Bad Blood

Warum Schwule kein Blut spenden dürfen      

von Frederik Fingerhut

Grafik: Samuel F. Johanns

Grafik: Samuel F. Johanns

In der BRD ist die Blutproduktsicherheit extrem hoch. Jährlich kommt es bei ca. 5,3 Mio. Spenden nur zu ein bis zwei HIV-Infektionen. Mit anderen Worten: die Wahrscheinlichkeit, sich nicht zu infizieren liegt bei 99,9999%. Dabei wird jeder Spender zuerst beraten und anonym von der Spende ausgeschlossen, wenn er dem Kriterienkatalog nicht entspricht. Anschließend wird jede Spende nach Viren und Krankheitserregern untersucht. Dennoch kann der HI-Virus erst wenige Wochen (je nach Testverfahren) nach der Infektion sicher nachgewiesen werden. Wegen dieses sog. „diagnostischen Fensters“  ist es Männern, die Sex mit einem Mann hatten, nicht gestattet, Blut zu spenden. Sie gelten nach EU-Richtlinien als Gruppe mit erhöhtem Risiko, vom HI-Virus infiziert zu sein. Zu diesem Thema richtete das LBST*-Referat am 3.12. einen Vortrag aus. Till Hallemann erzählte, weshalb es dieses Verbot gibt und wie die schwule Community darüber diskutiert. Till ist Erzieher und Sozialarbeiter, engagiert sich bei der Aidshilfe und ist im Vorstand des „Schwulen Museum Berlin“.
Ebenfalls von der Blutspende ausgeschlossen sind Menschen mit häufig wechselnden Sexualpartnern, Menschen, die vor weniger als sechs Monaten in einem „Malaria-Gebiet“ waren, Sexarbeiter_innen, Menschen, die jünger als 18 bzw. nach ärztlicher Einschätzung zu alt sind, sowie drogenabhängige Menschen (dazu zählt auch Medikamenten- und Alkoholmissbrauch). Eine Erkrankung an Hepatitis B, Hepatitis C oder eine HIV Infektion führen an erster Stelle zum Ausschluss.
Die Ausschlusskriterien lassen sich in zwei Gruppen teilen: dem zeitlich begrenzen Ausschluss (etwa nach einer Schwangerschaft) und dem unbegrenzten, somit lebenslangen Ausschluss von der Blutspende. Wenn ein Mann analen Sex mit einem anderen Mann hatte, gehören beide zur zweiten Kategorie, unabhängig davon, ob es geschützter Sex war oder nicht. Wer von den heteronormativen Sexualpraktiken abweicht, ist dieser Logik zufolge nicht befähigt, verantwortungsbewusst Sex zu haben. Dabei lebt das Stigma des „triebgesteuerten, hypersexuellen Schwulen“ wieder auf. Homosexuelle Männer wie Frauen werden immer noch von der (sich selbst bezeichnenden) „normalen“ Bevölkerungsmehrheit als bunte, unbedachte Paradiesvögel gesehen, die doch nur das „Eine“ wollen. Unverklemmtheit und ein eher positives Verhältnis zu Sexualität ist in jedem Fall ein Aspekt von queerer Lebenskultur, jedoch nur einer von vielen (queer beschreibt besonders im anglophonen Sprachraum Menschen, die von der heteronormativen Geschlechtsidentität abweichen).
Betrachten wir einmal die Fakten: etwa drei Viertel der HIV Infizierten sind homosexuelle Männer. Nur bei 20% der heterosexuellen Infizierten, ist die Ansteckung eindeutig auf Sex zurück zu führen. Doch wo liegen die Gründe für dieses extreme Ungleichgewicht? Zum einen ergibt sich, gerade aus der Akkumulation von Infizierten in der Gruppe der homosexuellen Männer, ein erhöhtes Risiko der Ansteckung. Somit birgt gleichgeschlechtlicher Sex unter Männern statistisch bereits ein höheres HIV-Übertragungsrisiko. Zum anderen leben Homosexuelle, im Vergleich zum „Durchschnitt“ öfters promisk (mit häufig wechselndem Sexualpartner). Dies trifft ebenfalls auf andere Gruppen, wie z.B. Studierende zu. Die anale Penetration, die gerade bei Schwulen verbreitet ist, erhöht das Risiko noch einmal. So nimmt die Darmschleimhaut besser als vaginale Schleimhaut oder Mundschleimhaut HI-Viren auf und gibt diese ab. Allerdings wird auch die Bundesärztekammer einsehen müssen, dass Schwule über ihre Sexualität reflektieren und die Risiken einschätzen können. Sexualaufklärung, die Vermittlung von Risiken und Präventionen sind heute weitestgehend selbstverständlich. Doch oftmals ist diese irreführend oder mangelhaft, wie etwa an Schulen.
Viele homosexuelle und bisexuelle Männer, fühlen sich wegen des kategorischen Ausschlusses von der Blutspende diskriminiert. Das ändert auch nicht die Lockerung der Richtlinie, wie es in Frankreich und Großbritannien geschah. Dort werden Männer, die Sex mit einem Mann hatten, lediglich temporär für ein Jahr von der Blutspende ausgeschlossen. Letztlich aber sollte es keine Rolle spielen, mit wem man schläft, sondern wie und mit welchem Bewusstsein.

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