ELIA

Alternative Rock aus Bonn

Ein dunkler Probenkeller in Godesberg, fünf Jungs, die nach und nach eintrudeln und anfangen, ihre Instrumente zu stimmen. Es wird rumgealbert, jeder geht ein bisschen seinem eigenen Ding nach. Es gibt auch viel zu tun. Die Band Elia bestehend aus den zwei Frontmännern Lukas und Nico, den Gitarristen Markus und Zimmi und dem Drummer Flo haben ein Albumrelease, sowie eine ganze Tour vor sich. Trotzdem haben sie Zeit für ein Interview. Auch wenn sie sich scheinbar nicht darauf einigen wollen, wer hier wirklich das Sagen hat und seit wann die Band an sich denn nun wirklich existiert, harmonieren alle auf ihre ganz eigene Weise. Anders würde das Ganze schließlich auch gar nicht funktionieren. Innerhalb von fast drei Jahren haben die fünf bereits einen zweiten Platz bei dem überregionalen Bandcontest „Toys2masters“ belegt, eine EP und mehrere Singles veröffentlicht und waren schon zweimal auf Tour. Das alles hauptsächlich in Eigenregie. Wie sie das alles neben ihren Privatleben schaffen, ist ihnen selber nicht ganz klar.

Lukas im Bla in Bonn- Foto: Konzertsucht

Lukas übernimmt alles was „das Studio und Musik und so“ angeht, kümmert sich um die Koordination und die Absprache mit den anderen Bands und ist dabei noch angehender Mathe- und Physiklehrer. Nico rappt, schreibt den Großteil der Texte, ist nach eigener Aussage, der Typ, der die Fäden zieht und hat gerade nach abgeschlossener Ausbildung angefangen, Wirtschaftsingenieurwesen zu studieren. Er war es auch, der alle Bandmitglieder zusammengebracht und ihr ihren Namen, seinen Zweitnamen, verliehen hat. Schon vor der Bandgründung stand er mit Lukas im Studio und hat zusammen mit ihm Songs geschrieben, Musik gemacht und verschiedenes ausprobiert. Um diese dann auch richtig performen zu können, fand sich schließlich ‚Elia‘ mit Ausnahme von Flo, der erst später den alten Schlagzeuger der Band ersetzte.

ELIA auf dem Green Juice Festival 2018. Foto: Sonja Möller

Auch wenn die beiden Frontmänner ganz gerne gegenseitige Seitenhiebe verteilen, merkt man, dass sie sich aufeinander verlassen. Auch der Bassist Markus ist der Meinung, dass „hier auch alles nur kacke wäre, wenn das Ganze nur einer von beiden alleine machen würde“. Jeder der Jungs geht beruflich in unterschiedliche Richtungen. Zimmi arbeitet als Einkäufer und Flo macht eine Ausbildung zum Physiotherapeuten. Sie haben alle nicht wenig zu tun und trotzdem schaffen sie es, eine Band am Laufen zu halten. Um das alles bewältigen zu können, übernimmt jeder seinen Aufgabenbereich. Zimmi kümmert sich zum Beispiel um die Social Media-Plattformen der Band und auch wenn Nico den Großteil der Texte schreibt, entstehen die Songs dann doch im Endeffekt in Zusammenarbeit während Proben oder im gemeinsamen Urlaub. Lukas bastelt die Melodien, die er später auch singt, Nico kann sich mit dem Metrum anpassen und manchmal wirft auch Markus ein oder zwei Textzeilen ein, die mit eingebaut werden.

Einer der Frontmänner Nico rappt nicht nur, sondern schreibt auch den Großteil der Texte der Band.-Ftoto: ELIA

Auch die Songs für ihre aktuelle EP „Distanz“ sind gemeinsam entwickelt worden. Das Besondere an Distanz ist die Geschichte, die sie erzählt. Von „Distanz“ über „Konflikt“ bis „Konstant“ wechseln sich in den drei Songs Parts mit Klavierbegleitung und ruhigen Gitarrensounds mit Rap und geschrienen Refrains ab, bei denen auf Konzerten von ‚Elia‘ keiner mehr stillsteht. Die Songs handeln von Schmerz, verletzten Gefühle und dem Erkennen, was es bedeutet, loszulassen. Gleichzeitig will man sich beim Hören der Lieder nicht irgendwo zusammenrollen und traurigen Erinnerungen nachhängen. Lukas sagt selber: „In den Texten sind wir schon eine traurige Band“ und trotzdem bringen die Jungs bei ihren Konzerten so eine Energie auf die Bühne, dass man seinen Emotionen ganz anders freien Lauf lassen kann. Wer Elia kennt, weiß, was bei ihren Konzerten abgeht. Wenn das Publikum zu Höchstformen aufläuft, treibt das die Band dann natürlich noch mehr an. Sie geben dann einfach noch mehr Gas, selbst wenn sie dachten, das geht gar nicht mehr. Es gibt auch nach der Meinung von Markus, der in Bonn Jura studiert, nach den Konzerten nur zwei Möglichkeiten die Abende zu beenden: Entweder man geht nach Hause, fällt sofort ins Bett und schläft bis morgens durch oder man weiß, dass die Party noch nicht vorbei ist und dann wird erstmal drei Tage weitergefeiert. Oder es ist eben einer der Abende, an denen man mitternachts noch 300 km nach Hause muss, um morgens wieder auf der Arbeit zu erscheinen, ergänzt Zimmi.

