Editorial

Lieber Leser*innen,

Endlich sind die Semesterferien da und nach einem ereignisreichen, ungewohnten und hoffentlich einzigartigen Online-Semester begeben auch wir uns in die Sommerpause. Anstelle unserer zweiwöchentlichen Ausgaben werdet ihr nun bis zum Beginn des Wintersemesters jede Woche einen neuen Artikel von einer*m unserer Redaktionsmitglieder*innen lesen können. Unser neuester Artikel entstand aus einer Zusammenarbeit von Ronny und Sam, die die neueste Ausstellung der Bundeskunsthalle besuchten und euch dazu ihre Eindrücke zusammgefasst haben.

Wer sich übrigens wundert, dass Clemens plötzlich lange, braune Haare bekommen hat: Hi. Ich bin Melina und für die Website dieser wunderbaren Zeitschrift verantwortlich.

Wir wünschen euch viel Spaß beim Lesen 🙂

Melina Duncklenberg, stellvertretende Chefredakteurin

Gesellschaft

Informieren, ohne zu lehren

Warum die Ausstellung "Wir Kapitalisten. Von Anfang bis Turbo" unsere Autoren nicht überzeugen konnte - und sie sich dennoch lohnt

Ein Kommentar von Samuel F. Johanns und Ronny Bittner

Bis zum 30. August kann man noch die Ausstellung „Wir Kapitalisten. Von Anfang bis Turbo“ in der Bundeskunsthalle besuchen. Die Geschichte des Kapitalismus wird dabei etappenweise auch als eine Geschichte der Arbeit erzählt. Das Narrativ der Ausstellung präsentiert sich dabei sachlich. Sehr sachlich. Fast unangenehm sachlich. Orangene Regale in Industrieoptik prägen den Rahmen einer sehr aufgeräumten Abhandlung der Geschichte des Kapitalismus „von Anfang bis Turbo“. Schnell gewinnt man den Eindruck hier wird viel informiert, aber nur wenig gelehrt. Zwar hat man weitgehend den Eindruck, eine Blaupause bei der Thematisierung bevorstehender Katastrophen zu begehen, der Ausblick fällt jedoch sehr dürftig aus, von der Gegenwart ganz zu schweigen. Allerdings haben wir bei unseren Besuchen auf das Spielen des Handyspiels – man bekommt in der Ausstellung ein Smartphone ausgeliehen, kann in der Ausstellung Punkte sammeln und mit Exponaten per Chat kommunizieren – verzichtet. Dies führt nicht nur dazu, dass man gelangweilte und interessierte Museumsbesucher*innen nur schwer unterscheiden kann, sondern verleiht der Ausstellung durch die Signaltöne der App auch jenes Kommunikations-Grundrauschen, das man im Alltag beobachten kann.

Ausgeblendete Abgründe

Die Schattenseiten des Systems Kapitalismus, wie das zunehmende Ungleichgewicht der Güterverteilung und die ökologischen Folgen der rasenden Konsumgesellschaft, bleiben in der Ausstellung eher hintergründig. Wenn der Titel mit Begriffen wie „Turbo“ wirbt und ein Posterexponat auf den Postern zur Ausstellung (uuuh, meta!) zeigt, bei der eine erdförmige Zitrone ausgepresst wird, dann erweckt das eine Erwartungshaltung an kritischer Auseinandersetzung und Konfrontation mit den Aporien eines Systems, hinter dem die Ausstellung dann leider nach unserem Eindruck zurück blieb. Ökologische Probleme an der Flusslandschaft zeigen sich als behebbar durch Renaturierung. Endgültig verlorene Artenvielfalt und irreparable Beschädigungen der Natur, welche die Zivilisation gefährden, bleiben weitgehend unthematisiert. Am ehesten leistet ein figürlicher Aufbau in der Mitte der Ausstellung einen polyvalenten Lehrcharakter. Sie ist das größte und zugleich spektakulärste Exponat, die Installation mit dem Titel „Give Us, Dear!“ der Künstler Matthias Böhler und Christian Orendt. 500 kleine „Plagegeister“, die Arbeiter darstellen, kommen und gehen durch die Museumswand, im Diorama wird dabei eine urzeitliche Kreatur von aus einer künstlicher Materie geformten Männlein an allen erdenklichen Stellen seines toten (oder nur schlafenden?) Körpers ausgebeutet.
Die soziale Dimension der Abgründe des Systems transportiert sich in Form einiger Fotografien von Städten, welche Klassenunterschiede schon in der Stadtarchitektur sichtbar werden lassen. Doch etablieren sie als Luftbild in ihrer Fokalisierung eher eine emotionale Distanz zur Rezipient*in und passen sich in die beinahe brutale Nüchternheit der Ausstellung ein. Des weiteren eine Dokumentation über die Folgen von Raubbauproduktion in Kambodscha.
Natürlich muss über eine würde- und sinnvolle fotografische Darstellung von menschlichem Elend immer kritisch abgewogen werden. Aber hier ist es die Aufgabe der Kunst, Wege zu finden, den Eindruck zu transportieren, welcher in der Werbung der Ausstellung versprochen wurde.

