Flucht und Ankunft, Ablehnung und Aufnahme

Im Gespräch mit einem syrischen Geflüchteten                 

von Julia Pelger

intervprofilDas Gespräch mit Basel findet in gemütlicher Atmosphäre bei Tee und Wasserpfeife statt. Es ist kein gewöhnliches Interview, wie sich schnell herausstellt: Basel hat viel zu erzählen; es ist kaum nötig, ihm allzu viele Fragen zu stellen. Er kommt aus Aleppo, der zweitgrößten Stadt Syriens, welche seit 2012 ein zentraler Austragungsort des syrischen Bürgerkrieges ist: Die Stadt ist geteilt, der westliche Teil gehört zum Kontrollgebiet Assads, der östliche wird von rebellischen Truppen besetzt. An der dortigen Universität hat er auch sein Medizinstudium absolviert und für die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ gearbeitet. „Wenn man in Syrien studiert, ist der Traum immer, nach Deutschland oder in die USA auszuwandern!“ erklärt er; ein Wunsch, den Studierende dort auch außerhalb der politischen Lage haben.

Diese politische Lage aber ist es, die Basel zur Flucht bewegt: Die Korruption des Assad-Regimes und die damit verbundenen Folgen wie hohe Arbeitslosigkeit, wenig Geld und das gewalttätige Durchgreifen auch bei friedlichen Demonstrationen. Da er gegen das Regime des Präsidenten Assad demonstriert hat, wird er verhaftet. „Mein Bein und mein Wangenknochen waren gebrochen. Dann kam ich zwei Wochen ins Gefängnis.“ Er verlässt nach der Freilassung das Gebiet, um in einem Gebiet ohne Regierungstruppen für die Freie Syrische Armee in Krankenhäusern zu arbeiten. „Da habe ich zehn Monate gearbeitet, aber nicht mit Spezialisierung beendet. Danach gab es keine Möglichkeit, zurück zu gehen. In meiner Heimat, wo meine Eltern wohnen, war ISIS, mein Krankenhaus stand im Gebiet des Präsidenten und ich war bei den Demonstranten. Das war sehr schwer für mich.“ Mit zwei anderen Ärzten flieht Basel anschließend Richtung Türkei „auf einem Gummiboot“, um in Griechenland erneut eine Woche ins Gefängnis zu kommen. Zu Fuß geht es, mittlerweile zu achtzehnt, weiter Richtung Mazedonien. „Wir waren eine Woche im Wald.“ Auf meine Nachfrage, wovon die Gruppe überlebt habe, schmunzelt Basel. „Das war eine schwierige Geschichte. Wir hatten die ersten zwei Tage Essen, aber wenn man 35km am Tag läuft, geht es schnell aus. Wir haben schließlich Pfirsiche gefunden und gegessen. Das war nicht so gut…“ endet er in einer Lachsalve. Über Serbien erreicht die Gruppe Ungarn, wo erneut zwei Tage Gefängnis warten. „Ich musste einen Abdruck machen.“ Gemeint ist der Fingerabdruck als Identifikationsmerkmal für das Ersteinreiseland, bei welchem es sich in diesem Fall um Ungarn handelt. Gemäß der Dublin III-Verordnung wird so ein eingegangener Asylantrag von dem EU-Mitgliedsstaat überprüft und Asyl gewährt, in dem der oder die Betroffene durch diesen Fingerabdruck identifiziert werden konnte; eine Weiterreise in das eigentliche Zielland kann abgelehnt werden.

