen auch pointierter und weniger reißerisch – auch wenn er in Zeiten des Wahlkampfs doch nicht ganz von der Horse-Race-Berichterstattung lassen kann.

»“Ich bin Fan. Und ich kann meine Begeisterung mit fast niemandem teilen. Denn Lanz ist mittlerweile zum Meme geworden.”«

Lanz: Der unausstehliche Unterbrecher?

Dass Lanz mehr unterbricht, als die anderen Talkshow-Moderator:innen stimmt meines Erachtens nicht – wobei ich vielleicht parteiisch bin und eine empirische Untersuchung befürworten würde. Abgesehen davon kann es für solche Unterbrechungen aber auch sehr gute Gründe geben. Schließlich nutzen Politiker:innen Talkshow-Auftritte oft für bloße Selbstdarstellung und es ist das gute Recht der moderierenden Person, inhaltsloses Geblende oder Anekdoten, die nichts mit dem eigentlichen Thema zu tun haben, zu unterbinden. So auch in der Sendung vom 19. Mai 2022, in der Lanz Sahra Wagenknecht zum Krieg in der Ukraine interviewt. Dabei stellt er ihr zunächst die Frage, ob sie es richtig (im Sinne von: moralisch geboten) fände, wenn Russland sich aus der gesamten Ukraine zurückziehen würde. Wagenknecht reagiert mit minutenlangen Ausweichmanövern, in denen sie darüber spricht, dass sie einen russischen Rückzug für unrealistisch halte und es strategisch nachvollziehbar sei, dass Russland die Krim nicht abtreten wolle. Bis zum Ende gesteht Wagenknecht nicht ein, dass der Rückzug Russlands in moralischer Hinsicht richtig wäre. An dieser Stelle war Lanz‘ ständiges Unterbrechen genau richtig, denn Wagenknechts Argumentation diente ausschließlich der Ablenkung. Auch das nervige Stochern war notwendig, um Wagenknecht zu einer Antwort zu zwingen oder – in ihrem Fall – ihr Nicht-Antworten als bewusste Entscheidung entlarven zu können.

Muss Journalismus neutral sein?

Unterbrechen und starkes Nachhaken können je nach Situation also angemessen sein. Der Lanz-Hate ist in dieser Hinsicht mindestens undifferenziert, offenbart vielleicht sogar ein konservatives Journalismus- und Medienverständnis. Dasselbe gilt für die Kritik an Lanz‘ Parteilichkeit. Denn dabei existiert einerseits die geteilte Vorstellung, dass ein Talkshow-Host seine eigene Meinung nicht durchblicken lassen darf und allen Positionen dieselbe Akzeptanz entgegenbringen muss. Andererseits sind sich aber auch viele Journalist:innen einig, dass Rechtsextremismus medial geächtet werden sollte und der AfD nicht dieselbe mediale Plattform geboten werden sollte, wie den anderen im Bundestag vertretenen Parteien – zurecht. Denn Medienschaffende haben nun mal Einfluss darauf, welche Positionen als salonfähig gelten und welchen mit bedingungsloser Ablehnung entgegnet werden sollte. Warum sollte die Grenze erst bei der extremen Rechten gezogen werden? Warum wird Christian Lindner, wenn er im Sommerinterview der ARD zum Thema Tempolimit sagt, es gäbe zurzeit größere Probleme zu lösen, nicht gnadenlos in die Mangel genommen? Und jedes Mal aufs Neue als Hemmnis für den Klimaschutz und Interessenvertreter der Sportwagenfahrer öffentlich vorgeführt? 