Fazit

Insgesamt wirkte die Ausstellung mehr wie ein begehbarer Enzyklopädie-Artikel.

Man sieht viel verschenktes Potential. Es ist wie diese Art von Hausarbeit, in der mit Fleiß eine solide Auflistung der fürs Bestehen notwendigen Sachpunkte geliefert wird. Man hat dennoch nur einen schwachen Eindruck, eine neue Perspektive zum Sachverhalt geliefert zu bekommen. Dem Titel „Wir Kapitalisten“ wird die Darbietung leider lediglich durch das Smartphone-Spiel gerecht. Man verhebt sich am Begriff und Anspruch. „Eine visuelle Einführung in die Theorie des Kapitalismus“ würde unserer Meinung nach besser passen. Als solche leistet die Ausstellung einen schönen Einblick in die grundlegenden Zusammenhänge. Perspektiven in die Zukunft wagt die Ausstellung kaum, weder positive noch negative. Eine einzige Infotafel spricht die noch diskutierten Alternativen und Herausforderungen für die Zukunft kurz an.
Man fragt sich, ob die durchgehende informative Sachlichkeit des Ausstellungskonzeptes eventuell programmatisch ist. Soll der Kapitalismus als letztes verbleibendes Metanarrativ, welches es nicht mehr nötig hat, sich als solches zu präsentieren, hier bewusst mit dem Gefühl des Gleichmuts und der reinen Information verkörpert werden? Soll sich der algorithmische Charakter der Verwertungslogik im Aufbau der Ausstellung bewusst spiegeln? Man hat das Gefühl dann aber auch eventuell überzuinterpretieren und sogleich das Bedürfnis, Informationen zum Ausstellungskonzept einzusehen. „Aus einer kulturhistorischen Perspektive betrachtet die Ausstellung die grundlegenden Eigenschaften des Kapitalismus“, steht es dort. Das mag der nicht chronologisch, aber dennoch gegliederten Ausstellung gelingen. Weiter heißt es in der Mitteilung: „Die „DNA des Kapitalismus“ ist in einem übertragenen Sinne längst Teil unserer eigenen DNA geworden. Die Ausstellung stellt Fragen: Wie formt der Kapitalismus die Identität und Geschichte des einzelnen Menschen, zum Beispiel hinsichtlich Individualität, Zeitempfinden und materiellem Eigentum? Und kann –oder will –die Gesellschaft etwas ändern?“ Eben hier sehen wir die Schwäche der Ausstellung zwar auch informativ auf jene lebensweltlichen Bedingungen einzugehen, aber wenig auch emotional erleb- und nachvollziehbar werden zu lassen.

