„Über(be)völkerung“ und „Unter(be)völkerung“

Die spiegelbildliche Konstruktion eines globalen Problems im 20. Jahrhundert

 von Frederik Fingerhut

NS-Propaganda zu Eugenik und Demografie von 1935. Foto: Bundesarchiv
NS-Propaganda zu Eugenik und Demografie von 1935. Foto: Bundesarchiv

Der Diskurs über Demographie findet seit den ersten statistischen Erhebungen im späten 18. Jahrhundert statt. Dabei stellten sich seit Beginn zwei spiegelbildliche Probleme heraus. Demographen postulierten zum einen, es gäbe eine fortlaufende Überalterung der Gesellschaft und daraus resultierend eine Abnahme der Bevölkerungszahl. Zum anderen wird problematisiert, dass die Weltbevölkerung stetig anwächst und so die Ressourcen immer knapper werden. Prof. Dr. Thomas Etzemüller von der Universität Oldenburg hielt am 8. Juni im Rahmen der Vortragsreihe „Perspektiven der Moderne – Global Challenges“ des Forums Internationale Wissenschaft (FIW) der Uni Bonn zu diesem Thema einen Vortrag. Dabei stellte er heraus, wie über die Demographie (in den Kategorien „Übervölkerung“ und „Untervölkerung“) gesprochen wird und dies zu einem Problem globalen Maßstabs gemacht wurde.  
Prognosen über die Bevölkerungsentwicklung einer Gesellschaft sind schwer aufzustellen. Der Blick in die Zukunft ist auf maximal 20 Jahre beschränkt, eine größere Aussagekraft können die erhobenen Parameter nicht haben. Es wird vielmehr angenommen, der jetzige Trend setze sich auch in Zukunft fort. Die prominenteste wie alarmierendste Prognose ist das Aussterben einer Gesellschaft. Wobei die „Gesellschaft“ immer als nationale Entität verstanden wird. Solche Prognosen sind nicht neu. Sie wurden seit dem letzten Jahrhundert immer wieder aufgestellt, demzufolge die Deutschen bis heute schon mehrfach ausgestorben sein sollten. In diesem Diskurs wird dem Menschen oft eine soziale und biologische Qualität zugeschrieben. Eine hohe Fertilität der sozialen „Unterschicht“ und der zugewanderten Menschen wird problematisiert. Hat jemand einen niedrigen formalen Bildungsgrad und ist arbeitslos, wird in Frage gestellt ob sie_er Kinder bekommen sollte, Großfamilien werden (insbesondere in unteren sozialen Schichten) als „asozial“ diffamiert. Somit wird im gesellschaftlichen Diskurs der Demographie die weiße, bürgerliche Mittelschicht als gesunde Norm gesetzt. Abweichungen stellen eine potentielle Gefahr für die „Güte“ der Gesellschaft dar. Argwohn und Ablehnung hegen viele gegenüber Migrant_innen, die sich erdreisten Kinder zu bekommen. Wenn aufgrund dessen von „Überfremdung“ gesprochen wird, geschieht dies aus einem rassistischen Hintergrund. Der Begriff „Überfremdung“ beschreibt hierbei, dass die Alteingesessenen nicht mehr die klare Mehrheit in der Bevölkerung stellen. Diese Angst steht im Zusammenhang mit den Konzepten der „Unterbevölkerung“ und „Überbevölkerung“, da sich diese erstens auf unterschiedliche Maßstäbe (global, regional, lokal), zweitens auf Gruppen der Gesellschaft differenziert anwenden lassen (obere, mittlere und untere Schicht) und drittens relational sind. Sie sind daher keine objektiven Fakten, sondern werden je nach Interpretation des Raumes angewandt. So kann der gleiche Raum als „überbevölkert“, „unterbevölkert“ oder (aus einer rassistischen Sicht) „überfremdet“ sein.
Während im nationalen Maßstab ein etwaiges Aussterben befürchtet wird, stellt im Globalen,  das stete Bevölkerungswachstum das spiegelbildliche Problem dar. So bedroht die steigende   Bevölkerungszahl in Ländern des globalen Südens die Vormachtstellung des Westens und führt hierzulande zur Angst vor der Marginalisierung. Im Diskurs um „Überbevölkerung“ und „Unterbevölkerung“ sind das Objekt der Kritik (die_der „Andere“ in Relation zu „uns“) und das Subjekt der Kritik (die weiße Mittelschicht des Westens) vergleichbar: eine hohe Fertilität von „uns“ wird positiv und eine hohe Fertilität der „Anderen“ negativ bewertet. Tatsächlich steigt die Weltbevölkerung an. Doch die Angst vor Übervölkerung und die daraus resultierende Ressourcenknappheit verschleiert die eigentliche Problematik. Die Ressourcen nämlich, sind unglaublich ungleich und ungerecht zwischen „dem Westen und dem Rest“ (Stuart Hall) verteilt. Schließlich sind Armut und Elend kein Effekt einer „ausufernden“ Weltbevölkerung, sondern sind strukturell in der Ökonomie begründet.

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