Zimmi bei “Ludwigs Erben”- Foto: Konzertsucht
ELIA auf dem Green Juice Festival 2018. Markus auf dem Green Juice-Festival Foto: Sonja Möller

Was die Zukunft der Band angeht, sind schon jetzt neue Songs in Arbeit. Auch Merchandise ist in Planung. Nicos persönliches Ziel ist es, eines Tages die Möglichkeit zu haben, dass sie ihre Zeit ein Jahr lang nur der Musik widmen können. Es ist natürlich ein Projekt, was sehr vielen finanziellen Input braucht, wie Markus betont. Wenn das durch die Musik von alleine laufen würde, wäre das schon sehr luxuriös für ihn. Auch Zimmi hofft nicht auf den Universaltyp im Publikum, der nach einem Auftritt hinter die Bühne kommt und einen Finanzierungsplan in der Tasche hat. Das gehört für sie alle eher in die 80er Jahre und ist auch gut so, denn bis jetzt haben ‚Elia‘ es mehr als gut gemeistert das Rockstarleben selber in die Hand zu nehmen.


Distanz.
Konflikt
Konstant

Der Professor und der Präsident

Rechtshilfe aus Bonn für Erdoğans Diktatur

Die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn ist derzeit überraschend Schauplatz einer internationalen Kontroverse. Menschenrechtsorganisationen kritisieren die Bonner Universität und fordern, einem Professor seine Nebentätigkeit zu verbieten. Aber um wen und um was genau geht es eigentlich? Die beteiligten Personen und Institutionen sind schnell vorgestellt. Da sind einerseits Selahattin Demirtas, der ehemalige türkische Präsidentschaftskandidat und ehemalige Co-Vorsitzende der Demokratischen Partei der Völker (HDP), die türkische Regierung unter dem umstrittenen islamistischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan, der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte und schließlich der Bonner Jurist Professor Stefan Talmon. Die Ursachen für die aktuelle Kontroverse reichen zurück bis in den November des Jahres 2016. Damals wurden die Vorsitzenden der HDP Selahattin Demirtas und seine Amtskollegin Figen Yüksekdagwie wie viele andere türkische Staatsbürger*innen in Folge des gescheiterten Militärputsches gegen die Regierung Erdoğan unter dem Vorwurf der Terrorpropaganda inhaftiert.[1] Die HDP steht in Opposition zu Erdoğan und seiner regierenden Partei, der AKP, vor allem deshalb, weil sie sich die Interessen von Minderheiten, insbesondere der kurdischen Bevölkerung, auf die Fahnen geschrieben hat und eine weitgehende Autonomie der überwiegend kurdisch geprägten Gebiete innerhalb der Türkei fordert.[2] Zudem kritisierten Politiker*innen der HDP immer wieder Erdoğans Politik in der Kurd*innenfrage und die große Ausweitung seiner Machtbefugnisse als Präsident der Türkei. Erdoğan seinerseits wirft der HDP vor, bei ihr handele es sich lediglich um den legalen Arm der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), deren Schwesterorganisation in Syrien für ihren Kampf gegen den sog. Islamischen Staat international bekannt wurde. 2018 dann äußerte sich der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EUGH) zu dem Fall Demirtas und kam zu dem Urteil, dass die seit November 2016 andauernde Untersuchungshaft nicht verhältnismäßig sei und ordnete seine Freilassung an, was jedoch von der Türkei nicht umgesetzt wurde. Nun verhandelt der EUGH erneut über den Fall Demirtaş, die juristische Vertretung des Standpunktes der türkischen Regierung übernimmt dabei der Bonner Jurist Professor Stefan Talmon. Schon früher vertrat Professor Talmon in einem Verfahren die Position der Türkei, als er einen türkischen Politiker in der Schweiz vertrat, der den Völkermord an den Armenier*innen geleugnet hatte.[3] Auch mit der Kurd*innenfrage beschäftigt sich Professor Talmon schon länger: So veranstaltete er im Wintersemester 2018/19 ein Seminar mit dem Titel „Reise durchs Wilde Kurdistan“, in dem er sich der juristischen Beurteilung der politischen Situation in den zwischen Türkei, Syrien, Irak und Iran aufgeteilten kurdischen Siedlungsgebieten widmete. Auch das Verbot unterschiedlicher kurdischer Organisationen in Europa gehörte dabei zum Themenkomplex des Seminars.[4] Die Gesellschaft für bedrohte Völker kritisierte Professor Talmon für seine Nebentätigkeit scharf. In einer Presseerklärung vom 17. September warf die Göttinger Organisation dem Professor unter anderem vor, den autoritär regierenden türkischen Präsidenten Erdoğan durch seine juristische Unterstützung bei der unrechtmäßigen Verfolgung seiner politischen Gegener*innen zu unterstützen. Die Menschenrechtsorganisation bezeichnete zudem Talmons Nebentätigkeit als eine Schädigung des Ansehens der Universität sowie eine Bedrohung für die Unabhängigkeit von Lehre und Forschung und forderte deren Leitung auf, diese zu verhindern.[5]