Basel hat Glück und gelangt in sein Zielland, Deutschland. „Wir haben einige Freunde in Hannover. Nachdem wir bei ihnen waren, bin ich zur Polizei gegangen, aber wir durften nicht in Hannover bleiben. Sie haben uns nach Mecklenburg geschickt.“ Die dortigen Erfahrungen mit der einheimischen Bevölkerung verlaufen nicht ganz so positiv: „Die Leute sind nicht so nett. Ich glaube, sie hassen uns, aber ich weiß nicht, warum.“ Gebunden an das Abkommen muss Basel, der in Deutschland bleiben möchte, die Umsiedlung nach Mecklenburg-Vorpommern jedoch für mindestens sechs Monate akzeptieren, um in Deutschland bleiben zu dürfen. „Das war furchtbar für mich. Ich konnte nicht studieren, keine Wohnung mieten, musste in einem Heim bleiben und warten.“ Mit Hilfe eines Rechtsanwalts kann er nach Bonn umziehen. „Als ich nach Bonn gezogen bin, wurde alles viel besser. Ich konnte hier einen Deutschtest auf B2 machen und die Leute sind sehr nett. Ich mache eine Weiterbildung bei einem Hausarzt in Meckenheim, was auch nützlich ist.“  Sein Ziel ist, eine Arbeitsgenehmigung für Deutschland zu bekommen und hier als Arzt tätig sein zu können. „Dafür muss ich Sprachtests machen und meine Zeugnisse anerkennen lassen. Hoffentlich klappt das!“, erklärt er.
Basels Deutsch ist erstaunlich dafür, dass er erst seit etwa einem Jahr in Deutschland lebt und die Sprache lernt. Er beherrscht bereits viele Unregelmäßigkeiten der Verben, kann Begriffe zielgerichtet umschreiben und bekommt sogar ein oder zwei Sprachspiele hin. Mit den Umlauten tut er sich schwer, aber er erhält Unterstützung, wie er sagt. Ich spreche Basel auf das Erstarken nationaler und populistischer Bewegungen an und ob er diese besorgniserregend fände. Pegida ist ihm tatsächlich ein Begriff und bereitet ihm Sorgen: „Ich möchte in Bonn bleiben, aber ich denke, dass Pegida auch hier hinkommen wird, und dann müssen wir alle gehen.“ Bedenkt man seine Qualifikationen, ist es nicht unwahrscheinlich, dass er eine langfristige Aufenthaltserlaubnis erhalten und dauerhaft bleiben könnte. „Ich verstehe nicht, warum die Leute in der [ehemaligen] DDR demonstrieren. Sie sind alt, sie brauchen junge Leute, die arbeiten. Aber sie wollen wohl unter sich bleiben.“

Seitens der Flüchtlingsgegner sieht es in Bonn allein relativ düster aus: Der Pegida-Ableger Bogida hat, im Gegensatz zur Mutterorganisation, kein diesjähriges Revival erlebt. Dafür spielten sich in Köln Szenen rechtsextremer Gewalt ab, deren Höhepunkte wohl das Attentat auf die jetzige Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker und die Demonstration zum Jahrestag der HoGeSa-Bewegung waren (hier würde ich Plural verwenden, da Attentat und Demonstration) (wir berichten). Ein Bonner Spezifikum zur Flüchtlingsdiskussion jedoch ist der nun veröffentlichungsrechtlich eingeschränkte Autor Akif Pirinçci, welcher hier nicht weiter diskutiert werden soll [und muss]. Die Argumente der „neuen Rechten“, welche sich auch online, etwa in Bewegungen wie „Deutschland wach auf“, spiegelt, sind vor allem derart, dass sie sich gegen politische Entscheidungen ohne Einbezug des Volkes, mit welchem eine starke Identifikation stattfindet, aussprechen. Des Weiteren werden soziale Benachteiligung „im eigenen Land“ sowie Angst vor vermeintlich kultureller Hegemonie islamischer Kulturformen propagiert (wieder Plural) und die ungleichmäßige Verteilung Geflüchteter auf verschiedene EU-Staaten kritisiert. Auffällig ist, dass hier ein expliziter, einheitlicher bzw. vereinheitlichender Begriff des Deutschtums verwendet wird, der als Entfremdung in einem Großteil der Kommentarspalten einschlägiger Onlinemagazine gefunden werden kann: Von „einem Land und seinen Werten“ ist die Rede; viel mehr noch wird appelliert, doch an Frauen und Kinder zu denken. Was aus diesen Äußerungen zu lesen ist, ist die übersteigerte Wahrnehmung einer Eigenkultur in Abgrenzung zum „fremden“, orientalischen Osten; eine Vorstellung, die als Kontrast reizvoller Andersartigkeit bereits im 19. Jahrhundert bei europäischen Kolonialmächten herrschte. Die Argumentationsstrategie beruht vor allem auf der Divergenz zwischen „dem deutschen Volk“, in welches die Argumentierenden sich selbst einordnen, und dem Feindbild „der Regierung“, die ebenjenes Volk überlasten würde. Geflüchtete werden dabei in erster Linie als Masse dargestellt und nicht (weniger ist eigentlich fast zu schwach) als Individuen.

In Bezug auf einen Deutschtest für Geflüchtete, in dem der Name Teutogard (!) verwendet wurde, sagt Basel: „Es gibt viele Teutogards in Mecklenburg-Vorpommern.“ Und sieht zufrieden aus, mit der dortigen Bevölkerung momentan nicht unbedingt konfrontiert zu sein.

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