Sexualisierte Gewalt gegen Männer

Ein oft unbeachtetes Thema

von Jan Bachmann

Eines der größten Probleme bei der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Sexualdelikten ist das Dunkelfeld. Das Dunkelfeld meint die Taten, die nicht zur Anzeige kommen und die daher nicht in der Kriminalstatistik auftauchen. Die Gründe, aus denen eine Tat nicht angezeigt wird, sind vielfältig: Scham, Angst davor, dass einem niemand glaubt oder, dass einem selber eine Mitschuld gegeben wird, und auch Drohungen des Täters können Opfer einschüchtern. Ebenfalls ist relevant, dass ein sexueller Übergriff vom Opfer als etwas gesellschaftlich Normales empfunden wird, das es nicht anzuzeigen gilt. Dies bedeutet natürlich nicht, dass der Übergriff nicht schwere psychologische Folgen für das Opfer haben kann.
In diesem Dunkelfeld, dessen Ausmaße wir nicht kennen, verbergen sich auch zahlreiche Sexualdelikte gegen Männer. Wie viele Fälle es genau gibt ist unbekannt. Man schätzt, dass die Zahl der Sexualdelikte, bei denen Frauen Opfer sind, etwa zehn- bis 20-mal so hoch ist wie die Zahl der angezeigten Taten. Bei der sexuellen/sexualisierten Gewalt gegen Männer ist ebenso von einer großen Differenz zwischen begangenen und angezeigten Taten auszugehen. Die Zahl der Sexualdelikte mit männlichen Opfern in den Statistiken liegt weit unter der der Frauen.
Es gibt verschiedene Formen der sexuellen und sexualisierten Gewalt gegen Männer. Eine Einteilung hilft nur dabei, die verschiedenen Formen aufzuzeigen, dem Unrecht und dem Schmerz des Einzelfalls wird sie im Zweifel nicht gerecht.
Männer können Opfer einer sexuellen Nötigung bzw. einer Vergewaltigung werden. Die häufig anzutreffende Meinung, ein Mann könne nicht – zumindest nicht von einer Frau – vergewaltigt werden ist falsch.
Nur etwa jede hundertste Vergewaltigung wird von einer Frau begangen und natürlich ist das Opfer einer solchen Tat nicht zwangsläufig ein Mann. Und natürlich werden Männer nicht nur das Opfer sexueller Gewalt durch Frauen.

Sexualisierte Gewalt in „eingeschworenen Männergemeinschaften“

Die Motivation zu solch einem Verbrechen kann vielfältig sein. In vielen „eingeschworenen Männergemeinschaften“ gibt es Rituale, die sexuelle Gewalt enthalten. Dabei muss das Ritual selber nicht sexuell motiviert sein, oft wird die sexuelle Gewalt als eine besondere Form der Demütigung empfunden. Häufig finden sich solche Taten in klassischen „Männergemeinschaften“. Dokumentiert sind beispielsweise diverse Fälle, die sich während des Grundwehrdienstes bei der Bundeswehr abgespielt haben. In einer Studie des Bundesfamilienministeriums findet sich beispielsweise ein Fall, in dem ein Rekrut gezwungen wurde, sich auszuziehen, vor die Kaserne getrieben und anschließend anderen Soldaten vorgeführt wurde. Zahlreiche ähnliche Fälle sind hinlänglich bekannt. Sicher kann hier auf Täterseite auch das Ausleben einer eigenen unterdrückten Homo- oder Bisexualität eine Rolle spielen.
In den Statistiken der Bundeswehr tauchten solche Taten in der Vergangenheit jedoch nicht als sexuelle Gewalt gegen Männer, sondern in der Kategorie Alkoholmissbrauch auf. Auch finden sich Hinweise auf weitere Formen der sexuellen Gewalt bei der Bundeswehr, etwa unnötige medizinische Untersuchungen im After, deren Zweck es war, das Opfer zu demütigen.
Verbreitet ist beispielsweise auch die Nötigung zum gemeinsamen Onanieren, besonders bei jüngeren Männern.

Macht als Motiv sexueller Gewalthandlungen

Sexualisierte Gewalt als Mittel der Unterwerfung ist jedoch keine neue Entwicklung. In Jamaika zum Beispiel war es etwa zu Zeiten der Sklaverei üblich, Sklaven zu bestrafen, indem sie in der Öffentlichkeit passiven Analsex mit einem anderen Sklaven, der ein besonders großes Glied hatte, erdulden mussten.
Es geht also um das Ausüben von Macht; darum, dem Opfer zu zeigen, dass es schwächer ist. Der Täter handelt nicht zwangsläufig aus einer rein sexuellen Motivation heraus. Natürlich sind die Übergänge oft fließend. Auch das Ausüben von Macht selber kann sexuell motiviert sein.
Natürlich gibt es auch sexuelle Übergriffe, bei denen die Machtausübung zumindest in der Motivation des Täters keine oder nur eine geringe Rolle spielt.

Sexuelle Übergriffe gegen Frauen in Nachtlokalen sind leider keine seltene Erscheinung. Insbesondere auf Partys für homo- und bisexuelle Männer finden sich oft ähnliche Verhaltensweisen, bei denen sich Männer übergriffig gegenüber anderen Männern verhalten.

Viele männliche Opfer schweigen über die Taten. Die Gründe dafür sind sicher oft die gleichen, aus denen auch Frauen, die Opfer sexueller Gewalt wurden, schweigen.
Allerdings kommt bei vielen männlichen Opfern hinzu, dass die Thematik der sexuellen Gewalt gegen Männer in der Öffentlichkeit kaum thematisiert wird. Inzwischen stoßen Opfer auch auf Verständnis, wenn sie über Gewalt sprechen. Jedoch steht der Überwindung, überhaupt an den Punkt zu gelangen, an dem man über die sexuelle/sexualisierte Gewalt sprechen kann, die Abwesenheit des Themas in der Öffentlichkeit im Wege.

Frauen werden Opfer zahlloser Sexualdelikte. Auch Männer werden Opfer. Über männliche Opfer zu sprechen heißt nicht sexuelle/sexualisierte Gewalt gegen Frauen irgendwie zu relativeren – hier gibt es nichts zu relativieren.
Der Mensch wird ein Opfer des Menschen. Und ein Stück weit werden Frauen und Männer hier Opfer der gleichen falschen Vorstellung von Geschlechterrollen, die dem Menschen nicht gerecht wird und allzu oft großes Leid verursacht, Leid, das oft verschwiegen wird.

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