Natürlich besteht die Sorge, dass wenn Journalist:innen nur noch versuchen würden, ihre eigene politische Meinung in den Medien anzupreisen (wofür an dieser Stelle nicht argumentiert werden soll), dem Publikum die Möglichkeit genommen werden würde, sich frei von Beeinflussung eine eigene Meinung zu bilden. Es bleibt jedoch ein Widerspruch, dass diese Beeinflussung in Bezug auf die im Öffentlich-Rechtlichen vorherrschende Ablehnung rechtskonservativer Positionen hingenommen wird. Diesen aufzulösen geht nur in die eine oder in die andere Richtung. Und wenn in einer Talkshow menschenverachtende, auf Fehlinformationen basierende oder schlecht begründete Positionen vertreten werden, sollte der Moderator nicht alle Positionen als gleichberechtigt nebeneinanderstehen lassen und lediglich wie eine Schiedsrichterin dafür sorgen, dass alle Gäste denselben Redeanteil haben – sondern Stellung beziehen. Denn eine objektive Berichterstattung orientiert sich an der Qualität des Arguments und nicht am Gebot der Toleranz aller politischen Meinungen.

»“Dass Lanz mehr unterbricht, als die anderen Talkshow-Moderator:innen, stimmt meines Erachtens nicht – wobei ich vielleicht parteiisch bin und eine empirische Untersuchung befürworten würde.”«

Was, wenn Lanz die falsche Meinung hat?

Es gibt aber auch die schmerzhaften Momente, wenn der Moderator sich darin irrt, welche Position diejenige ist, die Ablehnung verdient. So auch in der Sendung vom 09. November. Dabei spielen Markus Lanz, Eva Quadbeck und Jürgen Trittin die Notwendigkeit, schnellstmöglich klimaneutral zu werden, herunter. Klimaaktivistin Carla Rochel muss sich für ihre Meinung rechtfertigen, dass Klimaproteste radikaler werden müssen, da der Kampf gegen die globale Erwärmung ein Spiel gegen die Zeit ist. Sie mahnt, das Spiel auf keinen Fall verlieren zu dürfen, da ansonsten Dürren, Hungersnöte, globale Fluchtbewegungen und Wasserknappheit drohen. Statt die Diskussion zurück zu potentiellen politischen Maßnahmen zu lenken, fragt Lanz Rochel, woher sie denn wisse, dass diese Folgen drohten. Als Rochel auf die bekannten Prognosen etlicher Wissenschaftler:innen verweist, fragt Lanz, woher die Wissenschaftler:innen das denn wüssten. Den Höhepunkt landet Lanz, als er vorschlägt, Menschen könnten sich diesen Folgen der Erderwärmungen in Zukunft doch einfach anpassen. 

Natürlich war ich nach dieser Folge wütend auf Lanz. Und es gab auch viele andere Folgen, nach denen ich fest entschlossen war, künftig kein Fan mehr sein zu wollen. Doch am Ende des Tages ist durch Lanz viel mehr gewonnen, als durch seine Aussetzer verloren ist: Ein meinungsstarker, unnachgiebiger Lichtblick am Horizont des sonst so floskelhaften Talkshow-Himmels. Zum Glück konnte mich das Schreiben dieses Artikels ein wenig über die Winterpause hinwegtrösten und beim Erscheinen dieser Ausgabe heißt es endlich wieder: „Karl Lauterbach ist heute bei uns zu Gast. Außerdem freuen wir uns auf Marie-Agnes Strack Zimmermann, Robin Alexander und Richard David Precht.“

Nicole Marczyk

Gesellschaft

More idols than realities

Sollten wir unsere Idole treffen?