Warum es sich dennoch lohnt

An den vorhandenen Exponaten selbst scheitert diese Ausstellung nicht, viele sind ein Erlebnis oder bieten unerwartete Perspektiven. So kann man sich darüber informieren lassen, dass bereits 1927 mit der „Frankfurter Küche“ Vorschläge ausgearbeitet und in Filmen als Fortschritt gepriesen wurden, wie die privaten Räume der Menschen zu optimierten Funktionsräumen werden können – durch weniger Platzverbrauch und kürzere Laufwege; wohnlich war dies jedoch nicht mehr. Auch der Kurzfilm „Narciso“ von Ali Assaf (12:50min) und eine von einem Mönch produzierte Kurzreportage über Landraub und Zuckerrübenanbau in Kambodscha sind jede Minute wert.

Die bereits angesprochene Plastik „Give Us, Dear!“ lädt definitiv zur längeren kontemplativen Entdeckungsreise ein. Allein mit der Studie der Organisation und Skrupellosigkeit des gezeigten Vorgangs kann man eine halbe Stunde verbringen und entdeckt noch immer Details – oder muss man noch zu einem dringenden Meeting?

Gesellschaft

Nichts passt zu der offiziellen Version

Ein umfassendes Audio-Feature über den Tod von Oury Jalloh und Rassismus innerhalb von Polizei und Justiz

Ein Bericht von Ronny Bittner

Fassungslosigkeit. Ohnmacht. Verwunderung. Wut. Schmerz. Der Podcast, den ich für diesen Text nochmals gehört habe, löst all diese Gefühle in mir aus. Ein Blick darauf, was Menschen Menschen antun, wie anfällig die deutsche Justiz ist – aber auch, dass es Menschen gibt, die von Instanz zu Instanz gehen und für die Aufklärung eines Falles sorgen wollen, der sich vor 15 Jahren ereignete und bis heute als offiziell ungeklärt gilt. Margot Overath begleitet den Fall seit elf Jahren und hat ein dichtes, sachliches Audio-Feature geschrieben.

Am frühen Morgen des 7. Januar 2005 wird der aus Sierra Leone stammende Oury Jalloh (36 Jahre) im angetrunkenen Zustand von Streifenpolizisten mitgenommen, er habe Frauen der Stadtreinigung belästigt. Auf der Polizeiwache Dessau wird er in die Zelle 5 gebracht, wo man ihn durchsucht, ihn an Händen und Füßen fesselt und auf einer feuerfesten Matratze fixiert. Gegen 12 Uhr Mittag geht ein Notruf der Polizeiwache ein, dass im Keller des Gebäudes ein Feuer ausgebrochen ist. Polizeipräsidium und Landeskriminalamt werden informiert, anschließend das Innenministerium.

Die Autorin legt sich fest: Es kann nicht so gewesen sein.

In der ersten Folge der Feature-Serie „Oury Jalloh und die Toten des Polizeireviers Dessau“ wird zunächst der Tathergang geschildert. War war wann wo wie und hatte welche Aufgabe? Was klingt nicht schlüssig? Margot Overath legt sich in diesem Feature bereits zu Beginn darauf fest, welche Schlüsse sie für sich aus allen gesammelten Schilderungen, Belegen und Indizien gezogen hat und benennt dies sehr deutlich:  „In diesem Moment, kaum 50 Minuten nach der Entdeckung Oury Jallohs verkohlter Leiche in der Dessauer Polizeizelle, müssen sich die Verantwortlichen festgelegt haben: Der Mann in der Zelle soll sich selbst angezündet haben. Sie werden an dieser Version eisern festhalten, über viele Jahre und Gerichtsverhandlungen hinweg, gegen jede Logik und gegen erdrückende Indizien. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Entsprechend werden vom ersten Augenblick an die Ermittlungen geführt.“

 

"Dass deutsche Polizeibeamte einen wehrlosen Menschen töten, gar einen Mann in ihrem Gewahrsam in Flammen setzen – der Gedanke galt über ein Jahrzehnt schlicht als Tabu."

