Unsere Redaktion ist in den letzten Monaten deutlich gewachsen und gleichzeitig ist unser Veröffentlichungsrhythmus Pandemie-bedingt immer noch auf vier Wochen ausgedehnt. Dadurch kommt es immer wieder vor, dass wir zu viele Beiträge für eine Ausgabe haben. Damit vor allem aktuelle Themen trotzdem angesprochen werden können, veröffentlichen wir hier von nun an Artikel, die den Umfang des Heftes gesprengt haben, die wir euch aber auf keinen Fall vorenthalten wollen.

AKtuelle Artikel

Gesellschaft

Warum es eine Würde der sozialen Freiheit braucht

Studium

Wie eine Initiative den Berufseinstieg von Ärzt:innen revolutiniert

Politik

Ene Kritik an den Kritikern der sogenannten Identitätspolitik

Bildquelle: slon pics via Pixabay

Gesellschaft

Beten und Arbeiten (und Netflix)

Warum es eine Besinnung auf die Würde der sozialen Freizeit braucht

Ein Kommentar von Samuel F. Johanns

01.07.2021

Eine Auswegsperspektive vor Augen lohnt sich ein kritischer Blick auf das, was wir die letzten anderthalb Jahre erlebt haben und in Zügen bis dato erleben. Der Alltag vieler Menschen, insofern er nicht gerade in Kochen oder Spazierengehen besteht oder durch das Privileg einer intakten Paarbeziehung ausgezeichnet ist, besteht momentan vornehmlich darin, auf tendenziell beleuchtete Flächen zu blicken mit dem Ziel, entweder Geld zu verdienen oder die emotionale Gesundheit halbwegs in Gleichgewicht zu halten – und mitunter über 10 Stunden am Tag!

Geschichten von Festivals, Kneipenbesuchen, spontane Weltrettungskonferenzen auf dem Boden der Küche mit Tiefkühlpizza zu acht, basalem Vereinsleben oder Clubbesuchen wird es für die Jahre 2020 und tendenziell 2021 in der Biografie von uns allen einfach nicht geben. Kontaktreduktion ist, und das mit Fug und Recht, angesichts einer Pandemie zurzeit Staatsräson und oberste Bürger*innenpflicht.
Hinter alledem steckt aber ein Umstand, den ich nur mehr als verstörend finde. Denn ganz offenbar gibt es seit Monaten epidemiologisch verantwortbare Kontingente für menschliche Gruppenbegegnung außerhalb des Internets. Jedes mal, wenn wir nicht im Home Office, sondern auf der Arbeit sind. Erschreckend ist aber die Radikalität, mit der genau diese Begegnungskontingente meist ausschließlich auf Treffen im Rahmen des Arbeitslebens oder Gottesdienste beschränkt bleiben. Was sind die Hintergründe dafür, dass wir uns kollektiv im Bezug auf die Welt sozialer Interaktionen bereitwillig in eine Lebenswelt der Klösterlichkeit begeben haben in der wir tagein, tagaus ein Leben aus Beten und Arbeiten führen dürfen? Diese Missverhältnisse, die wir in ihrer grotesken Natur nicht mehr ignorieren können, wenn wir ihrer gewahr geworden sind, offenbaren die in der Gesellschaft vorherrschenden diskursiven Machtstrukturen und hegemonialen Weltbilder. Es sind dieselben, wie sie in ihrer Form seit Jahrzehnten einer scharfen Kulturkritik unterzogen werden.

