Wo Wikinger auf Schotten treffen

– Mittelaltermärkte zwischen Event- und Szenekultur.

Gemeint sind natürlich auch die Wikinger*innen und Schott*innen unter uns. Außerdem ist es nicht ungewöhnlich, auf Mittelaltermärkten heitere Mönche oder Frauen in Ritterrüstung  zu sehen. Obwohl in der Szene viel Wert auf Authentizität gelegt wird, heißt das nicht, dass der Spaß zu kurz kommen darf. Wenn Schwerter auf Rüstungen treffen, der Barde ein Lied anstimmt und die mit Met gefüllten Trinkhörner gehoben werden, ist man mit ziemlicher Sicherheit auf einem Mittelaltermarkt gelandet. Und nicht nur für die Besucher*innen ist dies häufig ein Erlebnis.

Emotionen in der Spaßgesellschaft

Im Laufe des letzten Jahrhunderts hat sich langsam aber stetig eine Gesellschaft entwickelt, in dem man positive Emotionen um ihrer Selbst willen empfinden möchte. Man sucht aktiv nach ihnen und ruft sie, wenn möglich hervor, ob dies durch das Hören von Musik, eine Sportart, den Besuch von Rock am Ring oder den Gang über einen Mittelaltermarkt geschieht, ist dabei zweitrangig. Hauptsache, man fühlt sich danach gut. Lange herrschte in den Wissenschaften Einigkeit darüber, dass Emotionen sich primär innerlich abspielen, das heißt dem subjektiven Empfinden des Individuums unterliegen. Allgemein bezeichnet man sie dann auch als Gefühle. Die Gefühle haben jedoch einige Geschwister, die sogenannten Affekte: Sie sind auf eine gewisse Art und Weise sehr wohl messbar, denn dabei handelt es sich um die konkreten Handlungen, die wir aufgrund unterschiedlicher Gefühle ausführen.

In einer Gesellschaft, die sich durch eine wünschenswerte Vielfalt auszeichnet, treffen auch immer wieder unterschiedliche Lebensentwürfe und Mentalitäten aufeinander, die bestimmte Emotionen hervorrufen. Um ein friedliches Miteinander zu gewährleisten, ist es essentiell, dass wir Möglichkeiten finden, mit unserem (manchmal explosiven) Innenleben umzugehen. Was wir natürlich intuitiv tun. Vergleichsweise neu ist die Bezeichnung dieses Verhaltens als „Emotionspraktiken“. Sie dienen uns dazu, unsere Emotionen zu regulieren, zu mobilisieren und zu benennen, sowie um der Kommunikation Willen . Die Übergänge sind dabei fließend und eine Handlung bedingt oder beinhaltet häufig eine andere. Im Kern bleibt das Ziel jedoch meist ähnlich: Wir wollen, dass es uns gut geht. Wir wollen uns gut fühlen. Womit wir wieder bei der Spaßgesellschaft wären. Doch wie äußert sich dieses Streben nach guter Laune?

Unter anderem in einer zunehmenden Eventisierung der Festkultur. Konkret bedeutet das einerseits einen explosionsartigen Anstieg an Events, die es ermöglichen, in eine außeralltägliche Welt einzutauchen, daher spricht man auch von einem „Erlebnis“, und andererseits die Bildung von neuen Gruppendynamiken. In posttraditionalen Gesellschaften findet man häufig Vergemeinschaftungsformen, die überregional durch moderne Medien verbunden sind – eine große Rolle spielt hierbei das Internet -und welchen Events als eine Möglichkeit der Versammlung dienen. Inzwischen hat natürlich auch die kapitalistische Marktwirtschaft Events als Einnahmequelle entdeckt, sodass man außerdem eine stetige Kommerzialisierung beobachten kann. Neben diversen Händler*innen, trifft man auf Events auch Musiker*innen sowie Künstler*innen jeder Art, die Besucher*innen sollte man selbstverständlich nicht vergessen. Da sich das Phänomen der „Szene“ hinsichtlich der Mitglieder*innen ausgeweitet hat  – es sind jetzt nicht mehr nur Jugendliche, sondern auch Erwachsene jeden Alters, die sich an dieser Gemeinschaftsform beteiligen  – kann man davon ausgehen, dass sich die Events und die jeweiligen Teilnehmer*innen bestimmten Szenen zuordnen lassen. In eine Szene wird man anders als bei einem Milieu oder einer Klasse nicht hineingeboren, sondern man sucht sie sich selbst aufgrund persönlicher Präferenzen aus. Zudem besteht keine formale Mitgliedschaft in diesem meist globalen Interaktionsnetzwerk.