Der Radiologe Boris Bodelle von der Universitätsklinik Frankfurt am Main hat im Auftrag der Gedenkinitiative Oury Jalloh ein Gutachten auf Basis damaliger Röntgenbilder angefertigt, aus dem am 28. Oktober 2019 bekannt wurde, dass Jallohs Nasenbein, das Schädeldach, die Nasenscheidewand und eine Rippe gebrochen waren – Jalloh müsse „schwer misshandelt“ worden sein. Bei der Einlieferung in die Polizeiwache attestierte ein Polizeiarzt „keinerlei Verletzungen“, die Verletzungen müssen also auf der Wache selbst geschehen sein. Eine Wiederaufnahme des Verfahrens erfolgt jedoch nicht, der Fall sei rechtswirksam abgeschlossen. Sollte durch den Brand eine Straftat vertuscht werden?

"Das finale Brandbild kann nicht ohne Brandbeschleuniger entstanden sein."

Zweieinhalb Stunden und keine Sekunde zu viel

Die Feature-Serie ist in fünf Teile aufgeteilt, die die Titel „Die Leiche ist schuld“, „Auf den Bauch gelegt“, „Der Bürger schlief tief und fest“, „Opfer minderer Bedeutung“ und „Das höhere Gut“ tragen. Neben den Schilderungen des 7. Januars 2005 kommen dutzende Freund*innen Oury Jallohs, Zeug*innen, Beamt*innen, Prozessbeobachter*innen und Expert*innen zu Wort, außerdem liegen viele Mitteilungen im O-Ton vor und fließen in das Feature ein. Durch die frühe Festlegung wird der Weg in ein anderes Narrativ zwar verstellt, aber durch die Schilderungen aller Mitwirkenden bleibt die über allem schwebende Frage stets drückend präsent: angenommen die Berichte und Aussagen der Polizei seien wahr, wie erklären sich dann diese Widersprüche? In Folge zwei werden neuere Erkenntnisse und Widersprüche offen dargestellt, Ermittlungen eines Oberstaatsanwalts werden ausgebremst und anonym wird von brutalen Polizeitraditionen berichtet.

Außerdem geht es in diesem Feature um weitere Todesfälle im Umfeld der Polizeiwache Dessau, Namen aus dem geschilderten Fall Jallohs spielen auch hier eine Rolle – ebenso gibt es Widersprüche und Unklarheiten in den besprochenen Fällen. Diese Rechercheergebnisse werden im dritten Teil berichtet, während im vierten Teil die Frage nach Rechtsradikalismus und Rassismus innerhalb der Polizei behandelt wird – nicht nur in Dessau. Abschließend werden die letzten aktuellen Ereignisse behandelt, bei denen die Generalstaatsanwaltschaft Sachsen-Anhalts keine Ermittlungen gegen einen Staatsapparat fordert, sondern das Verfahren einstellen möchte – die Selbstmordthese wird nach 15 Jahren wiederbelebt und soll einen Schlussstrich unter die Angelegenheit ziehen. Eine Aufklärung der tatsächlichen Ereignisse ist nicht in Sicht.

"Im Landtag wird die Frage laut, was für den Rechtsstaat schlimmer sei - Dass Polizisten einen Menschen verbrennen , oder dass es herauskommt?"

Obwohl sich Margot Overath bereits zu Beginn auf ihren Standpunkt festlegt, dass offizielle Stellungnahmen zum Tod von Oury Jalloh nicht stimmen können, ist dies zwar die Vorwegnahme einer Schlussfolgerung, jedoch gelingt es, immer wieder Zwischenfragen aufzuwerfen und in Gesprächen zu beantworten – oder O-Töne für sich sprechen zu lassen. Die Suche nach Wahrheit und Hoffnung auf Aufklärung und Anklage der Schuldigen durchzieht diesen Podcast mit zunehmender Wucht, die sich von Erkenntnis zu Erkenntnis steigert – dabei ist die Machart des Features geradezu sachlich und unaufgeregt. Overath zitiert Personen und unzählige Quellen, auf die sie sich berufen kann und das merkt man dem Feature an, das durch Verknüpfung aller Elemente einen eigenen Sog entwickelt.  

