Schön unter sich bleiben

von Tobias Panthel (Juso-HSG)

Elite und Bewusstsein für den eigenen Glamour haben eine lange Tradition. Viel älter als die Idee der Chancengleichheit und Demokratie. Daher ist es auch kein Wunder, dass mit der Einführung der Exzellenzinitiative, im Rahmen einer europaweiten Reform des Hochschulwesens, die Tradition über die progressiveren (est. 1789) Ideale gesiegt hat. Man kann sich eine Menge Argumente für eine leistungsorientierte Einzelfinanzierung wissenschaftlicher Leuchtturmprojekte überlegen, aber im Grunde erscheint es doch albern: Wenn alle Beteiligten ehrlich wären, kann man die Frage nach der Exzellenzinitiative reduzieren auf die Frage danach, wie eine Gesellschaft sein soll und vor allem, was Bildung in dieser Gesellschaft bedeutet.

Das Ziel: Ein Wettbewerb zwischen Unis
Zusammengefasst ist die Exzellenzinitiative ein fragwürdiger Versuch, den „großen Sprung nach vorne“ im Wissenschaftssektor zu schaffen. Wettbewerb und Markt sollten im Jahr 2006 die deutsche Wissenschaft ankurbeln und Deutschland nach ganz vorne bringen, weil… ja, weil deutsche Unis ja so einen üblen Ruf haben und überhaupt…
Auch hier schwang eine gewisse Affinität zur Tradition mit: Zurück zu altem Glanz. Gut, wer einmal in der Bibliothek des romanistischen Seminars oder an der Ruhr-Universität Bochum war, wird durchaus einsehen, dass ein bisschen mehr Geld für die Bildungseinrichtungen des Lands der Dichter und Denker möglicherweise keine schlechte Idee wäre, aber eben das ist nicht der Plan der Exzellenzinitiative des Bundes, wie der Name auch schon sagt. Es geht nicht darum, die Qualität deutscher Hochschulen insgesamt zu verbessern, es geht nicht darum, genügend Stellen zu schaffen, Forscher*innen und Angestellte* ordentlich zu bezahlen, die Verwaltung zu entlasten oder Bibliotheken auszubauen und es geht auch nicht um ein nachhaltiges Konzept, wie Deutschland eine Bildungsgesellschaft werden kann. Das Ziel war und ist ein Wettbewerb zwischen deutschen Hochschulen um den Preis eine Menge Geld für konkrete Einzelprojekte, Graduiertenkollegs oder sogenannte Zukunftsprojekte zu bekommen (im Zeitraum 2006 bis 2017 insgesamt 4,5 Mrd. Euro). Anstatt damit jedoch die Universitäten in einen euphorischen Sturm des Forschungseifers zu versetzen, ist zehn Jahre nach Beginn der Initiative die Ernüchterung relativ groß und die, die vorher schon gesagt haben „Lasst das besser sein, das ist ‚ne ziemlich dumme Idee und wird die deutschen Universitäten in ‚Elite‘ und ‚Masse‘ teilen!“ fassen sich resignierend an die Stirn. Sicherlich forschen die geförderten Projekte auf sehr hohem Niveau und verdienen alle Anerkennung, aber das ist nicht Inhalt der Kritik. Die Frage ist eher: ist es so sinnvoll einen erlesenen Kreis von 10 bis 20 von insgesamt knapp 100 deutscher Universitäten in vier Runden über einen Zeitraum von elf Jahren zu fördern, anstatt sich des Problems anzunehmen, dass es strukturelle Unterfinanzierungen gibt. Die meisten der 100 Universitäten haben aus verschiedenen Gründen (schlechte Finanzierung, keine Großstadt, keine Traditionsuniversität, Konkurrenz mit Unis in der Nähe usw.) gar nicht die Möglichkeiten an der Initiative teilzunehmen. Somit bleibt es bei den alt bekannten Namen wie Heidelberg, Aachen, München, Berlin, Tübingen und auch Bonn. Flächendeckende Verlierer waren Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, die nicht ein Exzellenzcluster erhielten (also eine Förderung eines Forschungsprojektes). Nicht nur die Universitäten sind konzentriert, auch die Fachbereiche der geförderten Projekte lassen sich auf Naturwissenschaft, Mathematik und Wirtschaftswissenschaften reduzieren; Ausnahmen bestätigen die Regel. Lediglich 4 von ca. 40 Projekten waren im weitesten Sinne geisteswissenschaftlich. Dies gibt einen entscheidenden Hinweis auf die Stoßrichtung der Exzellenzinitiative:  Wirtschaftliche Verwertbarkeit.

Die Stoßrichtung der Exzellenzinitiative
Es wäre sinnlos, die Schaffung eines solchen Programms außerhalb seiner gesellschaftlichen Bezüge zu betrachten. Die Initiative ist Kind ihrer Zeit und Produkt ihres politischen Zeitgeists mit sehr konkreten Vorstellungen einer Gesellschaft, in der Armut Faulheit, Bildung Kapital und Persönlichkeit Kompetenz bedeutet. Dies zu leugnen wäre ebenso naiv wie anzunehmen, dass es der Exzellenzinitiative oder der deutschen Bildungspolitik in den vergangenen zwanzig Jahren darum ginge, dass alle Menschen freien Zugang zu Bildung bekommen und damit gemeinsam unsere Gesellschaft mitgestalten können. Sicherlich sind die tropfenden Decken in den Bibliotheken des Hauptgebäudes und die Hauptschulen in den Brennpunkten NRWs immer noch besser und privilegierter als die Schulen und Hochschulen anderer Staaten, umso frustrierender sind sie jedoch, wenn man bedenkt, dass es auch anders sein könnte. Die Exzellenzinitiative ist nicht die Schuldige für miserable Gebäude und überforderte Dozent*innen, aber sie ist ein alarmierendes Symbol einer Bildungspolitik und eines gesellschaftlichen Trends bei dem die begünstigt werden, die bereits zu den Gewinnern zählen. Die Exzellenzcluster sind nicht einfach Bonbons für fleißige Forscher*innen, sondern Teil einer wirtschaftlichen Logik. Die Unterscheidung von Massen- und Elite-Universität und in der Konsequenz auch die Aufteilung der Studierenden in diese Gruppen steht wie bereits anfangs erwähnt im Kontrast zu einer demokratischen, sozialen Gesellschaft. Solange die verantwortlichen Bildungspolitiker*innen und Vertreter*innen der Hochschulen, aber auch wir Studierende, auf unserem Status („Ich studiere an einer Exzellenzuni…“) und unseren Denkweisen beharren, wird sich dieses Problem nicht zu Gunsten einer nachhaltigen Alternative lösen lassen.

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