von Lily Hußmann

10.01.2023 - Ausgabe 88

Intro

Ende Oktober 2022. Eine FW-Redakteurin steht sich des Nachts hinter einem Amsterdamer Theater die Beine in den Bauch, gemeinsam mit circa 30 britischen Groupies, die sich vor Aufregung kaum einkriegen. Die Rede ist natürlich von mir, die nach einem Konzert der englischen Band Muse darauf wartet, dass die drei Bandmitglieder nochmal zu den treuesten Fans nach draußen kommen, um Autogramme zu geben, Hände zu schütteln, Selfies zu machen. Na, wenn ich schon extra für ein Konzert nach Amsterdam fahre, dann muss ich auch alles rausholen, denke ich. Und da ich sowieso in einem unweit gelegenen Hostel übernachte, kann ich doch auch noch ein bisschen auf die Band warten. Da bin ich also, komplett durchgeschwitzt und heiser, aber dennoch ekstatisch in der Amsterdamer Nachtluft, mit Lieblingsalbum[1] und Marker in der Hand, die ich just in case mitgenommen habe. Aber ich bin weitaus nicht so ekstatisch wie die Hardcorefans vor mir, die der Band allem Anschein nach durch die ganze Welt hinterher reisen und schon diskutieren, wie sie zum nächsten Konzert in Frankreich kommen. Je länger ich dort an der Hauswand lehnend die Leute beobachte, desto mehr frage ich mich: Was mache ich hier eigentlich? Ist das nicht ein ganz seltsamer Personenkult, dem ich mich hier hingebe? Aber egal – die Tore der Venue öffnen sich nach einer halben Stunde tatsächlich und geben die Sicht frei auf drei schwarze Autos mit getönten Scheiben. Und darin: drei mittelalte englische Typen, die sofort von der Menge belagert werden und routiniert anfangen Autogramme zu geben, Hände zu schütteln und Selfies zu machen. Für einen Moment zögere ich – will ich das wirklich? Was, wenn ich hinterher enttäuscht bin?

Tja, ich bin sicherlich nicht die erste Person der Weltgeschichte, die sich diese Fragen stellt. Im Gegenteil gibt es wohl kaum eine Person, die niemanden vergöttert oder zumindest bewundert und noch nie davon geträumt hat, diesem Menschen ganz zufällig über den Weg zu laufen. Also: woher kommt unsere Faszination für Stars, Idole, Prominente? Und ist es eine gute Idee, seine Idole zu treffen?

Gott ist tot

Im populären Diskurs ums Startum wird – in Anlehnung an Friedrich Nietzsche – oft die These angeführt, dass Prominente und Stars eine Art Gott-Ersatz für unsere Zeit seien, gewissermaßen eine Religion des Kapitalismus.[2] Das klingt erstmal einleuchtend, denkt man an die quasi-religiöse Ernsthaftigkeit, mit der Millionen von Menschen jedes Jahr Cons, Konzerte und Meet-and-Greets besuchen und in dem Zuge brav die Konsummaschinerie befeuern und ihren Idolen die Taschen füllen. Die Wissenschaft hat ebenfalls längst eine Verknüpfung zwischen Religion und Startum hergestellt; bereits im Jahr 2000 verglich der Medienpsychologe David Giles religiöse Verehrung mit der Verehrung von Stars.[3] Auch das klingt erstmal einleuchtend, wenn man bedenkt, wie leicht prominenten Menschen anstößiges Verhalten vergeben wird, das uns Normalsterblichen eigentlich jahrelang nachhängen würde (man denke nur einmal an R. Kelly oder Johnny Depp – natürlich gab es für sie Konsequenzen, aber wen interessieren diese Skandale jetzt noch, wo der Medien-Hype vorbei ist?). Eine Aura von Exklusivität, ritualisiertem Verhalten und Illusionen umgibt sowohl Religion als auch Starkult und Mythen ranken sich gleichwohl um Götter und Idole. Hinzu kommt, dass immer weniger Menschen wirklich religiös sind (in den letzten zwei Jahren traten so viele Menschen aus der Kirche aus wie noch nie); das legt die Idee nahe, dass viele auf der Suche nach etwas sein müssen, das das von der Religion hinterlassene Loch füllt. Laut Nietzsche müssen sich die Menschen nach dem Tod Gottes selbst zu neuen Göttern aufschwingen – und damit wären wir wieder bei unseren Stars und Idolen, den Göttern, die wir (theoretisch) anfassen können. Und nie waren wir unseren Göttern so nah wie im 21. Jahrhundert. Doch dazu später mehr.

»“Eine Aura von Exklusivität, ritualisiertem Verhalten und Illusionen umgibt sowohl Religion als auch Starkult und Mythen ranken sich gleichwohl um Götter und Idole.”«

Well. How did we get here?

