Ippendorf

Wohnen in der Peripherie – Teil 1                          

von Samuel F. Johanns

ippendorfStudierende, die in Bonn Ippendorf leben, kennen das Phänomen. Der Ortsteil ist ein bisschen wie ein Dorf im Dorf am Rhein. Wenn ich erzähle, dass ich in Bonn Ippendorf wohne hört man immer die gleiche Frage „Wo liegt das denn?“. Es ist ein bisschen wie die Frage „Was willst du denn später mal damit machen?“ oder, „Kann man damit eine Familie ernähren“, es ist auch ein bisschen traurig!

Am besten beschreibt man die geographische Position von Ippendorf als „beim Venusberg auf der anderen Seite“ oder „weißt du in etwa wo Waldau liegt?“. Zumindest junge Familien kennen den Wanderpfad Waldau der am Wochenende gefühlt halb Bonn zum Familienausflug mit Wildgehegebesichtigung und pädagogischem Mehrwert magnetisch anzieht. Ansonsten ist es hier ein bisschen wie in einer anderen Welt. Tatsächlich erreicht man die beiden Studierendenwohnheime in der Ferdinandstraße 1 und 42 mit den Buslinien vom Hauptbahnhof und dem Poppelsdorfer Platz in zehn beziehungsweise fünf Minuten. Insofern dieser nicht wegen Schnee grundsätzlich vor dem Berg kapituliert, oder bereits ein Nachtbusplan eingesetzt hat.

Dennoch kann ich garantieren, dass man von seinen Kommiliton*Innen niemals besucht werden wird, es sei denn diese wohnen ebenfalls in Ippendorf. Gefühlt und kulturell endet die Stadt offenbar jenseits des Melbbads.

Tatsächlich stellt Ippendorf eine quasi autarke kleine Gemeinde dar. Bei Ippendorfs Wikipediaeintrag liest man im Unterpunkt zu „Infrastruktur“ gegenwärtig folgendes: „Ippendorf verfügt über eine reichhaltige Infrastruktur, darunter ein Postamt, eine Tankstelle, eine Filiale der Sparkasse KölnBonn, über einen Taxistand, zwei Apotheken, einen Supermarkt, einen Drogeriemarkt, ein Fahrradgeschäft, zwei Bäcker, einen Schreibwarenladen, ein Blumengeschäft, zwei Friseure und eine Reihe weiterer kleinerer Geschäfte. Zum gastronomischen Angebot findet sich hier ein indisches Restaurant, ein gutbürgerliches Gasthaus und eine klassische Kneipe. Darüber hinaus sind in Ippendorf Ärzte verschiedener Fachrichtungen tätig.“
Würde man Rente bekommen oder dergleichen, oder als BaföG-Bezieher*In sein*ihr Studium nicht ernstnehmen, müsste man das Dorf wahrscheinlich nicht verlassen. Und mich beschleicht der Verdacht, dass einige Mitbürger*Innen dies auch seit einigen Jahren oder Jahrzehnten nicht getan haben.

Wer in Ippendorf morgens bei Edeka seine Brötchen kauft kommt an einem Schützenhaus vorbei, man grüßt sich auf der Straße und wirft unangepasst wirkenden Jugendlichen und jungen Erwachsenen panische Todesblicke zu. Es ist ein bisschen wie der nicht-urbane Teenager-Albtraum dem man entkommen zu sein glaubte der einen nun aber im Studium wieder einholt. Zehn Minuten mit dem Bus in die eine Richtung befördert einen von Ferdinandstraße 42 in die Innenstadt zehn Minuten in die andere Richtung in die tiefe Wildnis wo der Bus dann auch aufgrund der Bodenbeschaffenheit nicht weiterfahren könnte selbst wenn er wollen würde. Hier ist Fledermausland!

Wie ich dazu gekommen bin hier zu wohnen? Bei der Auswahl meines Studierendenwohnheims habe ich damals schlicht blind das einzige Angebot mit der Hausnummer 42 ausgewählt. Heute beklage ich mich nicht mehr über diese Entscheidung. Es hätte schlimmer kommen können. Vielleicht wäre ich ja auch in einen Blumentopf verwandelt worden.

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