Verkürztes Bild vom Menschen.
Wer an die nahezu völlige Entbehrlichkeit sozialer Gruppenveranstaltungen nach Feierabend für mehrere Monate glaubt, verkennt, wie ich finde, eine essentielle Seite des Menschseins. Säkulare, freizeitliche Treffen sind mitnichten reiner Müßiggang und eine Belastung, welche die fleißige Leistungsgesellschaft aus liberalen Gründen leider hinnehmen muss, die aber im Zweifelsfall folgenlos auf unbestimmte Zeit eingestellt werden können. Als prinzipiell soziale Wesen sind diese Events für die allermeisten Menschen nämlich schlicht nichts anderes als Lernfelder für das ganz basale gruppensoziale Verhalten und die Basis der persönlichen Selbstverwirklichung in der Begegnung mit anderen. Menschliche Kernkompetenzen wie Emphatie, Achtung und Selbstbehauptung auch in gruppendynamischen Prozessen lassen sich nicht abends alleine oder lediglich mit dem Partner aneignen und aufrecht erhalten. Ab einem gewissen Alter ist dies auch nicht mehr nur in der Kernfamilie möglich. Da stellt aus ganz einfachen entwicklungspsychologischen Gründen das Erlebnis und die Integration in die sogenannte Peergroup einen notwendigen Schritt zur Persönlichkeitsentwicklung dar. Wie jede Fähigkeit beruht auch ihre Perfektionierung und bleibende Befähigung auf kontinuierlichem Training und tätiger Wiederholung. Wer diese Lebenswelt für Monate oder Jahre auf die lange Bank schiebt, riskiert den mehr oder weniger starken Verlust bestimmter sozialer Kompetenzen. Die Gesellschaft geht hier ein Experiment ein, was für jene, die aus der als selbstverständlich geglaubten, aber bereits einmal gelebten, sozialen Lebenswirklichkeit gerissen werden, oft schon traumatisch genug sein dürfte, für die, welche aber gerade erst initial in diese Kompetenzen hineinwachsen sollen, völlig unabsehbare Folgen haben wird.

» In alledem tritt das ans Licht, was als Duktus jener Lust- und Leibesfeindlichkeit, gepaart mit einem schillernden Arbeitsfetischismus, für die kulturell protestantisch kodierte preußische Gesellschaft nach der Aufklärung nun mal völlig symptomatisch ist. «

Differenzierte Maßnahmenkritik statt Covidiotie und Verschwörungsnarrative
Es ist vollkommen nachvollziehbar, dass der Schlüssel zur Bewältigung dieser Pandemie neben den medizinischen Möglichkeiten wie Behandlung und Impfung in der Kontaktreduktion liegt. Wer dies leugnet, ist tatsächlich der Covidiotie anheim gefallen. Und natürlich ist es völlig klar, dass Großveranstaltungen wie vollbesetzte Fußballstadien nicht das sind, was man inmitten einer Infektionswelle akzeptieren kann. Der Punkt dieser Kritik ist der verblendet fundamentalistische Kontext, in dem die Radikalität der Maßnahmen für Gruppentreffen sich eben nicht mehr als Kontaktreduktion, sondern als 100% Kontaktauslöschung präsentiert, während man weiterhin auf der Arbeit im Büro mit Selbstverständlichkeit zwanzig Leute trifft, die prima im Home Office sitzen könnten. Und den Menschen diese groteske Radikalität noch immer als eine halbwegs natürliche Notwenigkeit erscheint.
Statt aber eine intelligente Kritik dieser Verteilungsungleichheit von Begegnungskontingenten zu thematisieren, ist der Diskurs für die Perspektive der Kunst- und Kulturwelt von Aktionen wie #allesdichtmachen geprägt, wie sie dümmer nicht sein könnten, weil sie sich anbindungsfähig für Leugnungs- und Verschwörungsnarrative machen. Dass in Theater- und Lichtspielhäusern die Hygienekonzepte teilweise besser funktionieren würden als in den durchgehend akzeptierten Präsenzgottesdiensten alleine hätte beispielsweise genug Grundlage für eine differenzierte und vernunftorientierte Maßnahmenkritik für die Kulturschaffenden geboten.