In der Tat ist es außerordentlich fragwürdig, wieso sich ausgerechnet ein Völkerrechtler dazu hergibt, sich einer Regierung wie der Erdoğans anzudienen. Seit dem gescheiterten Putsch hat Erdoğan in der Türkei eine Verhaftungswelle angestoßen, die immer noch anhält. Die freie Presse wurde überwiegend ausgeschaltet oder auf Linie gebracht, Oppositionelle mit dem immer gleichen Vorwurf der Terrorpropaganda eingesperrt oder mundtot gemacht. Auch die Kommunalwahl in Istanbul ließ Erdoğan wiederholen, weil er einen Sieg der Opposition nicht hinnehmen konnte. Als Beispiel dafür, dass es reicht, die Regierung öffentlich zu kritisieren, um eingesperrt zu werden, wird der Fall des Journalisten Deniz Yücel noch vielen sehr präsent sein. Auch seine Nähe zu islamistischen Milizen in Syrien kann der türkische Präsident nicht mehr leugnen, seit er eben jene Kräfte einsetze, um die Region Afrin zu besetzen, die vorher zum nordsyrischen kurdischen Autonomiegebiet Rojava gehörte, während die kurdischen Verteidigungskräfte zugleich den sogenannten islamischen Staat bekämpften. Professor Talmon sollte selbstkritisch reflektieren, ob er der Glaubwürdigkeit seiner wissenschaftlichen Arbeit nicht sehr schadet, wenn er sich in den Dienst eines solchen Regimes stellt und dessen Interessen vertritt, denn sicher ist, dass Erdoğan nicht viel von freier Meinungsäußerung, freier Presse oder auch freier Wissenschaft hält. Die Universitätsleitung ihrerseits täte gut daran zu verhindern, dass Professor*innen der Bonner Universität zu Unterstützer*innen von Diktaturen werden.


[1] Zeit Online, HDP nennt Verhaftungen politische Lynchjustiz, veröffentlicht am 4. November 2016, letzter Abruf am 13. Oktober 2019 16:24 Uhr https://www.zeit.de/politik/ausland/2016-11/tuerkei-hdp-selahattin-demirta-figen-yueksekda-kurden

[2] HDP  Deutschland, Unsere Themen, letzter Abruf am 13 Oktober 2019 16:31 Uhr https://www.hdp-deutschland.org/ueber-uns/unsere-themen 

[3] Celia Luterbacher und Urs Geiser Swissinfo.ch European Court confirms Perinçek’s right to freedom of speech.15 Oktober 2015, letzter Abruf am 13. Oktober 2019 16:33 Uhr. https://www.swissinfo.ch/eng/do%C4%9Fu-perin%C3%A7ek_european-court-confirms-perin%C3%A7ek-s-right-to-freedom-of-speech/41720676

[4] Rechts und Staatswissenschaftliche Fakultät, Schwerpunktseminar bei Prof. Talmon: Durchs wilde Kurdistan 29. Juni 2018 letzter Abruf 13. Oktober 2019 16:36 Uhr https://www.jura.uni-bonn.de/aktuelles/seminarankuendigungen/ansicht/news/schwerpunktseminar-bei-prof-talmon-durchs-wilde-kurdistan-insb-spb-6-und-8/

[5] Gesellschaft für Bedrohte Völker, Pressemitteilung vom 17. September 2019 zuletzt abgerufen am 3. Oktober 2019 16:39 Uhr https://www.gfbv.de/de/pm/bonner-voelkerrechtler-will-tuerkei-wegen-verfolgung-von-oppositionsfuehrer-demirtas-vor-gericht-ver/

Silber für Bonner Quidditchmannschaft

– Höhenflug für die Rheinos  –

Am Freitagmittag, den 07. Juni stiegen in Bonn rund 21 junge Menschen in verschiedene Autos Richtung Tornesch. In Tornesch – das ist eine kleine Stadt in der Nähe von Hamburg – fand letztes Wochenende die (vierte) Deutsche Quidditchmeisterschaft statt. Auf den Höhepunkt der diesjährigen Quidditchsaison bereitete sich das Bonner Quidditchteam, die Rheinos Bonn, gründlich vor und konnte sich so den zweiten Platz sichern.

Mannschaftsfoto der Rheinos Bonn

Die Rheinos Bonn gehören mittlerweile zum festen Hofgartenbestandteil und sind dort im Sommer kaum wegzudenken. Immer wieder stehen Interessierte am Rand und lassen sich die Regeln erklären. Manchmal süffisant grinsend und oftmals ehrlich interessiert an diesem doch überraschend strategischen und körperlichen Sport.