„Oury Jalloh und die Toten des Polizeireviers Dessau“ ist eine Feature-Serie des WDR, die vom 17. Mai bis 14. Juni in fünf Episoden auf WDR 5 gesendet worden ist. Margot Overath hat den Fall Oury Jalloh bereits 2010 in dem Feature „Verbrannt in Polizeizelle Nummer 5. Der Tod des Asylbewerbers Oury Jalloh in Dessau“ und 2014 im Feature „Oury Jalloh – die widersprüchlichen Wahrheiten eines Todesfalls“ ausführlich aufbereitet und begleitet die Geschichte des Falles bis heute. Auch über Mouctar Bah, ein Freund Oury Jallohs, schrieb sie 2011 ein Feature für den DLF mit dem Titel „Ich kann das nicht einen Tag vergessen. Das neue Leben des Mouctar Bah“. Overath arbeitet seit 1984 als Feature-Autorin im Hörfunk und wurde für ihre Arbeiten mehrfach ausgezeichnet.

Das besprochene Audio-Feature ist auf der Seite des WDR  oder der Audiothek (Website oder in der App) anzuhören, außerdem ist es auf Apple Podcasts, Spotify oder Pocket Casts.

Über den Autor

Ronny Bittner hört wann immer er unterwegs ist Hörbücher und Podcasts.        Er ist sehr dankbar für die Erfindung des Noise Cancelling.   

Foto: Johann LIBOT (unsplash)

Gesellschaft

Unantastbar und über alle Kritik erhaben?

Der Versuch einer Erklärung, wieso Polizeikritik in diesem Land so schwer zu sein scheint.

Ein Kommentar von Milan Nellen

Die aus den USA stammende antirassistische Protestbewegung „Black Lives Matter“ (BLM) ) hat auch in der BRD viele wichtige Debatten angestoßen oder, wo es diese schon gab, sie wieder in den Blick der Mehrheitsöffentlichkeit gebracht. Die Bewegung, die sich ursprünglich aus Protesten gegen rassistisch motivierte Polizeigewalt und durch Angehörige der Polizei begangene rassistische Morde entwickelt hat, hat so zum Beispiel dazu geführt, die durch das Aufstellen von Statuen und das Benennen von Straßen und Plätzen geprägte offizielle Geschichtspolitik kritisch zu hinterfragen und Rassismus in allen Bereichen des öffentlichen Lebens zu  kritisieren. Trotz dieser Ausweitung der Proteste und des Diskurses ist nach wie vor in den USA wie auch in der BRD die in diesem Zusammenhang am breitesten diskutierte Frage diejenige nach Rassismus innerhalb der Polizei, wobei hierzulande die Kritiker*innen der Polizei schon traditionell einen schweren Stand haben, lernen doch schon Kinder den Spruch „Die Polizei – dein Freund und Helfer“. So sah sich die Vorsitzende der SPD, Saskia Esken, heftigster Kritik auch aus der eigenen Partei ausgesetzt, als sie öffentlich von latentem Rassismus innerhalb der Sicherheitskräfte sprach und sah sich gezwungen, ihre Äußerungen zu relativieren. Ihrer neuen Aussage nach handle es sich lediglich um Einzelfälle. Wobei „Einzelfälle“ ein Wort ist, das in der Berichterstattung über Rassismus nur allzu oft vorkommt. Ein weiteres Beispiel dafür, wie schwer es sein kann, in diesem Land Kritik zu äußern, liefert die jüngst von Innen- und Heimatminister Horst Seehofer verhinderte Studie, die hätte untersuchen sollen, wie weit das sogenannte racial profiling in den deutschen Sicherheitsorganen noch verbreitet ist. Racial profiling bezeichnet die (verbotene) polizeiliche Praxis, Menschen mit bestimmten ethnischen Merkmalen öfter zu kontrollieren als andere und läuft letztlich darauf hinaus, Menschen alleine wegen ihres Aussehens einer Straftat zu verdächtigen. Die Begründung des Innenministers für die Ablehnung der Studie war, dass racial profiling ohnehin verboten sei und daher auch nicht stattfände – eine Argumentation, die eigentlich polizeiliche Arbeit überflüssig machen würde, denn wenn alles, was verboten ist, nicht passieren würde, eben weil es verboten ist, hätte die Polizei ja recht wenig zu tun.
Das alles bekommt einen noch bittereren Beigeschmack vor dem Hintergrund der aktuellen Erkenntnisse um mutmaßliche rechte Netzwerke innerhalb der  Polizei und der Bundeswehr, die auch für Drohungen gegenüber Politiker*innen der Linkspartei verantwortlich sein sollen.