Die Wissenschaft beschäftigt sich seit den 1970ern ernsthaft mit den Phänomenen Startum und Berühmtheit (Celebrity), was mit dem Aufkommen der Filmwissenschaft und deren Interesse am Hollywoodfilm bzw. der amerikanischen Filmindustrie zusammenhängt. Die zwei Begriffe sind klar zu trennen, denn während ein Star durch besondere künstlerische, sportliche oder sonstige Leistungen Berühmtheitsstatus erlangt, ist eine Celebrity hauptsächlich berühmt dafür, berühmt zu sein (think Kardashians). Neben besonderen Leistungen und der daraus resultierenden Berühmtheit zählen zu den Bedingungen des Startums laut der Musikwissenschaftlerin Silke Borgstedt eine feste Anhänger:innenschaft und die „Vermittlung eines umfassenden Persönlichkeitsbildes“[4], was bei Hollywood-Stars wie etwa Marilyn Monroe oder Frank Sinatra zum ersten Mal in großem Stil durch mediale Inszenierung gegeben war. Damit werden Stars zum Konsumprodukt, das vermarktet werden und Gewinn erzielen kann – auch nach ihrem Ableben.

Aber wie so oft ist der Film nicht der Ursprung, sondern nur ein Katalysator für gesellschaftliche Entwicklungen, die sich teils bis in die Renaissance zurückverfolgen lassen; so wird zum Beispiel Elizabeth I. oft als frühe Celebrity bezeichnet und tatsächlich waren die ‚Stars avant la lettre’ fast ausschließlich Adelige.[5]Mit dem Aufstieg der Mittelklasse in den Städten, aus deren Rängen sich Stars erheben konnten, wird das Startum jedoch zumindest augenscheinlich demokratisiert. Dass es theoretisch jedem durch harte Arbeit und herausragende Leistungen möglich ist, Star-Status zu erlangen, ist allerdings damals wie heute ein kapitalistischer Mythos, denn es können ebenso wenig alle berühmt sein, wie alle Millionär:innen sein können. Ein weiterer Schritt in Richtung des modernen Startums ist der Ausbau der Massenmedien und des Konzertwesens. Virtuosenkonzerte etwa rücken das Individuum in den Fokus und die Leute besuchen sie nicht mehr primär um der Musik willen, sondern um einen Blick auf ihre Lieblingsinterpret:innen zu erhaschen, etwa den Pianisten und Komponisten Franz Liszt, dessen Vergötterung in der sogenannten „Lisztomanie“ gipfelte.

Nach den Sternen greifen

Seitdem ist in der Welt vieles passiert, aber sie ist vor allem eines geworden, und zwar schneller. Die Devise des 21. Jahrhunderts lautet: größer, schneller, mehr. Und das zeichnet sich auch im Verhältnis der Gesellschaft zu ihren Stars ab. Laut einer Metastudie von vergangenem Jahr[6] hat die obsessive Verehrung von Stars in den letzten 20 Jahren massiv zugenommen. Es geht der Studie zwar hauptsächlich um die krankhafte Ausprägung des Celebrity Worship, doch verzeichnen die Autorinnen auch einen starken Anstieg der ‚normalen‘ Star-Verehrung (wobei die Schwellenwerte für normal und krankhaft ziemlich willkürlich gesetzt sind). Doch im Grunde ist diese Beobachtung nicht verwunderlich, fällt sie doch mit dem Aufstieg des Internets und der sozialen Medien zusammen – ein weiterer Katalysator. Nie war es einfacher, jeder kleinsten Bewegung einer Persönlichkeit auf Instagram, Twitter und Co. zu folgen. Die Möglichkeit, in großem Stil mit Fans direkt zu interagieren, nutzen Superstars wie Taylor Swift oder Beyoncé gezielt, um die Illusion einer zugänglichen Person aufrechtzuerhalten. Indem sie ihr Privatleben online teilen, ermöglichen sie es ihren Millionen Followern, parasoziale Beziehungen mit ihnen einzugehen. Parasozial – das bedeutet, man interagiert als Rezipient:in mit einer realen oder fingierten Person online so, als ob man von Angesicht zu Angesicht interagieren würde. Es stellt sich die Illusion ein, man kenne die Person wirklich und es kann sich so anfühlen, als bestünde eine ‚richtige‘ Freundschaft, obwohl der Star am anderen Ende faktisch nichts über die Rezipient:innen weiß und sich bestenfalls am Rande für sie interessiert. Erinnert ein bisschen an die Beziehung gläubiger Menschen zu Gott, oder? Bloß, dass wir statt Gebeten gen Himmel unsere Worte in die Instagram-Kommentarspalten schicken, wo sie unter Millionen anderen schließlich untergehen.