How-To Quidditch

Quidditch ist eine gemischtgeschlechtliche Vollkontaktsportart bestehend aus Elementen des Handballs, Völkerballs und Rugbys. Sieben Spieler*innen stehen dabei verteilt auf vier Positionen auf dem Platz; Keeper, Chaser, Beater und Seeker. Die drei Chaser (Jäger*innen) machen Tore durch die drei Torringe. Jedes Tor gibt dabei 10 Punkte, während die zwei Beater (Treiber*innen) mithilfe der Bludger (Klatscher) die gegnerischen Mitspieler*innen temporär aus dem Spiel nehmen können. Ein Keeper (Hüter*in) verteidigt die Ringe und darf dabei auch durch die Ringe greifen. Er baut meist den Angriff auf und koordiniert die Chaser. Der Seeker (Sucher*in) konzentriert sich alleine auf den Snitch. Je nach Spielstand wird der Schnatz verteidigt oder versucht zu fangen.

Und ja, den Besen und Schnatz gibt es auch. Der Besen wird als Handikap zwischen den Beinen getragen. Was sich zunächst befremdlich anhört, ist im Spiel eine echte Herausforderung beim Tacklen, Fangen und Werfen. Nach den ersten angesehenen Spielen fällt dieser kaum mehr auf. Der goldene Schnatz, Snitch genannt, wird von dem sogenannten „Snitchrunner“, einem unparteiischen Schiedsrichter, verkörpert. Der trägt den an der Hose mit Klettverschluss befestigten Schnatz, einen Tennisball in einer Art Socke. Wird dieser abgerissen ist das Spiel beendet und es gibt nochmal 30 Punkte für das fangende Team.

„Sowohl national als auch europaweit das größte Quidditchevent der Saison“*

Die deutsche Quidditchmeisterschaft 2019 ist die bisher größte und umfangreichste Quidditchmeisterschaft. Mit 35 teilnehmenden Teams und über 150 Spielen in zwei Tagen gehört das Turnier zu einem der bisher größten und fordernsten Turniere in Europa. Aus der Gruppenphase konnten die Rheinos Bonn als Gruppensieger hervorgehen und ihrem Favoritenstatus gerecht werden. In sämtlichen Spielen dominierten die Rheinos deutlich; enger wurde es lediglich gegen die Basilisken aus Bielefeld und die Darmstadt Athenas. Mit insgesamt neun Spielen konnten sich die Rheinos so für das Finale qualifizieren.

Video vom Finale der deutschen Quidditchmeisterschaft 2019

In dem spannenden Finale gegen die Titelverteidiger*innen, die Darmstadt Athenas, legten die Rheinos vor, konnten den Vorsprung aber leider nicht halten und ausbauen. Erst im weiteren Verlauf entwickelte sich das Spiel wieder zu Gunsten der Bonner*innen. Leider aber zu spät: Trotz der defensiven Sucher*in seitens der Rheinos, konnten sich die Athenas letzten Endes mit einem sauberen Schnatzfang durchsetzen. Damit wurden die Rheinos erstmals in drei Jahren von den Athenas geschlagen.

Dass sich die beiden Teams gut kennen und verstehen, zeigt ihr freundschaftlicher Umgang. Die Rheinos feierten mit den Athenas deren Sieg und freuen sich, nachdem sie 2018 den fünften Platz belegten, über den zweiten Platz als Vizemeister*innen.

Infobox:
Bei Interesse kann man die Rheinos noch bis Ende des Sommers je montags und donnerstags um 18-20 Uhr beim Training treffen. Zum Mitmachen einfach Sportschuhe, am besten mit Stollen, und Sportkleidung, die auch dreckig werden darf, einpacken.

Einsteigertraining:               8. Juli 2019 18-20 Uhr und 11. Juli 2019 18-20 Uhr

Website:                                 https://rheinos-bonn.de

Noch mehr Quidditch:         https://www.deutscherquidditchbund.de

*Zitat Herkunft: Offizielle Pressemitteilung Deutsche Quidditchmeisterschaft

Bildquelle: Anneke Müller

Des Friedrichs Wilhelm Nr. 46

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Onlineausgabe

Liebe Leserinnen und Leser,

Die neue Ausgabe des FW ist erschienen und wir möchten sie euch selbstverständlich auch als Webversion zugänglich machen. Es erwarten euch unter anderem Artikel über geschlechtergerechte Sprache an der Universität Bonn, eine Diskussion der jungen Bewegung “Fridays for future” und viele mehr.

Viel Spaß beim Lesen wünscht die Redaktion!

Hier geht es zur 46. Ausgabe des FW

Ehrensache

Refugees Welcome Bonn

– ein Interview mit Lea von Refugees Welcome Bonn

Lea Kërçiku studiert Biologie an der Uni Bonn und ist fast seit zwei Jahren bei Refugees Welcome Bonn ehrenamtlich tätig.

fw: Was ist Refugees Welcome Bonn?

Lea: Refugees Welcome wurde von Studierenden der Uni Bonn 2012 gegründet. Das Ziel war es erstmal, Kontakt zu Geflüchteten in Bonn aufzubauen. Mit ihnen veranstalten wir kulturelle Events und Ausflüge, an denen aber auch andere Leute teilnehmen können. Zudem hat sich Refugees Welcome zu einer politischen Gruppe entwickelt. Wir organisieren Vorträge zu politischen Themen und beteiligen uns an Demonstrationen.

fw: Was sind das für Vorträge?