Mittelaltermärkte als Schmelztiegel der „Kulturen“

Auf Mittelaltermärkten wird die Verbindung unterschiedlichster Hintergründe und Motivationen innerhalb der Eventkultur deutlich: Händler*innen und Gastronom*innen bieten ihre Ware feil, viele von ihnen leben von dem Verkauf oder versuchen gerade, sich ihr zweites Standbein dort aufzubauen. Die Besucher*innen, vor allem diejenigen in „normaler“ Kleidung und keiner mittelalterlich anmutenden Gewandung, scheinen überwiegend zur Zerstreuung dorthin zu gehen. Die Musiker*innen und Künstler*innen, welche auf den Mittelaltermärkten auftreten, betreiben dies häufig als Hobby, selten aber auch hauptberuflich. Die Veranstaltungen sind meist mit einer bestimmten Stadt als Austragungsort verknüpft, jedoch tragen die Organisator*innen auch vergleichsweise viel Verantwortung für das Gelingen des Events. Eine Besonderheit auf Mittelaltermärkten sind die „Living History“ – Darsteller*innen, die sich in der Inszenierung von vergangenen Zeiten, in diesem Fall des Mittelalters, üben.

Zur Mittelalterszene gehören jedoch mehr als die Akteur*innen von Mittelaltermärkten, weswegen man als Abgrenzungsversuch bewusst von einer Mittelaltermarktszene sprechen kann, die jedoch Überschneidungspunkte mit anderen sozialen Bereichen aufweist. Mittelaltermärkte leben in den meisten Fällen von den dortigen Gastronom*innen, Händler*innen und Bühnen-Acts, allerdings sind die „Living History“- Gruppen, die in historischer Gewandung und mit ihren abgetrennten „mittelalterlichen“ Lagern dort Stellung beziehen, ebenso wesentlicher Bestandteil der Mittelaltermärkte. „Living History“ bezeichnet das Nachspielen, Nachempfinden, Nacherleben von vergangenen alltäglichen Handlungen. Es ist wichtig, „Living History“ vom „Reenactment“ zu unterscheiden, welches normalerweise das Nachstellen von konkreten geschichtlichen Ereignissen, wie beispielsweise einer Schlacht, bezeichnet. Ebenfalls Bezüge zum Mittelalter gibt es innerhalb der LARP – Szene („Live Action Role Playing“), da das Live-Rollenspiel unter anderem zeitlich im Mittelalter situiert sein kann, aber nicht muss. Aus diesem Grund findet man Live-Rollenspieler*innen häufig auch auf Mittelaltermärkten.

Obwohl man „Living History“ inzwischen auch in deutschen (Freilicht-)Museen findet, kam das Konzept ursprünglich aus den USA über die britischen Inseln und Skandinavien nach Deutschland auf die Mittelaltermärkte. Die Darsteller*innen haben je nach persönlicher Motivation sowie finanzieller und zeitlicher Kapazität verschiedene Herangehensweisen an das Thema geschichtliche Authentizität. Abgesehen davon, dass auch auf Mittelaltermärkten zeitgenössische Sicherheitsvorkehrungen, Hygienestandards und soziale Strukturen herrschen, sind viele Darsteller*innen sehr darum bemüht bei der Herstellung ihrer Gewandung oder der im Lager gezeigten Möbel an historisch belegte Beispiele anzuknüpfen, weswegen viele von ihnen ein fundiertes Wissen über diese Zeit besitzen. Auffallend auf deutschen Mittelaltermärkten ist die eurozentrische Inszenierung, welche sich auf lokale Personen der Geschichte fokussiert und was sich in einem vergleichsweise großen Aufkommen von christlichen Ritter*innen, Mönchen und Nonnen widerspiegelt. Es ist auch nicht ungewöhnlich auf irische und schottische Clans sowie Wikinger*innengruppen zu treffen, wobei diese wahrscheinlich eher selten an gemeinsamen Markttagen im Mittelalter teilgenommen haben. Weitestgehend außen vor bleiben hingegen zum Beispiel Sarazenen-Kämpfer (die männliche Form ist bewusst gewählt, weil Frauen wohl selten bis gar nicht in dieser Funktion zu finden waren), arabische Krieger, die unter anderem weite Teile der iberischen Halbinsel und Vorderasiens eroberten, wo sie wiederum mit christlichen europäischen Rittern (auch hier kann man von keiner bis wenigen Frauen in dieser Gruppe ausgehen) zusammentrafen. Anders als viele Händler*innen und Gastronom*innen ist es für die Mehrzahl der Darsteller*innen ein Hobby und kein Beruf.