Auf der anderen Seite kann die Verehrung von Stars durchaus etwas Positives haben, sonst würden sich nicht so viele Menschen dazu hinreißen lassen. Die glamourösen Leben unserer Idole zu verfolgen, kann uns eine angenehme Möglichkeit zum Eskapismus aus unserem Alltag bieten, wobei sich dann wieder die Frage stellt, ob es nicht eigentlich ein Armutszeugnis ist, dass wir unserem Alltag entfliehen müssen, um ihn zu ertragen. Trotzdem ist die Vorbildfunktion von Stars nicht zu unterschätzen; man darf nicht vergessen, dass es sich nicht nur um Kommoditäten handelt, sondern auch um kulturelle Symbole, die für bestimmte Werte stehen. Und wenn diese Werte positiv sind, kann es besonders für junge Menschen auf der Suche nach Identität hilfreich sein, eine Person zu haben, an der sie sich orientieren können.

»“Bloß, dass wir statt Gebeten gen Himmel unsere Worte in die Instagram-Kommentarspalten schicken, wo sie unter Millionen anderen schließlich untergehen.”«

Outro

Aber kehren wir mal zurück zu mir in Amsterdam. Ungefähr so ging es aus: als ich die Band in ihren Autos angeschaut habe, dachte ich mir sowas wie: „Oh shit, das sind ja echt nur drei random Typen!“ Und dann habe ich meinen Marker und meine CD wieder eingepackt und statt mich durch die Menge zu boxen, habe ich die drei Autos beim Davonfahren beobachtet. Auf dem Weg zu meinem Hostel habe ich dann die Notes App auf meinem Smartphone geöffnet und sowas geschrieben wie „FW Artikel – Idole treffen ja nein? – mit Amsterdam Anekdote anfangen“ und bin, dort angekommen, entkräftet ins Hochbett gefallen. The End!

Ihr habt jetzt sicher ein tiefsinniges Fazit erwartet und um ehrlich zu sein, das habe ich auch. Aber die Wahrheit ist, ich bin nach Verfassen dieses Artikels nicht schlauer als an diesem Abend in Amsterdam und ich weiß immer noch nicht, ob ich das Richtige gemacht habe. Im Endeffekt ist es wohl eine individuelle Entscheidung, aber ich kann nur sagen, dass ich mich in diesem Informations- und Machtgefälle zwischen Fan und Star unwohl gefühlt habe. Für mich ist es gerade diese knowledge gap, die meine Beziehung zu Stars so kritisch macht. Ich kenne teils intime Details aus Privatleben und Vergangenheit einer Person, während ich selbst für sie anonym bleibe – eine komplett unausgeglichene Art von Beziehung. Außerdem kann ich das Gefühl nicht abschütteln, dass ich etwas intrusives tue, wenn ich meine Bewunderung von meinem Innenleben in die Realität trage und tatsächlich mit der Person interagiere, schließlich habe ich in deren Leben nichts zu suchen… Aber sie in meinem? Wie dem auch sei, vielleicht sollten manche Beziehungen einfach parasozial bleiben…

[1]Black Holes and Revelations übrigens, sehr zu empfehlen!

[2]Zuletzt war ich damit in der opening sequence des Bowie-Dokumentarfilms Moonage Daydream von Brett Morgen konfrontiert, auch sehr zu empfehlen!

[3]Vgl. Maltby, John et al., “Thou shalt worship no other gods – unless they are celebrities: the relationship between celebrity worship and religious orientation”, in: Personality and Individual Differences 32, 2002, S. 1157-1172, hier S. 1158.

[4]Borgstedt, Silke, “’Le concert, c’est moi’ – Strukturelle Determinanten musikalischen Startums und ihr historischer Kontext”, in: Schweizer Jahrbuch für Musikwissenschaft, Bd. 25 (2005), S. 114f.

