„You call raping a culture?!“

Ein kleiner Glossar zu Anglizismen, mit welchen über sexuelle Gewalt gesprochen wird      

 von Julia Pelger

Wer vor Anfang des Jahres 2016 noch nie von Begriffen wie „rape culture“ oder „victim blaming“ gehört hatte, wird einige davon spätestens nach den sexuellen Übergriffen in Köln in den Medien wahrgenommen haben. Neben der in der letzten Ausgabe kritisierten Berichterstattung, in der die Fähigkeit einiger Zeitungsredakteure und -redakteur_innen ob diskriminierender Artikel angezweifelt wurde, gibt es seit Anfang des Jahres zahlreiche Kommentare zu sexueller Gewalt, kulturellen Unterschieden und Prävention zukünftiger Übergriffe. Um auch im Hinblick auf diese Ausgabe informiert zu sein, folgt ein Überblick dreier zentraler Konzepte sexualisierter Gewalt. (Auf Englisch sind diese übrigens nicht nur, da sie erstmalig in anglophonem Kontext auftauchten, sondern auch, da das englische gerund anderen Sprachen gegenüber prägnanter und durch seine Kompaktheit weniger umständlich ist. Man übersetze die Begriffe und kann sich vielleicht vorstellen, warum es bei den englischen Begriffen bleibt.)

Rape Culture

Der Begriff rape culture beschreibt die kulturelle Einbettung sexueller und sexualisierter Gewalt in für gewöhnlich heteronormativ-patriarchale Gesellschaften. Dies bedeutet, dass sexuelle Gewalt, vornehmlich gegen Frauen*, explizit oder implizit, relativ offen oder eher verdeckt, Bestandteil einer Kultur ist. Der Begriff kam während der sogenannten zweiten Welle des Feminismus in den USA der 1970er Jahre als Kritik an der Etablierung sexueller Gewalt gegen Frauen auf, die in einem nicht ausreichenden Maß thematisiert wurde. Oftmals geht man in Kulturen, auf die der Begriff angewendet werden kann, von starken, ernsten, dominanten Männervorstellungen aus, denen ein schwacher, sensibler und passiver Frauentyp ergänzend entspricht, sodass sexuelle Gewaltakte, wenn sie thematisiert werden, nicht zwingend als solche wahrgenommen bzw. eingestuft werden. Des Weiteren treten sogenannte Vergewaltigungsmythen auf, welche etwa Täter-Opfer-Umkehrungen, Leugnung und Verharmlosung des entsprechenden Gewaltaktes oder Rechtfertigungsversuche mit biologistischem Ansatz, etwa einem Verweis auf starke männliche Triebhaftigkeit, umfassen. Ein bezeichnendes Beispiel für rape culture ist die Bundestagsabstimmung 1997 zur Neufassung von § 177 StGB, welcher Vergewaltigung in der Ehe als nicht strafbar befand. Genauer: eine Vergewaltigung musste außerehelich stattfinden, um als solche eingestuft zu werden. Des Weiteren war bis dahin der Schutz der Ehe als Institution wichtiger als der der Ehefrau erachtet worden.

Victim Blaming

Wie zu erwarten beschreibt dieser Begriff die Täter-Opfer-Umkehrung, bei der die Schuld für eine Gewalttat beim Opfer gesucht wird. Im Fall der sexuellen Gewalt handelt es sich dabei oftmals um Beschuldigung des Opfers, welches den Täter durch aufreizende Kleidung, einen Flirt oder zu viel Nähe soweit gereizt habe, dass dieser sich seiner Triebhaftigkeit nicht mehr erwehren konnte. Das Zeigen von zu viel Haut oder zu viel Freundlichkeit wird in diesem Fall als definitives Zeichen dafür ausgelegt, dass das Opfer eine sexuelle Handlung gewollt habe. Bedenkt man die langwierigen psychischen Folgen eines Vergewaltigungsaktes etwa, erscheint die Rücksichtslosigkeit derartiger Aussagen besonders deutlich. Doch gerade victim blaming geht nicht nur von Tätern aus, sondern ist ein gemeingesellschaftliches Phänomen, das oftmals auch in subtileren, unterschwelligen Formen auftritt. Ein aktuelles Beispiel bietet etwa der Ratschlag der Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker, welche als Präventivmaßnahme gegen sexuelle Belästigung Frauen empfahl, sich in Gruppen aufzuhalten, nicht jedem fremden Mann um den Hals zu fallen und, ein im Netz auf mannigfaltige Weise parodierter Ausspruch, von fremden Männern „eine Armlänge Abstand zu halten“. Anstatt also den Fokus auf das Verhalten der Täter zu lenken, wird mindestens ein Teil der Schuld auf das Verhalten der Opfer zurückgeführt.

Slut Shaming

Das wohl alltäglichste und, um es mit etwas Ironie auszudrücken, traditionell etablierteste Phänomen unter den hier beschriebenen ist das des slut-shamings. Der Begriff beschreibt das sprachlich und kulturell tief verankerte Beschimpfen von Frauen, welche anhand der Abweichung ihres Aussehens, ihrer Lebensweise oder ihres Sexuallebens von einer impliziten Norm als Schlampe bezeichnet werden. Oftmals handelt es sich dabei um promiske Frauen, denen gleichzeitig eine gewisse Gefühlskälte zugesprochen wird und äußert sich nicht unbedingt nur in einer groben Beleidigung, sondern durchaus auch in Abstandnahme von Bekannten oder nahestehenden Personen, Lästereien bis hin zu sozialer Ausgrenzung in Vereinen, Bildungseinrichtungen oder dem Arbeitsplatz. Ähnlich wie victim blaming nimmt sich hier ein Sprecher oder eine Sprecherin heraus, sich über das Opfer und dessen Privatangelegenheiten zu echauffieren. Auch in Kombination treten die Begriffe auf, etwa wenn nach der Ausübung sexueller Gewalt die Schuld darauf verwiesen wird, dass das Opfer ohnehin liederlich auftrete und daher Mitschuld an dem ihm zugefügten Leid trage. Slut-shaming hat eine lange Tradition, auch in der Kunst: Die berühmten Ehebrecherinnen in der europäischen Literatur heißen Anna Karenina und Tess d’Urbervilles, welche öffentliche Ächtung nach ihrem (nicht ganz unbegründeten) Ehebruch erfahren. Selbstverständlich spiegeln diese Romane nicht die Realität, durchaus aber die vorherrschenden, asynchronen Verhältnisse insbesondere des Ansehens einer Ehebrecherin wieder: Wie sich an dem mangelnden männlichen Äquivalent für Beleidigungen wie ‚Hure‘ oder ‚Schlampe‘ zeigt, gilt es bis heute nicht als beschämend, wenn ein Mann einen promisken Lebensstil pflegt, während dies bei Frauen tatsächlich noch der Fall ist.

(*Die Autorin ist sich der Existenz sexueller Gewalt Männern gegenüber bewusst und möchte in keiner Art und Weise Minderheiten ausgrenzen. Da es sich hier allerdings um geschlechtsasynchrone Begrifflichkeiten handelt, die gemeingesellschaftlich stark auf Frauen ausgerichtet sind, wird die Erwähnung von Täterinnen und Vergewaltigerinnen unterlassen. Ein ausführlicher Artikel zu sexueller Gewalt gegen Männer findet sich ebenfalls in dieser Ausgabe.)

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