Fazit und Abrechnung
In alledem tritt das ans Licht, was als Duktus jener Lust- und Leibesfeindlichkeit, gepaart mit einem schillernden Arbeitsfetischismus, für die kulturell protestantisch kodierte preußische Gesellschaft nach der Aufklärung nun mal völlig symptomatisch ist: ein karikaturesk verzehrtes Bild des Menschen als Funktionselement in der Gesellschaftsmaschine. Sie markiert auch den fanatisch verblendeten Glauben in die Entbehrlichkeit oder aber Abwertung aller Lebenswelten, die sich nicht quantifizierbar auf eine, wenn möglich monetäre, Form als wertvoll abbilden lassen.
Die ganze philosophische Schule der Phänomenologie bezieht ihren Saft aus der Einsicht in diese Reduktion. Dass eben die unmittelbare Welt der Erscheinung und direkten Lebenswirklichkeiten in der Metaphysik des Abendlandes fundamental hinter einer Matrix der quantifizierbaren Wert- und Datenformen ausgeblendet verbleibt. In der Konsequenz erscheint uns auch jede Arbeit, die nicht direkt messbare monetäre Ergebnisse produziert, nicht als Arbeit. Bist du Hausfrau hast du bekanntlich nie gearbeitet.
Richtet sich der gegenwärtige politische Maßnahmen-Diskurs wiederum auf etwas wie die Würde des Freizeitlebens, so wird nahezu nie ein intrinsischer Wert des Beisammenseins in die Waagschale geworfen, sondern die Forderungen nehmen kontinuierlich Bezug auf die wirtschaftliche Perspektive derer, die in der Industrie zur Verwaltung und Einrahmung dieser Gruppenevents ein wirtschaftliches Interesse bekunden. Die Wirt*innen, die Veranstaltungskaufleute und Restaurantbetreibenden. In der immanenten Logik des Systems ist es dabei aus journalistischer Perspektive schlüssig, dass sehr viel eher die Friseur*in als die Zerzausten interviewt werden. Aus kulturkritischer Sicht muss man sich aber die Frage stellen, wie es passieren konnte, dass wir den Menschen in seiner beruflichen Situiertheit in den Vordergrund stellen, selbst dann, wenn die Folgen eines Ereignisses bei einigen sogar einen direkt sichtbaren Effekt in der unmittelbaren Körperlichkeit zeitigen. Ein anderer Diskurs würde hier den Rückenschmerz und nicht die wirtschaftliche Perspektive der Physiothearapie in den Vordergrund stellen. Sie würde die Zudringlichkeit der Pandemie auch nicht an der wirtschaftlichen Kosten- Nutzenkalkulation von Maßnahme oder Nicht-Maßnahme entfalten, sondern am konkreten Ereignis des Brennens der Lungen des Einen und der Vereinsamung der Anderen. Dieser Artikel aber soll nicht den Status Quo aus den Angeln reißen, sondern als kulturkritischer Kommentar eine differenzierte Perspektive auf ein Phänomen bieten. Wäre also ein solcher phänomenologischer Ansatz in der Pandemie ähnlich effizient und funktional? Fraglich. Wäre er anthropologisch authentischer? Gewiss.
Wenn ich von der Würde der sozialen Freizeit spreche, dann meine ich damit ein Bekenntnis zu einer Lebenswirklichkeit, die den Menschen mindestens ebenso ausmacht und prägt, wie es die Arbeitswelt als gemeinschaftlich beruflich leistungsfähiges und die Kirche als religiös gemeinschaftlich agierendes Wesen tut. Soziale Freizeitgestaltung ist kein entbehrlicher Rest des Lebens on top, es ist menschliches Leben im Grunde seines Daseins. Eine Politik, die diesen Bereich weitgehend völlig verunmöglicht, ist nicht dem Menschen zugewandt, sondern gegen den Menschen als solchen gerichtet.

Bildquelle: Clay Banks via Unsplash

Wundertüte Medizin

Wie die Initiative Felix Medicus den Berufseinstieg für Ärzt:innen revolutioniert

von Dorit Stelting

01.07.2021

„Und dann bin ich eben MITTEENDEZWANZIG und feiere mein zweites Staatsexamen nach 5 Jahren Studium damit, mich im Praktischen Jahr abzuschuften und als Geschenk bekomme ich eine große Schachtel voll Unsicherheit, Berufseinstieg mit roter Schleife.“

So oder so ähnlich poetisch hat meine große Schwester mir ihren Lebensplan letztens nach ein paar kultivierten Kölsch eröffnet.