Lea: Zum Beispiel zu Antisemitismus oder zu Islamismus. Der iranische Oppositionelle Kazem Moussavi, der im Exil in Deutschland lebt, hat einen Vortrag über die Proteste 2018 im Iran gehalten. Moussavi hat mehrfach kritisch über Lobbyisten des iranischen Regimes berichtet und wurde deshalb mit einer Klagewelle überzogen. Refugees Welcome hat eine Spendenparty veranstaltet, um ihn bei den Prozesskosten zu unterstützen.

fw: Wie wird euer Angebot von den Geflüchteten angenommen?

Lea: Eigentlich schon gut. Die Leute aus den Geflüchtetenwohnheimen kennen unsere Gruppe und vertrauen uns. Sie kommen gerne, weil sie die Möglichkeit haben, mal etwas anderes zu machen. Wir haben bis jetzt eigentlich keine schlechten Erfahrungen gemacht.

fw: Welche Aufgaben hast du bei Refugees Welcome?

Lea: Man macht die Aufgaben, auf die man Lust hat. Früher habe ich beim Kulturcafé geholfen, dass einmal pro Monat im Kult41 stattfindet. Da war ich an der Theke oder habe bei der Organisation geholfen. Bei Ausflügen und Veranstaltungen nehme ich auch Teil. Im November habe ich vorgeschlagen, Kunstklassen für Kinder zu organisieren. Die machen wir jetzt einmal in der Woche mit Kindern aus Geflüchtetenwohnheimen.

fw: Wie viel Zeit nimmt dein Ehrenamt in etwa pro Woche ein?

Lea: Das ist unterschiedlich. In letzter Zeit brauche ich mehr Zeit dafür, weil ich mich mehr engagiere. Die Kunstklassen am Sonntag sind schon eineinhalb Stunden lang. Ich würde sagen pro Woche um die drei bis vier Stunden. Alle zwei Wochen haben wir noch für ungefähr zwei Stunden unser Gruppentreffen.

fw: Warum übst du speziell dieses Ehrenamt aus und wie bist du auf Refugees Welcome gekommen?

Lea: Ich wollte mich seit der Schulzeit für Geflüchtete engagieren und habe auch direkt als ich nach Deutschland kam, versucht mich einzusetzen. Dann war ich auf einem Konzert, dass von Refugees Welcome organisiert wurde und habe da von der Gruppe gehört. Was sie machten fand ich richtig gut und konnte mich mit den Zielen identifizieren. Ich habe die Gruppe kontaktiert und bin zu den Treffen gegangen.

fw: Würdest du sagen, dass du durch dein Ehrenamt etwas mitgenommen oder gelernt hast?

Lea: Definitiv. Das Leben ist nicht nur vom Studium abhängig. Daneben gibt es noch andere Sachen, die man machen und von denen man lernen kann. Bei Refugees Welcome wurde ich mir bestimmter Situationen bewusster und habe gelernt, Verantwortung für Personen zu übernehmen. Was ich besonders gut finde, ist, dass ich ganz viele Kontakte geknüpft habe. Ich habe auch viel über die Situation der Geflüchteten in Bonn und in Deutschland gelernt. Diese Erfahrungen haben mich mit der Zeit dazu gebracht, selbst mehr zu organisieren. Jetzt weiß ich auch, wie ich Leute kontaktieren und neue Ideen umsetzten kann.

fw: Merkst du in deinem Ehrenamt konkrete Probleme, die deine Arbeit belasten?

Lea: Wenn man irgendetwas organisieren möchte, ist es immer ein Problem, dass genug Leute mitarbeiten. Dass man die Leute motiviert ist eine Schwierigkeit.

fw: Gab es Situationen, in denen du dein Ehrenamt überlegt hast aufzugeben? Wenn ja, warum? Würdest du auch sagen, dass das Ehrenamt dein Studium negativ beeinflusst?

Lea: Eigentlich nicht. Ich denke, dieses Gefühl werde ich auch in der Zukunft nie bekommen, weil die Aufgaben mir viel Spaß bereiten. Mein Ehrenamt hat das Studium eigentlich nicht negativ beeinflusst. Vielleicht hat man dadurch weniger Freizeit oder man muss lernen, die Zeit besser zu organisieren. Ich finde es gut, wenn ich andere Sachen neben der Uni zu tun habe. Man ist effizienter, wenn man Unterschiedliches macht.

fw: Warst du in deinem Ehrenamt schon einmal mit einer Situation konfrontiert, die dich belastet haben?

Lea: Seit ich bei Refugees Welcome bin, nicht. Wir veranstalten vor allem Aktivitäten in der Gemeinschaft. Das ist eher Zeit, die man genießt und in der man Spaß hat. Bei der Caritas arbeite ich noch als freie Dolmetscherin für Albanisch. Da bin ich im direkten Kontakt mit Leuten, die im Asylverfahren sind. Da habe ich schon ein paar nicht so schöne Geschichten gehört. Man überlegt sich dann schon, was wichtig im Leben ist und was nicht. Aber mich selbst belastet das nicht zu sehr.

fw: Würdest du dein Ehrenamt weiterempfehlen?