[5]Auf jeden Fall empfehlenswert für die genauen historischen Zusammenhänge ist Fred Inglis’ Buch A Short History of Celebrity, Princeton: 2010.

[6]McCutcheon, Lynn E., Mara S. Arguete, “Is Celebrity Worship Increasing Over Time?”, in: Journal of Studies in Social Sciences and Humanities 7(1), 2021, S. 66-75.

Lily Hußmann

…drei Mal dürft ihr raten, welches Sternzeichen ich bin. Quelle: Bild von s.Aleša Stritar über Pixabay

Kolumne

Dieses Jahr wird Dein Jahr!

Eine Art Jahreshoroskop

von Helene Fuchshuber

10.01.2023 - Ausgabe 88

Jedes Jahr ist laut Horoskop mein Jahr. Jedes Jahr ist wieder ein Jahr und die Sterne prophezeien, wie es wohl wird. Job, Liebe, Inspiration. Was weiß ich. Es gibt immer ein paar Sachen, die etwas kompliziert klingen. Ein paar, die klingen, als könnte ich damit gemeint sein. Und ganz viel Subtext, der sagt: Alles wird gut. Wie Gabriella schreibt, wir brauchen irgendwas zum Festhalten, wenn ein neues Jahr beginnt, irgendwas, das uns Hoffnung gibt. 

Ich habe jahrelang nicht verstanden, was der Unterschied von Astrologie und Astronomie ist. Aber gerade – Feiertage in Bayern auf dem Land – mal wieder sehnsüchtig in den sternenklaren Himmel geschaut. Dabei allerdings nichts Großartiges gedacht oder erwartet, sondern einfach nur einen bisschen steifen Nacken bekommen und mich an der Schönheit erfreut. Als mich eine Freundin mal danach fragte, wann ich denn geboren wurde, also wann genau, welche Uhrzeit und wo bitte, um meinen Aszendenten zu ermitteln und dann noch in welchem Haus von welchem Mond (oder so) ich geboren wurde, hab ich fröhlich Antworten nach bestem Wissen und Gewissen gegeben, aber grundsätzlich und innerlich nur den Kopf geschüttelt.

Und trotzdem hat mich die Aussage meiner Mutter „Helene, dein Jahreshoroskop, das klingt toll, das wird gut“ auf eine ganz absurde Weise wahnsinnig beruhigt. 

Dabei will ich gar nicht, unabhängig davon, dass ich nicht dran glaube, dass meine Zukunft in den Sternen oder feststeht. Naja, du hast es trotzdem in der Hand, du machst aus den Gegebenheiten dann das, was genau du daraus machst. Könnte Mensch jetzt darauf erwidern. Und damit bin ich wieder dabei. 

Die Rahmenbedingungen, Welt und Himmel und Sterne stehen. Auch, weil unsere Gesellschaft funktioniert, wie sie funktioniert, andere Voraussetzungen: Herkunft, sozialer Background, Geschlecht… und damit verbundene Erwartungen und Möglichkeiten. In unseren Rahmen jedoch haben wir es in der Hand. Und ich glaube auch, dass wir darüber hinaus unsere eigenen Rahmen sprengen können. Das ist nicht für alle Menschen gleich leicht oder gleich notwendig oder überhaupt ein Ziel oder erwünscht. Aber es besteht die Möglichkeit dazu. Und ich hoffe und wünsche mir nicht nur fürs nächste Jahr, sondern für die nächsten Jahre, bis es irgendwann geschafft ist, dass wir uns einer Angleichung annähern.

Wenn ich mir was wünschen darf, als Welt-Horoskop quasi, dann bitte eine gerechte Welt, in der alle Menschen ihr Schicksal grundsätzlich selbst in die Hand nehmen können. Unabhängig von allem. Mit einem ähnlichen Ressourcen-Korb. Nicht unbedingt alles ohne Anstrengung, aber einfach eine Welt, die es nicht den einen unfassbar leicht macht und anderen schrecklich schwer. Ich wünsche mir, dass sich Systeme verändern, hin zu solchen, die gleichzeitig Individualität und Gleichheit anerkennen.