Sie studiert Medizin, Typ fleißig und vielleicht auch Lieblingstochter. Bis zu dem Punkt dachte ich eigentlich, dass sie von uns beiden diejenige mit klarem Ziel und Struktur ist. Nicht nur bezogen auf das letzte Stück Kuchen bei Oma bekommt sie im Leben eigentlich ziemlich oft, was sie will.

Dass das besonders bezogen auf den Job plötzlich anders sein sollte, machte mich stutzig.

„Es ist ja nicht so, dass man das überhaupt nicht beeinflussen könnte. Aber es ist eben eine Wundertüte: Du weißt nicht, was du bekommst, bis du sie öffnest und dann auch nicht mehr so einfach reklamieren kannst.“

Besonders nach dem Praktischen Jahr, für das sie vielmehr eine Aufwandsentschädigung statt einem gut studierten Gehalt bekommt, will sie wenigstens ihren Facharzt gut realisieren.

Sie ist dann um die dreißig, das ist eine einschneidende Zeit, vielleicht die wichtigsten Jahre ihres Lebens, zumindest was sowas wie Familienplanung und vielleicht-mal-irgendwo-eine-langfristige-Wohnung-beziehen angeht.

Besonders beruflich muss sie sich bald die alles entscheidende Frage stellen: In welche Richtung will ich mich spezialisieren?

Die Antwort will sie natürlich nicht dem Zufall überlassen. Aber so undurchsichtig wie der Bewerbungsprozess sei, fehlen ihr jegliche Anhaltspunkte.

Die Kliniken und Arztpraxen machen nicht so ganz deutlich, was die Bewerber:innen erwartet. Lohn, Weiterbildungsangebote, Arbeitszeiten, Schichtdienste, Vereinbarkeit von Job und family; all das findet sie auf den digital oft eher semi-optimalen Webseiten nicht heraus.

Der mühsame Weg auf der Suche nach Lösungen im Bewerbungsprozess hat aber eine Abkürzung:

Sie heißt Felix Medicus.

Konkret ist das eine Initiative aus Köln, die eine Plattform bietet, die den Berufseinstieg für junge Ärzt:innen erleichtern soll und im Austausch die wissenswerten Informationen für den Berufsstart bereithält.

Die Zauberwörter: Transparenz & Ehrlichkeit.

Wenn sowohl Bewerber:in als auch Arbeitgeber:in aufrichtig genug ist, ihre Anforderungen, Bedingungen und Qualitäten klar vorzugeben, dann kann man dieses überholte System verändern.

Daran glaubt zumindest Leon Lüneborg, der Initiator der Plattform ist. Er war auch gleich so gnädig, mir zu erklären,

Wie es abläuft

Leon erzählt: „Nachdem du dich registriert hast, kannst du dir ein Profil erstellen, wo du auch direkt deine Fachrichtung angeben kannst und anhand von verschiedenen Kategorien festlegst, wonach du konkret suchst. Du kannst also direkt signalisieren, was du dir wünscht. Du kannst zum Beispiel auch auswählen, dass du Wert auf eine gute Einarbeitung und Unterstützung legst.

Dann wird dein Profil online geschaltet und ist anonym für die Kliniken sichtbar. Diese können dir dann eine Anfrage senden, um dich zu kontaktieren. Du kannst dann aber selber entscheiden, ob du deine Daten für den weiteren Bewerbungsverlauf weitergibst oder eben nicht.“

Felix Medicus dreht also quasi den Spieß um. Nicht das Klinikum, sondern die jeweiligen Ärtz:innen wählen aus.

wieso das klappt

Dass der bisherige Prozess vorne und hinten nicht mit dem Ärztemangel zusammenpasst, erklärt sich Leon damit, dass Bewerber:innen im Gesundheitssektor nicht die Lobby wie in anderen Bereichen haben. Dabei kann man den Mechanismus des Markts genau so nutzen:

Gute Bewerber:innen sind so gefragt, dass sie selbstbewusst ihre Wünsche vertreten können. Und Kliniken, die sich darauf einlassen, können diese eben für sich gewinnen. Am Ende zahlt sich die Zufriedenheit dann aus.