Lea: Eigentlich gerne. Durch ehrenamtliches Engagement lernt man, nicht nur an sich selbst zu denken, sondern auch für andere. Leuten die mehr über die Geflüchtetensituation erfahren und helfen möchten, kann ich Refugees Welcome empfehlen. Die zwei, drei Stunden in der Woche sind gar nicht so viel und dadurch kann man für einige Menschen ganz viel tun.

fw: Vielen Dank!

Bildquelle: Refugees Welcome Bonn
Bildunterschrift: Refugees Welcome auf der Demo „Seebrücke Bonn – Stoppt das Sterben im Mittelmeer!“

Interview: Besetzung der ehemaligen Botschaft des Iran in Bad Godesberg

Am Weltfrauentag am 8. März wurde von Aktivist_innen die ehemalige iranische Botschaft in Bonn – Bad Godesberg besetzt. Das Gebäude steht seit dem Jahr 2000 leer. Das folgende Interview wurde am 11. März mit einer Aktivistin vor Ort geführt.

 

FW: Hallo, Sophie. Warum wurde die ehemalige Botschaft gestern besetzt?

Sophie: Wir möchten ein Zeichen der Solidarität für die  Proteste im Iran setzten und auf die politischen Gefangenen dort aufmerksam machen. Viele von ihnen befinden sich im Hungerstreik gegen die katastrophalen Haftbedingungen und ihre unrechtmäßige Inhaftierung  generell.
Außerdem wollen wir, während die Stadt eine Shopppingmall nach der anderen baut, diesen seit fast 20 Jahren leerstehenden Raum nutzen, um dort ein selbstverwaltetes Kultur- und Bildungszentrum einzurichten.

FW: Welche Organisationen oder Gruppen stehen denn hinter der Aktion?

Sophie: Es gibt keine feste Organisation. Die  Menschen, die an der Besetzung beteiligt waren, sind in verschiedenen politischen Gruppen in Bonn aktiv. Viele sind auch in anderen Recht-auf-Stadt-Gruppen engagiert. Und  das Projekt soll auch ein Freiraum sein und lebt deshalb von den Menschen, die sich einbringen und gemeinsam mit uns den Raum nutzen und gestalten. Dafür gibt es ein offenes Plenum, das bald in regelmäßigen Abständen stattfinden soll. Wer Vorschläge beispielsweise für Veranstaltungen hat, kann dort hinkommen.

FW: Was ist hier seit gestern passiert? Wie hat die Polizei auf die Besetzung und die vor dem Gebäude Demonstrierenden reagiert?

Sophie: Am Donnerstag und Freitag war fast den ganzen Tag eine Kundgebung vor dem Haus. Es gab Essen, warme Getränke und Musik auf dem Bürgersteig. Drinnen hatten sich einige Personen verbarrikadiert und Banner entrollt. Über das ganze Gebäude verteilt waren Portraits von politischen Gefangenen aus dem Iran aufgehängt. Seit Samstag wurde das Ganze nach drinnen verlegt. Die Polizei war zwar mit einer Hundertschaft anwesend, hat sich aber nur dort aufgehalten und ist nicht direkt eingeschritten. Vermutlich fehlt ihr dafür noch die politische Handhabe – also ein Befehl das Gebäude zu räumen, z.B. sobald der Besitzer, also der iranische Staat, eine Anzeige stellt.

FW: Wie lange soll die Besetzung noch andauern?

Sophie:  Wir wollen das Gebäude dauerhaft nutzen und hier ein soziales, politisches Zentrum einrichten, von dem aus Protestaktionen geplant werden können, aber auch ein Freiraum für Kultur entstehen soll.  Von unserer Seite geht es also nicht um eine Zwischennutzung. Wir wollen ein dauerhaftes Projekt etablieren.

FW: Wofür  wollt ihr das Gebäude nutzen?

Sophie: Die Menschen, die an der Besetzung beteiligt sind, haben schon viele Ideen dafür. Gleichzeitig geht es aber auch darum, neue Menschen einzubinden und anzusprechen. Wir wollen nicht, dass das Projekt ein Raum ist, der auf andere einen verschlossenen Eindruck erweckt. Wichtig ist uns dabei allerdings auch, dass die Veranstaltungen einen progressiven Anspruch haben, und natürlich sind menschenverachtende Einstellungen wie Seximus, Rassismus, Homo- und Transfeindlichkeit  usw. nicht erwünscht. Es gibt schon viele Ideen, ein Umsonstladen, Konzert- und Proberäume, ein Kino für kritische Filme, Veranstaltungen, die sich mit sozialen Bewegungen z.B. im Iran beschäftigen, Raum für Ausstellungen usw.

FW: Wie kann man sich über den aktuellen Stand der Besetzung informieren und euch kontaktieren?