Nun stellt sich die Frage, wieso Kritik an der Polizei in diesem Land so schwer ist, obwohl Missstände doch offen zu sehen sind. Wieso muss die Vorsitzende der SPD von Einzelfällen sprechen, obwohl sich diese Einzelfälle häufen? Wieso kann der Heimat- und Innenminister einfach behaupten, racial profiling fände nicht statt, obwohl wir alle es jeden Tag im Hofgarten mitansehen oder je nachdem sogar erleiden müssen, wenn wir uns zum Beispiel nur einen Nachmittag dort hinsetzen?
Um zu versuchen, diese Frage zu beantworten, ist es meiner Ansicht nach nötig, sich einmal die politische Ausrichtung der öffentlichen Meinung in der BRD zu vergegenwärtigen. Diese Ausrichtung ist stark von Konservativismus geprägt. Die größte Partei im Land, die CDU/CSU, ist sowohl konservativ als auch mit dem Springer-Konzern, dem größten Medienunternehmen des Landes, einem politisch ebenfalls konservativem Verlag, assoziiert, sodass nur in Ausnahmefällen einmal nicht oder zumindest nicht vollständig eine konservative Partei an der Regierung (oder auch der vierten Macht im Staat) beteiligt ist. Der Konservativismus möchte das (in den Augen seiner Vertreter*innen) Bewährte erhalten. Er steht also für ökonomische und gesellschaftliche  Kontinuität, für den Erhalt der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung in ihren grundlegendenden Aspekten. Die Polizei nun ist von ihrem Aufgabenbereich her so etwas wie die praktische Anwendung des Konservativismus auf behördlicher Ebene. Indem die Polizei über die Einhaltung der Gesetze, also der etablierten und real gültigen gesellschaftlichen Regeln, wacht und sie unter Anwendung ihres Gewaltmonopols durchsetzt, setzt sie praktisch ins Werk, was insbesondere konservative Politiker*innen auf der Ebene der Legislative fordern und beschließen und was überwiegend konservative Medien und Bürger*innen im zivilgesellschaftlichen Dialog vertreten. Für Konservative ist es somit politisch heikel und nur schwer ohne Schädigung des Ansehens, des  eigenen politischen Standpunktes möglich, die Polizei als Institution zu kritisieren, da sie sie somit auch in ihrer Funktion als Garantin und Verkörperung des bestehenden gesellschaftlichen Zustandes kritisieren und somit beschädigen würden. Für nicht konservative Menschen ist es ohnehin schon nicht einfach, sich in einem derartigen Meinungsklima Gehör zu verschaffen. Polizeikritik ist, wie am Beispiel Esken gezeigt, hier nochmal schwieriger, weil sie in einem solchen Meinungsklima sofort auf mannigfaltige Gegenstimmen stößt, die diese Kritik zugleich als Kritik am politischen Konservatismus und den gesellschaftlichen Regeln, die dieser erhalten möchte, verstehen. Deshalb muss die Debatte über die Polizei mutiger werden.

Wenn ein Horst Seehofer oder auch ein Rainer Wendt fordern, man dürfe nicht die ganze Polizei unter Generalverdacht stellen, dann muss die Frage erlaubt sein: Wieso eigentlich nicht?

Über den Autor

Jederzeit bereit, sich über politische Ereignisse aufzuregen und zu diskutieren, meist nur durch Einsatz von Pizza (Funghi oder Thunfisch) davon abzubringen. Schnell wütend über soziale Ungleichheit und Doppelstandards. Ansonsten sehr bemüht, zu allen freundlich zu sein.