Ein brutaler Kontaktsport? Foto: Sam F. J.

Stöcke statt Besen

Wenn der Hofgarten zum Quidditchfeld wird

 von Laila N. Riedmiller

Ein brutaler Kontaktsport? Foto: Sam F. J.
Ein brutaler Kontaktsport? Foto: Sam F. J.

Wer nach 1985 geboren wurde, hatte in der späten Kindheit vermutlich irgendwann die grausame Erkenntnis, dass der Brief aus Hogwarts nie verloren ging, sondern gar nicht erst verschickt wurde. Nichtsdestotrotz prägte Harry Potter inzwischen mehrere Generationen und die Geschichte des Zauberlehrlings, der gegen das Böse kämpft, inspiriert auch außerhalb der Bücher und Filme.

So haben sich vor circa 10 Jahren insbesondere in den USA und Kanada vermehrt Menschen zusammengefunden, die aus der berühmten auf Besen gespielten Sportart Quiddich eine realitätstaugliche Version entwickelt haben.

Dabei treten zwei geschlechtergemischte Mannschaften gegeneinander an, die jeweils drei Jäger_innen, zwei Treiber_innen, eine_n Torhüter_in und im Verlauf des Spiels zusätzlich eine_n Sucher_in haben. Das Tor besteht aus jeweils drei Ringen, durch die die Bälle geworfen werden. Nach 17 Minuten Spielzeit wird der Schnatz auf das Spielfeld gelassen.

Das Team, das den Schnatz fängt, erhält 30 Punkte und beendet damit das Spiel. Da jedes Tor 10 Punkte einbringt, entscheidet der Schnatz nur bei knappen Spielen über Sieg und Niederlage.

Seit etwa einem Jahr existiert auch in Bonn eine Quidditchmannschaft, die unter dem Namen „Rheinos“ häufig beim Spielen im Hofgarten anzutreffen ist.

Wir haben uns am 19. September nach dem Freundschaftsspiel der Rheinos mit Ruhr Phoenix mit einem der drei Teamkapitäne, Christian Zimpelmann, getroffen, um ihm einige Fragen zu stellen.

FW: Hallo Christian. Wie genau kam es zur Gründung der Bonner Quidditchmannschaft?
Christian: Im Sommer 2015 kam ich aus Kanada zurück. Dort ist Quidditch schon um einiges verbreiteter als in Deutschland. Gemeinsam mit zwei anderen Menschen habe ich dann das Bonner Team gegründet.

FW: Wenn man sich das Spiel anschaut, ist es für Außenstehende vermutlich verwirrend. Kannst du uns kurz erklären, wie genau das mit dem Schnatz funktioniert?
Christian: Klar. Dabei handelt sich um eine idealerweise neutrale, gelb gekleidete Person,
die einen Tennisball am Körper befestigt hat. Dieser Tennisball muss von den Sucher_innen abgenommen werden, dabei darf sich der Schnatz verteidigen.

FW: Quidditch ist den meisten vermutlich aus Harry Potter bekannt. Wie sieht es beim tatsächlichen Sport aus, habt ihr viele Harry-Potter- und Fantasyfans?
Christian: Es gibt durchaus Teams, die eine gemeinsame Leidenschaft für Harry Potter teilen. Aber alleine wegen des Buches bleibt niemand langfristig dabei, den sportlichen Aspekt muss man definitiv auch gut finden. Hier in Bonn sind die Meisten tatsächlich wegen des Sportaspekts dabei, viele kennen Harry Potter gar nicht unbedingt.

FW: Das heißt, es gibt auch keine Trennungen der Teams in Häuser oder so etwas?
Christian: Nein, der Sport ist mittlerweile von Harry Potter komplett losgelöst.

FW: Wie würdest du Quidditch kurz und knapp beschreiben?
Christian: Im Prinzip ist es eine Mischung aus Handball, Dodgeball und Rugby. Es sind bis zu fünf Bälle gleichzeitig im Spiel, sodass die Strategien deutlich komplexer sind als bei vielen anderen Sportarten.

FW: Im Buch verschwinden die Spieler_innen auch mal für ein paar Monate und tauchen in der Wüste wieder auf. Was sind denn die schwersten Verletzungen, von denen du beim realen Sport schon gehört hast?
Christian: Die normalen Sportverletzungen, es ist eine Vollkontaktsportart. Man fällt durchaus hin und holt sich Schrammen oder blaue Flecken, aber viel mehr als eine Gehirnerschütterung ist mir eigentlich bisher nicht bekannt.

FW: Wie darf man sich die Organisation von Quidditch in Deutschland vorstellen, gibt es da auch Ligaspiele?
Christian: Quidditch ist eine noch sehr junge Sportart, etwa 10 Jahre alt. In Deutschland wird erst seit 3 Jahren Quidditch gespielt. Dementsprechend befindet sich natürlich einiges im Aufbau. In NRW sind wir insgesamt 4 Mannschaften, deutschlandweit circa 20. Es soll irgendwann auch eine richtige Liga geben. Bisher sind es meist Freundschaftsspiele und es gibt eine Deutsche Meisterschaft –  die wir übrigens Anfang des Jahres auch gewonnen haben. Die 4 NRW-Teams  spielen auch regelmäßig im Kampf um Plätze.

FW: Wie lange dauert denn ein Match in der Regel? Den originalen Regeln im Buch zufolge kann sich das ja durchaus einige Wochen hinziehen.
Christian: Mindestens 18 Minuten, da dann Schnatz und Sucher_innen aufs Feld kommen und vor dem Schnatzfang das Spiel nicht beendet ist. Allerdings wird bei den weltweiten Regeln der Schnatz irgendwann auch mit Handicaps belegt, zudem können die Sucher_innen wie alle Spieler_innen so oft ausgetauscht werden, wie man möchte. Also irgendwann in absehbarer Zeit wird der Schnatz dann schon gefangen.

FW: Ihr trainiert sehr öffentlich im Hofgarten. Gibt es da manchmal auch komische Kommentare?
Christian: Nein, eigentlich nicht. Wir haben natürlich öfter Zuschauer und viele fragen interessiert nach.

FW: Wenn man nun Interesse hat, bei euch mitzumachen, kann man da einfach vorbeikommen?
Christian: Wenn ihr Lust habt eine neue Sportart kennenzulernen und keine Angst vor Körperkontakt habt, seid ihr bei uns genau richtig. Wir freuen uns immer über neue Mitspielerinnen und Mitspieler. Aktuell trainieren wir Montag- und Donnerstagabend.

FW: Vielen Dank für das Gespräch!

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