Was das (nicht) kostet & some other facts

Apropos Bezahlung: Bewerber:innen zahlen keinen Penny. Die Kliniken kommen im Erfolgsfall dann für die Kosten der Plattform auf.

Übrigens kann man auch deutschlandweit und datenverschlüsselt suchen. Auf der einen Seite wird so ein Zeichen für Chancengleichheit und gegen rassistisch/femophobe Tendenzen gesetzt und andererseits kann man, wenn man im bisherigen Job unzufrieden ist, unverbindlich nach etwas Neuem Ausschau halten, ohne dass der:die Chef:in davon Wind bekommt. Wer schon ein konkretes Klinikum im Auge hat, kann sich über ein spezielles Bewerbungstool auch gezielt bewerben. Hierbei unterstützt Felix Medicus dann mit Tipps fürs Anschreiben und den benötigten Unterlagen. Wenn der erste Arbeitstag dann näher rückt, lassen sich auf dem Blog auch Ratgeber finden, die Zweifel betreffend der ersten Dienstpflichten, Haftungsfragen und sonstigem rechtlichen Quark aus dem Weg räumen.

Wie es weitergeht

Höchste Eisenbahn also, mal einen kleinen Blick auf die nächsten Stationen im Fahrplan medizinische Karriere zu werfen.

Und auch wenn ihr nicht Medizin studiert und dennoch hier am Ende des Berichts angelangt seid, könnt ihr vielleicht wenigstens euren Freund:innen Bescheid sagen.

Eventuell könnt ihr euch dann so die ein oder andere Lebenskrise sparen und in Ruhe euer Kölsch zu Ende trinken, ohne euch von der Flut der insecurity mitreißen zu lassen.

Meine Schwester jedenfalls fühlt sich jetzt nicht mehr so alleine gelassen und teilt das letzte Kuchenstück mit mir.

Ana Campillo via Pixabay

Politik

Identitätspolitik

Wieso der Begriff an sich fast so untauglich ist, wie die Kritik an ihm

Ein Kommentar von Milan Nellen

01.07.2021

Eines der meist diskutierten Themen ist gegenwärtig das der sogenannten „Identitätspolitik“, wobei der Begriff Identitätspolitik selbst meist nur von den Gegner:innen der so bezeichneten Inhalte verwendet wird und als Diskreditierung der so bezeichneten politischen Inhalte gemeint ist. Der Begriff selbst ist dabei an sich zunächst einmal stark mehrdeutig. Allein dem Begriff nach kann Identitätspolitik zum einen bedeuten, dass politische Forderungen aufgrund einer bestimmten Identität derjenigen Personen oder Gruppen, die diese Forderungen aufstellen, aufgestellt werden. Es kann rein begrifflich aber ebenso gut eine Politik sein, die eine bestimmte Identität fördern oder hervorbringen soll. Das wären dann zum Beispiel gemeinschaftsstiftende Rituale, wie das Absingen der Nationalhymne, Gedenktage oder geschichtspolitische Veranstaltungen. Eine solche Politik hätte dann etwa zum Ziel, die Identifikation mit einer Nation hervorzubringen und etwa „deutsche“ Identität zu kreieren nur ist dies wie oben herausgestellt in der Regel nicht das, was Kritiker:innen der Identitätspolitik meinen, wenn sie diesen Begriff verwenden.

