Editorial #6

laila.rSeit Jahresbeginn ist das Thema Sexuelle Belästigung in aller Munde. Der Fokus allerdings liegt dabei auf Übergriffen, die von nichtweißen Männern auf weiße Frauen verübt werden. Alltäglicher Sexismus, die Mitschuld der Gesellschaft an sexuellen Übergriffen oder auch das unzureichende Strafrecht werden ausgeblendet. Vermeintlicher Antisexismus wird genutzt, um gegen „den Nordafrikaner“ zu Felde zu ziehen. Solange ein Feindbild beschworen werden kann, muss man sich nicht mit den eigenen Verfehlungen beschäftigen, geschweige denn sich eine Schuld eingestehen oder Veränderungen fordern. Ein reformiertes Sexualstrafrecht etwa hätte unmittelbare Folgen –  wäre es doch dem sich nun echauffierenden weißen Deutschen nicht mehr so ohne weiteres möglich, der hübschen Kellnerin ungestraft auf den Hintern zu hauen.
Doch Sexismus findet sich in der gesamten Gesellschaft und ist ein vielschichtiges Problem, das nicht einfach auf einzelne Personengruppen abgewälzt werden darf.
Wir thematisieren bewusst nicht die Vorfälle in Köln in der Silvesternacht, sondern richten unsere Aufmerksamkeit auf das aktuelle Strafrecht und blicken auf die mangelnde Aufmerksamkeit des Studierendenwerks bezüglich sexueller Übergriffigkeit in Bonner Wohnheimen.Auch sexuelle Gewalt gegen Männer ist Thema dieser Ausgabe.
Die Tendenz der deutschen Bevölkerung geht dahin, größtenteilsGeflüchtete für sexuelle Gewalt verantwortlich zu machen.Ein Beispiel dafür bietet der Google-Algorithmus auf der Folgeseite, der die am häufigsten getätigten Suchergebnisse der letzten Zeit als Vorschläge präsentiert. Die aktuellen Vorschläge zeigen, dass ein großer Teil der deutschen Bevölkerung sich mit der kollektiven Beschuldigung Geflüchteter mehr als bereitwillig arrangiert.

Wir haben dank des nordrhein-westfälischen Hochschulgesetzes die Freiheit, auch Themen zu behandeln,die nicht ausschließlich Hochschulbezug haben. In Hessen dagegen untersagte das Oberlandesgericht dem AStA der Uni Frankfurt, einen kritischen Artikel über Pick-Up-Artists zu veröffentlichen, da dies kein hochschulpolitisches Thema sei – auch wenn die „Artists“ ihre Übergriffe in diesem Fall als Studenten auf Studentinnen  auf dem Frankfurter Campusgelände verübten. Wir thematisieren das Urteil und führen ein Gespräch mit einem Studenten, der selbst Kontakte zur Bonner Pick-Up-Szene hatte.
Weiterhin beleuchten wir die regionalen Bürgerwehren im Raum Köln und Bonn und analysieren sie hinsichtlich rechten Gedankenguts. Wir fragen uns, was genau Menschen dazu bringt, sich in einer Bürgerwehr oder Bürgerpolizei zu engagieren und woher das Bedürfnis nach solchen Gruppen mit teilweise paramilitärischen Zügen kommt. Zudem lest ihr den Gastbeitrag eines Ehrenamtlichen, der sich mit Antisemitismus und Migration auseinandersetzt und verdeutlicht, dass Antisemitismus keinesfalls ein Grundsatzproblem bei Geflüchteten ist.

Wir wünschen euch viele Denkanstöße mit der neuen Ausgabe.

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