Realitätsflucht oder alternative Lebensweise?

Anders als man vielleicht vermuten würde, gibt es auf vielen Mittelaltermärkten wenige offensichtlich „phantastische“ Gestalten, die den Harry Potter- oder Herr der Ringe-Filmen entsprungen sein könnten. Trotzdem begibt man sich, ob als Besucher*in, Darsteller*in, Musiker*in, Händler*in, Künstler*in, Veranstalter*in oder Gastronom*in auf dem Mittelaltermarkt in eine andere Welt. Je nachdem aus welcher Motivation heraus dies geschieht, positioniert man sich innerhalb des Szenegefüges, das sich um die Mittelaltermärkte aufspannt, unterschiedlich. Die Akteur*innen sind keineswegs realitätsfremd und haben während ihrer Zeit dort auch ihr „normales“ Leben im Blick, nehmen sich jedoch die Freiheit, den Schwerpunkt auf ein einfacheres, weniger technisch geprägtes Gemeinschaftsleben zu legen. Währenddessen sind sie sich der gesellschaftlichen Wirklichkeit allerdings durchaus bewusst. Wenige können sich auch vorstellen ihren Alltag vollständig aufzugeben, vielmehr scheint es so, als würden die Teilnehmer*innen gerne einige Aspekte der Mittelaltermarktszene in ihr Leben integrieren. Vielleicht werden durch die Mittelaltermärkte einige als gegeben hingenommene Verhaltensweisen überdacht und angepasst, was für die Gesamtgesellschaft nicht unbedingt zum Nachtteil gereichen würden. Denn seien wir mal ehrlich: Wir sind häufig viel zu oft erreichbar, übersehen im Stress, dass Nettigkeit zu einem besseren Sozialleben beiträgt und es schadet keinem, wenn er den Luxus einer Dusche neu schätzen lernt. 

Literatur:
– Bareither, Christoph (2013): Wie ethnographiert man Vergnügen? Zur Erforschbarkeit von Erfahrungsqualitäten. In Christoph Bareither, Kaspar Maase, Mirjam Nast (Hrsg.): Unterhaltung und Vergnügung. Beiträge der Europäischen Ethnologie zur Populärkulturforschung. Würzburg: Königshausen & Neumann, S. 196–209.
– Gebhardt, Winfried (2000): Feste, Feiern und Events. Zur Soziologie des Außergewöhnlichen. In Winfried Gebhardt, Ronald Hitzler, Michaela Pfadenhauer (Hrsg): Events. Soziologie des Außergewöhnlichen. Opladen: Leske + Budrich (Erlebniswelten, Bd. 2), S. 17–31.
– Groschwitz, Helmu (2010): Authentizität, Unterhaltung, Sicherheit. Zum Umgang mit Geschichte in Living History und Reenactment. In Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde, S. 141–155.
– Hitzler, Ronald (2010): Trivialhedonismus? Eine Gesellschaft auf dem Weg in die Spaßkultur. In Udo Göttlich, Clemens Albrecht, Winfried Gebhardt (Hrsg.): Populäre Kultur als repräsentative Kultur. Die Herausforderung der Cultural Studies. 2., durchges. erw. u. aktual. Aufl. Köln: Herbert von Halem (Fiktion und Fiktionalisierung, 6), S. 246–260.
– Hitzler, Ronald; Niederbacher, Arne (2010): Leben in Szenen. Formen juveniler Vergemeinschaftung heute. 3., vollst. überarb. Aufl. Wiesbaden: VS, Verl. für Sozialwissenschaften (Erlebniswelten, 3).
– Krug-Richter, Barbara (2009): Abenteuer Mittelalter? Zur populären Mittelalter-Rezeption in der Gegenwart. In Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band 112 (Heft 2), S. 53–75.
– Scheer, Monique (2016): Emotionspraktiken: Wie man über das Tun an die Gefühle herankommt. In Matthias Beitl, Ingo Schneider (Hrsg.): Emotional turn?! Europäisch ethnologische Zugänge zu Gefühlen & Gefühlswelten. Wien: Selbstverlag des Vereins für Volkskunde (Buchreihe der Österreichischen Zeitschrift für Volkskunde, neue Serie, Band 27), S. 15–36.
– Schulze, Gerhard (1992): Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart. 2. Aufl. Frankfurt Main, New York: Campus.

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