Meist geht der Vorwurf der Identitätspolitik dabei einher mit dem Vorwurf, die Gesellschaft durch die Forderungen einer zahlenmäßigen Minderheit zu spalten. Vertreter*innen einer solchen der Identitätspolitik „kritischen“ Position sind unter anderem Sahra Wagenknecht und Wolfgang Thiersee. Das Widersprüchliche an einem Vorwurf, die sogenannte Identitätspolitik spalte die Gesellschaft, ist dabei jedoch, dass genau das der Versuch ist, eine von den Kritiker*innen postulierte „Gesamtgesellschaftliche Identität“ gegen Abweichung zu verteidigen. Wer aber von einer solchen Gesamtgesellschaft spricht, muss sich jedoch die Frage gefallen lassen, was diese Gesellschaft ausmacht? Was sind die Gemeinsamkeiten der diese Gesellschaft bildenden Individuen? Weder haben die Menschen, die diese Gesellschaft bilden, alle dieselben Ansichten, noch dieselben Interessen, sie sind außerdem unterschiedlich wohlhabend und haben einen ganz unterschiedlichen Einfluss auf die politischen Entscheidungen. Je nach Alter oder Staatsbürgerschaft haben die Einwohner:innen dieser „Gesamtgesellschaft“ sogar unterschiedliche Rechte. So dürfen manche wählen, andere jedoch nicht. Das einzige, was wirklich alle gemeinsam haben, ist dieselbe Regierung. Wie das nun aber ausreichen soll, um eine gesamtgesellschaftliche Identität hervorzubringen, die es unbedingt nötig macht sie zu verteidigen, bleibt ein Geheimnis ihrer Verteidiger:innen. Ein weiteres Beispiel ist die Kritik an gendergerechter Sprache, die meist mit dem Vorwurf zurückgewiesen wird, es handele sich dabei um eine Verschandlung „unserer“ Sprache.

»Festzuhalten bleibt dass das was gemeinhin als Identitätspolitik verstanden wird oft deutlich weniger mit Identität zu tun hat als die Kritik daran mit der Identität der Kritiker:innen.«

Der Kritik liegt also auch hier die Vorstellung einer gesamtgesellschaftlichen Identität zugrunde, die sich letztlich als nichts Weiteres entpuppt, als den Gedanken einer homogenen deutschen Gesellschaft aus der niemand allzu sehr hervorstechen sollte. Es ist also schon einmal festzuhalten, dass die Kritik an der sogenannten Identitätspolitik selbst identitär ist und nicht wie von ihren Protagonist:innen postuliert, einem partikularistischen irrationalem Identitätsgehabe vernünftig gegenübersteht.
Demgegenüber stellt sich die Frage, ob die kritisierte „Identitätspolitik“ denn so irrational ist wie sie in ihren Kritiker:innen dargestellt wird. Wenn Menschen befürchten müssen, auf der Straße in Gefahr zu geraten oder angepöbelt zu werden, nur weil sie Hand in Hand mit einer Person desselben Geschlechts unterwegs sind und dagegen dann Protest laut wird, handelt es sich dann nicht viel eher um eine schlichte Interessenpolitik?

Wenn transgender Personen oft mehrere tausend Euro für Gutachten ausgeben müssen, nur damit sie ihren Personenstandeintrag ändern können, dann ist der Protest dagegen vor allem erst einmal eins nämlich die Wahrung eigener ökonomischer Interessen, die andere natürlich aufgrund ihrer jeweiligen Situation nicht haben. Die Kritik an der sogenannten Identitätspolitik ist kein Versuch einen vermeintlichen gesellschaftlichen Zusammenhalt zu erhalten. Sie stellt vielmehr den Versuch dar, zu verschleiern, dass es einen solchen Zusammenhalt weder gibt noch jemals gab. Die Gesamtgesellschaft ist ein Verbund aus Interessengruppen, die wenig mehr gemeinsam haben, als dass sie sich unter der Verwaltung desselben Staates befinden. Der Versuch manchen dieser Interessengruppen, die solche meist auch nur deshalb sind, weil sie denselben Diskriminierungen unterworfen sind, den Mund zu verbieten mit dem Verweis darauf „sich zu äußern, zersetzte die Gesellschaft“ ist letztlich nichts weiter, als abweichende Meinungen zu zensieren. Diese Zensur beinhaltet Interessen, als illegitim darzustellen, nur weil sie von den allgemein etablierten und institutionalisierten Interessen abweichen. Der Begriff der Cancel Culture läge hier nahe, wäre er nicht genauso fragwürdig wie der Vorwurf der Identitätspolitik selbst. Festzuhalten bleibt, dass das, was gemeinhin als Identitätspolitik verstanden wird, oft deutlich weniger mit Identität zu tun hat, als die Kritik daran mit der Identität der Kritiker:innen.