Sophie: Einfach mal vorbeischauen oder dem Institut für Anarchismusforschung eine Nachricht schicken. Online findet ihr uns unter ifabonn.blackblogs.org, auf Facebook unter LIZ Bonn oder auf Twitter unter Institut für Anarchismusforschung @IFA_AGA .

FW: Vielen Dank für das Interview!

Sophie: Danke auch!

Transparenz der Mietpreise als Ziel

Bericht zur Mietpreisveranstaltung des Studierendenwerks

Zum 1. Oktober 2017 kam es zu einer Mietpreisveränderung in den Studierendenwohnheimen für Neuverträge. Viele werden dies wohl nicht mitbekommen haben, weil das Studierendenwerk nicht gerade mit Transparenz hausieren gegangen ist, doch trotzdem könnte es einige Bestandmieter*innen oder künftige Mieter*innen ärgern. In manchen Wohnheimen sind die Mietpreise nämlich zurückgegangen, wodurch Bestandsmieter sich mit einem teureren Vertrag abfinden müssen – bei den meisten Wohnheimen hingegen haben sich die Mieten teils drastisch erhöht. In einem Wohnheim wird eine Wohnung bei Neubezug nun 550 Euro kosten, statt den bisherigen 360. Und zwar für 36 qm. Dies gilt zwar für das Studierendenwerk als “Ausreißer”, weil ein Großteil der Wohnungen sehr viel weniger kostet, ist aber nichtsdestotrotz bemerkenswert.

Um Transparenz über die Mietpreisveränderungen zu schaffen gab es am 31. Januar eine Infoveranstaltung des Studierendenwerks. Etwas verspätet, bedenkt man, dass die Anpassungen seit dem 1. Oktober offiziell sind.

Anlass für die Neukalkulation der Mietpreise ist ein Entwicklungsplan des Studierendenwerks Bonn, der auf der einen Seite die bestehenden Dienstleistungen erhalten, auf der anderen aber auch Wirtschaftsfreiheit sicherstellen soll. Bestehende Dienstleistungen heißt nicht nur die Mensen, sondern auch soziale Angebote, Beratungen und Kinderbetreuung.

Mittel dazu sind der Erhalt der bisherigen Immobiliensubstanz, angemessene Rücklagen, Transparenz und faire Preisgestaltung der Mieten. Die Mieteinnahmen spielen für Studierendenwerke in ganz NRW eine wichtige Rolle. Sie sind mit 118 Millionen Euro der wichtigste Umsatzposten der Umsatzsumme der Studierendenwerke des Landes. Die Studierendenwerke sind überdies nach einer Landesverordnung dazu gezwungen, durch studentisches Wohnen Einnahmen zu generieren, um Steuervergünstigungen zu erhalten. Während alle Studierendenwohnheime in NRW zusammengenommen ihre bisherigen Einnahmen um 14,6 Millionen Euro auf 393 Millionen Euro steigern konnten, gibt das Studierendenwerk Bonn an, Verluste zu machen, die allerdings mit angemessenen Rücklagen abgefedert werden können. Folglich ergibt es nur Sinn zu prüfen, an welchen Stellen mehr Einnahmen generiert werden können oder wo das Minus zu hoch ist, um die anfallenden Kosten decken zu können. Die Verluste des Studierendenwerks Bonn ergeben sich vor allem aus zwei Quellen im Bereich Wohnen: Erstens gibt es einen Investitionsstau für Sanierungen von 100 Millionen Euro, d.h. dieses Geld müsste normal fließen, um alle notwendigen Sanierungen in den Bonner Wohnheimen durchführen zu können, und zweitens hat das Land die Bezuschussung für einige Liegenschaften des Studierendenwerks zurückgezogen, für die dieses nun selbst aufkommen muss. Dies bedeutet nun, dass das Studierendenwerk mit Wohnheimen aus den 1970er-Jahren zu kämpfen hat, deren Sanierung dringend nötig ist, für die jedoch nicht genügend Geld zur Verfügung steht und für die gleichzeitig auch vom Land zu wenige Mittel fließen. Das dafür notwendige Geld muss daher auch aus den Mieten generiert werden.

Davon hängt also auch ab, welche Wohnheime stärker belastet werden als andere: Jene, die auf Liegenschaften stehen, die vorher vom Land bezuschusst wurden. Abgesehen davon wurde bei einigen Wohnheimen der Mietpreis verändert, weil die Neukalkulation ergab, dass die Nebenkosten real nicht mehr dieselbe Höhe haben. Daraus folgen scheinbar auch leichte Preissenkungen. Generell glit für alle Liegenschaften die gleiche Kaltmiete von 7,98 Euro, je nach Kosten für Instandhaltung, Hausmeister, Gartenpflege, Heizpauschale etc. Ergibt sich für verschiedene Lagen eine unterschiedliche Komplettmiete. Hinzu kommt, dass nun erstmals auch Gemeinschaftsräume wir Küchen, Bäder und Flure in die Mieten mit einbezogen wurden.