»“Wir brauchen irgendwas zum Festhalten, wenn ein neues Jahr beginnt, irgendwas, das uns Hoffnung gibt.” “Und trotzdem hat mich die Aussage meiner Mutter „Helene, dein Jahreshoroskop, das klingt toll, das wird gut“ auf eine ganz absurde Weise wahnsinnig beruhigt.”«

Auf der anderen Seite ist diese kleine Helene-Utopie halt a) naiv und b) unvollständig und c) für andere Menschen vielleicht gar nicht wünschenswert? 

Ich muss jedenfalls in der Weihnachtszeit immer sehr viel darüber nachdenken, da plötzlich alle Welt von Barmherzigkeit und Gnade und Wärme und Helfen spricht. Weil aus dem Boden Schilder schießen, die an alle weichen Herzen appellieren, doch bitte jetzt mal zu spenden. Weil Weihnachten ist. Und so. Nächstenliebe. Diese Werte sind auch insgesamt super nett, wären sie nicht als christliche abgestempelt und würden nur einmal jährlich zu Christi Geburt (lol) aus irgendwelchen Hüten gezaubert. Warum denn dann nicht an Ostern auch, könnte man sich da fragen, wenn das irgendwas mit Jesus zu tun haben soll? Oder an jedem anderen Tag im Jahr, denn Gnade und solche Dinge – so meine vage Erinnerung an den Reli-Unterricht vor tausend Jahren – wird bedingungslos gewährt. Egal was für ein Tag ist oder kommt. Oder hat das etwa unabhängig von irgendwelchen christlichen Werten viel mehr mit unserer Art, zu geben zu tun? Weil wir selbst für Geschenke an unsere Liebsten immer einen bestimmten Tag, eine Geburt zumeist, brauchen? Oder wird hier einfach auf das Werbesteckenpferd aufgesprungen: überall Werbung für den besten veganen billigsten Weihnachtsbraten, Lego-Rabatt-Codes und daneben eben Brot für die Welt, wenn wir einmal dabei sind?

Eigentlich kann ich dem Ganzen gar keinen Vorwurf machen, den Werbenden für Hilfsaktionen etc. jedenfalls nicht. Denn es funktioniert ja nun mal. Und irgendwie ist es ja auch notwendig und wichtig und richtig. Ich finde es ist nur ein kleines Armutszeugnis für die Menschlichkeit. Dass die Mehrheit eben diesen Wink mit dem ganzen Zaun benötigt und das an genau diesem einen Tag, bzw. in genau dieser Zeit. Damit ihnen einfällt, dass es bedürftige Menschen gibt, denen man ja mal helfen könnte.

Ein anderer Blickwinkel wäre der, dass ganz viele Menschen, die Weihnachten feiern, oder sich über die Weihnachtszeit und Plätzchen freuen, mit Weihnachten Positives verbinden. Warme Kindheitsabende im Kreis der Familie, Plätzchenbacken mit ganz vielen kleckernden Knilchen, fröhliche Glühweinbesäufnisse, Liebe. Und vielleicht ist das auch der Grund, warum sie zu Weihnachten spenden. Weil sie einen Teil dieser Positivität teilen wollen. Weil sie ein bisschen Liebe weitergeben wollen. Und dann würde ich mir zwar wünschen, dass sie das unabhängig von diesem Tag jeden Tag machen können, aber freue mich trotzdem darüber, dass sie es machen. <3

Vielleicht wird dieses Jahr also auch Dein Jahr in dem Sinne, dass Du entscheidest, in Deinem aufgrund des Studierenden-Daseins vielleicht begrenzten Rahmen, einfach so jeden Tag (natürlich nicht jeden, jeden Tag, aber an jedem beliebigen Tag) ein bisschen zu geben, zu schenken, zu helfen oder zu spenden. 

Oder wie Hermann Hesse schrieb: Wenn wir einen Menschen glücklicher und heiterer machen können, so sollten wir es in jedem Fall tun, mag er uns darum bitten oder nicht.

Helene Fuchshuber