„Ein verheerendes politisches Signal“

Universität Göttingen setzt rennomierten Rassismus- und Antisemitismusforscher vor die Tür

 von Laila N. Riedmiller

Aktuell wird an der Universität Göttingen erbittert gestritten. Seit 2012 lehrt dort im Bereich Sozialwissenschaften und Politikwissenschaft der deutschlandweit und international anerkannte Professor Samuel Salzborn. Seine Forschungsschwerpunkte sind Rassismus und Antisemitismus, zu denen er bereits einige viel beachtete Werke herausgebracht hat.
Der Fakultätsrat der Universität hatte sich im vergangenen Dezember dafür ausgesprochen, Salzborns Vertrag um weitere fünf Jahre zu verlängern, nicht zuletzt, weil sein Ruf der Universität zugute käme und er bei den Studierenden sehr beliebt sei.
Trotzdem entschied die Universitätsverwaltung, seinen Vertrag nicht zu verlängern. Stattdessen soll die Stelle neu ausgeschrieben werden.
Noch im Dezember war er vom Stiftungsrat der Universität öffentlich für seine Forschung ausgezeichnet worden.

Marginalisierung der Sozialwissenschaften befürchtet
Der Fachschaftsrat fürchtet nun, dass dem politikwissenschaftlich- sozialwissenschaftlichen Institut eine Marginalisierung bevorstünde. Die Universität möchte dem entgegenwirken, indem eine wissenschaftliche Dokumentationsstelle zu politischer Gewalt eingerichtet werden soll. Diese Idee existiert jedoch schon länger und ursprünglich war als Leiter dieser Einrichtung eben jener Samuel Salzborn vorgesehen, der die Universität nun 2017 verlassen muss.
Warum das Präsidium der Universität gegen das Votum der Fachschaften und Fakultäten sein Veto einlegte, ist noch unklar. Der Fachschaftsrat wirft den Verantwortlichen innerhalb der Universität eine politische Motivation vor, da es kaum möglich sei, durch eine Ausschreibung die Stelle mit einer geeigneteren und angeseheneren Person als Salzborn zu besetzen. In den Augen des Fachschaftenrats könnte Salzborns öffentliches Engagement ein Grund für die Weigerung einer Vertragsverlängerung sein. Der Forscher schaltet sich regelmäßig in Debatten ein und bezieht öffentlich Stellung gegen PEGIDA oder kritisiert antisemitische Äußerungen in der Medienlandschaft.
Der Fachschaftsrat initiierte daraufhin einen offenen Brief, der von vielen internationalen Verbänden und Forscher_innen unterzeichnet wurde und fordert, dass der Vertrag mit Salzborn verlängert wird.

Ein klärendes Gespräch scheitert
Die Universitätsleitung macht deutlich, dass die Befürchtung, die Stelle können ganz wegfallen, nicht eintreffen wird, da man sie in jedem Fall erhalten wolle. Allerdings kritisiert der Fachschaftsrat das Signal, das in der aktuellen politischen Situation davon ausginge, den Vertrag eines renommierten Rassismus- und Antisemitismusforschers nicht zu verlängern.
Die Universität hatte den Studierenden aufgrund der Kritik versprochen, schnellstmöglich ein klärendes Gespräch zu führen.
Das Urteil, dass der Fachschaftsrat der Sozialwissenschaften darüber fällte, war jedoch vernichtend. In einer Pressemitteilung vom 31. Mai kritisierten die Studierenden, dass die Uni-Spitze inklusive der Universitätspräsidentin sich nicht an im Vorfeld getroffene Vereinbarungen gehalten habe. So habe man entgegen der vorherigen Absprache den Vizepräsidenten für Finanzen zum Gespräch hinzugezogen, während gleichzeitig viele Salzborn unterstützende Student_innen vor der Tür hätten warten müssen.
Zudem fühlte sich der Fachschaftsrat nicht ernstgenommen und warf der Universitätspräsidentin Prof.‘in Beisiegel vor, fundierte Kritik abzuwimmeln und der Studierendenschaft Inkompetenz zu unterstellen.  In diesem Zusammenhang habe sie bereits im Vorfeld versucht, die Fachschaft einzuschüchtern, indem sie ein Fachschaftsmitglied auf dessen Privathandy angerufen und dabei sehr „herablassend“ gesprochen habe. Weiter wirft die Studierendenschaft der Präsidentin vor, selbst die Kompetenz des Professors und die Bedeutung eines Verlusts desselben für die Universität nicht einschätzen zu können. Dass die Uni Göttingen bisher nicht von der Exzellenzinitiative habe profitieren können, da Geistes – und Sozialwissenschaften zu schlecht eingebunden worden seien, würde sich durch eine Nichtverlängerung des Vertrages mit Salzborn nicht ändern.
Weiterhin kritisierte der Fachschaftsrat, dass die Universitätsleitung kein Interesse an einer demokratischen Verständigung mit den Studierenden hätte, sondern die Universität „autoritär“ führen würde. In diesem Zusammenhang wurde eine Demokratisierung der Hochschule gefordert, zudem solle die Universitätsspitze offenlegen, wie sie zu der Entscheidung, den Vertrag nicht zu verlängern, gelangt sei und die „getroffenen Fehlentscheidungen zurücknehmen“.

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