Ein weiterer Grund für Preissteigerungen, die sich allerdings nur als kleine Schwankungen bemerkbar machen, ist die neu eingeführte Möbilierungspauschale. Sie beträgt zwischen 5 und 20 Euro für möblierte Räume und die damit einhergehende Abnutzung der zur Verfügung gestellten Möbel. Zuletzt geht es auch darum, höhere Einnahmen für Sanierungen zu generieren, was vor allem Wohnheime treffen sollte, die sich bislang als nicht rentabel erwiesen haben. Problematisch ist dabei, dass Wohnheime in schlechtem Zustand gleichermaßen belastet werden, wie solche in gutem Zustand, die ebenfals unrentabel sind. Die Mieter von heruntergekommenen Wohnheimen müssen so also ggf. Verstärkt für die Sanierung aufkommen, die sie nicht mehr erleben werden.

Es ist nachvollziehbar, dass das Studierendenwerk versucht erhöhten Kosten nachzukommen und in der Zukunft über Mietpreiserhöhungen Sanierungen finanzieren möchte. Das Ziel, mehr Transparenz für die Mietpreise zu schaffen, ist sehr zu befürworten.

Die neue Mietpreiskalkulation hat dennoch einige kritische Punkte: Es kommt zu ungerechten Verhältnissen zwischen Bestandsmietern und Neumietern. Eine der beiden Gruppen hat einen ungerechtfertigten Mietpreisvorteil. Das Studierendenwerk begründet seine Entscheidung die Bestandsmieten nicht anzuheben damit, dass die durchschnittliche Wohndauer ohnenhin nur 18 Monate beträgt und der Mietpreis für 24 Monate garantiert sein soll. Zudem habe man sich mit Vertragsabschluss auf einen Mietpreis geeinigt und wolle nun nicht, dass Bestandsmieter dafür mehr zahlen müssten. Eine Reduktion der Mietpreise für Bestandsmieter aus nun vergünstigten Wohnheimen sei demgegenüber ungerecht, wenn nicht alle Bestandsmieter gleich behandelt würden. Zwar ist diese Argumentation verständlich, allerdings macht sich das Studierendenwerk angreifbar, wenn derart starke Preisschwankungen zwischen Nachbar_innen bestehen, die sich durchaus auf das soziale Zusammenleben auswirken können.

Ein weiterer kritischer Punkt istdie Mietpreiserhöhungen auch für Mieter*innen, die in stark sanierungsbedürftigen Gebäuden wohnen. Stärker belastet werden müssten diejenigen, die ihn frisch sanierten der neugebauten Wohnheimen wohnen. Zuletzt sind die neuen Mietpreisspitzen kaum mehr für die durchschnittlichen Studierenden zu tragen. Wer eben mal 550 Euro an Miete schultern kann sollte vielleicht lieber über eine Eigentumswohnung am Rhein nachdenken. Die alte Rechnung, nach der etwa 1/3 des Einkommens für Miete eingeplant werden sollte, ist hier obsolet. Zwar ist es ein allgemeiner und keinesfalls dem Studierendenwerk zuzuschreibender Trend, dass Mieten steigen. Wenn sich jedoch auch und gerade Studierende aus wirtschaftlich schwächeren Familien das Wohnen leisten können müssen, ohne dafür einen Nebenjob ausüben zu müssen (denn dieser verlängert oft die Regelstudienzeit und damit erlischt der BafÖG-Anspruch), muss dies in den Wohnheimen besondere Berücksichtigung erfahren.

Es ist durchaus möglich, dass es durch die Mietpreisspitzen zu Leerstand kommt. Dem Sozialauftrag kommt das Studierendenwerk nach eigener Angabe aber trotzdem noch nach: 70 % der Zimmer kosten nach wie vor weniger als 300 Euro. Es wäre wünschenswert, wenn das Studierendenwerk eine Lösung finden würde, die Mieten trotz der Neuberechnungen auf ein ähnliches Niveau zwischen den einzelnen Wohnheimen zu bringen und den Mietpreis trotzdem unter dem des Privatmarkts halten würde. In Zukunft sollte außerdem schneller Transparenz geschaffen werden. Die Argumentation, dass es kein Recht eines Mieters sei, zu wissen, was seine Nachbarn zahlen, ist keine Entschuldigung dafür, derart eklatante Mietpreiserhöhungen auf der Website und beim Vertragsabschluss komplett zu verschweigen – zumal, wenn viele Mieter_innen nicht aus Bonn kommen und keine Möglichkeit haben, sich die Wohnungen vorher anzusehen und festzustellen, ob sie für die jeweilige Lage und Ausstattung diesen Preis zahlen wollen und können. Vier Monate zwischen Mietpreiserhöhung und Infoveranstaltung sind zu langsam. Eine Infoveranstaltung mitten in die Klausurenphase zu legen, war zwar keine Absicht, ist aber trotzdem kein gutes Zeichen an die Studierendenschaft.

Bei der Auseinandersetzung sollte jedoch bedacht werden, dass das Studierendenwerk selbst auch politischen Bestimmungen des Landes unterliegt und sich im Spannungsfeld mit der Universität befindet, die zunehmend internationale Studierende anziehen möchte und dafür insbesondere auch Wohnraum erwartet. Die fehlende Unterstützung des Landes tut ihr Übriges, um die Situation zu verkomplizieren.